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  • 27.06.2018
  • Praxis

Kleidung für pflegebedürftige Menschen

"Kleidung kann zu einem Risiko werden"

Spezielle Kleidung für pflegebedürftige Menschen erleichtert nicht nur betroffenen Personen den Alltag, sondern entlastet auch ihre Helfer und die professionelle Pflege. Doch es gibt einige Dinge, die es gilt, bei der Auswahl zu berücksichtigen.

Frau Zimmermann, Sie haben jahrelang eine stationäre Altenpflegeeinrichtung geleitet, bevor Sie 2015 Ihr eigenes Start-up gegründet haben. Jetzt widmen Sie sich funktioneller Kleidung für Pflegebedürftige. Wie sollte diese Kleidung aussehen?

Wer auf Hilfe beim Ankleiden angewiesen ist – sei es unfall- oder altersbedingt, vorübergehend oder dauerhaft – der ist vor allem auf Kleidungsstücke angewiesen, die praktisch sind und in denen sie oder er sich wohlfühlt. Praktisch bedeutet in diesem Fall, dass sich die Kleidungsstücke dank eines speziellen Schnitts oder Materials der persönlichen Lage anpassen.

Können Sie Beispiele nennen?

Für Personen, die etwa die Arme nicht mehr heben können, im Rollstuhl sitzen oder bettlägerig sind, muss die Kleidung gut durchdachte Einstiege bieten. Blusen, Shirts und Hemden lassen sich mit simpler Wickeltechnik leicht anziehen. Verschlüsse aus Klett erleichtern das Anziehen für Finger mit Arthritis und sind auch im Bett bequem zu tragen oder zu wechseln. Hosen sollten ohne am Bauch zu kneifen ein bequemes Sitzen ermöglichen. Generell ist darauf zu achten, dass die Kleidung im Liegen keine Druckstellen verursacht. Außerdem sollte Kleidung Bewegungsabläufe sicher begleiten, Sturz- und Verletzungsrisiken mindern, also nicht zu eng und auch nicht zu weit geschnitten sein. Auf einen angenehmen Tragekomfort, unempfindliche, leichte und weiche Stoffe sollte ebenfalls geachtet werden. Häufiges Waschen und Trocknen sollte der Kleidung nichts ausmachen.

Was ist der Vorteil dieser Art von Kleidung?

Der Pflegebedürftige wird in seiner Selbstständigkeit beim An- und Entkleiden unterstützt, besonders Toilettengänge können mit der richtigen Kleidung deutlich unkomplizierter gestaltet werden – sowohl für den Betroffenen als auch für Pflegende und pflegende Angehörige. Außerdem kann ohne Hektik und Schmerz die Ankleidesituation zu einem Moment der liebevollen Zuwendung in entspannter Atmosphäre werden.

Was muss speziell bei an Demenz erkrankten Patienten bedacht werden?

Menschen mit der Diagnose Demenz oder Alzheimer betrifft es besonders, wenn die herkömmliche Kleidung in ihrer Funktionsweise und Bestimmung nicht mehr verstanden wird. Einen Knopf zu schließen, einen Schuh zu binden oder das Anziehen selbst sind nur einige Dilemmata, mit denen diese Patienten im wahrsten Sinne des Wortes zu kämpfen haben. Auch hier unterstützt Bekleidung mit Klett- oder Magnetverschlüssen. Das gilt auch für die Schuhe. Patienten mit Demenz oder Alzheimer sollten möglichst lange ermutigt werden, sich selbst anzukleiden. Dabei gilt es, die Gewohnheiten des Patienten zu berücksichtigen und ihm damit Routine zu geben. Hilfreich ist, wenn Kleidungsstücke in der Reihenfolge zurechtgelegt werden, in der sie angezogen werden. Schubladen und Kommoden mit Kleidung lassen sich mit Bildern kennzeichnen, damit die Orientierung leichter fällt. Kleidung kann zu einem Risiko werden, wenn sie nicht richtig passt. Zwar sollte die Kleidung möglichst bequem geschnitten und mit weiten Einstiegen versehen sein, aber tendenziell sollte sie doch körperbetont sitzen.

Gilt das auch dann noch, wenn die Erkrankung schon weiter fortgeschritten ist?

Im Verlauf der Erkrankung können sich Verhaltensweisen entwickeln, die den Umgang mit der erkrankten Person erschweren. Die belastende Unruhe und das Entkleidungsbedürfnis erschweren das alltägliche Kleiden. Einteilige Kleidungsstücke wie der klassische Pflege-Overall oder der Onesie, quasi auch ein Overall, kommen hier zum Einsatz. Overalls mit durchgehendem Reißverschluss entlang des Schritts öffnen praktisch den gesamten unteren Teil des Anzugs, um die Versorgung eines Inkontinenz- oder Katheterpatienten zu erleichtern. Das vereinfacht das Wechseln von Vorlagen oder Unterwäsche. Der Patient kann jederzeit versorgt werden, ohne ihn dabei vollständig entkleiden zu müssen. Das erhält die Körpertemperatur, verhindert ein unruhiges sowie anstrengendes An- und Auskleiden und schafft vor allem dem Pflegenden eine Entlastung. Grundsätzlich gilt in jeder Situation: Je entspannter das Ankleiden ist, je weniger der Patient emotionalen Stress im Tagesablauf erlebt, umso angenehmer wird der Umgang sein.

