Die Versorgung kritisch kranker und reanimationspflichtiger Kinder stellt in der Notfallmedizin eine der größten Herausforderungen dar. Die neuen Reanimationsleitlinien aktualisieren das bisherige Wissen und integrieren neue Evidenz aus Pädiatrie, Notfallmedizin, Simulationstrainingsforschung sowie Digitalisierung und Teamkommunikation.
Die im Oktober veröffentlichte Aktualisierung der Reanimationsleitlinien des European Resuscitation Council (ERC) enthält Anpassungen im Bereich der einfachen lebensrettenden Maßnahmen (Basic Life Support, BLS), im Bereich der erweiterten lebensrettenden Maßnahmen (Advanced Life Support, ALS) und im Bereich der pädiatrischen lebensrettenden Maßnahmen (Pediatric Life Support, PLS). Die Empfehlungen für den BLS und ALS wurden in den Dezember- und Januar-Ausgaben von Die Schwester | Der Pfleger vorgestellt. Im Folgenden geht es um die Besonderheiten in der Versorgung kritisch kranker und/oder reanimationspflichtiger Kinder [1].
Reanimationsqualität von hoher Bedeutung
Kinder unterscheiden sich nicht nur anatomisch und physiologisch deutlich von Erwachsenen, sondern weisen auch altersabhängige Variationen im Krankheits- und Verletzungsspektrum auf. Ziel des PLS ist eine wesentliche Verbesserung der Erkennung drohender Dekompensation, der präklinischen und klinischen Reanimationsqualität sowie der Postreanimationsbehandlung.
Bedeutung und Epidemiologie. Kreislaufstillstände im Kindesalter sind selten, gehen jedoch mit einer hohen Mortalität und Morbidität einher. Im Gegensatz zum Erwachsenenalter liegt die Ursache meist nicht primär kardial, sondern respiratorisch oder hypoxisch begründet. Häufige Auslöser sind Atemwegsobstruktionen, Ertrinkungsunfälle, Sepsis, schwere Traumata und plötzlicher Kindstod (Sudden Infant Death Syndrome, SIDS). Die Prognose hängt entscheidend von der frühzeitigen Erkennung, der schnellen Einleitung von Basismaßnahmen und der Qualität der Reanimation ab. Studien zeigen, dass eine frühe Beatmung und effektive Thoraxkompressionen bei Kindern einen besonders hohen Stellenwert besitzen.
Pathophysiologische Grundlagen. Die anatomischen Besonderheiten des kindlichen Atemwegs wie eine relativ große Zunge, ein hoher und anterior gelegener Larynx sowie eine geringere funktionelle Residualkapazität begünstigen eine rasch auftretende Hypoxie. Gleichzeitig ist der Sauerstoffverbrauch im Verhältnis zum Körpergewicht deutlich erhöht. Das kindliche Herz-Kreislauf-System verfügt über eine begrenzte Möglichkeit zur Steigerung des Schlagvolumens, weshalb die Herzfrequenz eine entscheidende Rolle für das Herzzeitvolumen spielt. Bradykardien stellen daher ein besonders kritisches Zeichen dar und sind häufig Ausdruck einer fortgeschrittenen Hypoxie. Das frühzeitige Erkennen dieser physiologischen Zusammenhänge ermöglicht präventive Interventionen und kann einen Kreislaufstillstand verhindern.
Prävention des Kreislaufstillstands. Der Kreislaufstillstand bei Säuglingen, Kindern und Jugendlichen ist häufig eine Folge von zunehmendem Atem- oder Kreislaufversagen oder neurologischen Notfällen. Daher sind die Erkennung und die richtige Behandlung von kritisch kranken Kindern nach wie vor die beste Möglichkeit, einen Kreislaufstillstand zu verhindern. Ein zentrales Element des PLS ist die strukturierte Früherkennung kritisch kranker Kinder. Die konsequente Anwendung des ABCDE-Schemas erlaubt eine systematische Beurteilung und Priorisierung lebensrettender Maßnahmen. Veränderungen von Hautfarbe, Atemarbeit, Bewusstseinslage und Herzfrequenz sind frühe Warnzeichen. Studien zeigen, dass Verzögerungen in der Intervention häufig auf Fehleinschätzungen oder unzureichendes Training zurückzuführen sind. Daher wird der kontinuierlichen Schulung medizinischen Personals eine hohe Bedeutung beigemessen. Standardisierte Scores und Frühwarnsysteme können die klinische Einschätzung unterstützen, ersetzen jedoch nicht die Erfahrung und Aufmerksamkeit des Behandlungsteams.
