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  • 01.08.2016
  • Bildung

Lebacher Modell zur Generalistik

Eine Ausbildung, drei Abschlüsse

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 8/2016

Zwischen 2010 und 2016 wurden drei Modellkurse an der Verbundschule für Gesundheits- und Pflegeberufe der Marienhaus Kliniken GmbH im saarländischen Lebach generalistisch ausgebildet. Die Teilnehmer absolvierten dabei eine dreieinhalbjährige Ausbildung und erhielten nach erfolgreich bestandenem Examen die staatlich anerkannten Abschlüsse der Gesundheits- und Krankenpflege, der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege sowie der Altenpflege. 


Wir gehen neue Wege" – unter diesem Slogan wollten wir, die Verbundschule für Gesundheits- und Pflegeberufe der Marienhaus Kliniken GmbH in Lebach, beweisen, dass eine einheitliche Pflegeausbildung planbar und durchführbar ist.

Optimale Rahmenbedingungen

Die Rahmenbedingungen für die Realisierung einer generalistischen Ausbildung waren an unserem Standort optimal: Wir sind ein großes Bildungszentrum für die Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege sowie in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege mit insgesamt 387 Ausbildungsplätzen. Wir bilden für sieben saarländische Krankenhäuser aus. Darüber hinaus kooperieren wir mit einer Vielzahl von anderen Einrichtungen, wie zum Beispiel ambulanten Diensten, Rehabilitationskliniken und trägereigenen Pflegeheimen.

Diese strukturellen Voraussetzungen waren insbesondere für die Konzeption der praktischen Ausbildung hilfreich: Wir konnten „aus dem Vollen schöpfen" und die 3.500 Stunden, die für die dreieinhalb Jahre praktischer Ausbildung vorgesehen waren, auf die verschiedenen Bereiche großzügig verteilen.

Dabei war es uns wichtig, die drei Kernbereiche „Krankenhaus Erwachsene", „Krankenhaus Pädiatrie" und „Stationäre Altenpflege" vom Anteil her gleich zu gewichten, um dem generalistischen Grundgedanken gerecht zu werden. Daneben erfolgten kürzere Wahleinsätze im ambulanten Bereich, in der Psychiatrie und anderen Gesundheitseinrichtungen.

Die Umsetzung des Modellprojekts erforderte eine umfangreiche Überzeugungsarbeit bei allen Beteiligten. Die größten Bedenken waren anfänglich im Bereich der pädiatrischen Versorgung zu spüren. Die anfänglich bestehenden Widerstände in der Altenpflege reduzierten sich deutlich im Verlauf des ersten Ausbildungsjahres.

Kompetenzorientiertes Curriculum

Für die theoretische Ausbildung wurde ein kompetenzorientiertes Curriculum entworfen, das 2.500 Stunden umfasste und sich in 15 Lernfelder gliederte. Bei der Konstruktion des Curriculums – wie auch übrigens bei der Konzeption der praktischen Ausbildung – wurden Empfehlungen des Modellvorhabens „Pflegeausbildung in Bewegung" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aufgegriffen und umgesetzt. Auf Seite 197 heißt es darin: „Die schulische Ausbildung sollte vollständig integriert durchgeführt werden."

Genau dies setzten wir um. Während des theoretischen Unterrichts fand keinerlei Differenzierung statt und es wurde immer die Pflege des Menschen in seiner gesamten Lebensspanne betrachtet.

Die Examensprüfung fand im siebten Halbjahr statt. Die Teilnehmer konnten auswählen, in welchem Bereich sie ihre praktische, schriftliche und mündliche Prüfung ablegten. Wichtig war nur, dass im Verlauf der Ausbildung alle drei Kernbereiche in ausreichendem Maße abgedeckt wurden.

Abschließend erhielten die generalistisch ausgebildeten Schüler nach erfolgreich bestandener Prüfung gleich drei staatliche Urkunden zum Führen der Berufsbezeichnungen Gesundheits- und Krankenpfleger/in, Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/in sowie Altenpflegerin.

Mit dem Abschluss einer Ausbildung drei Berufsbezeichnungen zu erhalten, mag zunächst ungewöhnlich klingen. Doch genau betrachtet, ist diese Vorgehensweise folgerichtig. Denn die Nachwuchspflegenden wurden generalistisch ausgebildet, und bis dato existiert keine einheitliche Berufsbezeichnung.

Echter Motivationsschub

Im März endete das Modellprojekt und die ersten Evaluationsergebnisse liegen bereits vor. Ein Aspekt vorweg: Während der gesamten Projektlaufzeit haben alle – bis auf eine Teilnehmerin – ihre Ausbildungen mit Bravour abschließen können. Gleich drei Zertifikate zu erhalten, erwies sich bei den Auszubildenden als echter Motivationsschub.

  • Neben der laufenden Evaluation fand eine umfangreiche Abschlussbefragung statt. Hierzu wurden die Teilnehmer der drei Modellkurse, die freigestellten Praxisanleiter in den Einrichtungen und die Lehrenden der Verbundschule schriftlich befragt. Die Pflegedirektoren wurden zudem interviewt. Folgende Fragen standen dabei im Mittelpunkt:
  • Wie zufrieden waren die Teilnehmer mit der theoretischen und praktischen Ausbildung?
  • Wie sind die Lehrenden mit den curricularen Anforderungen zurechtgekommen?
  • Wir erlebten die Praxisanleiter die generalistisch ausgebildeten Schüler? Wie kamen die Praxisanleiter mit den besonderen Ausbildungsanforderungen, die die gesamte Lebensspanne des Menschen betrafen, zurecht?
  • Wie zufrieden sind die Pflegedirektoren mit der Arbeitsleistung der generalistisch ausgebildeten Pflegefachpersonen? Konnten sich die Frischexaminierten gut ins Team integrieren?

