• 12.08.2025
  • PflegenIntensiv
Vitual Care Unit am Luzerner Kantonsspital

"Die Virtual Care Unit ist ein Meilenstein für die digitale Pflege"

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2025

Seite 38

Das Luzerner Kantonsspital hat mit der Virtual Care Unit ein innovatives hybrides Versorgungskonzept eingeführt. Pflegefachpersonen begleiten Patienten aus der Ferne, überwachen Gesundheitsverläufe per Video und arbeiten eng mit den Teams auf den Stationen zusammen. Über Einzelheiten sprachen wir mit dem pflegerischen Leiter dieser Abteilung, António Braizinho.

Herr Braizinho, die Spitäler der LUKS Gruppe haben mit dem Aufbau einer Virtual Care Unit, kurz VCU, begonnen. Das erste Team besteht aus sieben Virtual Nurses, die von Ihnen aufgebaut und begleitet werden. Was zeichnet die VCU aus – und wie gestaltet sich die Arbeit auf dieser Station?

Die VCU ist ein neuer Versorgungs­bereich innerhalb der Spitäler der LUKS Gruppe. Sie steht für eine moderne Pflegeform, bei der digitale Technologien gezielt eingesetzt werden, um Patientinnen und Patienten virtuell zu begleiten und die Pflege vor Ort zu unterstützen. Virtual Nurses arbeiten dabei nicht am Patientenbett, sondern in einer spezialisierten Einheit. Sie beobachten Personen mit erhöhtem Überwachungsbedarf per Video, begleiten Kommunikationsprozesse, erfassen Veränderungen frühzeitig und stimmen sich eng mit den Teams auf den Stationen ab. Besonders ist, dass Pflegewissen, Technologie und Organisation hier neu zusammenwirken. Die Arbeit erfolgt vollständig digital und gleichzeitig nah an den Menschen. Virtual Nurses betreuen aus der Ferne – aber stets persönlich, sicher und interprofessionell eingebunden.

Welche spezifischen Berufserfahrungen sind für die Tätigkeit als Virtual Nurse besonders vorteilhaft?

Virtual Nurses bringen idealerweise mindestens acht Jahre Berufserfahrung in der Pflege mit. Besonders hilfreich sind Einsätze in Bereichen mit hoher klinischer Verantwortung – etwa in der Intensivpflege, Notfallpflege, Überwachungspflege oder Onkologie. Zentral ist zudem eine sehr hohe digitale Kompetenz. Virtual Nurses nutzen elektronische Patientendossiers, Videosysteme, Alarmmanagementlösungen, Sensorik und zunehmend auch KI-gestützte Assistenzsysteme. Der sichere und reflektierte Umgang mit dieser digitalen Infrastruktur gehört zum beruflichen Alltag. Darüber hinaus sind Selbstorganisation, analytisches Denken, klare Kommunika­tion und die Fähigkeit, Situationen auch auf Distanz korrekt einzuschätzen, entscheidend. Virtual Nurses sind Bindeglieder zwischen Präsenzpflege, Technologie sowie den Patientinnen und Patienten.

Inwiefern läutet die Virtual Care Unit eine neue Ära in der digitalen Pflege in der Schweiz ein?

Die Virtual Care Unit ist ein Meilenstein für die digitale Pflege. Zum ersten Mal wird eine virtuelle Pflegeeinheit fest in den klinischen Alltag integriert – nicht als Pilotprojekt, sondern als langfristiges Versorgungsmodell. Virtual Nurses erweitern die bestehende Pflege – sie ersetzen sie nicht. Sie übernehmen Auf­gaben, die sich aus der Distanz zuverlässig und wirksam erfüllen lassen. Das erhöht die Sicherheit, verbessert die Kommunikation und unterstützt die Teams auf den Stationen. Die VCU zeigt, wie Pflege hybrid gedacht werden kann: lokal verankert, digital erweitert – und dabei stets menschlich. Sie steht für das Leitbild der Pflege innerhalb der Luzerner Kantonsspital Gruppe: „Digital vernetzt. Persönlich betreut.“

Die VCU wird nach dem selbst führenden Modell von Holacracy umgesetzt, einer Managementmethode, die von flachen Organisationsstrukturen gekennzeichnet ist. Wie funktioniert die Zusammenarbeit nach diesem Ansatz?

