• 17.08.2021
  • PflegenIntensiv
Fallbeschreibung

Mit Sorgfalt Venenkatheter legen

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2021

Seite 66

Die Anlage eines peripheren Venenverweilkatheters ist in der Anästhesie eine grundlegende Standardmaßnahme. Die Autoren erklären den Vorgang und damit verbundene Komplikationen anhand einer Fallbeschreibung.

Die Anlage eines peripheren Venenverweilkatheters (pVK) durch ausreichend geschultes und erfahrenes Personal – Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachpersonen und Anästhesietechnische Assistentinnen und Assistenten (ATA) – senkt die Komplikationsrate [1, 2]. Heutzutage existieren viele Möglichkeiten, die Handhabung abseits der Versorgung der Patientinnen und Patienten zu erlernen.

Die Anlage des pVK kann an unterschiedlichen Körperstellen abhängig von Operation und Indikation erfolgen. In der Anästhesie wird üblicherweise distal am Handrücken punktiert. Die Auswahl der geeigneten Punktionsstelle hängt u. a. von der Händigkeit, der postoperativen Mobilisierung sowie vom Venenstatus einer Patientin bzw. eines Patienten ab. In der Unfallchirurgie ist z. B. die Anlage eines pVK am Hand­rücken kritisch zu hinterfragen, wenn dieser postoperativ verbleiben und die Patientin bzw. der Patient an Unterarmgehstützen mobilisiert werden soll.

Mit Anlage des pVK besteht die Gefahr von Komplikationen, die nicht selten unterschätzt werden. So können punktionsbedingte Komplikationen auftreten – z. B. Fehlpunktionen, artifiziell arterielle Punktionen (s. u.) oder die Ausbildung von Hämatomen. Im Verlauf können auch Infektionen oder Thrombosen infolge eines liegenden pVK auftreten. Daher erfordern die Anlage liegender Katheter und der Umgang mit diesen, aber auch die Evaluation der Liegezeit eines Katheters größtmögliche Sorgfalt. So sollte es obligat sein, die Notwendigkeit eines pVK täglich zu hinterfragen und somit das Infektionsrisiko zu reduzieren [1].

Fallbericht

Eine Patientin wurde für eine gynäkologische Operation in den OP-Bereich aufgenommen. Nach den üblichen Sicherheitsfragen (Nüchternheit, Allergien, Operation, Operationsseite, Zahnstatus u. a.) wurde sie auf dem OP-Tisch gelagert, in den Einleitungsraum gebracht und an die Überwachung – Basismonitoring: Elektrokardiogramm (EKG), Nichtinvasive Blutdruckmessung (NIBP) und Sauerstoffsättigung im Blut (SpO2) – angeschlossen. Im Anschluss legte eine Pflegefachperson des Anästhesieteams einen pVK (20 G) am dorsalen Handgelenk (distale V. cephalica/ V. radialis superficialis) an. Die Gefäßpunktion stellte sich problemlos dar. Beim Zurückziehen des Mandarins zum Anschließen des Dreiwegehahns war die Vene bemerkenswert gut rückläufig. Nach dem Konnektieren der pVK-Verlängerung, des Dreiwegehahns und der Infusion fiel eine Pulsation sowie ein deut­licher Rücklauf in die darüberhängende Infusion auf. Daraufhin folgte die Entscheidung zur Neuanlage eines pVK. Diesen legte die anästhesiologische Oberärztin in die V. mediana cubiti an. Nach erfolgter problemloser Narkoseeinleitung wurde über den noch liegenden Zugang am Handgelenk eine Blutgasanalyse entnommen und ein arterielles Druckmesssystem angeschlossen. Sowohl die Blutgasanalyse als auch das abgeleitete Signal über das Druckmesssystem zeigten eine arterielle Lage des zuvor gelegten pVK.

Dieser Fall belegt die Wichtigkeit einer nochmaligen Kontrolle einer venösen Lage vor Injektion von Medikamenten trotz sorgfältiger Auswahl der entsprechenden Vene und problemloser Punktion. In diesem Fall verhinderte das Anästhesieteam eine artifizielle arterielle Injektion.

Von Indikation bis Etablierung

Indikation. Für die Auswahl einer geeigneten Vene ist der Anlagezweck zu beachten. Die Indikation eines pVK kann u. a. die Applikation von parenteral zu verabreichenden Medikamenten, die Volumensubstitu­tion oder die Blutentnahme sein [1]. Über die Anlage eines pVK sollten auch Pflegefachpersonen aufklären können [1], wenn die Anästhesistin bzw. der Anästhesist entsprechend in einer Notfallsituation und nicht im Rahmen eines Prämedikationsgesprächs aufgeklärt hat. Die Handhabung sowie Risiken (Tab. 1) und Komplikationen eines pVK müssen entsprechend bekannt sein. Mögliche Risiken einer pVK-Anlage:

  • Blutung
  • Infektion
  • Gefäß-/Nervenverletzung
  • Fehl-/Mehrfachpunktion
  • Thrombose

Wahl der Größe. Die Auswahl des geeigneten pVK (Tab. 1) ist vom Zweck der Katheteranlage und von der Patientin bzw. dem Patienten (Alter, Venenstatus u. a.) abhängig. Zur Narkoseeinleitung und Aufrechterhaltung einer Narkose ist eine andere Größe notwendig als zur Volumentherapie oder Bluttransfusion. Müssen absehbar Druckinfusionen, z. B. über Druckinfusionssysteme, gegeben werden, so sind großlumige Zugänge ≥ 16 G notwendig.