Atemwegsmanagement. Die Beatmung erfolgt initial mit fünf Initialbeatmungen, da hypoxische Ursachen überwiegen. Im akuten Notfall besitzt das Atemwegsmanagement höchste Priorität. Bereits einfache Maßnahmen wie Kopfüberstreckung (bei Säuglingen neutral), Esmarch-Handgriff und Absaugen können effektiv sein. Die Beutel-Masken-Beatmung gilt als Schlüsselintervention und ist der frühzeitigen Intubation häufig überlegen, sofern sie korrekt durchgeführt wird. Hilfsmittel wie Guedel- oder Wendl-Tuben können die Maskenbeatmung erleichtern. Die endotracheale Intubation bleibt erfahrenen Anwenderinnen und Anwendern vorbehalten, da Fehlplatzierungen und Beatmungsunterbrechungen das Outcome negativ beeinflussen können. Supraglottische Atemwege gewinnen zunehmend an Bedeutung, insbesondere in präklinischen Settings. Entscheidend ist die kontinuierliche Überwachung der Ventilation mittels Kapnografie, um eine adäquate Oxygenierung sicherzustellen.
Thoraxkompression. Kommt es dennoch zum Kreislaufstillstand, steht die qualitativ hochwertige kardiopulmonale Reanimation im Vordergrund. Thoraxkompressionen müssen altersgerecht mit ausreichender Tiefe und Frequenz durchgeführt werden. Bei Säuglingen wird eine Kompressionstiefe von etwa einem Drittel des anteroposterioren Thoraxdurchmessers empfohlen. Eine Unterbrechung der Kompressionen ist auf ein Minimum zu reduzieren. Die Thoraxkompressionen werden bei allen Altersgruppen über der unteren Hälfte des Brustbeins (Sternum) durchgeführt. Bei Säuglingen kommt für die Thoraxkompressionen die Zwei-Daumen-Technik zur Anwendung, die Ein-Hand- oder Zwei-Hand-Technik bei Kindern ab einem Jahr oder wenn mit der Zwei-Daumen-Technik keine hochwertigen Thoraxkompressionen erreicht werden können. Hochwertige Thoraxkompressionen zeichnen sich aus durch eine Frequenz von 100 bis 120 pro Minute und komplette Entlastung in der Dekompressionsphase. Bei Jugendlichen gilt die für Erwachsene empfohlene Eindringtiefe von 5–6 cm; in keinem Alter soll die Eindringtiefe von 6 cm überschritten werden. Die Qualität der Reanimation korreliert direkt mit dem neurologischen Outcome. Anwenderinnen und Anwender, die speziell in PLS trainiert sind, verwenden ein Kompression-zu-Beatmungs-Verhältnis von 15:2, ansonsten von 30:2.
Defibrillation und Medikamente. Obwohl schockbare Rhythmen im Kindesalter selten sind, muss die Defibrillation jederzeit verfügbar sein. Automatisierte externe Defibrillatoren mit Kinderprogrammen sind sicher und effektiv. Die Energiedosierung erfolgt gewichtsadaptiert. Verzögerungen bei der Defibrillation sind mit einer deutlich schlechteren Prognose verbunden. Neben der elektrischen Therapie spielt die medikamentöse Behandlung eine unterstützende Rolle. Die medikamentöse Therapie im Rahmen des Pediatric Advanced Life Support (PALS) erfolgt standardisiert, gewichtsadaptiert und zeitkritisch. Ziel ist die Unterstützung der koronaren und zerebralen Perfusion. Dosierungsfehler stellen eine relevante Gefahrenquelle dar, weshalb die Nutzung standardisierter Dosierhilfen, zum Beispiel Notfalllineal oder Apps, empfohlen wird. Adrenalin bleibt das wichtigste Medikament während der Reanimation. Die korrekte Dosierung nach Körpergewicht ist essenziell, da Über- oder Unterdosierungen schwerwiegende Folgen haben können.
Übersicht: Behandlung der kindlichen Atemwegsobstruktion
Behandlung bei erhaltener Bewusstseinslage
Effektiver Husten: Ein effektiv hustendes Kind sollte nicht aktiv behandelt, sondern zum Husten ermutigt und eng überwacht werden.
