Stuhldrainagesysteme stellen eine vielseitig einsetzbare Behandlungsoption für Patienten mit Diarrhö dar. Notwendig sind jedoch klar definierte Anwendungskriterien, ein algorithmusbasiertes Vorgehen und eine regelmäßige Reevaluation der therapeutischen Maßnahmen.
Die heute auf Intensivstationen übliche Vorgehensweise, eine zu tiefe und unnötigen Sedierung zu vermeiden [1], ermöglichen der Intensivpatientin bzw. dem Intensivpatienten (im Folgenden: Intensivpatient) eine Einbindung in den Versorgungsprozess.
Die Vigilanz führt jedoch auch dazu, dass Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten) interventionelle Maßnahmen deutlich bewusster wahrnehmen. Dieses kann gerade in Bezug auf die Diarrhö und die damit häufig einhergehende akute Stuhlinkontinenz ein potenzielles Problem darstellen.
So führen Erlebnisse im Rahmen von stressbehafteten Maßnahmen wie die Anlage von Kathetern, eine laute Umgebung und die gesteigerte Abhängigkeit von Pflegenden während diarrhöbedingter Reinigungsmaßnahmen zu psychischen Problemen und Einschränkungen in der Lebensqualität des Patienten [2, 3]. Diesbezügliche Probleme können beim Patienten in Form von geringem Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sowie in Form von Depression oder Frustration auftreten [4].
Fehlerhaften Hilfsmitteleinsatz verhindern
Neben der Beachtung der psychischen Aspekte einer Stuhlinkontinenzversorgung sind umfangreiche Kenntnisse über eine bedarfsgerechte Anwendung der zur Verfügung stehenden Stuhlinkontinenzhilfsmittel von hoher Bedeutung. Ein professioneller Umgang mit entsprechenden Produkten und Systemen verhindert Mehrarbeit sowie unnötige Kosten und verringert bzw. beugt Folgeschäden der Haut in Form einer Inkontinenz-assoziierten Dermatitis (IAD) und eines Dekubitus vor.
Aufsaugende Hilfsmittel. Aufsaugende Hilfsmittel, beispielsweise in Form von Vorlagen oder sogenannten Schutzhosen, stellen die kostengünstigste und einfachste Form der temporären Behandlung der Stuhl-inkontinenz dar. Aufsaugende Hilfsmittel bewirken eine temporäre Barriere zwischen Bettwäsche und Patient, wodurch der Patient bei erfolgter Defäkation jedoch einem dauerhaften Kontakt mit seinen Fäkalien ausgesetzt ist. Um daraus resultierende Schädigungen der Haut, z. B. in Form einer perianalen Dermatitis [5], zu vermeiden, muss eine engmaschige Kontrolle und ein zeitnaher Wechsel der Vorlagen sowie eine angepasste Hautpflege mit pH-neutralen Waschzusätzen und Pflegeprodukten zum Schutz und zur Aufrechterhaltung der Hautbarriere erfolgen [6].
Der Einsatz körpernaher aufsaugender Hilfsmittel ist auf zwei Anwendungsbereiche einzugrenzen: auf die initiale Akutbehandlung der Diarrhö (auch „first-line management“ genannt) [7] und auf den kurzzeitigen Einsatz im Rahmen von Patiententransfers und Mobilisationsmaßnahmen zur Reduktion der Umgebungskontamination.
Von einer langfristigen Versorgung ist aufgrund des unverhältnismäßig hohen Materialverbrauchs, dem erhöhten Personalaufwand für die engmaschigen Reinigungs- und Wechselintervalle sowie einem gesteigerten Risiko für Kreuzinfektionen abzusehen [8, 9].
Fäkalkollektoren. Eine weitere nichtinvasive Maßnahme zur Aufnahme von flüssigem Stuhl ist der Fäkalkollektor. Bei einem frühzeitigen Einsatz hilft dieses Hilfsmittel, bei einer akuten Diarrhö oder einer akuten Stuhlinkontinenz Folgeschäden der Haut und eine Weiterverbreitung von infektiösen Organismen zu reduzieren [10].
Der Fäkalkollektor wird mit der kreisrunden Öffnung in der Halteplatte um den Anus aufgeklebt. Hierzu ist es notwendig, dass zuvor aufgetragene Hautpflegeprodukte entfernt werden und die Region im Perianalbereich sauber, trocken und intakt ist, um eine gute Klebefunktion der Hautschutzplatte – ähnlich einer Stomaplatte – sicherzustellen. Je gründ- licher hierbei vorgegangen wird, desto geringer sind Komplikationen wie Undichtigkeiten oder Ablösungen des Fäkalkollektors.