Mit der Einführung von Holacracy in der Virtual Care Unit beschreiten wir einen bewusst mutigen und zugleich zukunftsweisenden Weg: Zum ersten Mal in der Geschichte der Luzerner Kantonsspital Gruppe wird Pflege nicht in einer klassischen Hierarchie geführt, sondern in einem selbststeuernden System mit klaren Rollen und gemeinsamer Verantwortung. Die Pflegefachpersonen in der VCU – unsere Virtual Nurses – arbeiten in einem Modell, das auf Selbstorganisation, Transparenz und Wirkung ausgerichtet ist. Holacracy ersetzt hierarchische Titel durch klare Rollen mit definierten Auf­gaben und Befugnissen. Jede Virtual Nurse übernimmt mehrere dieser Rollen – etwa in den Bereichen Patienten­sicherheit, Schulung, Prozessentwicklung oder Qualitätsmanagement – und handelt innerhalb dieser Rollen eigenverantwortlich. Die Zusammenarbeit erfolgt in sogenannten Kreisen, also kleinen, dynamischen Teams, die sich regelmäßig austauschen, reflektieren und weiterentwickeln. Entscheidungen werden dort getroffen, wo das Fachwissen liegt – nicht von oben nach unten, sondern nah an der Praxis, gemeinsam und zielorientiert. Dieser Organisationsansatz ist für den Pflegebereich ein echtes Novum. Er verlangt Vertrauen, klare Kommunikation und ein hohes Maß an professioneller Reife – eröffnet aber gleichzeitig enorme Gestaltungsspielräume und beschleunigt Innovationen. Die Virtual Care Unit ist somit nicht nur techno­logisch, sondern auch organisatorisch ein Innovationsraum, in dem Pflege von morgen erprobt und weiterentwickelt wird.

Welche Herausforderungen sehen Sie, Virtual Care Units großflächig zu implementieren und Virtual Nurses in den Klinikalltag zu integrieren?

Die größte Herausforderung ist der Kulturwandel. Pflege war bisher stark auf physische Präsenz ausgerichtet. Die virtuelle Komponente erfordert neue Denkweisen – bei Pflegenden, Ärztinnen und Ärzten sowie bei Patientinnen und Patienten. Auch technisch braucht es Voraussetzungen: stabile Systeme, gute Schnittstellen und klare Prozesse. Zudem sind rechtliche, finanzielle und organisatorische Fragen zu klären. Die Rolle der Virtual Nurse muss verstanden und anerkannt werden – als Ergänzung, nicht als Ersatz. Entscheidend ist eine sorgfältige Einführung mit guter Schulung, Einbindung der Teams und permanenter Weiterentwicklung.

Virtual Care Unit

Virtual Nurses arbeiten in einem hochmodernen, digital ausgestatteten Command Center – der Virtual Care Unit (VCU). Diese befindet sich innerhalb des Spitals, ist rund um die Uhr besetzt und gleicht in ihrer Anmutung einer Leitzentrale: Mehrere große Bildschirme, durchdachte Beleuchtung, ergonomische Arbeitsplätze und modernste Kommunikationstechnik prägen das Setting. Im Zentrum steht das simultane Monitoring mehrerer Patientenzimmer mittels Live-Videostreams und medizinischer Gerätedaten. Über eine intuitive Oberfläche auf Basis des Klinikinformationssystems Epic erhalten die Pflegefachpersonen jederzeit einen aktuellen Überblick über Vitalpara­meter, Alarme und relevante Pflegeereignisse. Mittels Headset kommunizieren die Virtual Care Nurses direkt mit Patientinnen und Patienten – zum Beispiel, um Ängste zu nehmen, einfache Bedürfnisse zu klären oder die Mobilisation zu begleiten. Parallel bleiben sie im engen Austausch mit den Pflegenden vor Ort und koordinieren bei Bedarf gezielt Unterstützung. Ihre Tätigkeit ist geprägt von professioneller Ruhe, klinischer Aufmerksamkeit und technischem Know-how. Die Dokumentation erfolgt direkt in Echtzeit und ermöglicht eine lückenlose pflegerische Verlaufserfassung. Perspektivisch können bestimmte Tätigkeiten – abhängig vom Gesundheitszustand der Patientinnen und Patienten sowie von den rechtlichen Rahmen­bedingungen – auch im Home­office erfolgen. Aktuell liegt der Fokus jedoch auf der engen Einbindung in den klinischen Alltag vor Ort. So entsteht ein neuer, hybrider Pflegearbeitsplatz: hochdigitalisiert, klinisch verankert und mit starker Nähe zu Patientinnen und Patienten – auch auf Distanz.

