• 12.08.2024
  • PflegenIntensiv
Onkologische Pflege

"Ziel ist ein bestmöglicher Ernährungszustand"

Julius Schmidt ist seit 2023 Pflegeexperte APN an der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und der Klinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg. Die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger absolvierte er an der Universitätsmedizin Göttingen (2008–2011), es folgten das Bachelorstudium „Innovative Pflegepraxis (B. A.)“ an der Universität Witten/Herdecke (2013–2015) und das Masterstudium „Pflegewissenschaft (M. Sc.)“ an der Albert- Ludwigs-Universität Freiburg (2017–2021).

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2024

Seite 76

Bei einem Kopf-Hals-Tumor können lebenswichtige Funktionen wie Atmen, Sprechen und Essen erschwert sein. Beschwerden zu lindern und einer Mangelernährung vorzubeugen, ist die Aufgabe des Pflegeexperten APN Julius Schmidt. Wir sprachen mit ihm über seinen herausfordernden Berufsalltag.

Herr Schmidt, Tumoren im Kopf-Hals-Bereich gehen häufig mit Beschwerden beim Kauen und Schlucken einher. Was kann pflegerisch getan werden, um bei den Betroffenen eine Mangelernährung zu ver- meiden?

Wichtig ist die möglichst frühe Einbindung in das Ernährungsmanagement, idealerweise bereits vor der OP, denn viele unserer Patientinnen und Patienten sind bereits zum Zeitpunkt der Diagnosestellung von einer Mangelernährung betroffen oder zumindest davon bedroht. Damit eine frühe Einbindung gelingen kann, ist es absolut entscheidend, Risikopatienten zu identifizieren. Hierzu nehmen die Pflegefachpersonen im Rahmen der Pflege­anamnese eine Einschätzung mithilfe des „Nutritional Risk Screening“ vor. Übrigens ist es nicht wichtig, welches Instrument zum Einsatz kommt, solange man es systematisch an- wendet.

Wann kommen Sie als Pflegeexperte ins Spiel?

Sobald ein Patient ein positives Screening erzielt, werde ich hinzugezogen. Im Rahmen eines erweiterten Assessments bewerte ich neben dem Schweregrad einer Mangelernährung Veränderungen in der Nahrungszufuhr und erfasse ernährungsrelevante Symptome. Dazu zählen häufig verschiedene Schluck­beschwerden und gastrointestinale Symptome wie Diarrhö, Obstipation und Übelkeit. Die Informationen aus dem Assessment stellen dann die Grundlage für die weitere Betreuung des Patienten dar. An dieser Stelle möchte ich mit der noch immer verbreiteten Annahme aufräumen, dass allein der Body-Mass-Index für die Identifikation einer Mangelernährung ausreicht. Vielmehr ist es so, dass auch normalgewichtige und adipöse Patienten mangel­ernährt sein können. Wichtig ist deshalb, neben dem BMI auch Kriterien wie Nahrungsaufnahme und ungewollter Gewichts­verlust in die Bewertung einzubeziehen.

Ist ein bestimmter Ernährungszustand nötig, um die Operation überhaupt durchführen zu können?

Es geht eindeutig aus verschiedenen Studien hervor, dass ein guter Ernährungszustand die Genesung nach einer Operation positiv beeinflusst. Gut ernährte Patienten sind nach einer großen OP deutlich seltener von Komplikationen betroffen und haben im Schnitt eine kürzere Verweildauer im Krankenhaus als mangelernährte Patienten. Deshalb ist unser Ziel ein bestmöglicher Ernährungszustand, be­vor Patienten operiert werden. Da zwischen der Diagnosestellung und dem geplanten OP-Termin in der Regel mehrere Wochen liegen, sollte dieses Zeitfenster ideal genutzt werden, um entsprechende Reserven durch eine hochkalorische und eiweißreiche Ernährung auf­zubauen. Es ist für viele Betroffene natürlich schwierig, ihre Kochgewohnheiten so kurzfristig zu verändern. Da häufig auch Schluckprobleme erschwerend hinzukommen, sollte der Ernährungssupport so einfach wie möglich gestaltet werden. Als eine optimale Möglichkeit hat sich eiweißreiche Trinknahrung bewährt. Die Patienten erhalten von mir eine Beratung und ein Rezept für eine individuell abgestimmte Trinknahrung für die Zeit bis zur OP. Zusätzlich führe ich immer eine Verkostung der verschiedenen Geschmacksrichtungen durch, denn selbst die beste Empfehlung wird nur dann nachhaltig umgesetzt, wenn die Trinknahrung dem Patienten auch schmeckt. Der Nutzen einer nutritiven Prehabilitation ist übrigens auch in den einschlägigen ERAS-Konzepten wiederzufinden, die inzwischen in allen chirurgischen Disziplinen zum Einsatz kommen. ERAS steht für „Enhanced Recovery after Surgery“ und zielt auf eine möglichst schnelle Genesung nach einer OP ab.

