Die Versorgung eines Massenanfalls von Verletzten ist eine komplexe interprofessionelle Aufgabe, die in regelmäßigen Abständen geprobt werden muss. Ein Erfahrungsbericht des Universitätsklinikums Münster.
Dieses schreckliche Ereignis sorgte am 7. April 2018 deutschlandweit für Entsetzen: Bei einer Amokfahrt lenkte ein 48-Jähriger im Zentrum der westfälischen Stadt Münster einen Kleinbus in eine Gruppe von Menschen. Vier Personen starben, mehr als 20 wurden zum Teil schwer verletzt. Diese wurden zum Großteil umgehend in das nahe gelegene Universitätsklinikum Münster (UKM) gebracht. Um in einer solchen Situation eine bestmögliche Versorgung zu gewährleisten, ist ein ausgefeiltes innerklinisches Konzept zur Versorgung eines Massenanfalls von Verletzten, kurz MANV, notwendig.
Ein solches Konzept hatte es auch vor der Amokfahrt 2018 gegeben – und es funktionierte gut. Dennoch war das Ereignis Anlass, das Konzept erneut auf den Prüfstand zu stellen und zu überarbeiten, um auch für künftige Großschadensereignisse weiterhin gut vorbereitet zu sein.
Die Erarbeitung und Evaluation des Konzepts erfolgte durch die interdisziplinäre Arbeitsgruppe Katastrophenmanagement, der u. a. der ärztliche Leiter der Klinik für Anästhesiologie, die Pflegedienstleitung des Bereichs OP- und Anästhesiepflege, ein Vertreter der Pflegedirektion und des Klinikvorstands sowie Vertreter der Werksfeuerwehr angehören.
Da die Anästhesie im klinischen Alltag die größte Schnittmenge mit anderen klinischen Versorgern hat, ist sie im Falle eines MANV federführend.
Alarmierung, Kommunikation, Organisation: Arbeitsabläufe im Fall eines MANV
Kommt es zu einem MANV, entscheiden die erstversorgenden Organisationseinheiten vor Ort über die Art der Versorgung.
Hierzu verfügen die Rettungskräfte über eine einheitliche Sprache in Form von Sichtungskategorien. Diese werden von „akuter, vitaler Bedrohung“ bis zur Kategorie „ohne Überlebenchance“ oder „EX“ eingeteilt (Abb. 1). Die Abstufungen der Kategorien ergeben sich aus den Verletzungsmustern und der Dringlichkeit ihrer Behandlung. Lösen die Rettungskräfte vor Ort einen MANV-Alarm aus, laufen die Prozesse innerhalb der Klinik parallel an.
Der eingehende MANV-Alarm in der Klinik wird vom diensthabenden Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie entgegengenommen. Ihm obliegt es, den klinikinternen Alarm auszulösen. Hierzu verfügt die UKM-Werkfeuerwehr über einen digitalen Alarmierungs- und Kommunikationsserver (DAKS). Dieser Server ruft bei Auslösung durch die Feuerwehr alle hinterlegten Rufnummern der Mitarbeitenden und Funktionsträger so lange an, bis diese eine Antwort geben. Je nach Alarmierungsstufe variiert die Zahl der alarmierten Mitarbeitenden.
Am 7. April 2018 – dem Tag der Amokfahrt in Münster – wurden sämtliche nicht diensthabenden Anästhesie- und Intensivpflegenden des UKM alarmiert, weil das Ausmaß der verletzten Personen in der ersten Alarmierung nicht genau bestimmt werden konnte.
Die Alarmierung aller Anästhesiepflegenden wird jedoch auch bereits ab einem MANV mit zehn Patienten ausgelöst, da nicht davon auszugehen ist, dass alle alarmierten Personen den Dienst aufnehmen können. Neben den Pflegefachpersonen der Anästhesie werden auch Anästhesisten, Unfallchirurgen, Mitarbeitende der Pflegedirektion und viele Dienstleister der Klinik alarmiert. Hierzu gehören das Institut für Klinische Radiologie, die Apotheke und die UKM-Versorgungsbetriebe wie z. B. die Küche. Diese und viele andere Einheiten werden benötigt, um die gleichzeitige Notfallversorgung vieler Patienten zu gewährleisten.
Zur Koordination und Organisation der Abläufe wird eine Klinikeinsatzleitung (KEL) im Sinne eines Krisenstabes eingerichtet, in der alle beteiligten Bereiche des Klinikums vertreten sind.