Was sind die nächsten Schritte für das Team, für die Weiterentwicklung und den Ausbau der Virtual Care Unit?

Die Virtual Care Unit ist seit März 2025 in Betrieb. Mit den Elementen Telesitting und Telemetrie konnten innerhalb des ersten Monats bereits rund 200 Patientinnen und Patienten begleitet werden. Erste Rückmeldungen zeigen: Die Virtual Nurses erhöhen die Sicherheit, entlasten das Personal auf den Stationen und tragen zur besseren Steuerung komplexer Pflegesituationen bei. In einem nächsten Schritt wird die Infrastruktur für Telesitting und Telemetrie auf weitere Standorte innerhalb der Spitäler der Luzerner Kantonsspital Gruppe ausgeweitet. Parallel dazu arbeiten wir an der Weiterentwicklung der digitalen Arbeitsumgebung – etwa durch intelligente Alarmfilter, automatisierte Dokumentation und die stärkere Integration von Vitalpara­metern. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Aufbau eines Smart Rooms: eines vollständig digital unterstützten Patientenzimmers mit direkter Anbindung an die VCU. Dort werden Technologien wie Epic MyChart Bedside TV, Smart TV, Raumsteuerung und Echtzeit­kommunikation zwischen Pflegefachpersonen, Virtual Nurses sowie Patientinnen und Patienten integriert und im Echtbetrieb getestet. In Kürze wird die Virtual Care Unit auch eine tragende Rolle im Rahmen unseres geplanten Hospital@Home-Angebots der Kategorien II und III übernehmen. Dabei betreuen Virtual Nurses Patientinnen und Patienten mit einem mittleren bis hohen Pflegebedarf – zu Hause, aber digital eng angebunden an das klinische System. Die VCU dient in diesem Modell als zentrale Steuer- und Betreuungseinheit. Wichtig ist dabei die klare Abgrenzung innerhalb des Gesamtprogramms Virtual Care: Projekte wie die Tele-Neonatologie sind Teil dieses strategischen Programm, jedoch nicht direkt der Virtual Care Unit zugeordnet. Ziel ist es, die VCU schrittweise in den Regelbetrieb zu überführen – als festen Bestandteil der digitalen Pflegearchitektur, vernetzt, professionell und persönlich.

Wie ist die Idee zur Virtual Care Unit entstanden?

Die Virtual Care Unit ist ein zentrales Umsetzungsprojekt innerhalb des strategischen Programms Virtual Care der LUKS Gruppe. Ziel dieses Programms ist es, Pflege neu zu denken – stärker vernetzt, digital unterstützt und konsequent auf Patientinnen und Patienten ausgerichtet. Die konkrete Idee zur Virtual Care Unit entstand aus der Beobachtung, dass zentrale pflege­rische Aufgaben – wie Überwachung, Kommunikation oder Dokumentation – auch virtuell übernommen werden können, ohne an Qualität oder Nähe zu verlieren. Gleichzeitig bietet der Aufbau einer spezialisierten Einheit eine Antwort auf aktuelle Herausforderungen: den Fachkräftemangel, die steigende Komplexität der Versorgung und die Notwendigkeit, Pflegepersonal gezielter und entlastender einzusetzen. Die Planung und Umsetzung der VCU erfolgten nicht als technologisches Experiment, sondern als praxis­orientierte Innovation. Im Vordergrund standen immer der konkrete Nutzen für die Pflege, die Integration in bestehende Strukturen und die Alltagstauglichkeit. Heute zeigt sich: Die VCU verbindet technologische Möglichkeiten mit pflegerischem Können – und schafft so eine neue Form der Betreuung, die Sicherheit, Nähe und Effizienz sinnvoll vereint.

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