• 12.08.2025
  • PflegenIntensiv
Potenziale akademischer Pflege nutzen

Wissen gezielt einsetzen

Die Universitätsmedizin Greifswald integriert akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen systematisch in die klinische Versorgung, insbesondere in der Intensivpflege.

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2025

Seite 42

Die Universitätsmedizin Greifswald integriert akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen systematisch in die klinische Versorgung, insbesondere in der Intensivpflege. Diese engagieren sich in Projekten, entwickeln modulare Schulungskonzepte und wirken an interdisziplinären Formaten mit. So fördern sie evidenzbasierte Pflege, erweitern Kompetenzen und verbessern Versorgungsqualität sowie Patientensicherheit.

Die Universitätsmedizin Greifswald (UMG) begrüßte im Oktober 2024 die ersten Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs Klinische Pflegewissenschaft mit dem akademischen Grad des „Bachelor of Science“ (B. Sc.). Von den ehemaligen Studierenden stiegen 21 direkt in die klinische Versorgung ein und blieben dem Unternehmen erhalten. Jeweils mindestens zwei von ihnen sind in den verschiedenen Bereichen tätig, darunter im Zentrum für Intensiv- und Überwachungspflege, in der Pädiatrie, dem Onkologischen Zentrum sowie der Notaufnahme der UMG. Weitere Bereiche sind bereits für die nächsten Jahre geplant.

Ein besonderes Merkmal der UMG besteht darin, dass sie als erste Institution in Mecklenburg-Vorpommern einen Studiengang implementiert hat, der ein wissenschaftliches Studium der Pflegewissenschaften unmittelbar mit der praktischen Tätigkeit im kli­nischen Versorgungsbereich verknüpft und somit Theorie und Praxis auf einzigartige Weise miteinander verbindet. Neben den Fächern Human- und Zahnmedizin stellt dieser Studiengang damit das dritte akademische Fach an der UMG dar, das das 2020 gegründete Institut für Klinische Pflegewissenschaften und Interprofessionelle Lehre verantwortet.

Wesentlicher Vorteil des insgesamt sechssemestrigen Studienprogramms ist, dass primärqualifizierend Studierende gleichzeitig den B. Sc. in Klinischer Pflegewissenschaft und die Berufsqualifikation als Pflegefachfrau oder Pflegefachmann erhalten. Über vier Semester sind sie mit den berufserfahrenen Studierenden gemeinsam unterwegs, die ausschließlich den B. Sc. erwerben.

Die UMG verfolgt mit ihrem innovativen pflegewissenschaftlichen Ansatz das Ziel, akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen (AQP) systematisch in die klinische Versorgung einzubinden. Dieses Modell soll evidenzbasierte Pflegepraktiken fördern und dadurch eine nachhaltige Optimierung sowohl der Versorgungsqualität als auch der pflegeprofessionellen Entwicklung ermöglichen.

Integration in die Intensivpflege

Das Zentrum für Intensiv- und Überwachungspflege, ein wichtiger Versorgungsbereich der UMG, zeichnet sich durch hohe Komplexität und die Notwendigkeit engmaschiger Überwachung aus. Daher kommt ihm eine besondere Bedeutung zu:

AQP übernehmen in der pflegerischen intensivmedizinischen Versorgung eine zentrale Rolle. Die Verbindung ihrer pflegewissenschaftlichen und klinischen Kompetenzen befähigt sie, komplexe Entscheidungssituationen professionell vorzubereiten und zu steuern sowie interprofessionelle Veränderungsprozesse aktiv mitzugestalten.

Seit Oktober 2024 sind zehn AQP in erweiterten Aufgabenfeldern des Zentrums für Intensiv- und Überwachungspflege tätig. Wegen ihrer festen Integration in die Pflegeteams und in das Drei-Schicht-System tragen sie maßgeblich zur Professionalisierung des Pflegeberufs und zur nachhaltigen Qualitäts­entwicklung bei.

Bereits vor Aufnahme ihres Studiums verfügten einige der Absolventen über eine abgeschlossene Fachweiterbildung in Anästhesie- und Intensivpflege sowie über umfassende, langjährige Berufserfahrung in unterschiedlichen klinischen Tätigkeitsfeldern. Dank dieser Erfahrungen brachten sie eine fundierte Basis für das Studium an der UMG mit. Mit ihrer akademischen Qualifikation bringen sie nun evidenzbasiertes Wissen und neue Perspektiven in die pflegerische Praxis des Zentrums für Intensiv- und Über- wachungspflege ein.

Aufgaben der AQP

Entwicklungsplanung. Derzeit umfasst die Tätigkeit der AQP neben der direkten pflegerischen Versorgung am Patientenbett eine umfassende Analyse potenzieller Pflegeherausforderungen. Zur strukturierten Umsetzung daraus abgeleiteter pflegerischer Entwicklungsziele stimmen sie sich regelmäßig mit den Stations­leitungen ab.

In diesen Besprechungen erarbeiten sie gemeinsam Projektideen und planen deren Umsetzung (Foto). Ergänzend dazu und zur direkten Versorgung der Patientinnen und Patienten übernehmen AQP projektbezogene Aufgaben, die sich an den nach § 4 des Pflegeberufegesetzes definierten Vorbehaltstätigkeiten orientieren und die sie methodisch fundiert umsetzen.

