• 24.08.2020
  • PflegenIntensiv
Onlinebefragung

Wie Intensivpflegende die Corona-Krise erlebten

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2020

Seite 30

Die erste Phase der Coronavirus-Pandemie – die Zeit des bundesweiten „Lockdown“ – forderte Intensivpflegende heraus wie kaum eine andere Berufsgruppe. Wie gingen die Kolleginnen und Kollegen mit dieser Ausnahmesituation um? Gelassen oder sorgenvoll? Hatten sie Angst, sich und/oder ihre Familien zu infizieren? Wie soll es nach der Pandemie weitergehen? Eine aktuelle Onlinebefragung der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen gibt Aufschluss.

Bei der im Rahmen einer Masterarbeit durchgeführten Onlinebefragung handelt es sich um eine Querschnittsstudie. Ziel war es, das subjektive berufliche Erleben von Pflegefachpersonen auf Intensivstationen während der ersten Phase der Corona-Pandemie zu ermitteln.

Methodisch erfolgte dazu vom 2. bis 24. April 2020 eine anonymisierte, standardisierte Onlinebefragung. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Deutschland im „Lockdown“ und die Kliniken bereiten sich auf eine große Zahl schwer an COVID-19 erkrankten Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten) vor [1]. Die Stichprobe wurde zufällig ermittelt, im Rahmen eines sog. Random-Verfahrens. Sofern sie der entsprechende Link erreichte, konnten alle Pflegefachpersonen, die auf einer Intensivstation eines Krankenhauses in Deutschland arbeiteten, an der Befragung teilnehmen.

Die Rekrutierung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer (im Folgenden: Teilnehmer) erfolgte über Onlineforen sowie mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Fachkrankenpflege und Funktionsdienste (DGF) und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Die Auswertung erfolgte deskriptiv.

Die in die Studie einbezogene, bereinigte Stichprobe umfasst insgesamt 580 Fragebögen. Obwohl damit eine aussagekräftige Anzahl an Einschätzungen vorliegt, ist die Stichprobe nicht repräsentativ für alle Intensivpflegenden in Deutschland. Der überwiegende Anteil der Teilnehmer – mehr als die Hälfte – stammte aus Nordrhein-Westfalen.

Ergebnisse

Grunddaten. 68,8 % der befragten Pflegefachpersonen haben zum Zeitpunkt der Befragung Patienten mit COVID-19 versorgt (28,3 % taten dies nicht, 2,9 % konnten dies nicht sicher einschätzen).

Die 159 jüngsten Teilnehmer waren zwischen 20 und 30 Jahre alt, die 13 ältesten zwischen 60 und 65 Jahre.

Nahezu zwei Drittel der Teilnehmer (62,5 %) hatten eine Vollzeitanstellung. 20,9 % wiesen einen Beschäftigungsumfang von mindestens 75 % auf, 16,6 % hatten einen niedrigeren Stellenumfang.

Die Berufserfahrung der Teilnehmer lag zwischen einem halben Jahr und 45 Jahren, der Durchschnitt lag bei 15,6 Jahren. Die Berufserfahrung in der Intensivpflege lag zwischen 6 Monaten und 41 Jahren.

Die befragten Pflegefachpersonen waren im Durchschnitt seit 12,8 Jahren auf einer Intensivstation tätig, davon 8,5 Jahre beim aktuellen Arbeitgeber.

67,2 % der Befragten haben die Fachweiterbildung in der Intensiv- und Anästhesiepflege erfolgreich absolviert.

Aufgrund dieser Grunddaten ist davon auszugehen, dass es sich bei den Teilnehmern überwiegend um erfahrene Intensivpflegende handelt und daher Entwicklungen realistisch einschätzen können.

Pandemiebedingte strukturelle Veränderungen. 76,7 % der Befragten gaben an, dass die Zahl der Intensivbetten in ihrer Klinik aufgestockt wurde. Bei 52,6 % wurde die Zahl der Intensivbetten auf der eigenen Intensivstation erhöht.

54,7 % gaben an, dass auf ihrer Intensivstation zur Vorbereitung auf eine potenziell hohe Zahl von COVID-19-Patienten zusätzliche Geräte für die Intensivstation angeschafft wurden, darunter Beatmungs-, Dialyse- und ECMO-Geräte.

42,4 % gaben an, dass auf ihrer Intensivstation zusätzliches examiniertes Pflegepersonal mit Intensiv- erfahrung eingesetzt wurde. Bei 66,4 % wurde zusätzliches examiniertes Pflegepersonal ohne Intensiverfahrung eingesetzt.

Abbildung 1 zeigt die strukturellen, materiellen und personellen Veränderungen während der Pandemie im Überblick.

