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  • 25.05.2018
  • Praxis

Pflegeausbildung

"Wie eine Achterbahnfahrt"

Über die Höhen und Tiefen während ihrer Ausbildung berichten vier Auszubildende der Gesundheits- Krankenpflege aus Oberbayern. Sie schildern ihre Eindrücke stellvertretend aus Sicht einer Person und lassen die ersten eineinhalb Jahre ihrer Lernzeit Revue passieren.

 

9. November 2016: Der erste Schulblock

Am ersten Schultag als der Wecker klingelte, lag ich schon seit einiger Zeit wach im Bett und machte mir viele Gedanken über den bevorstehenden Tag. Lange konnte ich jedoch nicht in meinem Bett liegen bleiben. Nach dem Frühstück brauchte ich fünf Versuche, um endlich ein passendes Outfit zu finden. Um nicht zu spät zu kommen, fuhr ich hochmotiviert eine halbe Stunde zu früh los. Dort angekommen, stellte ich fest, dass ich einige Gesichter unter meinen neuen Klassenkameraden wiedererkannte. Das machte den Anfang leichter. Erstaunlicherweise war der Altersunterschied der Schüler sehr groß – ganze 22 Jahre. Nachdem alle da waren, wenn auch manche nicht ganz pünktlich, begann die Vorstellungsrunde. Ich merkte sofort, dass die Vorerfahrungen im Bereich Pflege weit auseinander gingen. Einige hatten, so wie ich, ein einwöchiges Praktikum gemacht. Andere wiederum erzählten von ihrem freiwilligen sozialen Jahr oder Erfahrungen aus ihrer Pflegehelferausbildung.

Nachdem wir uns alle etwas kennengelernt hatten, wurden wir von dem Geschäftsführer, dem ärztlichen Direktor, dem Pflegedirektor und anderen Funktionsträgern des Krankenhauses begrüßt. Das gab einem das Gefühl, wichtig und willkommen zu sein.

Gleich danach ging es schon mit Unterricht los. Dazu wurden uns drei sehr schwere Bücher geschenkt. Das alles – 8,8 Kilogramm geballtes Wissen – sollen wir in drei Jahren lernen? Wie soll das denn funktionieren? Schon jetzt lastet der Druck der Probezeit auf mir und ich denke, dabei bin ich nicht allein.

Schon im ersten Schulblock hatten wir viele Themen, zum Beispiel Körperpflege, Beobachtungsschwerpunkte, die Anatomie der Verdauung und der Haut. Bei einem Dozenten, da stand das Thema Verdauung an, reichte selbst ein kurzer Gang auf die Toilette aus und schon konnte ich dem Unterricht nicht mehr folgen.

Auch überraschende Themen wie Ethik und Deutsch standen auf dem Stundenplan. Die Unterrichtsmethoden waren dabei sehr abwechslungsreich. Viele Gruppenarbeiten und Rollenspiele halfen mir, die anderen besser kennenzulernen. Dabei merkte ich, dass die Angst vor der ersten Prüfung bei allen sehr groß war. Niemand wusste so richtig, auf was es bei der Beantwortung der Fragen ankam.

20. Dezember 2016: Der erste Praxiseinsatz

Schon vor dem ersten Praxistag auf Station hörte ich die schlimmsten Geschichten und Vorurteile über manche Stationen und deren Mitarbeiter. Das machte mir nicht gerade Mut. Am ersten Tag um halb fünf Uhr aufzustehen, um dann um sechs Uhr pünktlich anzufangen, war für mich eine große Herausforderung. Der Schlafmangel machte die Nervosität nicht besser. Mit einem mulmigen Gefühl kam ich auf Station. Es war gut, dass ich aus meiner Klasse nicht alleine auf der Station war. Bei der Übergabe verstand ich so gut wie kein Wort. Mit Begriffen wie Hüft-TEP, LWK-Fraktur und SHT-Überwachungsbogen konnte ich nichts anfangen. Aber nachzufragen, traute ich mich auch noch nicht. Der erste Tag war voller neuer Erfahrungen und vieles was wir im Unterricht gelernt hatten, konnte ich nun praktisch anwenden, wie Vitalzeichen und Blutzucker messen.

