• 12.11.2024
  • PflegenIntensiv
Internationale Personalrekrutierung

„Ich bin schwer davon überzeugt, ethisch einwandfrei zu handeln.“

Die Pflegedirektorin des Sana-Klinikums Remscheid, Jasmin Shmalia, über Ethik und Fairness bei der internationalen Personalakquise.

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2024

Seite 48

Viele Kliniken werben Pflegefachpersonen aus Drittstaaten an. Doch die internationale Personalakquise gerät immer mehr in Kritik. Über Ethik und Fairness bei diesem Thema sowie die zunehmende Migrationsskepsis in Deutschland sprachen wir mit Jasmin Shmalia. Die Pflegedirektorin des Sana-Klinikums Remscheid wirbt selbst organisiert Fachpersonal vor allem aus dem arabischen Raum an.

Frau Shmalia, im Rahmen des Projekts RIAP werben Sie selbst organisiert Pflegepersonal aus Drittstaaten an. Das Programm läuft mittlerweile seit zwei Jahren. Wie viele Mitarbeitende haben Sie seitdem gewonnen?

Wir haben aktuell 22 Pflegekräfte beschäftigt, die wir über RIAP gewonnen haben. Sechs werden in diesem Jahr noch einreisen. Außerdem haben wir derzeit 15 Auszubildende aus Marokko in unserer Pflegeschule – auch diese engagierten jungen Frauen und Männer haben wir über das Projekt RIAP rekrutiert.

Aus welchen Ländern stammen die angeworbenen Pflegepersonen?

Primär aus den arabischen beziehungsweise nord­afrikanischen Staaten sowie vom Balkan: Tunesien, Marokko, Vereinigte Arabische Emirate, Jordanien und Kosovo.

Haben Sie für das kommende Jahr hinsichtlich der Zahl der angeworbenen Pflegefachpersonen eine bestimmte Zielmarke?

Nein. Ich will die Pflegekräfte erst mal in Ruhe ankommen lassen und gut integrieren. Auch den inländischen Kolleginnen und Kollegen will ich etwas Zeit geben, sich an die neuen Teamstrukturen zu gewöhnen. Denn auch sie sollen sich wohlfühlen und den Integrationsprozess unterstützen. Das ist unser Anspruch und das braucht Zeit. Übrigens scheint sich RIAP positiv herumgesprochen zu haben, sodass sich auch viele internationale Pflegekräfte bei mir bewerben, die bereits in Deutschland und im Anerkennungsverfahren sind oder es gerade abgeschlossen haben.

Sie evaluieren RIAP derzeit. Auf LinkedIn schrieben Sie jüngst: „Trotz der vielen Maßnahmen, die wir bereits verwirklicht haben, stellen wir fest, dass in dem Thema Onboarding und Integration noch Luft nach oben ist.“ Wo genau besteht Optimierungsbedarf?

Die Stationsteams und Leitungen haben Sprache als größte Herausforderung benannt. Um das Thema anzupacken, sind verschiedene Maßnahmen bereits in der Umsetzung. Hierzu zählen ein tägliches individuelles Sprachtraining durch die Stationsteams, um beispielsweise gezielt Pflegeübergaben oder Telefonate zu üben. Denn wir hören oft, dass sich die internationalen Pflegekräfte nicht immer trauen, ans Telefon zu gehen. Zusätzlich erhalten alle internationalen Kolleginnen und Kollegen eine Online-Sprachförderung seitens des Anbieters Lingoda und Sprachkurse im Rahmen einer Kooperation mit der Volkshochschule. Optimierungsbedarf besteht zudem bei der Bürokratie. Was das an Zeit und Nerven kostet, kann sich keiner vorstellen, der nicht mit diesem Thema Berührung hat. Hier muss unbedingt was passieren.

Die internationale Rekrutierung von Pflegefachpersonen wird vom International Council of Nurses – ICN – und von der Weltgesundheitsorganisation – WHO – stark kritisiert. So seien die bilateralen Abkommen zwischen den meist ärmeren Herkunfts- und meist reicheren Gastländern primär an den Bedürfnissen der Gastländer ausgerichtet. Befürchtet wird zudem, dass die häufig ohnehin fragilen Gesundheitssysteme der Herkunftsländer weiter geschwächt werden. Teilen Sie diese Bedenken?

