• 21.11.2019
  • Bildung
Kompetenzen der Lehrenden

Hochschulen sind gefordert

Hochschulen sind gefordert
Ausgabe 4/2019

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 4/2019

Seite 22

Berufsfachschulen für Gesundheit und Pflege bereiten sich auf die ab 2020 geltende Pflegeausbildung mit einheitlichem Berufsabschluss vor. Entsprechende hochschulische Ausbildungsangebote für Pflegende befinden sich noch in der Entwicklung. Die Autoren haben in einer Umfrage unter Altenpflegeschulen ermittelt, über welche Kompetenzen Lehrende künftig verfügen sollten.

Angehende Gesundheits- und Kranken-, Gesundheits- und Kinderkranken- sowie Altenpfleger/-innen durchlaufen in diesem Ausbildungsjahr letztmalig eine spezialisierte 3-jährige Ausbildung an Berufsfachschulen (BFS). Ab 2020 werden diese bislang separierten Pflegesparten zu einem gemeinsamen generalistischen Ausbildungsberuf zusammengefasst, der dem Berufsstand der Pflege als eigenständiger Profession eine autonome berufspolitische Position verleiht.

Künftig wird die Ausbildung auch nicht mehr auf Institutionen wie Kliniken oder Alten- und Pflegeheime ausgerichtet sein, sondern auf Pflegephänomene, wie Übelkeit, Angst, Schmerz, Inkontinenz oder Immobilität, die unabhängig von der Institution spezifische pflegerische Interventionen erfordern. Ebenso sind der Pflegeprozess als Kernelement der Pflegeplanung, pflegerische Assessments oder Prophylaxen nicht abhängig von Institutionen [1].

Welche Voraussetzungen müssen Berufsfachschulen erfüllen?

Die BFS für Gesundheit und Pflege in Deutschland sind seit geraumer Zeit damit beschäftigt, in Arbeitsgruppen mit trägergesteuerten, regelmäßig tagenden Vorbereitungstreffen einen tragfähigen Weg der Generalistik-Implementierung zu finden. Für die Schulleitungen von Altenpflegeschulen stellt sich nunmehr die Frage, ob sie diesen Prozess „überleben“ [2].

Auch Hochschulen, die seit der Bologna-Studienreform Mitte der 2000er-Jahre Pflegelehrende im Rahmen von Bachelorstudiengängen ausbilden und seit 2009 zusätzlich duale, künftig auch grundständige Pflegestudiengänge anbieten, müssen sich entsprechend umstellen. Dazu müssen sie noch stärker als bisher anwendungsbezogene, Theorie und Praxis miteinander verknüpfende Forschungsfragen, die sich im Zuge der generalistischen Ausbildung stellen, aufgreifen und Impulse für anstehende Lösungen entwickeln.

Um den Handlungsbedarf einschätzen zu können, haben die Autoren in einem ersten Schritt beispielhaft Altenpflegeschulen in Bayern schriftlich befragt. Die Schulleitungen haben darin ihre Anliegen und Wünsche für ihre Schule, das Lehrer/-innen-Kollegium, aber auch für künftige Pflegelehrkräfte zum Ausdruck gebracht.*

Die Ergebnisse der schriftlichen Befragung von 10 Schulleitungen (SL) lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Die SL stehen unter erheblichem Druck, sowohl passende Azubis mit ausreichend Deutschkenntnissen zu finden als auch Lehrende, die mit dieser Zielgruppe langfristig und selbst psychisch stabil arbeiten möchten.
  • Die Belastung des Kollegiums ist spürbar. Statt zu gestalten geht es eher ums Überleben.

Die SL suchen Kooperationspartner für die Zukunft, um als Schule bestehen zu bleiben. Gleichzeitig befürchten sie eine Dequalifizierung der Altenpflege. Aus den Äußerungen der SL lassen sich bereits Rückschlüsse für Lehrbedarfe ziehen.

Über welche Kompetenzen müssen Lehrende verfügen?

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit haben die Autoren einige Kompetenzen zusammengetragen, die ihnen für künftige Lehrende mit hochschulischer Ausbildung in einer Pflege-Berufsfachschule (BFS) besonders wichtig erscheinen:

Weiterentwicklung von Curricula. Für die Weiterentwicklung von Curricula werden die „… in den bisherigen Pflegeausbildungen bekannten Lernfelder durch spiralcurricular ausgerichtete Kompetenzen/Profile für die 3 Ausbildungsjahre abgeklärt“ [3]. Hochschulen müssen das Thema Curriculum-Entwicklung somit fest im Modulplan verankert haben, um diese Prozesse entsprechend initiieren, begleiten und evaluieren zu können. Neben diesem spezifischen Fachwissen ist systemisches Wissen von hoher Bedeutung. Dazu gilt es, u. a. folgende Fragen in den Blick zu nehmen:

  • Welche Auswirkung hat ein Curriculum auf den Schulentwicklungsprozess?
  • Wie ist ein Kollegium hierbei zu unterstützen?
  • Macht es Sinn, kollegiale Beratung zur Unterstützung anzubieten?
  • Ist die Einführung von Schulsozialarbeit an einer BFS sinnvoll?
  • Welche politischen Wege sind dazu zu gehen?
  • Wie finanziert eine BFS einen Lerncoach?
  • Werden Deutschkurse benötigt und – wenn ja – wie sind diese zu finanzieren?