Die Angst vor unvorhergesehenen Situationen begleitete mich allerdings kontinuierlich während der ersten Wochen. Die Patienten merkten meine Unsicherheit sofort, reagierten allerdings sehr tolerant und verständnisvoll darauf.

Im Laufe des Einsatzes gewöhnte ich mich an die Schichtarbeit und an die Stationsroutine. Im Gegensatz dazu ist die Orientierung im Krankenhaus immer noch eine Katastrophe. Ich will gar nicht wissen, wie oft ich mich schon verlaufen habe. An meine erste benotete Begleitung kann ich nur mit einem Lächeln zurückdenken. Sie war das reinste Chaos! Obwohl bei der Übergabe mehrfach angesprochen, hatte ein anderer Schüler vorschnell meine Patientin schon bei der Körperpflege unterstützt. Ich konnte nur noch die Vitalzeichen messen. Deswegen fiel die Begleitung ins Wasser. Auch beim zweiten Anlauf am nächsten Tag entschied sich der Patient ungewöhnlich früh aufzustehen und sich ausnahmsweise selbst im Bad zu versorgen. An den Vortagen benötigte er noch Unterstützung dafür. Na super…

Schon am Anfang meiner Ausbildung wurde ich mit schwierigen Situationen wie Sterben und Tod konfrontiert. An ein Erlebnis, das mich besonders belastet hat, kann ich mich gut erinnern. Im ersten Moment, als ich das Zimmer betrat, dachte ich, die Patientin schläft. Beim genaueren Hinsehen bemerkte ich, dass die Patientin nicht mehr atmete und realisierte, dass sie tot war. Danach war ich sehr geschockt. Die anderen Pflegekräfte auf Station haben sich dann sehr liebevoll um mich gekümmert, mit mir darüber gesprochen und gefragt, ob ich die Verstorbene mitversorgen will oder lieber nicht. Ich entschied mich, mitzuhelfen. Das half mir, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Der Umgang mit an Demenz Erkrankten war anfangs sehr, sehr schwer. Meine Geduld und mein Einfühlungsvermögen wurden auf eine harte Probe gestellt. Es gab einen Patienten, der gefühlte 30-mal in einer halben Stunde klingelte, um auf die Toilette begleitet zu werden. Jedes Mal, wenn ich die Patientenklingel hörte und sah wer klingelte, dachte ich mir nur „Nicht schon wieder!“.

Meine Erwartungen, ausreichend viele Anleitungen zu bekommen, genug Zeit für Patienten zu haben, belastbar zu sein und auch das Gelernte umsetzen zu können, wurden nicht ganz erfüllt. Trotzdem gehe ich zufrieden von Station in den neuen Schulblock.

5. Februar 2018: Der siebte Schulblock

Innerhalb der ersten eineinhalb Jahre in der Ausbildung, kam ich immer wieder in Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, nichts zu wissen. Wenn ich so zurückblicke, kommt es mir so vor, als wäre gestern der erste Schultag gewesen. Während ich im ersten Schulblock noch kaum Erwartungen an den Unterricht hatte, entwickelten sich mit der Zeit immer genauere Vorstellungen an den theoretischen und praktischen Unterricht. Der Bezug zur Praxis wird immer wichtiger. Endlich hatten wir in diesem Schulblock auch Infusionstherapie. Das hatte ich mir schon lange gewünscht. Verbandswechsel dürfen wir jetzt nach langem Warten selbstständig durchführen. Was für eine Erleichterung! Im Anatomieunterricht komme ich mittlerweile viel leichter mit. Jetzt kann ich zwischendurch auch in Ruhe auf Toilette gehen.

Mit jeder Woche, die vergeht, rückt eines immer näher: die Abschlussprüfung am Ende der Ausbildung. Ein Thema, dass immer wieder von Lehrern und meinen Klassenkameraden angesprochen wird. Wenn die Zeit weiterhin so schnell vergeht, dann steht die Prüfung quasi morgen schon vor der Tür. Das kann einem schon Angst machen und dann kommt am Ende des Blocks auch noch eine praktische Prüfung. Im Vergleich dazu, war der Druck der Probezeit ein Klacks.