Insgesamt waren die Auszubildenden, die das Modellprojekt absolvierten, sehr zufrieden mit ihrer Ausbildung. Eine Teilnehmerin brachte es so auf den Punkt: „Einblicke in die unterschiedlichsten Fachbereiche, sehr gute Begleitung der Ausbildung seitens Schule und Praxisanleiter. Insgesamt eine tolle Ausbildung, ich bin sehr zufrieden".

Die Vielfalt der praktischen Einsätze wurde von den Absolventen als sehr wertvoll für die Wahl des späteren Berufsfelds beschrieben: „Gut gefallen hat mir die Möglichkeit, durch diese Form der Ausbildung Einblicke und Erfahrungen in allen verschiedenen Bereichen zu gewinnen. Außerdem konnte man für sich selbst feststellen, wo man sich in seinem künftigen Arbeitsleben sieht und wo man nicht arbeiten möchte".

Allerdings hatten die Teilnehmer auch mit Widerständen zu kämpfen: „Verbesserung sollte in der Aufklärung über die generalistische Pflegeausbildung erfolgen, zum Beispiel durch Vorträge an allen Standorten und Einrichtungen. Denn viele examinierte Pflegekräfte sind gegenüber der einheitlichen Ausbildung sehr negativ eingestellt und dies ist teilweise deutlich zu spüren."

Während die praktische Ausbildung durchweg als positiv beschrieben wurde, gab es Kritik bezüglich des theoretischen Unterrichts: so wurde beispielsweise geäußert, dass Inhalte nicht ausreichend behandelt wurden („Oft zu wenig Zeit für Krankheitsbilder") und dass Doppelungen vorkamen („Thema wurde durchgenommen, dann nach 1,5 Jahren wieder aus einem anderen Blickwinkel. Warum nicht Thema gebündelt?").

Einige dieser Probleme wurden sofort angegangen und bereits während der laufenden Projektzeit umgesetzt.

Die Lehrenden der Verbundschule wurden ähnlich wie die Teilnehmer schriftlich befragt. Ein Großteil der Befragten äußerte sich positiv zur Struktur des generalistischen Curriculums. Dabei mussten sich die Unterrichtenden umstellen: Der Unterrichtsgegenstand musste sich von nun an auf die gesamte Lebensspanne des Menschen beziehen. Aufgrund der daraus resultierenden großen Menge an zu vermittelnden Lehrinhalten war „exemplarisches" Lehren nötig. 85 Prozent der Lehrenden gaben an, damit keine Schwierigkeiten gehabt zu haben.

Dass im Curriculum neben den Inhalten jeweils auch die zu erlangenden Kompetenzen beschrieben wurden, empfanden 90 Prozent als sehr hilfreich für die Gestaltung des Unterrichts. Kritik gab es vor allem bezüglich des zeitlichen Umfangs einer Lernsituation.

Motiviert und engagiert

Die Auszubildenden des Modellprojekts wurden von den freigestellten Praxisanleitern als sehr motiviert und engagiert beschrieben. Das erlernte Wissen konnten sie gut in der Praxis umsetzen, ihre Arbeit war von einer hohen Selbstständigkeit geprägt.

Kritik gab es in erster Linie an der Konzeption der praktischen Ausbildung: einige Praxisanleiter bemängelten neben der Dauer und dem Umfang der Einsätze („Größerer Zeitrahmen für die verschiedenen Fachrichtungen wäre wünschenswert") auch die Verteilung der drei Kernbereiche auf die dreieinhalb Jahre dauernde Ausbildung („Die letzten sechs Monate müssten fachspezifisch laufen").

Die Mehrzahl der Pflegedirektoren attestierte den Absolventen eine gute bis sehr gute Arbeitsleistung und eine hohe Berufsmotivation. Die Integration in die Teams sei problemlos verlaufen, so die Pflegedirektoren. Alle Befragten befürworteten eine künftige generalistische Berufsausbildung – bei vollständiger Refinanzierbarkeit.

Die Evaluationsergebnisse bestätigen den positiven Verlauf des Modellprojekts. Es macht aber auch Schwachstellen deutlich, die bei der Entwicklung der künftigen generalistischen Ausbildung beachtet werden sollten. Die Kritik der Praxisanleiter zeigt die Notwendigkeit einer frühzeitigen und intensiven Information aller Beteiligten der praktischen Ausbildung. Die Befürchtungen, dass ein Kernbereich – etwa die Alten- oder Kinderkrankenpflege – vernachlässigt würde, konnte in der Evaluation nicht festgestellt werden. Die Ergebnisse machen Mut auf Neues.

Die Autorengruppe: Roland Schaefer, Diplom-Pädagoge, Schulleiter; Birgit Buschlinger, Lehrerin für Pflegeberufe, stellvertretende Schulleitung; Susanne Groß, Pädagogin B.A.; Michael Schwenk, Diplom-Pflegepädagoge (FH)

 

 

 

 

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