• 24.08.2020
  • PflegenIntensiv
Forschung im Intensivbereich

"Pflegewissenschaft hält immer mehr Einzug"

Dr. Peter Nydahl arbeitet zu 75 Prozent als Pflegeforscher und zu 25 Prozent als Krankenpfleger in der Klinik für Anästhesie und Intensivpflege am Universitäts klinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel. Der 56-Jährige absolvierte sein Bachelor- und Masterstudium der Pflegewissenschaft an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg und promovierte im Mai 2020 an der Universität Lübeck zum Thema Frühmobilisierung von Intensivpatienten.

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2020

Seite 50

Pflegewissenschaftliche Erkenntnisse kommen in der Praxis nicht an und die Pflegenden sind an Forschungsergebnissen kaum interessiert – so lauten gängigen Vorurteile. Mit dem Pflege- forscher Dr. Peter Nydahl sprachen wir über Möglichkeiten, pflegewissen- schaftliche Erkenntnisse für Intensivstationen besser nutzbar zu machen.

Herr Dr. Nydahl, Anfang Mai sind Sie an der medizinischen Fakultät der Universität Lübeck unter der Leitung von Professor Sascha Köpke promoviert worden – mit einer Eins. Herzlichen Glückwunsch! Wie erleichtert sind Sie?

Sehr erleichtert und glücklich! Vor allem aber bin ich stolz auf die vielen Kolleginnen und Kollegen, die bei den Forschungsprojekten mitgemacht und die Arbeit unterstützt haben. All diesen Personen danke ich sehr herzlich, denn ohne sie hätte ich es nicht geschafft.

Es handelte sich um eine kumulative – also eine aus mehreren Fachartikeln bestehende – Doktorarbeit. Welches Thema haben Sie bearbeitet?

Ich habe mich mit einem meiner Lieblingsthemen beschäftigt – mit der Frühmobilisierung von Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation. Für die Dissertation wurden insgesamt sieben wissenschaft-liche Arbeiten eingereicht, die alle in internationalen Fachzeitschriften mit Peer-Review-Verfahren publiziert wurden und bereits über 370-mal zitiert worden sind.

Was genau ist ein Peer-Review-Verfahren?

„Peer“ bedeutet Gleichrangiger und „Review“ Begutachtung. Es handelt sich um ein Verfahren, das dazu dient, wissenschaftliche Artikel vor der Publikation einer kritischen Überprüfung durch Fachleute zu unterziehen. Die Autoren der begutachteten Arbeit müssen dabei etwaige Kritik ernst nehmen und entdeckte Fehler korrigieren oder darlegen, weshalb die Anmerkungen der Begutachterinnen bzw. Begutachter unzutreffend sind, bevor die Studie publiziert werden kann.

In welchen wissenschaftlichen Fachzeitschriften wurden die in Ihrer Dissertation zusammengefassten Fachartikel veröffentlicht?

In internationalen, für die Intensivpflege und -medizin relevanten Journals wie „Critical Care Medicine“, „Nursing in Critical Care“ und „Intensive Care Medicine“.

Was ist das zentrale Ergebnis Ihrer Dissertation?

Kurz zusammengefasst: Frühmobilisierung schützt kritisch kranke Patientinnen und Patienten vor den Negativfolgen der Immobilität und trägt dazu bei, die Frührehabilitation bereits während einer kritischen Erkrankung zu beginnen. Wer Interesse an der Dissertation hat, sollte auf der Webseite des Netzwerks Frühmobilisierung vorbeischauen. Dort sind die Ergebnisse zusammengefasst und es steht ein wissenschaftliches Poster zur Verfügung. Die URL lautet www.fruehmobilisierung.de/Fruehmobilisierung/Promotion.html.

Frühmobilisierung, Delirmanagement, Angehörigen- integration – es gibt zahlreiche Themen der Intensivpflege, zu denen geforscht wird. Doch kommen die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch in der Praxis an?

Die Zeit und das Geld reichen nie aus, um Forschungsergebnisse so in die Praxis zu überführen, wie es wünschenswert wäre – es ist immer Luft nach oben. Es gibt noch viel zu tun – dennoch sind wir insgesamt auf einem guten Weg.

Woran liegt es, dass sich deutsche Intensivpflegende – wie die Berufsgruppe insgesamt – eher schwertun mit der Akzeptanz der Pflegewissenschaft?

