• 22.02.2022
  • Bildung
Mentoringprogramm für dual Pflegestudierende

Von Erfahrung profitieren

Der Gesundheitscampus Göttingen hat daher ein Mentoringprogramm für dual Pflegestudierende entwickelt.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 3/2022

Seite 70

Dual Pflegestudierende müssen einerseits den Pflegeberuf erlernen und sich andererseits in die akademische Welt einfinden. Strukturierte Arbeitsplatzbeschreibungen fehlen nicht selten und nichtakademisierte Pflegende haben oftmals Vorbehalte. Der Gesundheitscampus Göttingen hat daher ein Mentoringprogramm für dual Pflegestudierende entwickelt.

Das Pflegestudierenden-Mentoringprogramm (PfleMo) am Gesundheitscampus Göttingen (GCG) – eine Kooperation der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen (HAWK) – sieht für die Studierenden Themen und Berufsperspektiven in späteren Einsatzbereichen vor, die sowohl diesen als auch dem Pflegeteam eine realistische und damit auch motivierende Perspektive geben.

Unterstützungsleistungen der Mentorinnen und Mentoren

  • Handreichungen zur Interaktion mit Mentees
  • Schulungsangebote zur Thematik (Gesprächsführung, Beratungskompetenz, Rolle)
  • Darlegung möglicher Hilfestellungen und Angebote (z. B. Schreibwerkstatt, Studienberatung oder betriebliches Gesundheitsmanagement)
  • Angebot des Austauschs mit dem Koordinationsteam bei Fragen und Problemen (z. B. via Videokonferenz)
  • Informationsaustausch über E-Mail-Verteiler

PfleMo nutzt die persönliche Begleitung und den Austausch mit erfahrenen hochschulisch qualifizierten Pflegefachpersonen der UMG. Das Konzept ist ein strukturiertes Mentoring, das sich aus drei zentralen Säulen zusammensetzt (Abb. 1).

Mentor-Mentee-Tandem. Eine erfahrene akademisierte und aktiv im Pflegedienst der UMG tätige Pflegefachperson (Mentorin bzw. Mentor) begleitet und unterstützt die Pflegestudierende bzw. den -studierenden ab dem zweiten Semester (Textkasten: Unterstützungsleistungen der Mentorinnen und Mentoren). Sie geht dazu auf deren bzw. dessen Sorgen und Un­sicherheiten ein, erkennt frühzeitig Überforderungen und zeigt Wege auf, sich Hilfe zu holen. Mentoring ist somit ein notwendiges „Caring“, das stark solidarisierend auf die Gruppe der akademischen Pflegefachpersonen wirkt. Diese fördern sich gegenseitig und sind füreinander inspirierende Vorbilder [1].

Gruppencoaching. Im Fokus des moderierten Gruppencoachings stehen die gegenseitige Unterstützung, Förderung und Problembearbeitung sowie Reflexionskompetenzen innerhalb der Gruppe der teilnehmenden Pflegestudierenden. Der vertrauliche und geschützte Rahmen unterstützt diesen Prozess. Während des Interventionszeitraums erfolgen drei Coachings zu den Themen Förderung der Selbstkompetenz, Förderung der Resilienz sowie Berufsperspektiven und Karriereplanung.

Netzwerkarbeit. Über das PfleMo werden bereits früh Kontakte geknüpft und auf diesem Wege Netzwerke aufgebaut. Dies ist besonders für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger relevant, da sie zu Beginn des Berufswegs die Vielseitigkeit und den Facettenreichtum des Berufsfelds Pflege noch nicht in Gänze erfassen können. Netzwerken muss professionell erlernt werden und ist ein wichtiger Baustein, um sein späteres Berufsfeld aktiv mitzugestalten.

One-to-one-Partnerschaft

Das PfleMo begleitet die Studierenden vom zweiten bis zum siebten Semester (Abb. 2). Aktuell können aufgrund der zeitlichen, personellen und finanziellen Ressourcen bis zu zehn Mentees pro Jahrgangskohorte (besteht aus 30 Studierenden) an dem Programm teilnehmen. Mentees bewerben sich mithilfe eines eigens konzipierten Profilbogens. Erfasst werden darin der bisherige Bildungsweg, bereits gesammelte berufliche Erfahrungen, Erwartungen an das Mentoringprogramm, thematische Schwerpunkte für das Tandem, Ziele nach dem Bachelorabschluss, gewünschte künftige Berufsfelder, Wünsche an Mentorin bzw. Mentor und eine Motiva­tionsdarlegung. Der Bewerbungsprozess ist wichtig, um dem Programm als Zusatzan­gebot zum dualen Studium einen besonderen Stellenwert zu geben, motivierte Studierende zu identifizieren und diesen passende Mentorinnen bzw. Mentoren im Matching-Prozess zuzuordnen.

