• 15.11.2020
  • PflegenIntensiv
Kinder als Besucher auf der Intensivstation

Ein Gewinn für alle

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2020

Seite 50

Kinderbesuche sind auf Intensivstationen meist nur sehr eingeschränkt möglich. Gründe hierfür sind wissenschaftlich nicht belegte Annahmen – etwa, dass ein wechselseitiges Infektionsrisiko besteht oder dass Kinder traumatisiert werden könnten. Intensivstationen sollten Kinder mehr selbst entscheiden lassen, was sie ertragen wollen und können.

Erwachsene sind oft der Ansicht, Kinder vor einem Besuch auf der Intensivstation schützen zu müssen. Zu groß ist die Angst, dass sie mit dem Anblick eines Intensivpatienten oder einer Intensivpatientin (im Folgenden: Intensivpatient) – insbesondere wenn es sich um einen nahen Verwandten handelt – nicht ad-äquat umgehen können.

Eltern und Pflegende wollen das Risiko einer Traumatisierung des Kindes von vornherein nicht eingehen. Dabei vergessen sie aber häufig, dass das potenziell traumatisierende Ereignis – etwa ein Unfall oder eine Reanimation – schon vor dem Intensivaufenthalt stattgefunden hat. Werden Kinder von ihren auf einer Intensivstation behandelten Familienangehörigen ferngehalten, nimmt man ihnen die Möglichkeit,

  • Wünsche, Bedürfnisse und Schuldgefühle zu äußern,
  • Fragen zu stellen und damit das Geschehene besser zu verstehen,
  • kindgerecht zu trauern,
  • sich als gleichberechtigten Teil der Familie zu fühlen und damit ein Stück Kontrolle wiederzu­erlangen,
  • die Realität kennenzulernen, die womöglich gar nicht so drastisch ist wie vorgestellt [1].

Kinder gut auf Besuch vorbereiten

Die seit den 1980er-Jahren üblichen Geschwister- besuche auf pädiatrischen Intensivstationen zeigen, dass keine negativen Auswirkungen für die Besucherkinder oder erhöhte Infektionsraten zu erwarten sind. Es überwiegen vielmehr die positiven Aspekte: Die Besuche auf Intensivstationen ermöglichen es den Kindern, den Gesundheitszustand ihrer Schwester oder ihres Bruders besser zu verstehen. Meist empfinden sie dabei weitaus weniger Angst und Unwohlsein als vermutet. Und: Die Besuche von Kindern stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl der Familien [2].

Damit der Besuch auf der Intensivstation für alle Beteiligten nützlich ist, sind Kinder gut auf das Bevorstehende vorzubereiten. In einer kindgerechten Sprache ist ihnen schon vorab behutsam zu erklären, was sie erwartet. Hierfür ist ausreichend Zeit einzuplanen. Kinder müssen zudem auf der Intensivstation einen Ansprechpartner haben, damit sie das, was sie sehen, einordnen und verarbeiten können. Sie dürfen keineswegs alleingelassen werden und ihnen muss die Möglichkeit gegeben werden, die neuen Erfahrungen zu verarbeiten und nach dem Besuch über das Erlebte zu sprechen. Unter keinen Umständen dürfen Kinder zu einem Besuch auf der Intensivstation gezwungen werden [2].

Bei der Diskussion um Besuche von Kindern auf Intensivstationen ist folgender Aspekt essenziell: Kindern der heutigen Generation erfahren kaum Trauerkultur. Ihnen fehlt es an Erfahrungen – insbesondere negativen Erfahrungen wie Krankheit, trauern und weinen –, die zum Leben aber dazugehören und die das Leben kontrastreich machen. Häufig fehlt angesichts der heutigen „Spaßgesellschaft“ bereits den Eltern diese Sensibilität, sodass sie diese an ihren Nachwuchs nicht weitergeben [3].

Umso wichtiger ist es für das Pflegepersonal, Besucherkindern eine größtmögliche Aufmerksamkeit zu schenken. Kindgerechte Erklärungen und vor allem Empathie helfen, anfängliche Ängste abzubauen. So kann der Besuch auf der Intensivstation ein Gewinn für alle werden.

Für Besucherkinder macht es einen Unterschied, ob sie einen Elternteil oder Geschwister auf der Intensivstation besuchen. Die Reaktionen auf das Geschehene werden entsprechend unterschiedlich verarbeitet. Auch das Alter bzw. die Entwicklungsstufe des Kindes sowie die Bindung zwischen Kind und Patient haben einen nicht unerheblichen Einfluss darauf, wie der Besuch verarbeitet wird und welchen Effekt er hat.

Immer mehr Intensivstationen erlauben Kinderbesuche

Mit Blick auf die internationale Studienlage ist festzustellen, dass Kinderbesuche auf der Intensivstation völlig unterrepräsentiert sind. Zudem existieren kaum verlässliche Zahlen darüber, wie hoch der Prozentsatz minderjähriger Besucher ist. Es gibt bei diesem Thema einen erheblichen Nachholbedarf, sowohl was wissenschaftliche Untersuchungen als auch Konzepte zur Integration von Kindern auf der Intensivstation angeht.

Dennoch ist festzustellen, dass – weltweit – immer mehr Intensivstationen restriktive Haltungen gegenüber Familien- und Kinderbesuchen aufgeben und zunehmend Konzepte erarbeiten, wie minderjährige Besucher bestmöglich eingebunden und begleitet werden können. So beschreiben zahlreiche internationale Autorinnen und Autoren einen Paradigmenwechsel – zugunsten einer familienzentrierten Betreuung (family-centered care) [4].