Haben Sie Tipps, was beim Kauf neuer Kleidung beachtet werden sollte?

Beim Neukauf sollten Lieblingsfarben, bekannte Muster und Qualitäten des Patienten berücksichtigt werden. Es macht keinen Sinn, eine Hose in Joggingsweatstoff zu kaufen, wenn der Patient stets feine Gabardine bevorzugte. Jedes Kleidungsstück ist ein Stück Identität und gehört zur persönlichen Biografie.

Bietet der Handel überhaupt eine geeignete Auswahl an Kleidung an, die für pflegebedürftige Menschen geeignet ist?

Zwar wird das Thema schon lange in Lehrbüchern der Alten- sowie Gesundheits- und Krankenpflege thematisiert, aber es wird immer noch vernachlässigt. Das war schließlich auch mit ein Grund, warum ich 2015 mein Start-up „Tamonda – Senioren & Spezial Bedarf“ gegründet habe. Im Frühjahr desselben Jahres war mein Unternehmen bereits für den Innovationspreis in der Altenpflege nominiert, der vom Vincentz Verlag vergeben wird. Heute ist die Firma mit Shop online präsent (www.tamonda.de) und wird in Sachen Pflegemode auf www.pflegemode.de begleitet. Aber aufgrund der wachsenden Zahl an älteren gesundheitlich und mobil eingeschränkten Menschen finden sich im Handel immer mehr neue Möglichkeiten, den Bedarf an individuell angepasster Kleidung zu erfüllen. Mit Entdeckung der sogenannten Best und Silver Ager entwickelt sich langsam ein lukrativer Markt für Seniorenbekleidung, die hochwertig, stretchig und bequem für vielfältige Figuren ist. Eine weitere gute Nachricht ist, dass im August 2018 ein erstes Ladengeschäft für Pflegemode im nordfriesischen Friedrichstadt eröffnet wird. Damit erhält funktionelle Kleidung in modisch attraktiver Kollektion für Damen und Herren erstmals in Deutschland einen festen Platz in der Modewelt. Hier können Betroffene und deren Angehörige, Pflegende und Interessierte aus dem vielfältigen Angebot auswählen und individuell beraten werden. 

Gibt es denn so etwas wie ein Trendprodukt in diesem Bereich?

Der Gewinner unter den Kleidungsstücken der vergangenen Jahre ist bestimmt die Schlupfhose. Sie findet sich in jeder Garderobe wieder, in klassischen Qualitäten, egal ob Jeans-, Fleece- oder Sweatstoff. In der Altenpflege ist sie vermutlich ein unerlässlicher Helfer im Alltag für ein leichtes An- und Auskleiden. Hier muss die assistierende Pflege nur begleitend unterstützen.

Fällt funktionelle Kleidung als Hilfsmittel unter eine Leistung der Kranken- oder Pflegekasse?

Grundsätzlich ist das Produkt selbst zu bezahlen. Bekleidung zählt nicht zu den erstattungsfähigen Hilfsmitteln, weil sie als Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens gilt.

Was sind insgesamt die Vor- und Nachteile von seniorengerechter Kleidung?

Immer wieder höre ich Äußerungen, dass Kleidung für Senioren einfach preisgünstig sein muss. Für die Großmutter mit Pflegegrad 4 wird halt eine Hose für 19 Euro aus dem Discounter gekauft. Die scheint ausreichend und sieht auch schick aus. Tatsächlich ist der Kostenfaktor ein wesentlicher Punkt, den Patienten, Rollstuhlabhängige, Senioren und pflegende Angehörige im Auge haben müssen. Viele sind nicht in der Lage, die hilfreichen Spezialprodukte zu bezahlen, die Kassen oder der Staat unterstützen nicht, wie bereits gesagt. Positiv ist aber, dass sich der Handel mit der Entwicklung praktischer, bequemer und modischer Kleidung beschäftigt. Vor vier Jahren beispielsweise ließ ein deutscher Modehersteller neue Maße für Senioren bestimmen. Ich beobachte allerdings, dass der modische Aspekt gegenwärtig von Anbietern kaum berücksichtigt wird und die Funktionalität im Vordergrund steht. Produktdarstellungen und Präsentationen sind eher pragmatisch sachlich, ja fast klinisch gestaltet als modisch, attraktiv und liebevoll ansprechend. Hier orientiert sich der Handel immer noch an den alten Vorstellungen einer klinischen Versorgungsatmosphäre.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Zimmermann.

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