Tab. 1

Gängige pVK der Größe nach aufsteigend mit den entsprechenden Durchflussraten [1]

Farbe

Größe

Gauge [G]

Durchmesser

(mm)

Länge

(mm)

Durchfluss

(ml/min)

Durchfluss

(ml/h)

Lila

26

0,64

19

13

780

Gelb

24

0,70

19

22

1.320

Blau

22

0,90

25

36

2.160

Rosa

20

1,10

33

61

3.660

Grün

18

1,30

45

96

5.760

Weiß

17

1,50

45

128

7.680

Grau

16

1,70

50

196

11.760

Orange

14

2,20

50

343

20.580

Fixierung. Die Fixierung des pVK muss mind. zwei Kriterien erfüllen: sterile Abdeckung der Einstichstelle und Schutz vor versehentlichem Entfernen des pVK. Für die Fixierung gibt es viele unterschiedliche Methoden und Materialien. Die Autoren empfehlen industriell gefertigte Fixiermaterialien mit Sichtfenster. Diese ermöglichen eine dauerhafte Beurteilung der Einstichstelle. Eine gute Fixierung ist gerade bei agitierten und incomplianten Patienten besonders wichtig. Bei kleinen Kindern besteht die Möglichkeit, die Extremität, an der der pVK angelegt ist, zusätzlich zu schienen.

Etablierung. Die Punktion der Vene ist gemäß den Vorgaben des Robert Koch-Instituts (RKI, Tab. 2) vorzunehmen. Die Desinfektion der Haut sollte mit einem hierfür zugelassenen Antiseptikum auf Alkoholbasis erfolgen, ggf. mit Zusatz von Chlorhexidin oder Octinidin [2].

Bei nicht sichtbaren und daher schwierig zu punktierenden Venen oder schon mehreren (maximal drei) Fehlpunktionen kann Ultraschall zur Identifizierung peripherer Venen hilfreich sein [2].

Eine misslungene Punktion wird häufig mit den Worten „Venenklappen“, „weggezogen“ oder „Roll­vene“ entschuldigt. Die Autoren haben die Erfahrung gemacht, dass häufig eine mangelhafte Lagerung des Arms sowie eine unzureichende Vorbereitung zu einer misslungenen Punktion führen. Die „Venenklappen“ sind ein Mythos. Perforiert die Kanüle die Venenwand, strömt Blut in die Sichtkammer des pVK. Jede Kanüle besitzt eine Schlifflänge, die mehr als das Zweifache intravasal liegen muss, damit sich die Plastikkanüle problemlos nachführen lässt. Bei Missachtung dieser Vorgabe liegt die Plastikkanüle am Venendach an und ist nicht vorzuschieben [1].

Tab. 2

Beispielhaftes Vorgehen für die Anlage eines pVK (Schritt für Schritt)

   

1

Anlage Venenstau proximal der zu punktierenden Stelle (Stauband, Venenstau an der Blutdruckmanschette)

2

Verbesserung der venösen Füllung durch Tieflagerung der Arme, Wärme oder Beklopfen der Venen

3

mehrmalige Desinfektion mit einem alkoholhaltigen Desinfektionsmittel (Einwirkzeit laut Hersteller beachten)

4

Punktion der Vene – ggf. mit vorheriger Lokalanästhesie

5

Öffnen der Stauung

6

Lagekontrolle mittels Injektion von 10 ml Natriumchlorid (NaCl)

7

Anschließen eines Dreiwegehahns

8

Fixierung der Kanüle mit Pflaster

9

Anschließen der Infusion (mit Rück- und Vorlaufprobe)

Verwendung bereits liegender pVK

Vor Verwendung eines bereits liegenden pVK ist dieser auf Infektionen im Bereich der Einstichstelle zu inspizieren. Darüber hinaus ist die intravasale Lage zu überprüfen. Dafür eignet sich die Spülung mit 10 ml Natriumchlorid (NaCl) 0,9 %. Dabei ist zu überprüfen, ob Schmerzen infolge der Injektion auftreten oder ein Paravasat im Sinne einer Schwellung o. Ä. zu erkennen ist. Lässt sich mittels Fühlen der Vene während der Applikation ein Schwirren feststellen, so ist dies ein Hinweis auf eine intravasale Lage des pVK.

Sorgfalt und Kontrolle

Die Anlage des pVK ist eine Routinemaßnahme in Krankenhäusern. Gerade deshalb ist Sorgfalt besonders wichtig. Vor Anschluss oder Applikation von Medikamenten gilt daher zwingend:

  • die intravasale (venöse) Lage kontrollieren,
  • länger liegende pVK vor Benutzung auf Infektionen untersuchen und vor Medikamentengabe testen.
 

Einen pVK legen in der Anästhesie und auf der Intensivstation ATA, Pflegefachpersonen oder Ärztinnen und Ärzte. Die Punktion ist schnell zu erlernen, aber nicht immer einfach. Die Zuhilfenahme von Ultraschall ist sinnvoll und auch für das nichtärztliche Personal erlernbar.

[1] Schalk R, Mai T, Ochmann T. Periphere Venenverweilkanülen. Ein facettenreiches Thema. Med Klein Intensivmed Notfmed 2020; 115: 550–556

[2] Prävention von Infektionen, die von Gefäßkathetern ausgehen. Teil 2 – Periphervenöse Verweilkanülen und arterielle Katheter. Empfehlung der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprophylaxe (KRINKO) beim Robert Koch-Institut. Bundesgesundheitsblatt 2017; 60: 207–215

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