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  • 28.09.2018
  • Die Schwester Der Pfleger

Angehörigenvisite

Angehörige als Partner von Pflegenden und Ärzten

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 10/2018

Seite 28

In der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Kassel gehört seit Ende 2016 die Angehörigenvisite zum festen Bestandteil des Behandlungsprozesses in der Gerontopsychiatrie. In diesem Jahr ist das Konzept von Fabiana Thiele mit dem Bundespflegepreis ausgezeichnet worden. Was genau hinter dem Konzept steckt und was es für Patienten, Pflegende und Angehörige bedeutet, haben wir uns vor Ort angeschaut. 

Gemütlich ist es hier: In dem hell gestrichenen kleinen Zimmer stehen zwei Sofas, dazwischen ein kleiner Tisch mit Getränken, an der Wand hängen Bilder von der See. Was ein Wohnzimmer sein könnte, ist hier im Klinikum Kassel der Ort für die Angehörigenvisite. Einmal in der Woche, jeden Freitagnachmittag, treffen sich hier Patient, Angehörige, behandelnde Ärzte und Pflegende. Gemeinsam besprechen sie dann, wie es dem Patienten geht, was nächste Behandlungsschritte sind, wie gegebenenfalls Angehörige unterstützen können und klären noch offene Fragen.

„Es ist ein offener und ehrlicher Austausch. Tabuthemen gibt es nicht“, sagt Fabiana Thiele. Sie hat vor fast zwei Jahren die Angehörigenvisite in der Gerontopsychiatrie der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie initiiert und schließlich etabliert. „Die Angehörigenvisite ist keine klassische Angehörigenarbeit wie eine Angehörigengruppe, sondern gleicht einer üblichen Visite, nur dass die Angehörigen miteinbezogen werden. Dabei gibt es keine Hierarchien, sondern Patient und Angehörige treffen sich auf Augenhöhe mit Ärzten und Pflegenden“, beschreibt Thiele. „Angehörige sind während der Visite unsere Experten, denn sie kennen den Patienten im Idealfall schon seit Jahrzehnten.“

Die Klinik in Kassel verfügt über eine geschützte gerontopsychiatrische Station, auf der 22 Patienten ab dem 55. Lebensjahr multiprofessionell behandelt werden. Durchschnittlich liegen die Patienten hier rund 38 Tage. Sie kommen mit Angststörungen, Abhängigkeitserkrankungen, Depressionen, verschiedenen Persönlichkeitsstörungen, Gedächtnisstörungen, dementiellen Erkrankungen, Psychosen oder auch psychosomatischen Leiden hierher.

Bereits bei der Aufnahme des Patienten bekommt dieser über einen Flyer die Informationen zur Angehörigenvisite. Er ist es dann auch, der Freunde und Verwandte dazu einlädt.

„Für unsere Patienten sind Angehörige – dazu zählen wir auch Freunde – ein wichtiger Anker. Sie können stabilisierend auf den Patienten wirken, uns aber gleichzeitig auch wichtige Informationen über ihn geben, die er uns selbst nicht mitteilen kann oder will“, sagt die 30-jährige Fachkraft für Psychiatrie und Psychotherapie und erinnert sich an ein Beispiel: Ein dementer 67-Jähriger wollte seine Medikamente partout nicht einnehmen. In der Angehörigenvisite erzählte dann die Tochter, dass ihr Vater Medikamente nur mit dickflüssigem Honig einnimmt. Mit dieser Information war die Tabletteneinnahme kein Problem mehr.

„An diesem Beispiel wird deutlich, dass wir als Pflegende auf die Angehörigen angewiesen sind – und umgekehrt“, sagt Thiele. Früher passten Angehörige Ärzte oder Pflegende oft auf dem Flur ab, um Informationen über den Patienten zu erhalten. Das traf das Fachpersonal oft unvorbereitet oder mitten in einer anderen Tätigkeit. Schweigepflicht und Datenschutz erschwerten zudem oft eine für Angehörige zufriedenstellende Auskunft. „Das führte zu Unstimmigkeiten auf beiden Seiten: Die Angehörigen waren unzufrieden, dass wir auf die Schnelle nur wenige Auskünfte geben konnten und keine Zeit hatten. Für uns bedeutete das, unsere Arbeit zu unterbrechen“, berichtet Thiele.