Wie erfolgt der Kostaufbau nach der Operation?

Bei kleinen Tumoroperationen können die meisten Patienten unmittelbar nach dem Eingriff wieder oral essen, bei großen Tumoroperationen wird vorübergehend eine nasale Magensonde zur enteralen Ernährung eingesetzt. Den Patienten wurde entweder der Kehlkopf entfernt oder der Tumor war so groß, dass eine Rekonstruktion des Wunddefekts durch ein Muskeltransplantat nötig war. Nach einer solchen OP haben die Patienten ein entsprechend großes Wundgebiet im direkten Speiseweg. In diesen Fällen erfolgt die Ernährung zunächst enteral für 10 bis 14 Tage über eine Magensonde, bevor ein oraler Kostaufbau begonnen werden kann. Der Kostaufbau sollte im Prinzip so gestaltet werden, dass die Ernährungsziele zügig erreicht werden und gleichzeitig die Toleranz der Patienten beachtet wird. Wichtig ist auch die Begleitung durch ein gutes Symptommanagement, um Beschwerden so gering wie möglich zu halten. Den oralen Kostaufbau beginnen wir mit sogenannter konsistenzangepasster Kost, also pürierten oder flüssigen Mahlzeiten, die für den Patienten gut schluckbar sind. Da solche Speisen eine eher niedrige Nährstoffdichte haben, ergänzen wir durch hochkalorische Supplemente wie Trinknahrung oder eiweißreichen Pudding. Die orale Kostaufbauphase wird zusätzlich durch unsere geschätzten Kolleginnen der Logopädie begleitet, die einen ganz zentralen Beitrag zur frühen Schluckrehabilitation der Patienten leisten. Bei der Kalorien- und Proteinzufuhr orientieren wir uns an den einschlägigen Leitlinien der Fachgesellschaften. In der Regel erreichen die meisten unserer Patienten ihre Ernährungsziele etwa ab dem fünften Tag nach der OP. Falls uns das im Einzelfall nicht gelingt, nutzen wir die Möglichkeit einer ergänzenden parenteralen Ernährung, welche sich jedoch nur als Brücken­lösung verstehen sollte. Bei besonders komplexen Fällen arbeite ich eng mit den ärztlichen Kollegen und Ernährungsfachkräften unserer Sektion Ernährungsmedizin zusammen, um im interprofessionellen Austausch gute Lösungen zu finden.

Kopf-Hals-Tumoren

Krebsarten, die in der Mundhöhle, im Rachen, im Kehlkopf oder in Nase und Nasennebenhöhlen auftreten, werden mit dem Begriff Kopf-Hals-Tumoren zusammengefasst. Am häufigsten tritt das Plattenepithelkarzinom auf. Mögliche Symptome bei Kopf-Hals-Tumoren reichen von Heiserkeit über Kau- und Schluckbeschwerden bis hin zur eingeschränkten Atmung. Bei Kopf-Hals-Tumoren werden meistens Operationen und/oder eine Bestrahlung vorgenommen. Chemo­therapien können eine Bestrahlung ergänzen. Eine weitere Option sind heute immunonkologische Therapien. Rauchen und Alkoholkonsum sind die Hauptrisikofaktoren für Kopf-Hals-Tumoren.

Was sind typische postoperative Beschwerden und wie wirken sich diese auf die Ernährung aus?