Das Wissen zur Beantwortung dieser Fragen muss an den Hochschulen grundgelegt werden.

Praxisbegleitung. Die Praxisbegleitung wird in Zukunft einen noch größeren Stellenwert haben als heute schon und stellt sowohl inhaltlich wie organisatorisch eine Herausforderung dar. Hochschulen müssen dem Thema in der Lehre einen hohen Stellenwert beimessen. Die Katholische Stiftungshochschule (KSH) München sieht deshalb zur Rollenfindung und Identitätsförderung der angehenden Pflegefachpersonen in ihrem Bachelorstudiengang Pflegepädagogik u. a. ein SkillsLab-Pflichtmodul vor – in Kooperation mit Pflege-Dual-Studierenden, die die Rolle der Praxisanleitenden übernehmen. Die Rückmeldungen zeigen, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema in dieser Form einen hohen Lernwert hat – sowohl fachlich als auch persönlich [4].

Praxiseinsätze. Die Auszubildenden durchlaufen in den ersten beiden Ausbildungsjahren eine Vielzahl unterschiedlicher Praxiseinsätze. Es wird für die Lehrenden eine Herausforderung darstellen, ihr benötigtes Wissen für die verschiedenen Einsatzorte jeweils auf den aktuellen Stand zu bringen. Hochschulen sollten daher gemeinsam mit den Studierenden Konzepte entwickeln, wie bereits erworbenes Pflegefachwissen im Zuge des Rollenwechsels und damit einhergehend geringerer Anwendung nicht verloren geht.

Lernortkooperation. Die Lernortkooperation wird aufgrund der Anforderungen im Pflegeberufegesetz (PflBG) eine wesentliche Rolle einnehmen. Diesbezüglich benötigen Lehrende explizite Kompetenzen in Kommunikationstheorien und Verhandlungsgeschick bzw. Strategien für das Konfliktmanagement. Hochschulen sollten Module, in denen diese Kompetenzen gelehrt, eingeübt und z. B. videogestützt reflektiert werden, modifizieren und weiterentwickeln. Die KSH München nutzt hierzu bereits Simulationen im SkillsLab, die ab 2020 vermehrt eingesetzt werden [5].

Digitale Tools. Im Unterricht an den BFS sollen digitale Tools Auszubildende in ihrem Lernprozess unterstützen, sie gleichwohl auf ihren Arbeitsplatz besser vorbereiten und möglicherweise auch deren Abbruchquoten verringern. Der gewünschte Einsatz dieser Tools ist für die Schulen zum einen eine technische Neuerung, zum anderen ziehen sie auch finanzielle Investitionen und Personalkosten für Fort- und Weiterbildungsangebote nach sich. Hochschulen müssen Studierende – als künftig Lehrende an BFS – befähigen, digitale Tools im Unterricht zu nutzen. Dies ist sowohl für den Bachelor- als auch für einen entsprechenden Masterstudiengang wünschenswert. Die KSH München nimmt bereits im Sommersemester 2019 erstmalig das Thema Flipped Classroom auf und wird hier gemeinsam mit den Studierenden Lehrfilme erstellen, die in einer BFS zum Einsatz kommen sollen.

Ein kurzer Blick nach vorn

Der Profession Pflege mit ihrer mittlerweile 25-jährigen Tradition akademischer Pflegebildung in Deutschland ist die Anerkennung zu wünschen, die ihr zusteht. Dazu gehören die Schaffung eines Rahmens und entsprechender Bedingungen, die den Beruf autonom aufstellen. Ein zukunftsweisender Schritt ist mit der Zusammenfassung zu einem gemeinsamen generalistischen Ausbildungsberuf, dessen Ausbildungs- und Prüfungsverordnung sowie mit dem Rahmen zur Finanzierung der Pflegeausbildung (Pflegeberufe-Ausbildungsfinanzierungsverordnung, PflAFinV) getan.

Gemäß dem berufspolitischen Ziel, ein identitätsförderndes, eigenes Selbstverständnis zu entwickeln, bilden das neue PflBG und hier die generalistische Pflegeausbildung einen Paradigmenwechsel. Künftig an BFS-Lehrende werden an Hochschulen für angewandte Wissenschaften und Universitäten ausgebildet. Von daher hat sich auch Hochschulbildung den neuen, strukturell-umfassenden Herausforderungen zeitnah und fachlich zu stellen.

* Den Autoren ist bewusst, dass es sich lediglich um ein einseitiges Meinungsbild von Berufsfachschulen handelt. Gleichwohl gehen sie davon aus, dass eine Tendenz deutlich wird.

[1] Pohlmann M. Kompromissbrei mit fadem Beigeschmack. In: kkvd-aktuell 4/Dezember 2018: 8–9

[2] Kerres A, .Kemser J. Was bewegt Schulleiter von Altenpflegeschulen? Unveröffentl. Befragung bayerischer Schulleitungen; 2018

[3] Machleit U. Was jetzt zu tun ist. In: Altenheim 11/2018; 2018: 16–21

[4] Kerres A, Kemser J. Unveröffentl. Evaluationsskript aus dem WS 2018/19 der KSH München im Modul Praxisbegleitung und Praxisanleitung; 2018

[5] Wissing C. Gut präpariert für die Lehrpraxis. In: Kemser J, Kerres A (Hrsg.). Lehrkompetenz lehren. Oldenbourg: De Gruyter; 2018: 292–309

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