Die Angehörigenvisite sei deshalb eine logische Konsequenz gewesen, um Anspannungen auf beiden Seiten zu reduzieren und gleichzeitig wertschätzend und entlastend miteinander umzugehen.

Doch so einfach war es nicht, sich über das Konzept zu informieren. „Die Angehörigenvisite ist wenig verbreitet“, musste Thiele feststellen. Lediglich von der Rheinischen Klinik in Köln, der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie im Krankenhaus Neukölln in Berlin und der Asklepios Klinik Nord im Hamburger Stadtteil Ochsenzoll fand sie Erfahrungsberichte mit dieser Form der Visite. In letztgenannter Einrichtung konnte sich die engagierte 30-Jährige dann auch genauer über das Konzept informieren.

Die vier Schritte der Angehörigenvisite

1. Die Angehörigenvisite läuft strukturiert in vier Schritten ab: Die Gesprächsführung liegt bei dem behandelnden Oberarzt. Er fragt den Patienten nach seinem Befinden, gibt Auskunft über Diagnostik, Medikamentengabe und etwaige Nebenwirkungen. Biografische Eckdaten werden besprochen. Auch die Patienten selbst kommen zu Wort.

2. Danach äußern die Angehörigen ihre Anliegen. Das Behandlungsteam interessiert hier sich vor allem dafür, ob die Beobachtungen der Angehörigen auf der Station den zu Hause gemachten ähneln oder ob sie Unterschiede bemerken und welche Erklärungen sie dafür haben.

3. Im dritten Schritt schildern Pflegende und gegebenenfalls weitere am Behandlungsprozess Beteiligte ihre pflegerischen Erfahrungen und Wahrnehmungen.

4. Die nächsten Schritte und Ziele der Behandlung werden erörtert. Stehen die Befindlichkeit des Patienten und das weitere Vorgehen bei der Therapie in Einklang mit der weiteren Versorgung in der häuslichen Umgebung? Mögliche Veränderungen des Lebensrahmens werden besprochen und die zu Hause zu erwartenden Schwierigkeiten werden vorwegnehmend erörtert. Die Sitzung wird schriftlich zusammengefasst. Falls der Patient selbst nicht anwesend sein konnte oder wollte, erhält er anschließend eine münd- liche Rückmeldung oder es geht ihm diese Mitschrift zur Kenntnis zu.

Zurück in Kassel lief sie bei ihrer Stationsleiterin Gudrun Neubauer und der Pflegedienstleitung Ira Kirschning offene Türen ein mit ihrem Vorschlag, die Angehörigenvisite implementieren zu wollen. Im Rahmen ihrer Fachweiterbildung zur Fachkraft für Psychiatrie und Psychotherapie hat sie sich an die Umsetzung machen können. Mit ihrer Facharbeit gewann sie erst im Herbst 2017 den Landespflegepreis der Bundesvereinigung leitender Krankenpflegepersonen der Psychiatrie. Dann folgte der Sieg auf Bundesebene im Frühjahr dieses Jahres. „Es ist einfach ein überzeugendes Konzept von dem alle Beteiligten profitieren, ohne dass Mehrkosten entstehen“, sagt Fabiana Thiele.

Man merkt ihr das Herzblut an, mit dem sie sich für die Angehörigenvisite einsetzt. Und das sei auch nötig, meint Pflegedienstleiterin Kirschning. Sie ist von der positiven Energie ihrer Mitarbeiterin begeistert. „Es braucht jemanden, der das Ziel hartnäckig verfolgt, sich mit Leidenschaft dafür einsetzt, die Kollegen begeistern kann und die treibende Kraft bei der Realisierung ist“, sagt sie. Sonst funktioniere die Umsetzung nicht.