Qualitätssicherung. Die AQP analysieren und evaluieren die Qualität der pflegerischen Versorgung mithilfe strukturierter Dokumentenanalysen, systematischer Beobachtungen sowie standardisierter Befragungen von Mitarbeitenden sowie Patienten. Sie arbeiten außerdem aktiv in Qualitätszirkeln mit und beteiligen sich damit auch an der Qualitätssicherung und -entwicklung, der Implementierung von evidenzbasierten Leitlinien, Expertenstandards sowie den Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Zusätzlich führen sie strukturierende Instrumente wie Checklisten und Standard Operating Procedures (SOPs) ein und nehmen kontinuierlich an Fort- und Weiterbildungen teil.

Kompetenzförderung. Aktuell sind AQP im Rahmen eines Projekts in der erst am 1. November 2024 an der UMG implementierten Kardiochirurgie eingebunden. Das übergeordnete Ziel der AQP und der Leitenden der Abteilung besteht darin, die Handlungskompetenz und die Selbstwirksamkeit des pflegerischen Personals in der kardiochirurgisch-pflegerischen Versorgung zu stärken.

Zu diesem Zweck haben die AQP spezialisierte, modulare Schulungskonzepte entwickelt und umgesetzt, die gezielt fachliche Expertise und methodische Kompetenzen vermitteln. Dabei steht im Fokus, die Pflegequalität und Patienten­sicherheit zu verbessern sowie pflegebedingten Belastungen (Distress) wirksam entgegenzuwirken.

Im Rahmen der kontinuierlichen Qualitätsentwicklung sieht die UMG für die AQP weitere kennzahlenbasierte Themenfelder vor, etwa zu verschie­denen Pflegephänomen. Mit diesen datenbasierten Analysen ließen sich pflegerische Prozesse gezielt optimieren und evidenzbasiert weiterentwickeln.

Unterstützung für UMG-Absolventen

Die Stabsstelle Qualitätsentwicklung in der Pflege unterstützt die Absolventen der UMG bei fachlichen Fragestellungen sowie in der konzeptionellen Weiterentwicklung pflegerischer Projekte und Prozesse. Ihr zentrales Anliegen ist die kontinuierliche Verbesserung der Pflegequalität durch die Integration aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und etablierter Praxisstandards. Im Mittelpunkt steht mitwirkend eine patientenzentrierte Versorgung, die gleichermaßen die Bedürfnisse der Patienten und der Mitarbeitenden berücksichtigt.

Journal-Clubs. Die Stabsstelle initiiert für die AQP Journal-Clubs, um die evidenzbasierte Pflegepraxis zu fördern und pflegerelevante Themen unternehmensweit sichtbar zu machen. In diesen präsentieren und diskutieren die AQP aktuelle Forschungsergebnisse zu für sie relevante Themen, um wissenschaftliche Erkenntnisse kritisch zu reflektieren und in die pflege­rische Praxis zu überführen.

Ergänzend ermöglichen stationsübergreifende Arbeitsgruppen die interprofessionelle Bearbeitung praxisrelevanter Fragestellungen. Die fachliche und organisatorische Koordination dieser Formate liegt bei der Stabsstelle Pflegequalitätsentwicklung in enger Abstimmung mit der Pflegedienstleitung. Diese steuert die thematische Ausrichtung, organisiert regelmäßige Treffen und sorgt für die Integration der erarbeiteten Ergebnisse in die klinischen Versorgungsprozesse – stets mit dem Bestreben, die Pflegequalität kontinuierlich zu verbessern und fachliche Kompetenzen gezielt zu stärken. Die Journal-Clubs werden von einer Mitarbeiterin des Institutes für Pflegewissenschaft und Interprofessionelles Lernen fachlich begleitet.

Feste PQE-Tage. Ein besonderes Merkmal der Arbeit der AQP ist die Möglichkeit, regelmäßige Pflege-Qualität-Entwicklungstage (PQE) wahrzunehmen. An diesen Tagen übernehmen sie abseits des Patientenbetts Tätigkeiten in den genannten Aufgabenbereichen. Die PQE-Tage dienen der Projektarbeit, dem kollegialen Austausch sowie der Recherche und Bewertung aktueller wissenschaftlicher Literatur.

Die in der Klinik gelegenen Büros bieten dabei eine optimale Infrastruktur, um Theorie und Praxis eng miteinander zu verzahnen. Sie sind mit moderner technischer Ausstattung versehen, die sowohl effizientes Arbeiten am PC als auch die Nutzung von Videokonferenz-Tools ermöglicht. Dazu gehören leistungsstarke Computer, stabile Internetverbindungen sowie geeignete Peripheriegeräte wie Headsets, Webcams und große Bildschirme, um digitale Meetings und virtuelle Zusammenarbeit reibungslos zu gestalten.

Die Räumlichkeiten sind somit ideal sowohl für individuelles Arbeiten als auch für interaktive Teamkommunikation ausgelegt. Zudem erleichtert diese räumliche Nähe die direkte Rückkopplung mit dem klinischen Alltag, sodass praxisnahe Forschungsergebnisse schneller in die Patientenversorgung einfließen können.

Die im Artikel dargestellten Inhalte basieren auf beruflichen Erfahrungen und Projekten an der Universitätsmedizin Greifswald. Die Autoren erklären, dass keine finanziellen oder institutionellen Interessen bestehen, die das dargestellte Fachwissen oder die Bewertung der Inhalte beeinflussen.

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