Ineffektiver Husten:
- Säuglinge (< 1 Jahr): 5 kräftige Rückenschläge in Kopftieflage, 5 Thoraxkompressionen (wie bei CPR, aber langsamer), abwechselnd durchführen, bis der Fremdkörper entfernt ist oder Bewusstlosigkeit eintritt
- Kinder (> 1 Jahr): 5 Rückenschläge, 5 Oberbauchkompressionen (Heimlich-Manöver), abwechselnd durchführen, bis der Fremdkörper entfernt ist oder Bewusstlosigkeit eintritt
Behandlung bei Bewusstlosigkeit:
- bei Bewusstseinsverlust gilt die Atemwegsobstruktion als Kreislaufstillstand mit hypoxischer Ursache
- Hilfe rufen, Notruf absetzen
- Beginn der Reanimation
- nach jeder Beatmung Mund inspizieren und sichtbaren Fremdkörper entfernen
- keine routinemäßige Fremdkörpermanipulation ohne Sicht
Behandlung der kindlichen Atemwegsobstruktion. Die Atemwegsobstruktion stellt eine der häufigsten und potenziell lebensbedrohlichen Notfallsituationen im Kindesalter dar und ist eine zentrale Ursache für hypoxiebedingte Kreislaufstillstände. Eine rasche Differenzierung zwischen partieller und kompletter Obstruktion sowie ein altersadaptiertes Vorgehen sind entscheidend. Ursachen der Atemwegsobstruktion unterscheiden sich je nach Altersgruppe. Klinische Zeichen der partiellen Obstruktion sind effektiver Husten, Stridor, Giemen, erhaltene Sprache oder Schreien. Bei kompletter Obstruktion ist das Kind unfähig zu husten oder zu sprechen, hat keine wahrnehmbaren Atemgeräusche und ist zyanotisch. Es tritt ein rascher Bewusstseinsverlust auf. Die Behandlung der kindlichen Atemwegsobstruktion ist je nach Bewusstseinslage unterschiedlich (Textkasten).
Nichttechnische Fertigkeiten und Training. Neben den technischen Fertigkeiten gewinnen nichttechnische Kompetenzen zunehmend an Bedeutung. Eine klare Rollenverteilung, effektive Kommunikation und situative Führung verbessern nachweislich die Teamleistung. Simulationstrainings ermöglichen das Üben seltener, aber kritischer Situationen unter realitätsnahen Bedingungen. Sie fördern nicht nur technische Fertigkeiten, sondern auch Entscheidungsfindung und Stressmanagement. Die Einbindung von Eltern während der Reanimation wird differenziert betrachtet. Studien zeigen, dass eine begleitete Anwesenheit für Angehörige hilfreich sein kann, ohne den Reanimationsablauf negativ zu beeinflussen.
Postreanimationsbehandlung. Nach der Rückkehr des Spontankreislaufs (Return of Spontaneous Circulation, ROSC) ist in der Regel eine kontrollierte Beatmung erforderlich. Ziel ist eine Normoxie (SpO₂ 94–98 %) und Normokapnie (etCO₂ ca. 35–45 mmHg). Sowohl Hypoxie als auch Hyperoxie sind mit einer Verschlechterung des neurologischen Outcomes assoziiert. Kinder weisen nach einem Kreislaufstillstand häufig eine myokardiale Dysfunktion und Vasoplegie auf. Ziel ist die Aufrechterhaltung eines altersentsprechenden mittleren arteriellen Drucks mittels Volumentherapie und vasoaktiver Substanzen wie Adrenalin und Noradrenalin zur Sicherstellung der Organperfusion. Fieber ist ein unabhängiger Risikofaktor für ein schlechtes neurologisches Outcome. Daher kommt dem aktiven Temperaturmanagement eine besondere Bedeutung zu. Aktuelle Empfehlungen beinhalten die strikte Vermeidung von Hyperthermie (>37,5 °C) und das gezielte Temperaturmanagement im normothermen Bereich (36–37,5 °C). Stoffwechselentgleisungen sind nach ROSC häufig und mit einem schlechteren Outcome assoziiert. Daher sollten Hypoglykämie und ausgeprägte Hyperglykämie vermieden und eine regelmäßige Kontrolle von Elektrolyten und Säure-Basen-Status durchgeführt werden.
Fazit
Pediatric Life Support (PLS) bleibt ein zentrales Element der notfallmedizinischen Versorgung von Kindern. Aufgrund der überwiegend hypoxischen Ursachen kindlicher Kreislaufstillstände kommt der frühzeitigen Atemwegssicherung, effektiven Beatmung und schnellen Behandlung der Atemwegsobstruktion eine besondere Bedeutung zu. Hochwertige Thoraxkompressionen, eine leitliniengerechte, gewichtsadaptierte Medikamentengabe bilden weiterhin das Fundament erfolgreicher Reanimationsmaßnahmen. Moderne PLS-Konzepte zeichnen sich durch einen starken Präventionsgedanken, den Einsatz standardisierter Algorithmen, simulationsbasiertes Training und interprofessionelle Teamarbeit aus. Digitale Entscheidungshilfen und strukturierte Nachbesprechungen tragen zusätzlich zur Qualitätsverbesserung bei.
[1] Djakow J et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025. Paediatric Life Support. Resuscitation October 2025; Volume 215 Supplement 1. Elsevier; 2025