Die Akzeptanz ist sehr gut, aber die Umstände sind alles andere als einfach. Besonders im Intensivbereich haben Pflegende immer mehr Aufgaben und Verantwortung übernommen – bei gleichzeitigem Personalabbau. Stationsleitungen sind heute schon mit dem Personalmanagement komplett ausgelastet, sodass für die Wissensvermittlung keine Zeit mehr bleibt. Hinzu kommen Hindernisse anderer Art: Der größte Teil der Forschung – auch aus dem deutschsprachigen Raum – wird auf Englisch in kostenpflichtigen Journales veröffentlicht und ist damit nur den wenigsten Pflegenden zugänglich.

Was ist zu tun, damit die Praktikerinnen und Praktiker auf der Intensivstation mehr von der Pflegewissenschaft profitieren?

Aus meiner Sicht hat sich schon viel bewegt. Nehmen wir das Beispiel „Adcanced Practice Nursing“, kurz APN. Dieses in anderen Ländern wie Australien, Irland, Teilen von Großbritannien und den USA etablierte Modell – wonach Pflegeexperten mit akademischem Masterabschluss gesetzlich geregelte, erweiterte Aufgaben in der Patientenversorgung übernehmen – ist auch hierzulande im Kommen. APN-Rollen werden zunehmend Beachtung finden, weil diese Kollegen in der Lage sind, systematisch Wissen zu generieren und in die Praxis zu transferieren. Zudem können sie Projekte implementieren und evaluieren.

Sie sind an der Uniklinik in Kiel zuständig für den Bereich Pflegeforschung, arbeiten aber auch in der Praxis – auch nach Ihrer Promotion. Was tun Sie, um pflegewissenschaftliche Erkenntnisse für die Praxis nutzbar zu machen?

Es gibt viele Wege und Ideen für den Wissenstransfer. Meine Kollegin Susanne Krotsetis und ich sprechen natürlich viel mit den patientennah tätigen Pflegenden. Je nach deren Interessen und Fragestellungen organisieren wir regelmäßige Fortbildungen, setzen die Methode „One Minute Wonder“ um sowie erstellen Pocketcards, Poster und einen monatlichen Pflegeforschungs-Newsletter. Das ist ein sehr dynamisches Geschehen: Wir erfragen die Bedarfe auf den Stationen, sprechen uns mit dem Management ab, schauen, was national und international gerade so los ist, und richten unsere Maßnahmen danach aus. Nicht selten wenden sich die Kolleginnen und Kollegen auch mit Anfragen und Anregungen direkt an uns.

Häufig heißt es, dass Pflegende sich nicht für Forschung interessieren. Wie erleben Sie das?

Ich kann dieses Vorurteil nicht bestätigen. Viele Kolleginnen und Kollegen fragen aktiv nach und sind interessiert. Einige studieren auch selbst und bringen sich engagiert in berufsgruppenübergreifender Forschung ein. Die Freude ist immer groß, wenn ein interprofessionelles Projekt abgeschlossen und auch veröffentlicht wurde. Natürlich gibt es immer auch Kolleginnen und Kollegen, die andere Interessen als Pflegewissenschaft haben – und auch das ist völlig in Ordnung.

Sie erwähnten den an Ihrer Klinik regelmäßig erscheinenden Pflege-Newsletter. Können Sie diesen Ansatz bitte näher beschreiben?

Meine Kollegin Susanne Krotsetis und ich erstellen jeden Monat einen Newsletter, in dem wir vier bis sechs aktuelle Untersuchungen zusammenfassen, bewerten und kommentieren. Die Auswahl der Studien erfolgt wie eben beschrieben – auf Grundlage der Bedarfe und Interessen auf den Stationen. Der Newsletter wird mit dem Management abgesprochen und dann im Corporate-Identity-Design an alle Teamleitungen verschickt – mit der Bitte um Ausdruck und Aushang. Die bisherigen Newsletter sind zudem im Internet zu finden. Unter der URL www.uksh.de/krankenpflege/Pflegeforschung-p-234.html sind sie für alle Interessierten frei zugänglich. Ich denke, dass ein Newsletter ein gutes und einfaches Instrument ist, um Wissen zu verbreiten.

Sie sprachen ebenfalls ein im deutschsprachigen Raum noch relativ neues Instrument an, um Pflegewissenschaft besser in der Praxis zu verorten – die Ein-Minuten-Fortbildung, international „One Minute Wonder“ genannt. Seit wann setzen Sie diese Methode in Kiel um und wie wird sie von den Pflegenden angenommen?

