Im Zentral-OP des Agaplesion Diakonieklinikums Hamburg erhalten Patienten Wassereis, um postoperativer Übelkeit und Erbrechen vorzubeugen.
Postoperative Übelkeit und Erbrechen (PONV) ist ein typisches anästhesiologisches Problem. Mit einer Inzidenz von 20 bis 30 Prozent ist PONV die häufigste Nachwirkung einer Narkose. Gerade im Aufwachraum wird dies besonders deutlich.
Patientinnen und Patienten erleben PONV als sehr belastend und äußerst unangenehm. Auch auf die Patientenzufriedenheit hat es starke Auswirkungen. So äußern Patienten oftmals schon im Vorfeld der Operation ihre Sorge einer möglichen postoperativen Übelkeit mit Erbrechen. Damit steht die Vermeidung von PONV für sie auf der Prioritätenliste sogar noch vor dem Wunsch nach Schmerzfreiheit [1].
Wirkung von Eis
Eine im British Journal of Anaesthesia veröffentliche Studie untersuchte in einem Krankenhaus in den Niederlanden die Bedeutung von Eis zur Verringerung postoperativer Übelkeit und Erbrechen genauer. Die Hypothese: Eis während der postoperativen Zeit im Aufwachraum verringert die Inzidenz von PONV [2]. Im Meander Medical Centre in Amersfoort wurden dazu Männer und Frauen aus einer Zufallsstichprobe von 1.668 Patienten untersucht. Die Stichprobe erstreckte sich über einen Zeitraum von insgesamt sechs Monaten – innerhalb einer Zeit von drei Monaten vor der Einführung von Eis und innerhalb von drei Monaten nach der Einführung von Eis. Alle Patienten waren über 18 Jahre alt und unterzogen sich einer großen elektiven Gelenkersatz-Operation. Tracheotomierte und postoperativ beatmete Patienten blieben für die Stichprobe absichtlich unberücksichtigt.
Die Studie kam zu einem eindeutigen Ergebnis: PONV trat seltener auf und war zudem weniger schwerwiegend. Auch der Einsatz von Antiemetika – Medikamente zur Unterdrückung von Übelkeit und Erbrechen – war mehr als halbiert worden. Somit scheint Eis ein funktionierender Schlüssel in der Reduzierung von PONV zu sein. Allerdings war dieser Effekt nur bei jenen Patienten zu beobachten, die postoperativ Morphin als Analgesie erhalten hatten.
Tatsächlich beschreibt die Fachliteratur nur positive Aspekte von Eis. Es kühlt und erfrischt die Schleimhäute im Mund- und Rachenraum, die infolge eines Tubus oder einer Larynxmaske gereizt sind. Ebenso hilft es bei schlechtem Geschmack im Mund, denn gerade nach der OP-bedingten langen Phase der Nüchternheit ist der Mund unangenehm trocken. Eis verbessert somit Wohlbefinden und Zufriedenheit der Patienten und deren Zufriedenheit wirkt wie ein kleiner Belohnungsfaktor. Aber vor allem hilft Eis gegen PONV.
Einführung und Erfahrungen im DKH
Die Autorin absolvierte von März 2021 bis Februar 2023 eine Fachweiterbildung zur Fachpflegerin für Anästhesie. Für ihre Abschlussarbeit im Jahr 2022 beschäftigte sie sich mit dem Thema Eis im Aufwachraum, das bis dahin im Agaplesion Diakonieklinikum Hamburg (DKH) noch nicht für postoperative Patienten zur Verfügung stand. Von den Vorteilen überzeugt, besprach sie sich mit dem zuständigen Chefarzt, der gemeinsam mit ihr für die unkomplizierte Umsetzung sorgte. Über den Klinikeinkauf bestellten sie vorgefertigte Wassereistüten in den Geschmacksrichtungen Cola, Zitrone, Orange, Himbeere und Kirsch sowie ein Gefrierfach für den Aufwachraum. Binnen zwei Wochen war die „hauseigene Eisdiele“ eingerichtet.
„Das ist das beste Eis meines Lebens“ oder „Das schmeckt wie in meiner Kindheit“ sind häufige Patientenreaktionen auf das Eis nach einer Operation. Das Eis erhalten die frisch operierten Patienten im Aufwachraum erst dann, wenn alle Schutzreflexe wieder ausreichend vorhanden sind, also wenn der frisch operierte Patient wieder vollständig wach und orientiert ist. Wichtig ist außerdem, dass wir keinen Patienten Eis verabreichen, die eine Nahrungskarenz einhalten müssen.
In unserem Aufwachraum beobachteten wir, dass Eis die Schleimhäute erfrischt, kühlt und somit den Patientenkomfort und auch das Wohlbefinden deutlich steigert. Die Patienten fühlen sich besonders gut behandelt und betreut.
Bereits im Prämedikationsgespräch erhalten die Patienten seitens unserer Anästhesistinnen und Anästhesisten wichtige Informationen zu PONV und der angenehmen Wirkung von Eis. Somit wissen die Patienten schon vor der Operation, auf was sie sich im Aufwachraum freuen dürfen. Und die Patienten, die mehrfach operiert werden müssen, freuen sich bereits beim Einschlafen auf ihr Eis nach dem Aufwachen.