Grundsätzlich verstehe ich natürlich diese Bedenken. Aber die Anwerbepraxis unseres Klinikums zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass wir uns sehr genau anschauen, aus welchen Ländern und welche Personen wir rekrutieren. Im Rahmen von RIAP können wir die Prozesse sehr gut steuern und beeinflussen. Wir arbeiten nicht mit aggressiven Anwerbe­methoden und werden dies auch nie tun. Ich schaue mir persönlich alle Bewerbungen aus dem Ausland an, trete auch immer persönlich mit den Menschen in den Erstkontakt, erkundige mich über das Herkunftsland und spreche zum Teil auch mit den Familienmitgliedern. Außerdem bewegt sich unsere Rekrutierung in einem sehr überschaubaren Rahmen. Insofern bin ich schwer davon überzeugt, ethisch einwandfrei zu handeln. Wir nutzen niemanden aus und gehen transparent vor. Im Übrigen ist mir durch RIAP bewusst geworden, wie schwierig es ist, valide, transparente und umfassende Daten der Herkunftsländer zu erhalten. Das Thema der bilateralen Abkommen muss vor allem politisch gelöst werden – da haben das ICN und die WHO vollkommen recht.

Informationen zum Projekt „RIAP – Rekrutierung und Integration ausländischer Pflegefachkräfte“

Aufgrund unbefriedigender Erfahrungen mit Vermittlungsagenturen wirbt das Sana-Klinikum Remscheid Pflegefachpersonal aus Drittstaaten seit 2022 selbst organisiert an. Ein ausführliches Interview über das Projekt RIAP gab es in Die Schwester | Der Pfleger 11/2023.

https://bit.ly/3zb0rSV

Welche Lösungen stellen Sie sich vor?

Ich würde mir beispielsweise eine übergeordnete Instanz wünschen, die die Migration und Anwerbung von Pflegekräften aus dem Ausland überwacht. Zudem sollte es koordinierte Maßnahmen zwischen bestimmen Ländern geben, die ethisch verantwortbare Regeln und Vorgehensweisen gemeinsam definieren. Ziel muss es sein, dass Lücken im Zugang zur Gesundheitsversorgung weltweit weiter geschlossen werden.

Wenn Daten der Herkunftsländer oftmals nicht vor- liegen, wie stellen Sie dann sicher, ethisch einwandfrei Personal zu akquirieren – beispielsweise aus dem Kosovo, ein wirtschaftlich schwaches und politisch instabiles Land?

Ich darf Sie daran erinnern, dass der damalige Bundesgesundheitsminister Jens Spahn 2019 eine Vereinbarung zwischen Deutschland und dem Kosovo bezogen auf die Anwerbung von Pflegekräften getroffen hat. Bei solchen bestehenden Kooperationen sollte man sich zumindest ein Stück weit auf ethische Fairness verlassen können. Wichtig ist, es sich nicht zu leicht zu machen – in dieser Hinsicht haben Sie grundsätzlich recht. Denn eine ethisch einwandfreie Anwerbepraxis verlangt eine kontinuierliche, gewissenhafte Beschäftigung mit dem Thema. So habe ich kürzlich auch entschieden, dass das Gewinnen von Pflegekräften aus dem Kosovo erst mal keine Option mehr für mich ist. Wichtig ist für mich, dass wir am Sana-Klinikum Remscheid bald das Gütesiegel „Faire Anwerbung Pflege Deutschland“ in den Händen halten, um unser nachhaltiges Handeln in der Rekrutierung von Pflegekräften aus Drittstaaten auch nach außen hin zu demonstrieren.

In der Bevölkerung nimmt die Migrations­skepsis zu. Verändert sich die Stimmung auch unter Ihren Beschäftigten?

Zum Glück ist das bei uns am Sana-Klinikum Remscheid kein Thema. Vielfältigkeit und Diversität werden bei uns wirklich großgeschrieben. Doch auch daran muss fortlaufend ge­arbeitet werden. So bieten wir beispielsweise jedes Jahr interkulturelle Workshops an und holen im Hinblick auf die internationale Rekrutierung hierarchieübergreifend Feedback ein.

Sie leben in Solingen. Hat der Terroranschlag auf dem Stadtfest Ihre Einstellung zum Thema Migration im Allgemeinen und zur internationalen Mitarbeiter­akquise im Speziellen verändert?

Was in Solingen passiert ist, ist ganz, ganz schrecklich. Leider war dies nach dem Brandanschlag von 1993 das zweite schlimme Verbrechen in unserer Stadt. Aber meine Einstellung zur Migration hat sich ganz klar nicht geändert. Fachlichkeit, Leidenschaft und Offenheit – das sind die Merkmale, die mir wichtig sind und die alle Pflegekräfte am Sana-Klinikum Remscheid mitbringen sollten – egal woher sie kommen. Es gibt so unglaublich viele tolle, engagierte Pflegekräfte auf der ganzen Welt. Die Herkunft ist nicht entscheidend, sondern es geht um eine professionelle und ganzheitliche Patientenversorgung. Das ist der Fokus unseres Handels.

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