Die Idee der Ein-Minuten-Fortbildung ist toll und die Methode wird von den Pflegenden sehr gut angenommen. Darauf aufmerksam geworden bin ich durch den Pflegewissenschaftler Lars Krüger vom Herz- und Diabeteszentrum Bad Oeynhausen. Er hat ein Netzwerk entwickelt, damit sich Pflegende über die Ein-Minuten-Fortbildung austauschen können – mehr Infos dazu gibt es auf der Webseite omw.hdz-nrw.de/omw-netzwerk.html. Wir haben vor drei Jahren mit der Methode angefangen und versenden die Kurzfortbildungen an alle Intensivstationen. Sie sind auch im Internet zu finden unter www.uksh.de/krankenpflege/Pflegeforschung/1_Minuten _Fortbildung-p-738.html.

Netzwerke sind eine weit verbreitete Möglichkeit, um Wissen eines bestimmten Fachgebiets auszutauschen und zu verbreiten. Sie selbst sind unter anderem im Deutschen Netzwerk für Frühmobilisierung beatmeter Intensivpatienten aktiv. Welchen Stellenwert haben solche Netzwerke, um Pflegewissenschaft in der Praxis zu verorten?

Das Netzwerk Frühmobilisierung hat in der Tat einige gute, praxisnahe Forschungsprojekte umgesetzt, die ohne die Unterstützung der Pflegewissenschaft nicht möglich gewesen wären. Insofern gibt es durchaus Schnittmengen. Viele Praktiker würden hier vielleicht anmerken, dass Intensivpatienten schon immer mobilisiert wurden – auch ohne Forschung. Im Rahmen der wissenschaftlichen Projekte konnten wir aber systematisch untersuchen, in welchem Umfang und unter welchen Bedingungen Frühmobilisierung beatmeter Intensivpatienten umgesetzt wird.

Wie kam es zur Gründung des Netzwerks?

Interessierte Pflegende, Physiotherapeuten, Mediziner und andere Berufsgruppen, die ein Interesse an der Frührehabilitation von Intensivpatienten hatten, schlossen sich zusammen – um ein Forum zu bilden, das den Austausch von Erfahrungen und Wissen ermöglichte. Wir wollten gemeinsam und voneinander lernen, wir wollten uns koordinieren und auch gemeinsam Projekte umsetzen.

Das Netzwerk Frühmobilisierung gibt es ja nun schon seit einigen Jahren. Beobachten Sie, dass das Netzwerk tatsächlich zu Verbesserungen in der Praxis beiträgt?

Seit seiner Gründung im Jahr 2011 hat das Netzwerk mehr als 90 monatliche Newsletter erstellt, 14 Forschungsprojekte durchgeführt und drei nationale Konferenzen veranstaltet. Auf das Engagement der Mitglieder des Netzwerks bin ich tatsächlich sehr stolz und kann sagen: Alle leisten eine hervorragende Arbeit und tragen zur Qualitätsverbesserung auf den Intensivstationen bei. Wir haben vor einiger Zeit eine Umfrage im Netzwerk vorgenommen. 50 Prozent der Befragten äußerten, dass die Information und die Teilnahme am Netzwerk hilfreich sei, um Qualitätsverbesserungsprojekte auf den Intensivstationen auf den Weg zu bringen.

Welche anderen Netzwerke sind für die Intensivpflege bedeutsam?

Netzwerk ist ein weit gefasster Begriff – alle Organisationen, die wir in der Pflege haben, sind letztlich Netzwerke. Also sind an erster Stelle Organisationen zu nennen, die den Berufsstand als Ganzes vertreten: der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), die Pflegekammern und die Gewerkschaft Verdi. Für den Intensivbereich sind die Deutsche Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF), die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), die Euro-pean Society of Intensive Care Medicine (ESICM), die European federation of Critical Care Nurses associations (EfCCNa) sowie Unterorganisationen für bestimmte Disziplinen bedeutsam. Aber auch kleinere Organisationen zu bestimmten Themen sind wichtig wie die Netzwerke Delir, „One Minute Wonder“ und Intensivtagebuch. Aktuell entwickelt sich ein Projekt zum Thema Familienorientierte Pflege namens „ICU Families & Kids“, das aus meiner Sicht Netzwerkpotenzial hat. Einige Netzwerke sind umsonst, andere kostenpflichtig. Bei den Beitragszahlungen der erwähnten Organisationen geht teilweise jedoch ein Monatsgehalt drauf – Geld, über das Pflegende in der Regel nicht verfügen. Hier muss seitens der Fachverbände dringend nachreguliert werden.

Zu welchen Themen sollten weitere Netzwerke gegründet werden?

Sinnvoll wären Netzwerke zu den Themen Extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO), Einarbeitung neuer Mitarbeitender und gesundheitsfördernde Innenarchitektur von Intensivstationen. Es gibt noch viel Potenzial.

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