• 22.02.2022
  • Forschung
Personzentrierte Pflege

"Eine positive Pflegeerfahrung ermöglichen"

Univ.-Prof. Mag. Dr. Hanna Mayer leitet seit Dezember 2021 den Fachbereich Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Person-Centred Care und Dementia Care Research an der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften im niederösterreichischen Krems an der Donau. Mayer absolvierte ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenschwester am Rudolfinerhaus in Wien, wo sie zunächst in der Pflegepraxis, danach als Lehrerin und stellvertretende Direktorin an der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege tätig war. Sie studierte Pädagogik und Sonder- und Heilpädagogik an der Universität Wien und promovierte 2007 zur Ausbildung von Lehrkräften in der Pflege. 2007 wurde sie an die Universität Wien auf den Lehrstuhl Pflegewissenschaft berufen. Als Vorständin des Instituts baute sie die Forschungsschwerpunkte Onkologische Pflege und Pflege alter Menschen auf.

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 3/2022

Seite 46

Der vom britischen Gerontologen und Psychologen Tom Kitwood entwickelte Ansatz der personzentrierten Pflege ist immer häufiger Gegenstand pflegebezogener Forschung. Über die Potenziale personzentrierter Pflege sprachen wir mit der österreichischen Pflegewissenschaftlerin Hanna Mayer.

Frau Professor Mayer, was verstehen Sie unter personzentrierter Pflege?

Mit personzentrierter Pflege ist weniger eine einzelne Pflegehandlung, sondern vielmehr eine Unternehmenskultur gemeint, bei der die Individualität der zu pflegenden Menschen, der Angehörigen und der Mitarbeitenden im Fokus steht. Das Gesamtziel ist immer, eine positive Pflegeerfahrung zu ermöglichen – sowohl für die pflegebedürftigen Menschen als auch für die Pflegepersonen. Personzentrierung ist – wenn ich hier auf die Definition der britischen Pflegewissenschaftler Brendan McCormack und Tanya McCance zurückgreifen darf – ein Praxisansatz, der auf die Gestaltung und Förderung gesunder Beziehungen zwischen allen Leistungserbringern, Pflegeempfängern und ihren Familien beziehungsweise nahestehenden Personen abzielt. Zentrale Werte, die diesem Praxisansatz zugrunde liegen, sind die gegenseitige Achtung der Persönlichkeiten und das individuelle Recht auf Selbstbestimmung.

Rahmenkonzept PeoPLe

Das österreichische Bundesland Niederösterreich startete 2014 eine Initiative, die auf eine umfassende Veränderung der Organisationsstruktur und -kultur in stationären Pflegeeinrichtungen abzielte. Das Institut für Pflegewissenschaft der Universität Wien wurde beauftragt, das Rahmenkonzept zu entwickeln. Ein Artikel über das in diesem Rahmen entstandene Rahmenkonzept zur Gestaltung personzentrierter Praxis in der Langzeitpflege (PeoPLe) erschien in der August-Ausgabe 2020 dieser Zeitschrift. Abonnentinnen und Abonnenten finden den Artikel auch auf dem Portal BibliomedPflege.

Menschen individuell zu pflegen, entspricht dem Anspruch wohl aller Pflegenden. Warum braucht es hierzu ein theoretisches Modell?

In der Tat entspricht dies dem Berufsethos der Pflegefachpersonen. Doch in den meisten Institutionen sind die Abläufe nicht so ausgerichtet, dass der pflegebedürftige Mensch im Mittelpunkt steht – im Gegenteil, in der Realität steht meist die Systemzentrierung im Vordergrund. Da hilft es wenig, dass Pflege sich an der Individualität des Patienten orientieren sollte beziehungsweise dies möchte. Personzentrierte Pflege bietet hier die Möglichkeit der systematischen Praxisentwicklung auf allen Ebenen, womit vor allem die Haltung der Pflegenden, die Personalführung und -entwicklung sowie die Prozesse und Prinzipien gemeint sind, nach denen die direkte Pflege ausgerichtet sein soll. Rahmenmodelle sind hilfreich beziehungsweise notwendig, um dieses komplexe Geschehen fassbarer und damit leitend für die konkrete Praxisentwicklung zu machen.

Sie selbst haben das Rahmenmodell PeoPLe entwickelt, das auf dem Person-Centred Care Framework der erwähnten britischen Pflege- wissenschaftler Brendan McCormack und Tanya McCance aufbaut (siehe Textkasten, Anm. d. Red.). In einem Praxisprojekt mit den niederösterreichischen Landespflegeheimen haben Sie PeoPLe erprobt. Mit welchem Ergebnis?

Es war ein großes Projekt mit mehreren Strängen, das wir im vergangenen Jahr erfolgreich abschließen konnten. Mein Resümee: Personzentrierung lässt sich nicht einfach so einführen, vielmehr hat man es mit einem umfangreichen Praxisentwicklungsprozess zu tun, der einmal systematisch und vertieft begonnen, dann aber aktiv fortgesetzt werden muss – nur dann funktioniert es. Wichtig ist ein gutes theoretisches Fundament, auf das alle Praxisprozesse abzustimmen sind. Zudem braucht es Mentorinnen und Facilitatorinnen, die die Prozesse in Gang halten und weiterentwickeln. Zugegeben: Das alles klingt sehr aufwendig, aber es kann gut funktionieren – es muss es einem nur wert sein. Dann hält sich der Aufwand in Grenzen.

Sie haben kürzlich eine Professur mit dem Schwerpunkt personzentrierter Pflege übernommen. Wo genau liegt Ihr Forschungsinteresse?

Mir geht es zum einen darum, die Theorieentwicklung in der Pflegewissenschaft voranzutreiben. Denn über Personzentrierung lassen sich viele Fragen erklären, wie Pflege funktioniert und wie sich die Wirkung pflegerischen Handelns entfaltet. Zum anderen möchte ich auch einen Beitrag zur Praxisentwicklung leisten. Mein Forschungsinteresse liegt dabei in der Ausgestaltung von Interventionen und Prozessen im Sinne der Personzentierung, in den Bedingungen und Voraussetzungen personzentrierter Pflege und in der Entwicklung personzentrierter Kulturen. Die Entwicklung adäquater Forschungsmethoden wird ebenfalls im Fokus der Forschung stehen.

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