Der Kontakt mit nahestehenden Personen ist für die Genesung von Intensivpatienten immens wichtig. Angesichts der Kontaktsperren oder -einschränkungen während der Corona-Pandemie gilt es daher, kreative Kommunikationslösungen zu finden. Videotelefonie mittels Smartphone und Tablet bietet hier Potenziale, die es zu nutzen gilt.
Die Besuchsbeschränkungen auf Intensivstation infolge der Corona-Pandemie hat negative Auswirkungen auf die Betreuungssituation der Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten). Insbesondere die dadurch fehlenden bzw. massiv eingeschränkten Möglichkeiten zur Kommunikation mit Angehörigen ist für viele kritisch Erkrankte auf der Intensivstation bedenklich, denn für ihre Genesung benötigen sie die Zuwendung und Ansprache nahestehender Personen.
Die aus infektiologischer Sicht verständlichen behördlichen Anordnungen führten zu zeitweise kompletten Besuchsverboten bzw. -einschränkungen. Diese Maßnahmen dienten dem Schutz der Patienten und des Personal und damit letztlich dem Schutz der Bevölkerung. Welche negativen Folgen für die Patienten sich daraus ergeben, war zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht abschätzbar.
Patienten können in prekären Situationen wie sozialer Isolation in Ausnahmezustände geraten, die sich in Form einer Selbst- bzw. Fremdgefährdung manifestieren können. Dies zeigen sowohl Praxiserfahrungen als auch Angaben in der Literatur [1]. Zudem besteht die Gefahr, dass Patienten aufgrund von sozialer Isolation und dem Entzug von Nähe in Einsamkeit verfallen. Die Entwicklung von Ängsten kann in Zeiten der Pandemie ebenfalls verstärkt werden [2, 3].
Kreative Lösungen finden
Aufgrund der Kontaktverbote in vielen Kliniken sind kreative Lösungen gefragt, um den Kontakt zwischen den Patienten und Angehörigen aufrechtzuerhalten. Die einfachste Maßnahme ist natürlich der telefonische Kontakt. Aber auch Lösungen wie die Sprechmöglichkeit durch ein Fenster nach außen wurden verwirklicht [2].
In den meisten Kliniken befinden sich die Intensivstationen nicht im Erdgeschoss, sodass eine direkte Kontaktaufnahme von außen nicht möglich ist. Bei einer länger anhaltenden Kontaktsperre sind daher kreative Möglichkeiten der Kontaktaufnahme nötig.
Eine der am häufigsten genutzten Lösung ist die der sogenannte Videotelefonie, die den Kontakt von Patienten und Bezugspersonen risikofrei ermöglicht [4]. Für den Einsatz der Videotelefonie auf der Intensivstation sind jedoch einige Hindernisse zu überwinden. Die häufigsten Probleme und entsprechende Lösungsansätze sind in Tabelle 1 zusammengefasst.
Angesichts der Ressourcenknappheit ist es Kliniken nicht möglich, jedem Patienten ein Gerät zur Verfügung zu stellen. Somit sind Tablets von mehreren Patienten zu nutzen, wobei die hygienischen Anforderungen der Intensivstation natürlich erfüllt sein müssen. Es ist daher zu klären, welche Desinfektionsmittel aus Sicht des Geräteherstellers für die einzelnen Geräte genutzt werden können. Ob die Desinfektionsmaßnahmen für das Endgerät ausreichen, ist zudem mit der Klinikhygiene abzuklären [5].
Eine weitere zu lösende Problematik ist die noch gültige Empfehlung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und der Gerätehersteller, dass zwischen Medizinprodukten und Smartphones/Tablets ein Mindestabstand von 3,3 Metern einzuhalten ist [7].
Diese Anforderung ist auf Intensivstationen beim Intensivpatienten nur sehr schwer umzusetzen. Es empfiehlt sich daher, dass die medizintechnische Abteilung der jeweiligen Klinik gemeinsam mit den Geräteherstellern eine Lösung entwickelt. Beispielsweise ist womöglich die reine Nutzung des WLAN im sogenannten Flugmodus möglich [5].