Da aufgrund der extrarektalen Anwendung bei sachgemäßem Einsatz mit keinen Komplikationen im Bereich des Enddarm zu rechnen ist, ist der zeitliche Einsatz eines Fäkalkollektors nicht begrenzt. Dennoch sollte bei bereits bestehenden Wunden oder stark gereizter Haut im Perianalbereich der Einsatz kritisch abgewogen werden [4].
Grundsätzlich bieten Fäkalkollektoren eine gute Behandlungsalternative bei Patienten, bei denen aufgrund von Kontraindikationen kein kontinuierliches Stuhldrainagesystem eingesetzt werden kann und bei denen diarrhöbedingte Komplikationen zu erwarten sind.
Beim Einsatz von Fäkalkollektoren bedarf es einer regelmäßigen Reevaluation der Maßnahme, beispielsweise bei Veränderungen der Stuhlfrequenz und -konsistenz. Gerade bei adipösen Patienten kann es aufgrund des Gewichts der Gesäßhälften zu einer erschwerten Stuhlpassage in den Beutel kommen, wodurch mit zunehmender Konsistenzverfestigung das Risiko für Undichtigkeiten am Kollektorsystem ansteigt [4].
Mindestens dreimal pro Schicht sollte zudem eine visuelle Kontrolle des Systems und des Perianalbereichs erfolgen, um Undichtigkeiten frühzeitig zu erkennen und entsprechende Wechsel durchzuführen. Dies ist besonders dann notwendig, wenn der Patient zunehmend unruhig wird oder vermehrt schwitzt [8].
Kontinuierliche Stuhldrainagesysteme. Kontinuierliche Stuhldrainagesysteme (KSS) sind kombinierte Katheter-Auffangbehälter-Systeme, die der zeitlich begrenzten Ableitung von breiigem bis flüssigem Stuhl (Bristol Stool Chart Typ 6–7) und Spülflüssigkeiten aus dem Enddarm dienen. Hierfür wird das System durch den Anus in den Enddarm eingeführt, wo es im Anschluss mit einer flüssigkeitsgefüllten oder luftgefüllten Niederdruck-Ballonmanschette vor einer möglichen Dislokation gesichert wird [4].
Industriell hergestellte KSS haben früher häufig zweckentfremdete alternative Hilfsmittel und Materialien wie Tuben, Darmrohre und Katheter [11] abgelöst, die häufig zu Verletzungen der Schleimhaut, Nekrosen im Rektalbereich und zu Störungen der Sphinkterfunktion beitrugen [12].
Mit KSS lassen sich Komplikationen wie die Inkontinenz-assoziierte Dermatitis (IAD) reduzieren, die Integrität der Haut verbessern [8, 13] und eine genaue Bilanzierung des flüssigen Stuhls sicherstellen.
Aufgrund der geschlossenen Drainagesysteme ist zudem von einem positiven Einfluss auf die Reduktion nosokomialer Infektionen und Kreuzinfektionen auszugehen [14, 15].
Patientenwürde beachten, Komplikationen vermeiden
Wichtige Aspekte beim Einsatz von Stuhlinkontinenzhilfsmitteln ist die Beachtung der Patientenwürde und die Gewährleistung eines angemessenen Patientenkomforts. Die Patientensicherheit ist beim Einsatz solcher Hilfsmittel ebenfalls von hoher Bedeutung, gerade bei vigilanzgeminderten Patienten, die Beschwerden im Zusammenhang mit den eingesetzten Therapiemaßnahmen nicht kommunizieren können. Neben der Berücksichtigung der Liegedauer ist die Beachtung möglicher Komplikationen, etwa in Form von Nekrosen oder Blutungen [16], von hoher Bedeutung.
Vor dem Einsatz der Hilfsmittel sind zudem potenziell vorliegende Kontraindikationen zu beachten. Eine entsprechende Checkliste (Abb. 1) kann hierbei hilfreich sein [8]. Durch eine orientierende digitale rektale Untersuchung kann eine Beurteilung des Sphinktertonus, die Füllung des Rektums (Sicherstellung des Fehlens von vorhandenem geformten Stuhl) beurteilt sowie eventuelle Blutungen durch Blutauflagerungen am Finger festgestellt und somit ein vollständiges Patientenassessment gewährleistet werden [4, 10].