Die Motivation in der Klasse ist zum jetzigen Zeitpunkt der Ausbildung an einem deutlichen Tiefpunkt. Um unsere Anspannung zu lockern, integrierten die Lehrer unterschiedliche Aktivierungsübungen, wie Tanzsequenzen oder Lach-Yoga, in den Unterricht.

28. März 2018: Der siebte Praxiseinsatz

Zu Beginn des siebten Praxiseinsatzes trat ich auf Station viel selbstsicherer und selbstbewusster auf. Möglich machten das meine gesammelten Erfahrungen. In manchen Teams fühlte ich mich vom ersten Tag an willkommen und in anderen musste ich meine Fähigkeiten erst unter Beweis stellen. Auch merkte ich, dass ich mit Kollegen auf Station sehr gut zurechtkam, mit denen andere aus meiner Klasse Probleme hatten. Deswegen mache ich mir nicht mehr so viel aus Gerüchten und Vorurteilen, sondern mache mir lieber mein eigenes Bild.

Da ich mich mittlerweile schneller in einer Station integriere, kann ich viel selbstständiger arbeiten. Das macht mir mehr Spaß, und auch die Pflegekräfte sehen das positiv. Nach meinem vorherigen Einsatz auf einer internistischen Station, ist mir bewusst geworden, dass mir der Fachbereich Chirurgie mehr liegt und mehr Freude bereitet als andere Bereiche. Na zum Glück habe ich meinen letzten Einsatz auf der Chirurgie. Das nimmt mir zumindest ein wenig von der Anspannung vor der praktischen Abschlussprüfung.

Ich hoffe, dass der routiniertere Umgang mit schwierigen Situationen die Angst vor Unvorhersehbarem während der praktischen Prüfung verringert. Solche schwierigen Momente erlebe ich fast täglich, wie gestern erst, als ich in ein Patientenzimmer kam und meine Patientin mit akuter Dyspnoe vorfand. Früher wäre ich sehr unsicher in so einer Situation gewesen und hätte erstmal eine Fachkraft um Hilfe bitten müssen. Durch mein Fachwissen und die praktischen Erfahrungen wusste ich sofort, was zu tun ist und konnte der Patientin mit einer atemunterstützenden Position helfen. Mein selbstsicheres Handeln half ihr, sich schnell wieder zu beruhigen. Als ich wenig später zum Essen austeilen in das Zimmer kam, bedankte sich die Patientin noch einmal sehr herzlich für meine Unterstützung und bezeichnete mich als ihren Lebensretter. Für mich war das eine Bestätigung, dass ich den richtigen Beruf gewählt habe.

Am Ende meines siebten Praxiseinsatzes wartete noch eine benotete Begleitung auf mich. Im Gegensatz zur ersten Begleitung erwarten die Lehrer jetzt viel mehr von uns, zum Beispiel eine ausführliche Pflegeplanung und die Koordination der Versorgung von mindestens zwei Patienten. Obwohl ich immer wieder das Gefühl habe, nichts zu wissen, konnte ich alle gestellten Aufgaben gut ausführen.

Wenn ich auf die vergangenen eineinhalb Jahre der Ausbildung zurückblicke, war diese Zeit wie eine Achterbahnfahrt: Die Ausbildung hatte bislang Höhen und Tiefen. Aber ich habe gelernt, dass nach jedem Motivationstief auch wieder ein Motivationshoch kommt. Es lohnt sich also, in schlechten Phasen nicht aufzugeben, sondern immer weiterzumachen und sich neuen Aufgaben zu stellen. Ich bin gespannt, was mich in der nächsten Ausbildungshälfte erwartet.

 

Autorenteam: Albert Jung, Lena Kürten, Nicole Tüpke und Benjamin Volk
Auszubildende der Gesundheits- und Krankenpflege im zweiten Ausbildungsjahr an den Berufsfachschulen für Krankenpflege und Krankenpflegehilfe der Krankenhaus Agatharied GmbH

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