Laut BfArM sind Störungen von Medizinprodukten durch Mobilkommunikation nicht zu erwarten, wenn folgende Aspekte beachtet bzw. Maßnahmen umgesetzt werden [7]:
- „Die vorgegebenen Sicherheitsabstände werden eingehalten.
- Die vorhandenen Medizinprodukte und Mobilfunkgeräte erfüllen die aktuellen Normen.
- Die Medizinprodukte sind funktionsfähig und in ordnungsgemäßem Zustand.
- Die Gebrauchsanweisungen und Herstellerangaben der Medizinprodukte werden beachtet.“
Die Videotelefonie aktiv unterstützen
Mitunter können auch technische Hindernisse dazu führen, dass die Möglichkeit der Videotelefonie von Intensivpatienten und Angehörigen genutzt wird. Angesichts des enormen Potenzials sollte das Team der Intensivstation diese moderne Form der Kontaktaufnahme aktiv unterstützen. Folgende Maßnahmen und Strategien sind dabei zielführend [5]:
- Pflegende sollten Patienten und Angehörige ermutigen, Kommunikationsgeräte zu nutzen, und es ermöglichen, private Geräte zu nutzen. Es kann hilfreich sein, Ladekabel bereitzustellen.
- Patienten und Angehörigen sollte ein kostenfreier WLAN-Zugang ermöglicht werden.
- Freisprechanlagen nutzen bei Patienten, die nicht oder nur eingeschränkt kommunizieren können.
- Bei der täglichen interprofessionellen Visite sollte ein fester Bezugspersonenkontakt festgelegt werden.
- Das in vielen Sprachen vorliegende frei verfügbare „COVID Ready Communication Playbook“ kann bei der Nutzung von Videotelefonie auf der Intensivstation hilfreich sein.
Positive Erfahrungen am Klinikum Weiden
Am Klinikum Weiden, einem Lehrkrankenhaus der Universität Regensburg, wurden mithilfe eines externen Spenders 50 Tablets beschafft. Die technischen Voraussetzungen für ein Patienten-WLAN mit adäq-uater Bandbreite wurden zuvor geklärt. Die beschafften Tablets erfüllen folgende Voraussetzungen für den Einsatz am Patientenbett:
- Sie können mit den in der Klinik verfügbaren Desinfektionsmitteln gereinigt und desinfiziert werden.
- Sie erfüllen die Ansprüche an die Robustheit und Sturzsicherheit ohne zusätzlichen Schutz.
- Die Tablets verfügen über einen integrierten Aufsteller, sodass der Patient das Gerät nicht selbst halten muss.
- Die Geräte verfügen über einen großen, lichtstarken Bildschirm, sodass ihn auch Patienten mit Sehbehinderung nutzen können.
- Ein guter Lautsprecher ermöglicht die Kommunikation auch in lärmbelasteten Umgebungen.
- Das Handling des Tablets ist intuitiv.
- Die Tablets sind preisgünstig zu erwerben.
Die Geräte wurden als Verbrauchsmaterialien eingestuft und unterliegen daher keiner Wiederbeschaffung bei Verlust oder Beschädigung. Mit dem Verkäufer wurde eine Verlängerung der Garantie auf drei Jahre vereinbart, die auch manuelle Schäden am Gerät einschließt. Es wurde ein Hygieneplan erstellt, der eine tägliche Reinigung der Geräte sowie unmittelbar vor und nach Gebrauch mittels spezieller Reinigungstücher vorsieht.
Die Software der Android-basierten Geräte wurde so modifiziert, dass bereits im Begrüßungsbildschirm die Skype-Software aktiv ist. Weitere Funktionen des Geräts wurden deaktiviert, könnten aber von einem Administrator auf Wunsch der Nutzer entsprechend freigeschaltet werden. Alle Geräte wurden zudem mit einer Protokollierungssoftware ausgestattet, um einen Missbrauch auszuschließen.