Schluckbeschwerden sind sehr häufig, schließlich haben wir es mit großen Wundflächen, geschwollenem und irritiertem Gewebe im direkten Speiseweg zu tun. Insbesondere treten nach der Anlage eines Tracheostomas häufig Schluckstörungen auf. Der erste Schritt besteht in der Auswahl einer geeigneten Kost. Bei frischen Wunden im Rachen sind die meisten Patienten dankbar über ein weiches oder flüssiges Speisenangebot, das keine scharfen oder sauren Zutaten enthält. Wir empfehlen unseren Patienten außerdem, die Speisen gut abkühlen zu lassen, denn heißes Essen oder Getränke sind nach einer OP nicht nur unangenehm, sondern können das Risiko einer Nachblutung erhöhen. Bei Patienten mit Tracheostoma und großen Wundarealen kann das Schlucken so weit beeinträchtigt sein, dass die Gefahr einer Aspiration, also dem Eindringen von Speisen und Flüssigkeit in die Atem­wege, besteht. Die Folge kann eine schwere Lungenentzündung sein. Hier kann es eine Strategie dar­stellen, Speisen und Getränke mit einer speziell angedickten Konsistenz anzubieten. Unsere Zentralküche ist für diese Fälle gut aufgestellt und hält entsprechende Kostformen bereit. Ernährungsmanagement sollte als ein multiprofessioneller Auftrag verstanden werden. Deshalb ziehe ich bei Schluckstörungen grundsätzlich unsere Logopädie hinzu, die in diesem Feld eine besondere Expertise besitzt.

Manche Patienten erhalten neben der Operation auch eine Bestrahlung oder Chemotherapie. Wie wirkt sich dies auf die Ernährung aus?

Tatsächlich stellen eine Radio- oder Chemotherapie eine sehr kritische Phase für die Ernährung dar. Beide Therapieformen werden durch schwere Nebenwirkungen begleitet, die sich ungünstig auf die Ernährung der Patienten auswirken. Hierzu zählen neben Übelkeit, Erbrechen und Appetitlosigkeit vor allem die Entzündung der Schleimhaut im Mund, Rachen und Verdauungstrakt. Nahezu alle Patienten, die im Mund- oder Halsbereich bestrahlt werden, sind im Verlauf der Therapie von einer Entzündung der Schleimhäute betroffen. Wir bezeichnen das als radiogene orale Mukositis. Der Schweregrad kann dabei von leichten Entzündungen und Mundtrockenheit bis hin zu schweren, sehr schmerzhaften Ulzerationen reichen. Die meisten von uns wissen, wie schmerzhaft eine einzelne Aphte im Mund sein kann. Bei diesen Patienten kann der gesamte Mundraum betroffen sein. Unter diesen Umständen sind Schlucken und essen kaum noch möglich oder zumindest schwer beeinträchtigt. Da helfen in der akuten Phase nur eine gute Symptomkontrolle und engmaschiges Monitoring der Ernährung.

 

Neues Netzwerk für pflegerische Ernährungsexperten

Pflegerische Ernährungsexpertinnen und -experten haben innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) einen Ausschuss Pflege gegründet, der der fachlichen Weiter­entwicklung und Positionierung der Pflegeprofession innerhalb des Ernährungsmanagements dienen soll. Wer Interesse an einer Mitarbeit hat, kann sich melden unter: infostelle@dgem.de. Das DGEM-Sekretariat leitet die E-Mails an den Ausschuss Pflege weiter.

Wie gehen Sie vor, um Schmerzen zu lindern?

Wir haben gute Erfahrungen mit sogenanntem analgetischen Reisschleim gemacht. Das ist eine selbst gemischte Rezeptur aus einem kalten Reisschleim, einem Lokalanästhetikum, einem stark wirksamen Schmerzmittel und Kortison. Der Reisschleim wird vor einer Mahlzeit eingenommen und führt zu einer kurzen, aber spürbaren Linderung der Beschwerden. Viele Patienten sind wirklich dankbar darüber, denn so können sie häufig zumindest halbwegs schmerzfrei essen und trinken. In sehr schweren Fällen, spätestens wenn keine hinreichende Ernährung mehr möglich ist, sollte frühzeitig die Anlage einer PEG erfolgen. Jedes Kilogramm Gewicht, das durch ein zu spätes Handeln verloren geht, muss sich der Patient sehr mühsam zurückerkämpfen.

   

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