• 30.09.2022
  • PflegenIntensiv
Pflegerische Expertengruppen am Klinikum Passau

"Die Idee hat sich bewährt"

Florian Kudlacek leitet die kardio-anästhesiolo gische Intensivstation am Klinikum Passau. Der 38-Jährige ist Fachgesund-heits- und Krankenpfleger für Anästhesie und Inten-sivmedizin und hat ein Bachelorstudium in Business Administration durchlaufen. Aktuell absolviert er an der Technischen Hochschule Deggendorf ein berufs-begleitendes Masterstudium in Management mit dem Schwerpunkt Personal.

PflegenIntensiv

Ausgabe 1/2022

Seite 38

Die kardio-anästhesiologische Intensivstation am Klinikum Passau hat sechs pflegerische Expertengruppen gebildet, um Entscheidungsprozesse zu beschleunigen. Stationsleiter Florian Kudlacek erklärt das mittlerweile preisgekrönte Konzept im Interview.
 

Herr Kudlacek, Sie haben auf Ihrer Intensivstation pflegerische Expertengruppen gebildet, um therapiebezogene Prozesse zu beschleunigen. Können Sie Ihr Konzept bitte näher beschreiben?

In der Intensivpflege finden viele Abläufe unter einem enormen Druck statt. Umso frustrierender ist es, wenn einige Prozesse durch das Warten auf wenige Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger ins Stocken geraten. Um künftig schnellere Verfahren zu gewährleisten, haben wir auf unserer Station Expertengruppen geschaffen, die sich auf verschiedene Themen der Intensivpflege spezialisiert haben. Die Gruppenmitglieder können nun Entscheidungen selbst treffen, wodurch sich Prozesse enorm beschleunigen. Die Implementierung des Konzepts bewirkte rasch einen enormen Motivationsschub der beteiligten Kolleginnen und Kollegen sowie eine qualitative Verbesserung unserer pflegerischen Arbeit.

Was waren vor Etablierung der Expertengruppen typische Prozesse, die aufgrund von unnötigem Warten auf Entscheidungsträger ins Stocken gerieten?

Typische Beispiele sind die Änderung von Behandlungsstandards, das Aufarbeiten des Fehlermanagements sowie die Entwicklung und Freigabe von Schulungskonzepten. Zudem kam es nicht selten vor – wie wohl in allen Intensivteams –, dass fachliche Fragen an die Stationsleitung oder den Oberarzt gemeldet wurden, ohne dass es schließlich zu einer Entscheidung kam.

Fühlen sich die bisherigen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger durch die neue Struktur nicht übergangen?

Nein, die Mitglieder des Führungsteams unserer Abteilung haben kein Problem damit, Kompetenzen abzugeben. Die Qualität der Versorgung zählt – und die hat sich zweifelsohne verbessert.

Zu welchen Themen haben Sie Expertengruppen gebildet?

Dies sind folgende Themen: ECMO/ECLS, Beatmung und Weaning, Bewegung und Delir, Wundmanagement, Ernährung. Jeder Expertengruppe gehören drei bis sechs Pflegende an.

Handelt es sich um rein pflegerische Experten­gruppen?

Ja, es handelt sich ausschließlich um pflegerische Kolleginnen und Kollegen. Die Gruppen werden jedoch um ärztliche Mitarbeitende oder Mitglieder anderer Berufsgruppen wie Physio- und Ergotherapie sowie Atmungstherapie bedarfsgerecht erweitert. Es befindet sich auch immer eine Praxisanleiterin oder ein Praxisanleiter in der Gruppe, um organisatorische Aspekte besser abstimmen zu können.

Sind weitere Expertengruppen geplant?

Wir diskutieren gerade im Führungsteam, eine weitere Gruppe zum Thema Sepsis und Hygiene zu gründen. Allerdings muss dies auch personell gestemmt werden können. Eine Überforderung unserer Kolleginnen und Kollegen wollen wir keinesfalls erzeugen.

Über wie viel Erfahrung verfügen Sie mittlerweile mit den Expertengruppen? Hat sich das Konzept bewährt?

Im Herbst 2020 kam uns im Führungsteam der Gedanke, pflegerische Expertengruppen zur Beschleunigung der Prozesse zu schaffen. Bis Anfang 2021 hatten sich alle Gruppen formiert und es wurde eine Kick-off-Veranstaltung abgehalten, um alle Mitar­beitenden über das neue Konzept zu informieren. Heute ist festzustellen, dass sich die Idee auf jeden Fall bewährt hat. So haben die Gruppen beispiels­weise diverse Kurzfortbildungen samt Aushang nach dem Beispiel der „One Minute Wonder“ erstellt, ein Konzept zur grundsätzlichen ECMO-Therapie entwickelt, ein neues Ernährungsprotokoll erstellt, die Umstellung der Inhalationstherapie initiiert und ein Stufenkonzept für die Mobilisation vorangetrieben. Die ersten Erfahrungen haben zudem unsere Grundsätze bestätigt, auf die wir uns von Beginn an verständigt haben: So sollte es in jeder Gruppe mindestens einen Praxisanleitenden geben. Kein Mitarbeitender unserer Station sollte in zwei Gruppen gleichzeitig Mitglied sein.

Welche Funktion übernehmen die Praxisanleiterinnen und Praxisanleiter in den Gruppen?

Die Praxisanleiterinnen und Praxisanleiter übernehmen eine zentrale Funktion. Sie sind für die Organisation der jeweiligen Gruppe und sind für die Terminabsprache und -planung zuständig. Sie organisieren die Räumlichkeiten und Medien und übernehmen die Protokollführung. Zudem sind sie für die inter- und intradisziplinäre Kommunikation zuständig. Dies bedeutet, bei Bedarf andere Berufsgruppen miteinzubinden, in spezifische Geräte einzuführen und darauf zu achten, dass die von den Gruppen entwickelten Standards mit den allgemeinen Verfahrensanweisungen des Klinikums Passau sowie mit den aktuellen Leitlinien und Expertenstandards konform gehen.

„New Work Award“: Auszeichnung für innovative Arbeitskonzepte
Seit 2013 verleiht die New Work SE – ein deutsches Unternehmen, das u. a. das soziale Netzwerk Xing betreibt – jährlich den „New Work Award“ für „zukunftsweisende Arbeit im deutschsprachigen Raum in verschiedenen Kategorien“. Hierbei werden laut New Work SE Einzelpersonen, Teams oder Organisationen, die „mit ihren Ideen die Arbeitswelt revolutionieren“, ausgezeichnet.

Sie haben mit Ihrem Ansatz den dritten Platz beim „New Work Award“ (siehe Textkasten unten, Anm. d. Red.) gewonnen. Was bedeutet Ihnen und Ihrem Team diese Auszeichnung?

Wir verstehen diesen Preis als Auszeichnung für die gesamte Pflege – denn unser Ansatz zeigt, was Pflege in der direkten Versorgung der Patientinnen und Patienten täglich leistet. Wir sind sehr stolz, dass wir auf den dritten Platz gewählt wurden. Wir haben uns in der Vorauswahl für eine Nominierung in die engere Auswahl qualifiziert und wurden daraufhin mittels Online-Voting auf den dritten Platz gewählt. Die Jury hob hervor, dass sich trotz der momentan schwierigen Zeit sechs Gruppen mit 21 Kolleginnen und Kollegen gegründet haben, die sich mit hohem Engagement der qualitativen Verbesserung der Pflege widmen. Aktuell beschäftigen sich auch weitere Stationen im Klinikum Passau mit diesem Konzept.

 

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