Inzwischen sind die Tablets auf allen Intensiv- und Normalstationen im Einsatz. Die ersten Erfahrungen mit den Geräten sind sowohl von Mitarbeitern wie auch von Patienten äußerst positiv – anfängliche technische Probleme konnten zumeist schnell überwunden werden.
Gerade auf den Intensivstationen ist eine Ausweitung der Tablet-Nutzung mit fest für jeden Bettplatz zugeordneten Tablets äußerst wünschenswert – auch weil dann weitere spezifische Software, z. B. zur Übersetzung bei Sprachbarrieren, zur Verbesserung von Kommunikation bei beatmeten Patienten, zur Neurokognition und zur ergotherapeutischen Förderung, vermehrt zum Einsatz kommen können.
Inzwischen nutzen auch einige Ärzte und Pflegefachpersonen die Tablets, um via Skype die Angehörigengespräche vorzunehmen.
Traditionelle Kommunikation weiterentwickeln
Moderne Telekommunikationsmöglichkeiten werden auf Intensivstationen zunehmend Normalität werden. Die traditionelle Kommunikation im Krankenhaus muss sich an die gesellschaftliche Entwicklung adaptieren, in der heute bereits ein großer Teil der Kommunikation digital erfolgt. Eine zukunftsorientierte Auseinandersetzung mit den notwendigen Voraussetzungen seitens der Krankenhausleitungen und der Leitungen von Intensivstationen ist unabdingbar. Der weitere Ausbau technischer Kommunikationsmöglichkeiten ist erforderlich, z. B. für Videokonferenzen mit dem interprofessionellen Behandlungsteam zur Absprache von Präventionsmaßnahmen, Beteiligung an Therapien und motivierenden Unterstützung, sollte nicht am Budget scheitern.
[1] Fatke B, Hölzle P, Frank At et al. Psychische Probleme in der Pandemie. Beobachtungen während der COVID-19-Krise. Dtsch Med Wochenschr 2020; 145 (10): 675–681
[2] Berg-Weger M, Morley J. Loneliness and Social Isolation in Older Adults during the COVID-19 Pandemic: Implications for Gerontological Social Work. The Journal of Nutrition 2020; 24: 456–458
[3] Wakam GK et al. Not Dying Alone – Modern Compassionate Care in the Covid-19 Pandemic. 2020
[4] Ramón Martínez Riera J, Gras-Nieto E. Atención domiciliaria y COVID-19. Antes, durante y después del estado de alarma. Enferm Clin 2020;10.1016/j.enfcli.2020.05.003
[5] Kaltwasser A, Dubb R, Storm A: Soft- und Hardware: Der Umgang will gelernt sein. Pflegezeitschrift 2018; 71 (4): 50–53
[6] Hart JL, Turnbull AE, Oppenheim IM, Courtright KR. Family-Centered Care During the COVID-19 Era. Journal of pain and symptom management, S0885–3924(20)30208–6
[7] BfArM: Positionspapier des BfArM: Nutzung von Mobilfunktechnik in medizinischen Einrichtungen Referenz-Nr.: 9/050. www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Medizinprodukte/DE/mobilfunktechnik.html, Zugriff: 13.07.2020
Die Autoren:
Sabrina Pelz, M. Sc., Advanced Practice Nurse Intensivpflege, stellv. Stationsleitung Intensivstation, BG Klinikum Hamburg, pelz.sabrina@t-online.de
Rolf Dubb, BSc, M. A., Fachbereichsleitung Weiterbildungen, Akademie der Kreiskliniken Reutlingen GmbH, dubb_r@klin-rt.de
Arnold Kaltwasser, B. Sc., Fachbereichsleitung Weiterbildungen, Akademie der Kreiskliniken Reutlingen GmbH, kaltwasser_a@klin-rt.de
Andreas Faltlhauser, DEAA, Facharzt für Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin, Klinikum Weiden, faltl@yahoo.de