Ist eine Angehörigenvisite aber erst einmal etabliert, profitieren alle Beteiligten von dem Konzept:

  • Pflegende werden weniger in ihrer täglichen Arbeit gestört,
  • Pflegende und Ärzte können sich gezielt auf die Gesprächsrunden vorbereiten, gleichzeitig wird die Beziehung zum Patienten intensiver,
  • Pflegende und Ärzte erhalten wichtige Informationen von Angehörigen,
  • Angehörige und Patienten erhalten einen transparenten und verständlichen Einblick in den Behandlungsverlauf,
  • Angehörige fühlen sich ernst genommen mit ihren Fragen und Bedenken,
  • Patienten erhalten emotionalen Rückhalt,
  • insgesamt verläuft die Kommunikation reibungsloser.

In Kassel finden jeden Freitag zwischen 14.30 Uhr und 16 Uhr zwanzigminütige Angehörigenvisiten statt. Die Nachfrage ist groß, alle Termine sind stets vergeben. „Es ist ein konstruktives Zusammenarbeiten, kein Abarbeiten von Patientenfällen“, betont Kirschning. Der vertraute und gleichzeitig unverbindliche Charakter der Angehörigenvisite motiviere Freunde und Verwandte, offen über Konflikte mit dem Patienten zu sprechen. „Es ist wichtig, dass sie Probleme in diesem geschützten Rahmen auch aussprechen dürfen“, so Kirschning.

Dieser Einblick in familiäre und soziale Strukturen sei sehr hilfreich, bestätigt auch Oberarzt Peter Fellmann. Er weiß von einem Fall zu berichten, bei dem die verbalen Attacken zwischen Patient und Sohn während der Visite so aggressiv ausfielen, dass für den Patienten im Anschluss an die stationäre Behandlung ein Heimplatz organisiert wurde, statt ihn nach Hause zu entlassen. „Das wäre für alle Beteiligten der falsche Weg gewesen. Eine Symptomverschlechterung und eine Wiedereinweisung des Patienten wären sehr wahrscheinlich geworden.“

Die Angehörigenvisite bietet sich vor allem wegen der langen Verweildauer in der Gerontopsychiatrie an. Auf eine somatische oder andere Station ließe sich das Konzept deshalb nur schwer übertragen, ist sich Thiele sicher.

Die Nachfrage aber nach Informationen über Konzept und Umsetzung ist groß. Viele Kollegen aus anderen Kliniken wollen von Fabiana Thiele wissen, wie sie die Angehörigenvisite auch bei sich etablieren können. Die junge Preisträgerin freut sich über den Erfolg ihrer Arbeit und hofft, dass sich das Konzept bald bundesweit durchsetzt.

Zentrum für seelische Gesundheit

Die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Kassel, auch Ludwig-Noll-Krankenhaus genannt, wird voraussichtlich ab 2022 in das neue Zentrum für seelische Gesundheit am Standort Klinikum Kassel ziehen. Dann sind Allgemeine Psychiatrie, die Station für Abhängigkeitserkrankungen, Gerontopsychiatrie, Erwachsenen-Psychosomatik sowie Kinder- und Jugendpsychosomatik mit ihren stationären und tagesklinischen Angeboten unter einem Dach vereint. Außerdem werden darin die Ambulanzen sowie der Konsiliar- und Krisendienst Platz finden. Diese waren bisher an verschiedenen Standorten im Klinikum Kassel sowie im Ludwig Noll Krankenhaus untergebracht.

Derzeit betreuen 24 Gesundheits- und Kranken- pflegende sowie Altenpflegende die 22 Patienten der gerontopsychiatrischen Station. Rund 60 Prozent der Patienten nehmen die Angehörigenvisite wahr, manche sogar im Turnus von zwei Wochen.