Auch die Mitarbeiterzufriedenheit ist gestiegen. Denn seit wir den Patienten Eis anbieten, hat sich die Atmosphäre im Aufwachraum deutlich verändert. Die Stimmung ist viel entspannter. Wir sehen glückliche und zufriedene Patientengesichter und mitunter vernehmen wir auch ein genüssliches Schmatzgeräusch. Insbesondere bei unseren jüngsten Patienten ist Eis sehr gut einsetzbar. Ungefroren eignet sich die bunte und süße Flüssigkeit auch hervorragend für die Prämedikation mit den nicht schmeckenden Medikamenten, zum Beispiel Midazolam.
Eis hat zudem einen gewissen Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung. So haben wir im Agaplesion DKH beobachtet, dass Patienten nach der Gabe von Eis mitunter weniger Opiate benötigen oder Nichtopioide in Kombination mit einem Eis häufiger ausreichen. Besonders interessant ist die postoperative Reaktion dementer Patienten auf Eis. Dessen Gabe scheint deren Zugänglichkeit zu erhöhen: Gerade demente Patienten nahmen das Angebot eines Eises sehr gern an, genossen es sichtlich und die Compliance erhöhte sich.
Im Übrigen haben wir viel positives Feedback von den weiterversorgenden Stationen erhalten. So holen sich die Kolleginnen und Kollegen der Intensivstation gern Eis für Patienten, die lange beatmet waren. Diese leiden sehr oft unter einer Dysphagie. Denn schon das Trinken ist dann erschwert. Auch an Patienten, die nach der Extubation delirant sind oder bei denen ein Delir droht, zeigt Eis eine positive Wirkung.
Insgesamt sind die Ergebnisse der britischen Studie und die Erkenntnisse der Fachliteratur mit unseren Beobachtungen übereinstimmend: Eis hilft, PONV zu verhindern (Textkasten: Fallbeispiel).
Fallbeispiel: Junge Frau nach Mammareduktionsplastik
Eine junge Frau hatte sich einer fünfstündigen plastischen Operation an der Brust unterzogen. Trotz totaler intravenöser Anästhesie (TIVA) und Antiemetika litt sie im Aufwachraum unter starker PONV. Wir erzählten ihr vom Eis und dessen Wirkung. Sie nahm das Angebot eines Zitroneneises an und es war verblüffend zu beobachten, wie schnell es ihr besser ging. Das Erbrechen verschwand und ihre Übelkeit nahm stetig ab.
Kosteneinsparungen
PONV ist der häufigste Grund für eine ungeplante postoperative stationäre Aufnahme nach einer ambulanten Operation und hat somit auch ökonomische Aspekte. Außerdem bleiben vielen Patienten nach Anästhesie und Operation am ehesten drei unangenehme Nachwirkungen in Erinnerung: Kältezittern (Shivering), also die Kompensationsreaktion des Körpers auf den Wärmeverlust infolge der Anästhesie, PONV und Schmerzen.
Daher ist die Minimierung von PONV mittels der Stellschraube Eis eine kostengünstige und nichtinvasive Maßnahme mit maximalem Ergebnis und Nutzen für den Patienten. Die Kosten halten sich sehr gering. 200 Wassereis kosten 13 Euro, ein Eis umgerechnet also 6,5 Cent. Und der dafür benötigte Gefrierschrank war eine Einmalinvestition in Höhe von 179 Euro. Hinzu kommen noch die Stromkosten für den Betrieb des Gefrierfachs.
Zwar nimmt nicht jeder Patient unser Eisangebot wahr, dafür konsumieren andere auch schon mal mehr als ein Eis. Täglich operieren wir bis zu 40 Patienten. Mit dem Klinikeinkauf haben wir daher vereinbart, zweimal wöchentlich jeweils 60 Eis zu bestellen.
Die Investition in Eis und Gefrierfach lohnt sich. Denn die Aufwendungen für Antiemetika sind im Vergleich deutlich höher: So kosten im Klinikeinkauf beispielsweise 100 Stück
- Fortecortin, Wirkstoff Dexamethason, 54,70 Euro,
- Ondansetron, Wirkstoff Zofran, 38,80 Euro,
- Xomoliox, Wirkstoff Droperidol, 86 Euro.
Eis hat aus unserer Sicht somit nur positive Aspekte: Es steigert den Patientenkomfort immens und ist daher auch ein Qualitätsmerkmal. Es macht darüber hinaus Patienten wie Mitarbeiter glücklicher. Und schließlich ist Eis eine kostengünstige Alternative zu Antiemetika.
[1] Eberhart L, Morin A, Geldner G, Wulf H. Minimierung von Übelkeit und Erbrechen in der postoperativen Phase. Dtsch Arztebl 2003; 100 (40): A-2584/B-2154/C-2027. Im Internet: www.aerzteblatt.de/archiv/38706/Minimierung-von-Uebelkeit-und-Erbrechen-in-der-postoperativen-Phase
[2] Johns DE, Gerling V, Pasker-de Jong PCM. Ice pops in the recovery room: effects on postoperative nausea and vomiting. British Journal of Anaesthesia 2017; 118 (4): 637–638. https://doi.org/10.1093/bja/aex063