Deutlich weniger Medikamentenverbrauch – mit diesem Ergebnis aus einer ersten Studie zur Raumgestaltung von Intensivstationen sorgt die Helios Universitätsklinik Wuppertal für Aufsehen. Auf den Einsatz elektronischer Lichtdecken oder Natursimulationen wurde dabei verzichtet. Der Lösungsansatz im Kampf gegen Schmerz und Delir ist hier einfache Wandfarbe Wie das möglich ist, erklärt Farbforscher Professor Axel Buether.
Herr Professor Buether, wie wichtig ist die räumliche Umgebung für Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation?
Die Raumgestaltung hat einen wesentlichen Einfluss auf den Genesungsprozess. Richtig umgesetzt, kann sie den Heilungsprozess fördern, ganz ähnlich wie Neuroleptika, allerdings ohne unerwünschte Nebenwirkungen. Spezielle Farbgebung kann, etwas überspitzt gesagt, letztlich sogar Leben retten. Wir arbeiten dazu seit 2017 in einem Projekt mit der Helios Universitätsklinik Wuppertal, das ich als Kommunikationswissenschaftler zusammen mit der Chefärztin der Klinik für Intensivmedizin, Dr. Gabriele Wöbker, leite. Es ist die bisher weltweit größte Studie zur Wirkung von Farben im Krankenhaus.
Wie gehen Sie bei Ihren Untersuchungen vor?
Die Wände der meisten Intensivstationen sind weiß gestrichen. Allerdings sind die Lichtverhältnisse nicht immer optimal. Tageslicht oder künstliche Lichtquellen reichen meist nicht aus, um die weiße Farbe auch weiß zu reflektieren. Räume und Flure werden dadurch häufig grau wahrgenommen. Studien belegen jedoch, dass Grautöne, die nicht von anderen Farben durchbrochen werden, die meisten Menschen depressiv stimmen. Diese negative Farbwirkung kann unter Umständen Delirien begünstigen. Das war unser Ausgangspunkt. Wir wollten wissen: Wie wirken sich bestimmte Farben auf die Patientinnen und Patienten sowie auf das Pflegeteam aus?
Was haben Sie bisher herausgefunden?
Wir haben insgesamt 20 Patientenzimmer auf drei Intensivstationen mit verschiedenen Farben neu gestaltet, und zwar sowohl mit warmen als auch mit frischen Mischungen aus Gelb-, Grün- oder Rottönen. Die Auswahl der Farben wurde zuvor auf Grundlage von Anforderungen entwickelt, die von den Pflegenden sowie den Ärztinnen und Ärzten für die Stationen definiert wurden. Die Erkenntnisse, die wir in einer ersten Vergleichsstudie gewinnen konnten, haben uns selbst sehr erstaunt: In den ersten neun Monaten ging der Bedarf an Akutneuroleptika im Vergleich zum vorherigen Zeitraum im Durchschnitt um 30,1 Prozent zurück. Auf einer der neu gestalteten Stationen mit besonders schwer Erkrankten wurden sogar 51 Prozent weniger Neuroleptika benötigt. Da dies Medikamente sind, die sonst bei Delirien verabreicht werden, ist zu vermuten, dass auch die Anzahl der Delirien beziehungsweise deren Schwere und Dauer abgenommen hat. Ob das tatsächlich der Fall ist, überprüfen wir derzeit in einer zweiten, noch detaillierteren Studie.
Wie beurteilen die Pflegenden die neue Farbgestaltung?
Die Meinung des Pflegeteams ist uns sehr wichtig – zum einen, weil die Zufriedenheit der Pflegenden mit ihrem Arbeitsplatz eine große Rolle spielt, zum anderen weil niemand näher dran ist an den Patientinnen und Patienten. Wir befragen daher die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besonders eingehend zu den Auswirkungen der neuen Farbgestaltung und beziehen sie eng in das Projekt mit ein.
Mit welchem Ergebnis?
Wir haben hier bereits sehr positive Effekte erzielen können: Die Zufriedenheit der Pflegenden mit ihrer Arbeit stieg für das Team nach dem Umbau um zwölf Prozent. Bei der Gestaltung des Arbeitsplatzes gab es bei den Bewertungen sogar ein Plus von 32,5 Prozent. Die neue Farbgebung selbst hat sich für 75,6 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegenüber dem vorherigen Zustand deutlich verbessert.
Was sagen die Patientinnen und Patienten?
Die Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten mit der Einrichtung der Zimmer konnte gegenüber herkömmlicher Raumgestaltung im Krankenhaus um 40 Prozent gesteigert werden. Mehr als die Hälfte aller Patientinnen und Patienten fühlten sich in den neuen Räumen „geschützter“ und „geborgener“. Die Zufriedenheit mit der pflegerischen Betreuung hat sich um 28,6 Prozent erhöht. Wer sich im Krankenhaus wohler fühlt, wird in der Regel auch schneller gesund. Für Intensivpatientinnen und -patienten bedeutet das vor allem auch: weniger Schmerzempfinden und eine geringere Gefahr, ein Delir zu erleiden. Denn die Sterblichkeitsrate von Delirpatientinnen und -patienten ist, wie wir wissen, auch nach dem Aufenthalt im Krankenhaus noch immer erschreckend hoch. Wenn wir hier mit Farben, die den Patientinnen und Patienten mehr Wohlbefinden und Orientierung geben, Positives bewirken können, wäre das ein großer Gewinn.