• 22.02.2022
  • Praxis
Persönlichkeiten

"Pflegekritiker" geht von Bord

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 3/2022

Seite 39

Claus Fussek kämpft seit 40 Jahren für die Würde und Rechte pflegebedürftiger Menschen. Nun geht der streitbare Sozialpädagoge in den Ruhestand. Doch seiner Lebensaufgabe will er sich auch in Zukunft widmen. 

Ein kleiner Raum mit einem Eckschreibtisch, darauf bergeweise Bücher, Zeitschriften und Unterlagen. In den Regalen Dutzende von Aktenordnern, die „weit über 50.000 Pflegeschicksale“ dokumentieren.

Das war Claus Fusseks „Pflegebüro“, von wo aus er sich 40 Jahre lang um die Rechte pflegebedürftiger Menschen kümmerte. Am 1. Februar begann für den 68-Jährigen ein neuer Lebensabschnitt: Deutschlands bekanntester „Pflegekritiker“ ist nun Rentner.

Fussek war gefürchtet in der Pflegebranche. Viele Heimbetreiber erklärten ihn zum Feindbild. Denn der Sozialpädagoge prangerte ein Tabu an: Missstände im deutschen Heimalltag. Gewalt, Vernachlässigung, Dokumentationsfälschung.

Für seinen Mut schätzen ihn viele Menschen – Medien nannten ihn oft den „Engel der Alten“. Für sein soziales Engagement hat der Münchner zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u. a. das Bundesverdienstkreuz am Bande, den Deutschen Fairness-Preis und die Bayerische Gesundheits- und Pflegemedaille.

„Man muss es ihm hoch anrechnen, dass er immer wieder den Finger in die Wunde gelegt und eine kritische Diskussion zu den Missständen in der Pflege befördert hat“, hebt Hermann Brandenburg, Professor für gerontologische Pflege an der Vinzenz Pallotti University in Vallendar, Fusseks Verdienste hervor.

Doch wie wurde aus einem Sozialpädagogen ein deutschlandweit bekannter Mahner für die Rechte alter Menschen? Wendepunkt in Fusseks Leben war ein Tag im Februar 1997: In einer Pressekonferenz im Münchner Rathaus sprach er erstmals öffentlich über Missstände im deutschen Heimalltag – über Gewalt in den unterschiedlichsten Ausprägungen und Erscheinungsformen. Seitdem ist Fussek präsent in den Medien, hält Vorträge zum Thema und hat mehrere Bücher geschrieben.

„Seit 25 Jahren erreichen mich täglich Dutzende von E-Mails, Briefen und Anrufen – nicht nur von Angehörigen, sondern auch von völlig verzweifelten Pflegekräften, die den Heimalltag nicht mehr aushalten.“ An sie appelliert Fussek, aus dem „Schweigekartell“ auszusteigen. „Warum dokumentieren Pflegekräfte nicht selbstbewusst nur noch das, was sie tatsächlich leisten können? Warum sind sie gegen eine eigene berufsständische Vertretung in Form von Kammern? Würden sie sich besser organisieren, wären sie die mächtigste Berufsgruppe im Land und könnten ihre Gehälter bestimmen.“

Um die Sorgen verzweifelter Angehöriger und Pflegender will sich Fussek auch weiterhin kümmern. „Meine Frau hat heute zu mir gesagt: ‚Du hörst ja nur in deinem Büro auf!‘ Selbstverständlich werde ich im Unruhestand weitermachen – sofern ich gebraucht werde.“

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