 

 

Einschätzung der Arbeitssituation. 84,6 % der Teilnehmer fühlten sich gut darüber informiert, dass es auf ihrer Intensivstation zu einer hohen Zahl von Patienten mit COVID-19 hätte kommen können (51,4 % stimmten voll zu, 33,2 % stimmten eher zu) (Abb. 2). Die überwiegende Zahl der befragten Pflegefachpersonen hatte demnach die Gelegenheit, sich auf die bevorstehende Situation vorzubereiten und sich auf eine mögliche Arbeitsverdichtungen einzustellen.

 

Weiterhin wurden die Intensivpflegenden gefragt, ob ihrer Ansicht nach das Stationsteam nach der COVID-19-Pandemie psychologische Unterstützung bei der Bewältigung und Aufarbeitung benötigen wird. Die Frage zielte darauf ab, wie psychisch belastend die Befragten die Arbeitssituation erlebten oder erwarteten. 51,4 % stimmten der Aussage zu, dass psychologische Unterstützung nötig sein wird (12,1 % stimmten voll zu, 39,3 % stimmten eher zu) (Abb. 3).

 
 

Persönliches Empfinden der Krise. Im Mittelpunkt der Erhebung standen Fragen zum persönlichen Empfinden der Pandemie (Abb. 4). Weil es sich dabei um sensible Fragen handelte, wurde den Teilnehmern die Möglichkeit gegeben, mit „keine Angabe“ zu antworten.

 

Ein Teil der Fragen bezog sich zunächst auf die Sorge um die eigene Gesundheit und um die der Angehörigen. Anzumerken ist, dass es zum Zeitpunkt der Befragung noch keine gesicherten Informationen zur konkreten Gefährdung und zu den Folgeschäden des Virus gab. Die Aussage, Sorge zu haben, sich selbst mit Corona zu infizieren, traf für 62,9 % der Teilnehmer zu. Die meisten befragten Pflegefachpersonen stuften ihr persönliches Risiko demnach als hoch ein. Für 26,7 % der Befragten traf die Aussage voll zu und für weitere 36,2 % eher zu.

Noch größer war die Sorge, die eigenen Angehörigen mit COVID-19 zu infizieren. Dieser Aussage stimmten 80 % der Teilnehmenden zu (47,8 % stimmten voll zu, 32,2 % stimmten eher zu).

Der Aussage, Angst davor zu haben, den Patienten während der COVID-19-Pandemie pflegerisch nicht gerecht werden zu können, stimmten 78,2 % zu. Dass es den befragten Intensivpflegenden Sorge bereite, dass Patienten möglicherweise nicht ausreichend medizinisch behandelt werden können, wurde ähnlich beantwortet (Abb. 5).

 

Eine Subgruppenanalyse zeigte, dass diese Sorgen unabhängig von der jeweiligen Berufserfahrung in der Intensivpflege und davon waren, ob eine Fachweiterbildung in der Intensiv- und Anästhesiepflege absolviert wurde.

Um nicht nur negativ konnotierte Aspekte zu formulieren, wurde in diesem Fragenkomplex auch positives Empfinden abgefragt: Der Aussage, der pflegerischen Arbeit während der COVID-19-Pandemie gelassen entgegenzusehen, stimmen 44,4 % eher nicht und 19,4 % gar nicht zu.

Die Bewältigung einer Pandemie kann auch als berufliche Herausforderung betrachtet werden, in der pflegerische Kompetenz unter Beweis gestellt werden kann. Der Fragebogen enthielt deshalb die Aussage „Ich freue mich auf die Herausforderung, während der COVID-19-Pandemie auf der Intensivstation zu arbeiten“. Für 52,8 % der Teilnehmer war dies nicht zutreffend (33,6 % stimmten eher nicht zu, 19,2 % stimmten gar nicht zu).

Erwartungen an die Zeit nach COVID-19. In einem weiteren Fragenblock ging es um die Erwartungshaltung, die die Intensivpflegenden an die Zeit nach der Pandemie haben.

Der überwiegende Anteil der Befragten (79,1 %) will nach der Corona-Krise eine schrittweise Rückkehr in den beruflichen Alltag. 36,6 % wollten sofort in den Klinikalltag zurückkehren.

„Möchten Sie nach der Pandemie unter denselben Bedingungen auf der Intensivstation arbeiten wie vorher?“ Nur 5,2 % stimmten dieser Aussage zu. Hingegen sprachen sich 85,4 % für bessere Arbeitsbedingungen nach der Pandemie aus.

Der Forderung nach einem besseren Personalschlüssel stimmen 84,4 % voll zu und weitere 12,3 % eher zu.

72,3 % sprachen sich für ein höheres Gehalt nach der Pandemie aus. 4,5 % stimmen eher nicht oder gar nicht zu.

Die höchste Zustimmung hat der Wunsch nach einem höheren gesellschaftlichen Ansehen: 91,9 % stimmen dieser Aussage zu. 1,7 % der Befragten (n = 10) stimmen dieser Aussage gar nicht zu. 76,9 % wünschten sich zudem ein höheres Ansehen innerhalb des therapeutischen Teams. 17,4 % stimmten dieser Aussage eher nicht oder gar nicht zu.