Wesentliche Ziele des Programms bestehen darin, Bachelorabsolventinnen und -absolventen langfristig für die pflegerische Berufspraxis zu gewinnen, diese auf die akademische Rolle im Qualifikationsmix vorzubereiten und frühzeitig deren Zugehörigkeitsgefühl sowie das organisatorische Commitment zu stärken. Zudem ist eine Qualitätssteigerung in der Versorgung der Patientinnen und Patienten zu erwarten, da die akademische Rolle der Mentees gefördert und die damit verbundenen Auf­gabenfelder (z. B. Wissenstransfer) im pflegerischen Setting ausgebaut werden.

Das Mentor-Mentee-Tandem ist ein vertrau­liches und unabhängiges Arbeitsbündnis – eine „One-to-one-Partnerschaft“. In den Gesprächen (sechs bis acht in drei Jahren) lassen sich verschiedene Themenbereiche aufgreifen, z. B. praktische Strategien, berufliche Anforderungen, persönliche Erfahrungen, erworbene Kenntnisse, aber auch Herausforderungen, Fehlentscheidungen sowie Erfolge und Lösungen der Mentorinnen und Mentoren. Weitere Themen sind Förderung der Selbstkompetenz, Fragen hinsichtlich des Studiums, Work-Life-Balance, Karriereplanung und berufliche Perspektiven. Ebenso kann die Integration von Studieninhalten in die Berufspraxis besprochen werden, hierbei ist der Zugang zu Netzwerken der Mentorinnen und Mentoren ein wertvoller Nutzen [2].

Mentees profitieren in vielfältiger Weise. So berichten diese über mehr Selbstvertrauen, größere Sicherheit im beruflichen Kontext, verbesserte Einblicke in komplexe Zusammenhänge der Institution, gewachsenes Verständnis für informelle Regeln sowie eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit und den Ausbau sozialer Kompetenzen [3].

Mentorinnen und Mentoren empfinden die Begleitung und Unterstützung der Mentees als sinnstiftend, da sie implizites Wissen und Erfahrungen nutzbar machen [3]. Sie erlangen neue Impulse für die eigene Berufs­tätigkeit und erhalten durch die Studierenden Einblicke in Sichtweisen der beruflichen Folgegenerationen [4]. Zudem erweitern sie ihre Beratungskompetenz [3]. Des Weiteren eröffnen sich für die Mentorinnen und Mentoren über den Austausch untereinander und mit den Studierenden weitere Netzwerke.

Matching-Prozess

Eine wesentliche Komponente für ein gelungenes Tandem ist der Matching-Prozess. Um die jeweils geeigneten Tandempartnerinnen und -partner zu generieren, die persönlich und fachlich infrage kommen, ist es erforderlich, diese an dem Prozess teilhaben zu lassen. Als Hilfestellung dienen Profilbögen der Mentorinnen und Mentoren sowie der Mentees [4].

Das Koordinationsteam des Mentoringprogramms des UMG-Pflegedienstes hat die Aufgabe, eine Vorauswahl zu treffen und mit diesem Vorschlag an die bzw. den Mentee und die Mentorin bzw. den Mentor heranzutreten. Dies ermöglicht gegenseitiges Kennenlernen der Tandempartnerin bzw. des -partners. Sollte eine Seite Bedenken haben, kann das Tandem neu zusammengestellt werden.

Die einzelnen Prozessschritte werden engmaschig evaluiert. Aufgrund der Rückmeldungen aus der ersten Jahrgangskohorte sind der Bewerbungsprozess sowie die künftigen Auftakttreffen der Mentorinnen bzw. Mentoren und Mentees für die folgenden Kohorten inzwischen angepasst.

Das Coaching der Mentorinnen und Mentoren zur eigenen Rolle hat sich als eine wesentliche Vorbereitungsmaßnahme herausgestellt, um Sicherheit im Tandem aufzubauen. Verschriftlichte Informationen diesbezüglich sind hilfreich, ersetzen jedoch nicht das Coa­ching durch eine Person mit Mentoringexpertise. Die Mentorinnen und Mentoren wünschen sich mittels PfleMo die Möglichkeit der Vernetzung der hochschulisch ausgebildeten Pflegefachpersonen und zusätzlich Raum für kollegiale Beratung.

 

[1] Vgl. Staudacher D. Mentorinnen: Inspirierende Vorbilder. Chancen und Grundlagen einer „Mentoring Kultur“ in der Pflege. PADUA 2012; 7 (5), 291–293

[2] Vgl. Beller T, Hoffmeister-Schönfelder G. Mentoring – Im Tandem zum Erfolg. Das Standardwerk für Mentoren, Mentees und Personalentwickler. Offenbach: Gabal-Verlag; 2016

[3] Schmid B, Haasen N. Einführung in das systemische Mentoring. 1. Aufl. Heidelberg: Carl-Auer Verlag; 2011

[4] Pflaum S, Wüst L. Der Mentoring Kompass für Unternehmen und Mentoren. Persönliche Erfahrungsberichte, Erfolgsprinzipien aus Forschung und Praxis. Wiesbaden: Springer-Verlag; 2019

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