Studien zufolge sind liberale Besuchszeiten gerade für das Pflegepersonal eine zusätzliche Anforderung, der sie im Berufsalltag gerecht werden müssen. Denn neben der Patientenversorgung müssen sie sich nun auch vermehrt um die Angehörigen kümmern. Dadurch kann es, so beschreiben es Kozub und Kollegen, auch zu Störungen in den pflegerischen Abläufen kommen [5].

Fachweiterbildungsteilnehmer führten 2015 im Helios Klinikum Siegburg eine interessante Befragung von pflegerischen Mitarbeitenden über Kinderbesuche durch [6]. Die Befragten stammten von zwei Intensivstationen: einer internistisch-kardiologischen mit 16 Betten und einer operativen mit 18 Betten. Auf beiden Stationen gab es zum Zeitpunkt der Befragung unterschiedliche Regelungen für den Besuch von Kindern: Auf der operativen Intensivstation galt eine Altersgrenze von 14 Jahren, auf der internistisch-kardiologischen Intensivstation gab es keine Alters- limitierung.

Die Mehrheit der Befragten, nämlich 65 Prozent, gab an, dass es keine festen Regelungen zu Kinderbesuchen auf ihrer Intensivstation gibt und oder diese ihnen nicht bekannt sind. Zwölf Prozent der Befragten gab an, dass der Besuch von Kindern generell untersagt sei. Trotz dieser unterschiedlichen Ansichten über bestehende Regelungen gaben nur 39 Prozent der Befragten an, dass es während des Besuchs von Kindern zu Problemen kam. Diese waren zum einen struktureller Natur, etwa wenn es Uneinigkeit innerhalb der Teams bezüglich der aktuellen Regelung gab. Zum anderen zeigte das Personal große Sorge um das psychische Wohl der Kinder beim Anblick eines schwer kranken Angehörigen. Obwohl es noch nie vorgekommen war, befürchteten die Befragten, dass sich die Kinder erschrecken und in ein anderes Zimmer laufen oder dass sie weinen oder Schlafstörungen bekommen könnten.

Aus Sicht mancher Befragter sprechen hygienische Überlegungen, die psychische Belastung der Kinder und andere psychosoziale Aspekte gegen Kinderbesuche auf der Intensivstation. Die Autoren dieser Studie gaben an, dass es dem Intensivpersonal an Hintergrundwissen im Umgang mit Kindern als Besucher mangelte. Gründe hierfür seien Zeitmangel und zu geringes Wissen über den altersgerechten Umgang mit Kindern, das weder in Grundausbildung noch in Weiterbildungen vermittelt werde. Dies führte, so die Autoren, zu Unsicherheit und – als Schutzmechanismus im Sinne der persönlichen Gesunderhaltung der Pflegenden – zur Ablehnung des Besuchs.

Das Personal sensibilisieren

Das Miteinbeziehen von Kindern als Angehörige auf einer Erwachsenen-Intensivstation gilt auch heute noch gemeinhin als problematisch. In der Folge werden Kinder weitgehend von ihren kritisch kranken Familienangehörigen abgeschirmt. Bei den Mitarbeitenden sind Angst, Unsicherheit und mangelndes Wissen über das Thema die zentralen Faktoren, die liberale Regelungen hinsichtlich Kinderbesuche verhindern. Insofern ist die Wissensvermittlung in der Intensivpflege – im Übrigen auch bei Ärztinnen und Ärzten, die lockeren Besuchsregelungen ebenfalls häufig im Weg stehen – voranzutreiben und auszubauen. Dies sollte sowohl die Fachweiterbildung in der Intensiv- und Anästhesiepflege als auch die allgemeine innerklinische Fort- und Weiterbildung umfassen, um das Personal möglichst breit für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren.

Oft wird übersehen, dass es für Kinder weitreichende psychische Konsequenzen hat, wenn diese wochenlang einen Eltern- oder Großelternteil nicht sehen dürfen. Daher müssen Intensivstationen dringend klare Verfahrensweisen entwickeln, wie mit Kindern der jeweiligen Altersstufe auf einer Intensivstation umgegangen werden sollte. Dies sollte im Rahmen einer Zusammenarbeit des medizinisch-pflegerischen Fachpersonals, von Psychologen und Psychotherapeuten sowie aus Fachpersonen aus Kriseninterventionsteams geschehen. Diese Vorgehensweise gewährleistet, dass sowohl die Ansichten des Personals, das in erster Linie für das Wohl der Patienten verantwortlich ist, aber auch die psychologischen Bedürfnisse der Kinder nicht außer Acht gelassen werden.

[1] Juen B, Brauchle G, Beck T et al. Handbuch der Krisenintervention, Innsbruck: Studia; 2003

[2] Clarke C, Harrison D. The needs of children visiting on adult intensive care units: A review of the literature and recommendations for practice. J Adv Nurs 2001; 34: 61–68

[3] Franz M. Tabuthema Trauerarbeit. 7. Auflage, München: Don Bosco Medien GmbH; 2013

[4] Liu V, Lindeman Read J, Scruth E, Cheng E. Visitation policies and practices in US ICUs. Crit Care 2013; 17: R71

[5] Kozub E, Scheler S, Necoechea G. Improving nurse satisfaction with open visitation in an adult intensive care unit. Crit Care Nurs Q 2017; 40: 144–154

[6] Dresbach D, Görlach A, Kemp M. Kinder als Besucher auf der Intensivstation. Unveröffentlichte Facharbeit im Rahmen der Fachweiterbildung für Anäshesie- und Intensivpflege, Oberberg; 2015

Die Autoren:

Maria Brauchle; Tanja Wildbahner, MSc.; Damian Chr. Dresbach

 

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