Auf Intensivstationen setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass die gezielte Integration von Angehörigen Vorteile mit sich bringt. Doch welche konkreten Bedürfnisse haben Angehörige, welche davon sind pflegerelevant und wie lassen sich die Anforderungen im hektischen Stations- alltag umsetzen? Darüber sprachen wir mit Pflegeexperte Jürgen Maier vom Universitäts- spital Zürich. Er hat kürzlich eine empirische Untersuchung zum Kommunikations- erleben von Angehörigen auf der Intensivstation durchgeführt.
Herr Maier, Sie haben kürzlich in einem pflegewissenschaftlichen Journal eine Studie zur Kommunikation mit Angehörigen von Intensivpatienten veröffentlicht [1]. Der Titel des Aufsatzes lautet: „Informieren allein genügt nicht!“ Warum eigentlich nicht? Ist Information nicht genau das, was Angehörige auf der Intensivstation benötigen?
Das Hauptbedürfnis von Angehörigen auf der Intensivstation ist in der Tat das nach Information. Viele Faktoren spielen dabei aber eine wichtige Rolle – zum Beispiel: Geschieht die Informationsübermittlung in stressigen Situationen zwischen Tür und Angel? Verwenden Pflegende und Mediziner dabei Fachjargon oder finden die Gespräche empfänger-gerecht in einer ruhigen Umgebung statt? Sind die Informationen, die Angehörige von verschiedenen Fachpersonen erhalten, konsistent oder widersprüchlich? Erleben Angehörige Fachpersonen während der Informationsübermittlung als authentisch? Werden Informationen regelmäßig aktiv und unaufgefordert gegeben oder müssen Angehörige nachfragen oder sogar darum betteln?
Welche weiteren pflegerelevanten Bedürfnisse haben Angehörige auf der Intensivstation?
Nähe zum Patienten ist ein wichtiges Bedürfnis. Sie sollte ohne große Einschränkungen gewährt werden. Angehörige möchten sich ein Bild von der Situation machen können – und dies gelingt ihnen am besten vor Ort. Angehörigen ist ebenso Beistand und Unterstützung wichtig – am besten durch eine auf der Intensivstation vertraute, empathische Fachperson. Diese kann ihnen Trost und Hoffnung spenden – auch in scheinbar ausweglosen Situationen. Viele Angehörige möchten darüber hinaus über negative Gefühle wie Angst oder Schuld sprechen können. Diese Möglichkeit trägt dazu bei, die gegenwärtige Situation besser zu bewältigen. Als weiteres wichtiges Bedürfnis ist Komfort zu nennen. Dazu gehört nicht nur ein Warteraum in der Nähe des Patienten, sondern auch, sich vom Personal als gleichberechtigter Partner angenommen zu fühlen.
In Ihrem Artikel betonen Sie die zentrale Bedeutung der Pflegefachpersonen, die möglichst rund um die Uhr als Ansprechpartner zur Verfügung stehen sollen. Wie soll dies in der Praxis genau aussehen?
Die zentrale Rolle der Pflege ist dadurch begründet, dass sie im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen die Patienten rund um die Uhr betreuen und sie dadurch am besten kennen. Das bedeutet nicht, dass Pflegende die Angehörigen rund um die Uhr mitbetreuen sollen. Für Fragen sollten sie aber zur Verfügung stehen.
Wie sieht für Sie eine zeitgemäße Angehörigen- betreuung durch Pflegende auf der Intensivstation aus – auch mit Blick auf die begrenzten Ressourcen? Was muss unbedingt gewährleistet sein, wo sind die Grenzen des Möglichen?
Ein verbindliches, multiprofessionelles Angehörigenkonzept, in dem der Umgang mit Angehörigen geregelt ist und in dem die wichtigsten Bedürfnisse und Interventionen abrufbar sind, ist heute der beste Ansatz. Zwei Faktoren sind hier entscheidend: die Haltung der Fachpersonen gegenüber Angehörigen und die Fähigkeit der Mitarbeitenden eines professionellen Umgangs mit ihnen.
Was genau meinen Sie mit Haltung?
Zu einer angehörigenfreundlichen Haltung gehört beispielsweise die Wahrnehmung der Angehörigen als gleichberechtigte Mitstreiter zur Stabilisierung oder Wiederherstellung der Gesundheit des Patienten. Gleichzeitig haben Angehörige aber auch eigene Bedürfnisse. Daher sind Besuchszeiten nicht restriktiv einzuschränken, sondern individuell abzusprechen. Eine solche Vorgehensweise ist sowohl für Angehörige als auch Fachpersonen von Vorteil, da sie eine Verbindlichkeit für beide Seiten herstellt. Haltung ist ressourcenneutral und ist eine Frage der Teamkultur. Diese wiederum wird stark beeinflusst von Führungspersonen. Projekte wie „Angehörigenfreundliche Intensivstation“ des Pflege e. V. sind sehr hilfreich, da sie niederschwellig ansetzen und dazu beitragen, Haltungen positiv zu beeinflussen.
Lässt sich eine angehörigenfreundliche Haltung trainieren?
Sicher. Zur Befähigung von Pflegefachpersonen für einen professionellen Umgang mit Angehörigen ist zunächst wichtig zu wissen, was ein Team über Angehörige, deren Bedürfnisse und konkrete Interven- tionen schon weiß. Auf dieser Basis sind Fortbildungen und Strukturen zu planen und umzusetzen.
Sie wissen sicherlich, dass deutsche Intensivstationen über schlechtere Personalbesetzungen verfügen als in der Schweiz. Gerade in der heutigen Zeit sind die Mitarbeitenden häufig an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt. Wie sind die Anforderungen an eine zeit-gemäße Angehörigenbetreuung mit den gegenwär- tigen Personalressourcen in Einklang zu bringen?