KSS dürfen bei pädiatrischen Patienten unter 18 Jahren und bei erwachsenen Patienten mit bestehender oder vermuteter rektaler Schleimhautschädigung (ischämische Proktitis) nicht eingesetzt werden. Weitere Kontraindikationen für KSS sind Operationen im Bereich des Dickdarms/Mastdarm innerhalb der letzten zwölf Monate sowie Verletzungen, Stenosen und Tumore im Rektum und/oder Analbereich. Bei Stuhl-impaktion und fehlender Einwilligung oder Toleranz des Patienten sollte auf die Anlage einer KSS verzichtet werden [4, 17]. Einsatzindikationen einer KSS sind:
- die Vermeidung von Wundinfektionen (z. B. OP-Wunden/Dekubiti im Sakralbereich bzw. Urogenitalbereich, kanüllierte Leistengefäße bei ECLS/ECMO),
- die Prävention von Feuchtigkeitsexpositionen (stark anhaltende Diarrhöen/Stuhlinkontinenz),
- die Vermeidung von Umgebungs-/Kreuzkontaminationen (Noroviren-, Clostridium-difficile- Infektion etc.),
- der Einsatz bei z. B. Patienten mit Adipositas per magna oder auch polytraumatisierten/neurochirurgischen Patienten, welche nicht zeitnah oder krankheitsbedingt umpositioniert werden können.
Die KSS bieten diverse Einsatzmöglichkeiten und Lösungsstrategien für unterschiedliche Arten von Pflegeproblemen in Bezug auf die Ausscheidung. Durch den maximal 29 Tage langen Anwendungszeitraum der Systeme kann bei einer korrekten Indikationsstellung und unter Berücksichtigung der Kon-traindikationen und Komplikationen ein vielfältiger präventiver bzw. therapeutischer Einsatz erfolgen.
Praktischer Umgang mit Stuhldrainagesystemen
Notwendige Voraussetzung für den Einsatz von Stuhldrainagesystemen ist neben der ärztlichen Anordnung eine vorherige Anwenderschulung durch die jeweilige Herstellerfirma und die Berücksichtigung der jeweiligen Anlageschritte, da hier durchaus Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Herstellern und Drainagesystemen bestehen. So werden beispielsweise die Drainagesysteme abhängig vom Hersteller mit Wasser (z. B. Dignishield® Stool Managment System der Firma Bard Medical oder Flexi-Seal® Signal FMS der Firma ConvaTec) oder mit Luft (z. B. ActiFlo® Darmverweilkatheterder Firma Hollister) geblockt.
Der Einführung des Katheters geht eine Sicht- und Funktionskontrolle der Niederdruck-Ballonmanschette im Hinblick auf die Dichtigkeit sowie die Überprüfung des optional vorhandenen intraluminalen Ballons sowie des Irrigationsports voraus.
Für die Vorbereitung des Systems ist darauf zu achten, dass die mitgelieferten Gleitmittel zu nutzen sind, da andere Salben oder Gels, etwa auf Parafinbasis, die Materialeigenschaften des Silikons beeinträchtigen. Die Einführung der Systeme erfolgt dann gemäß den Herstellervorgaben, wobei der Patient hierbei nach Möglichkeit in eine Linksseitenlage mit leicht angewinkelten Beinen gebracht werden sollte, um eine erleichtere Einführung zu ermöglichen. Eine Anlage in Rückenlage ist jedoch ebenfalls möglich [10]. Die Ballonmanschette wird nun langsam mit Wasser oder Luft geblockt und nach Erreichen des vorgegebenen Volumens leicht bis zur Wahrnehmung eines Widerstands zurückgezogen.
Gerade nach Einführung des Stuhldrainagesystems ist eine regelmäßige Kontrolle auf eine regelrechte Stuhlableitung notwendig. Zusätzlich umfassen die Beurteilung des Perianalbereiches sowie die Pflege der Haut und optionale Reinigung die pflegerischen Tätigkeiten.
Einschränkungen der Stuhlableitung sind häufig auf Verlegungen der Katheteröffnung oder Verstopfungen, Verdrehungen und Abknicken des Schlauches zurückzuführen. Eine regelmäßige Irrigation des Systems beugt diesen Problemen vor.
Kommen die Systeme bei Patienten zum Einsatz, bei denen keine Diarrhö besteht, bedarf es zur Sicherstellung einer optimalen Stuhlkonsistenz einer medikamentösen Begleittherapie [10].