Um die verletzten Personen bestmöglich versorgen zu können, wird der Regelbetrieb des Aufwachraums inklusive der integrierten Intensivstation aufgehoben. Die dort bislang behandelten Patienten werden je nach Zustand auf andere Intensivstationen oder auf Normalstationen verlegt.
Der nächste Schritt ist der Aufbau einer einheitlichen Organisations- und Kommunikationsstruktur: Alle leitenden Mitarbeitenden, die jederzeit erreichbar sein müssen, erhalten ein Telefon mit einer fest zugewiesenen Nummer. Diese Personen tragen eine rote oder gelbe Weste – je nach Einsatzbereich –, um als leitendes Personal direkt erkannt werden zu können. Telefone und Westen werden an einer zentralen Stelle von der Feuerwehr ausgegeben.
Aufbau von Notersatzstationen
Parallel zum Aufbau der Kommunikationsstrukturen werden die Notersatzstationen (NES) ROT, GELB und GRÜN sowie ein Sichtungsbereich eingerichtet (Abb. 2).
Die Notersatzstation ROT befindet sich unmittelbarer am OP, was eine sofortige operative Versorgung aller Verletzungsmuster durch ein interdisziplinäres und interprofessionelles Team ermöglicht.
Die Aufgabenschwerpunkte der Anästhesiepflege beziehen sich auf unterschiedliche Tätigkeiten am Patienten, die sich aus der jeweiligen Situation ergeben. Beispielsweise schließen die Anästhesiepflegenden die Patienten an das Monitoring an und assistieren bei allen Interventionen wie der Anlage großlumiger Katheter, der Intubation und der Vorbereitung zum innerklinischen Transport. Darüber hinaus übernehmen sie auch die intensivpflegerische Versorgung der Patienten.
Die Notersatzstation GELB ist dem roten Bereich vorgelagert und wird mit Equipment ausgestattet, das nur für diesen Fall bereitgehalten wird. Hierzu zählen mobile Sauerstoff-Gaszylinder und Infusionsständer sowie ein Wagen mit Verbrauchsmaterial. Im gelben Bereich werden Patienten versorgt, die überwachungspflichtig sind, jedoch ohne vitale Bedrohung. Hier erfolgen ausschließlich die Observation, die Stabilisierung und die medikamentöse Grundversorgung der Patienten. Die Anästhesiepflegenden sind in diesem Bereich unterstützend tätig, etwa bei der Einrichtung der NES.
Das pflegerische Personal wird in der akuten Phase des MANV von Observations- und Allgemeinstationen gestellt. Eine Verlegung in den roten Bereich ist bei zunehmender Instabilität jederzeit möglich.
Die Notersatzstation GRÜN übernimmt Leichtverletzte, die in die ambulante Versorgung entlassen werden können oder anderen Kliniken zugeführt werden, um die Situation am UKM zu entlasten.
In allen Bereichen gibt es ärztliche und pflegerische Leiter mit klar zugeordneten Aufgaben, die in Listen und Aufgabenblättern definiert sind. Wichtig ist, dass alle Mitarbeiter immer in den ihnen zugewiesenen Bereichen bleiben.
Das jeweilige Behandlungsteam betreut kontinuierlich den ihnen zugewiesenen Patienten auch während der Diagnostik und der operativen Versorgung. Der Patient kehrt anschließend primär an den zugewiesenen Aufnahmeplatz zurück.
Die patientenbezogene Dokumentation erfolgt (der Einfachheit halber) handschriftlich auf Narkoseprotokollen, bis eine digitale Akte angelegt werden kann.
MANV muss regelmäßig geprobt werden
MANV ist eine komplexe interdisziplinäre und interprofessionelle Aufgabe, die in regelmäßigen Abständen geprobt werden muss. Dies erfolgt im UKM alle zwei bis drei Jahre, dazwischen gibt es Probealarme. MANV ist eine logistische, fachliche und planerische Herausforderung für alle Beteiligten, jedoch die sicherste Methode zur Planung unvorhergesehener Großschadensereignisse.
Niklas Wiechert, B. A.
Gesamtleitung Anästhesie
Universitätsklinikum Münster
niklas.wiechert@ukmuenster.de
Hubert Otte
Stellv. Pflegedienstleiter, Gesamtleitung Anästhesie
Universitätsklinikum Münster
hubert.otte@ukmuenster