Natürlich stellt sich die Frage der begrenzten Ressourcen auf jeder Intensivstation – auch bei uns in der Schweiz. Hier ist es hilfreich, zunächst einzelne Interventionen auszuprobieren und einzuführen. Ein Beispiel hierfür ist das aktive Angehörigentelefonat, das gleichzeitig Angehörige und Fachpersonen entlasten kann. An die Grenzen kommt man sicher, wenn man allen Besuchern eines Patienten gerecht werden möchte. Hier empfehle ich dringend, zwischen Familie und sonstigen Besuchern – Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen und so weiter – zu unterscheiden und sich auf Erstere zu konzentrieren. Aus dem systemischen Ansatz der familienzentrierten Pflege ist außerdem bekannt, dass Pflegende Familienprobleme nicht lösen können und müssen – wir sollten ihnen lediglich zur Seite stehen. Dies explizit auszusprechen, nimmt meiner Erfahrung nach sehr viel Druck von den Kollegen.
Kommunikation ist ja eine Wissenschaft für sich – man kann viel richtig und viel falsch machen. Welche Tipps haben Sie für Intensivpflegende, um mit Kommunikation bei Angehörigen Positives zu bewirken?
Kommunikation ist tatsächlich ein weites Feld. Ich kann aber gerne einige Tipps geben: Es ist immer hilfreich, aktiv zu kommunizieren und mit den Angehörigen bewusst in Beziehung zu treten. Dabei sollten Pflegende authentisch bleiben, gut zuhören und nachfragen, ob alles verstanden wurde und ob es noch offene Fragen gibt. Es kann auch hilfreich sein, vor Gesprächen den Zeitaspekt aufzeigen – zum Beispiel: „Ich habe zwar nur zehn Minuten Zeit, aber ich möchte in diesem Zeitraum mit Ihnen über folgende Punkte sprechen.“ Am wichtigsten ist aber, eine zugehende und interessierte Haltung auszustrahlen.
Sie schreiben in Ihrem Artikel: „Zentral ist der emotionale Support.“ Wie kann dies in der Praxis konkret aussehen?
Dies ist sehr individuell und deshalb schwierig pauschal zu beantworten. Angehörige sind vor allem bei länger dauerndem Spitalaufenthalt emotional ausgezehrt. Dies kann sich aber sehr vielfältig äußern – etwa in Form von Rückzug, Auflehnung, depressiven Verstimmungen, Aggressionen oder Weinen. Wichtig ist, diese emotionalen Reaktionen zu erkennen, anzusprechen und auf Hilfe hinzuweisen beziehungsweise Hilfe zu ermöglichen. Das kann auch eine spontane Umarmung, eine Tasse Kaffee, ein kurzes Gespräch oder die Versicherung sein, dass es okay ist, wenn Angehörige sich mal eine Auszeit nehmen und zwei Tage nicht kommen.
Sie haben Angehörige interviewt, um mehr darüber zu erfahren, wie sie die Kommunikation mit Pflegenden auf der Intensivstation erleben und wie sich dies mit der Zeit verändert. Was haben Sie herausgefunden?
Zu Beginn eines Intensivaufenthalts sind Informationen sehr wichtig, aber auch die Klärung struktureller Alltagsfragen: Wer sind meine Ansprechpersonen? Kann ich zu Besuch kommen, wie es für mich möglich ist? Wo befinden sich Warteraum, Toiletten und so weiter? Um was handelt es sich bei vielen Zu- und Ableitungen am Patienten? In einer späteren Phase rückt der Unterstützungsaspekt stärker in den Vordergrund. Angehörige sind zu diesem Zeitpunkt schon tage- bis wochenlanger Belastung ausgesetzt gewesen – und nun kommen Fragen hinzu wie: Wird der Patient überhaupt wieder aufwachen? Wenn ja, wie wird es ihm gehen? Bleiben Schäden zurück? Zudem müssen viele Angehörige zu diesem Zeitpunkt wieder ihren Arbeitsalltag bewältigen. Sie benötigen dann gegebenenfalls zu Randzeiten Besuchsmöglichkeiten. Bei manchen kommt es auch zu finanziellen Sorgen.
Was hat Sie an den Ergebnissen Ihrer Befragung erstaunt?
Bei aller Individualität der Befragten erleben die Angehörigen die Kommunikation mit Pflegefachpersonen sehr ähnlich. Sie beschreiben die Interaktionen meist als sehr hilfreich und unterstützend. Das hat mich sehr positiv überrascht und mir gleichzeitig gezeigt, dass eine professionelle Angehörigenbetreuung ohne großen zusätzlichen Aufwand durchaus möglich ist.
Welche Schlussfolgerungen haben Sie aufgrund Ihrer Befragung für sich und die Art und Weise, wie Sie Angehörige begleiten, gezogen?
Der erste und wichtigste Punkt ist: Pflegende treten mit Angehörigen in Beziehung und kommunizieren auf der Handlungsebene durch fachkompetentes Auftreten. Dies bedeutet wie gesagt keinen großen separaten Aufwand an Zeitressourcen. Der zweite Punkt ist: Je besser der Umgang mit Angehörigen in einem Konzept oder einer Guideline geregelt ist, desto einfacher ist es für die Fachpersonen, sich das konkrete Wissen anzueignen und dieses umzusetzen. Wichtige Eckpunkte in der Zusammenarbeit mit Familien und Angehörigen gewinnen dadurch mehr Verbindlichkeit.
[1] Maier J, Naef R, Fröhlich FR, Steudter E. „Informieren allein genügt nicht!“. Kommunikationserleben von Angehörigen auf der Intensivstation. Pflegewissenschaft 2019; 21 (9/10): 435–443