Vielseitig einsetzbare Behandlungsoption
Der Einsatz von Stuhldrainagesystemen stellt bei Patienten eine vielseitig einsetzbare Behandlungsoption dar, die mit einer reduzierten emotionalen Belastung und einer geringeren Verlegenheit einhergeht [18]. Hilfsmittel dieser Art tragen daher dazu bei, das psychische Wohlbefinden des Patienten zu verbessern [19].
Klar definierte Anwendungskriterien und ein algorithmusbasiertes Vorgehen inklusive einer regelmäßigen Reevaluation der aktuellen therapeutischen Maßnahmen (Abb. 1) tragen zu einem erfolgreichen Einsatz von Stuhlinkontinenzhilfsmitteln bei. Nur so lassen sich ein angemessener Patientenkomfort und die Berücksichtigung der Intimsphäre des Patienten mit einer effektiven Behandlungsstrategie kombinieren.
[1] AWMF. S3-Leitlinie Analgesie, Sedierung und Delirmanagement in der Intensivmedizin (DAS-Leitlinie 2015). www.awmf.org uploads/tx_szleitlinien/001–012l_S3_Analgesie_Sedierung_ Delir management_Intensivmedizin_2015–08_01.pdf (Zugriff 29.10.2019)
[2] Bianchi J. The use of fecal management systems to combat skin damage. Wounds UK 2012; 12: 11–16
[3] Bünte M. Komplikationen bei Diarrhö vermeiden. PflegenIntensiv 2019; 4: 26–30
[4] Carr M, Hunter KF. Management of Fecal Incontinence in acutely ill and critically ill hospitalized adults. In: Bliss DZ (Hrsg.). Management of Fecal Incontinence for the advanced pracitse nurse. Springer 2018; 187–210
[5] Beitz JM. Fecal incontinence in acutely and critically ill patients: options in mangement. Ostomy Wound Management 2006; 52: 56–66
[6] Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP). Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege. 2. Aktualisierung 2017; 80–81
[7] National Institute for Health and Clinical Excellence. Faecal Incontinence: The Management of faecal incontinence in Adults 2007. www.nice.org.uk/guidance/cg49/resources/faecal-incontinence-in-adults-management-pdf-975455422405 (Zugriff 29.10.2019)
[8] Bayon Garcia C, De Luca E, Dierkes C et al. Expert recommendations for managing acute faecal incontinence with diarrhoea in the intensive care unit. Journal of the intensive care society 2013; 14 (4) Supp 2; 1–11
[9] Langill M, Yan S, Kommala D et al. A budget impact analysis comparing use of a modern fecal management system to traditional fecal management methods in two Canadian hospitals. Ostomy Wound Management 2012; 58: 25–33
[10] Rothaug O, Müller-Wolff T et al. Professionelle Pflegestrategien bei Stuhlinkontinenz. Intensiv 2013; 21 (5): 245–251
[11] Grogan T, Kramer D. The rectal trumpet: use of nasopharengeal airway to contain faecal incontinence in critically ill patients. JWOC 2002; 29 (4): 193–201
[12] Bosley C. Three methods of stool management for patients with diarrhea. Ostomy Wound Management 1994; 40: 52–57
[13] Padamanabhan A, Wishin J et al. Clinical evaluation of a flexible fecal incontinence management system. Am J Crit Care 2007; 16 (4): 384–394
[14] Gray M, Omar A et al. Stool Management Systems for preventing environmental spread of clostridium difficile: a comparative trail. JWOC 2014; 41 (5): 460–465
[15] Jones S, Towers V et al. Clostridium difficile Containment Properties of Fecal Management System:an in vitro investigation. Ostomy Wound Management 2011; 57 (10): 38–47
[16] Mulhall AM, Jindal SK. Massive gastrointestinal hemorrhage as a complication of the Flexi-Seal fecal management system. Am J Crit Care 2013; 22 (6): 537–543
[17] Evans J, Price J et al. All Wales Guidelinies for Faecal Management Systems. Guideline for Best Practice. 2010. www.welshwoundnetwork.org/files/6313/8555/6979/all_wales-faecal_ systems.pdf (Zugriff 29.10.2019)
[18] Binks R. Faecal Management systems in acute und critical care. Continence UK 2007; 1: 5–8
[19] Ousey K, Gillibrand W, Lui S. Effective management of acute faecal incontinence in hospital: Review of continence management systems. Frontline Gastroenterology 2010; 1: 94–97