Diskussion

Die Befragungsergebnisse lassen differenzierte Rückschlüsse auf das Erleben von Intensivpflegenden in Deutschland während der ersten Phase der Corona-Pandemie zu.

Die pandemiebedingten strukturellen Veränderungen im Krankenhaus stellten eine erwartete Mehrbelastung für die Pflegenden dar. In vielen Kliniken wurden die Kapazitäten an Intensivbetten und intensivmedizinischer Geräte erhöht, aber die Zahl der Pflegefachpersonen in deutlich geringerem Maße aufgestockt. Diese Strategie ist kritisch zu hinterfragen, denn nur eine angemessene Zahl von Pflegefachpersonen ermöglicht die fachlich korrekte Bedienung medizinischer Geräte. Eine Patientengefährdung lässt sich nur so ausschließen.

Die Angaben zum persönlichen Empfinden zeigen, dass die erste Phase der Pandemie eine berufliche Besonderheit für die Mehrheit der Befragten darstellte. Viele empfanden Beunruhigung, Angst und Sorge – unabhängig davon, ob sie Patienten mit COVID-19 auf ihrer Station betreuten oder nicht, ob sie über eine Fachweiterbildung in der Intensiv- und Anästhesiepflege verfügten und wie viel Berufserfahrung sie in der Intensivpflege aufwiesen. Das ist ein weiterer klarer Hinweis darauf, dass Intensivpflegende die Patientenversorgung während der Pandemie überwiegend als außergewöhnlich bedrückend wahrnahmen.

Bei der Erwartungshaltung an die Zeit nach der Pandemie gaben viele Teilnehmer an, sich eine andere Arbeitssituation auf ihrer Intensivstation zu wünschen.

Bestrebungen, die Rahmenbedingungen für die pflegerische Tätigkeit auf Intensivstationen zu verbessern, gab es schon lange vor COVID-19. Durch den Erlass der Pflegepersonaluntergrenzen wurde 2019 versucht, die Qualität der Pflege und die Sicherheit am Patienten zumindest in pflegesensiblen Bereichen zu verbessern. Zu Beginn der Corona-Krise wurde dieses Gesetz außer Kraft gesetzt [2], obwohl gerade zu diesem Zeitpunkt qualifizierte Pflege erforderlich war. Der Umgang mit der Fachkraftquote zeigt, wie vulnerabel diese Form der Festsetzung der Personalschlüssel ist und wie schnell bestehende Systeme zurückgenommen werden können.

Erstaunlich ist die in der Studie gewonnene Erkenntnis, dass bei den Erwartungen der Befragten der Wunsch nach höherem Gehalt an letzter Stelle anzutreffen ist. Dies macht deutlich, dass eine qualifizierte Patientenversorgung, für die es bessere Arbeitsbedingungen braucht, für viele Pflegende von herausgehobener Bedeutung ist.

Wichtige Aspekte sind für viele zudem das gesellschaftliche Ansehen und das Ansehen im therapeutischen Team. Dies lässt vermuten, dass viele Intensivpflegende sich von dem öffentlichen und medialen Zuspruch [3] eine nachhaltige positive Veränderung ihres Images erwarten.

Fazit

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass die Arbeitssituation während der COVID-19-Pandemie auch für Intensivpflegende, die den täglichen Umgang mit kritisch kranken und infektiösen Patienten gewohnt sind, eine Ausnahmesituation war. Obwohl oder gerade weil die Corona-Pandemie in Deutschland bislang nicht so dramatisch verlaufen ist, wie es in europäischen Nachbarländern zu beobachten war, darf nicht vergessen werden, wie belastend Pflegekräfte auf Intensivstationen ihre Arbeit in dieser Zeit mehrheitlich empfunden haben.

Text: Johannes Klausmeier, Jochen Hamacher, Prof. Dr. Michael Isfort

[1] DIVI. PM: Corona-Pandemie: Website zur deutschlandweiten Abfrage freier Beatmungsplätze gestartet. www.divi.de/presse/pressemeldungen/pm-corona-pandemie-website-zur-deutschlandweiten-abfrage-freier-beatmungsplaetze-startet-heute, Zugriff: 17.07.2020

[2] Aussetzung der PPUGV. Brief an Vorstand des GKV-Spitzenverbandes und Hauptgeschäftsführer der DKG

[3] Redaktion Kölner Stadt-Anzeiger. Applaus für Ärzte und Pfleger: „Wir bleiben für euch da. Bleibt ihr zuhause!“ www.ksta.de/koeln/aerzte-und-pfleger-reagieren-auf-applaus--wir-bleiben-fuer-euch- da--bleibt-ihr-zuhause---36423778, Zugriff: 25.05.2020

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