Im Rahmen des Projekts „Voice Weaning“ gelang es einem dreiköpfigen Intensivpflegeteam des Universitätsklinikums Erlangen nachzuweisen, dass neurologische Intensivpatienten mithilfe des Vorspielens vertrauter Stimmen von Angehörigen früher von der künstlichen Beatmung entwöhnt werden können. Auch für die Angehörigen wirkte sich die Teilnahme an dem Projekt positiv aus.
Herr M. liegt mit intrazerebraler Blutung auf der neurologischen Intensivstation. Es ist 3.30 Uhr in der Nacht. Nach drei Tagen hat der Patient die akute Krankheitsphase überstanden. Die Kreislaufsituation unter niedriger Katecholamintherapie ist stabil, die Analgosedierung reduziert.
Da Herr M. Spontanatembemühungen zeigt, wechselt die betreuende Pflegefachperson vom druckkontrollierten in den druckunterstützten Beatmungsmodus. Die Pflegefachperson fordert Herrn M. mehrmals auf, ruhig weiterzuatmen.
Plötzlich klingelt beim Nachbarpatienten der Monitor, weil der Blutdruck abfällt. Die Pflegefachperson ist nun einige Minuten damit beschäftigt, den Blutdruck zu stabilisieren und kann Herrn M. in dieser Zeit nicht weiter zum Atmen anhalten.
Nachdem Herr M. länger als 30 Sekunden keine eigene Atembemühung gezeigt hat, springt das Beatmungsgerät in den kontrollierten Back-up-Modus um. Die Pflegefachperson hält Herrn M. erneut zum Atmen an. Schon bald kann sie wieder in den unterstützenden Spontanatemmodus umschalten.
Wie wirken sich auditive Stimuli auf Weaningprozess aus?
Eine Situation wie diese hat wohl jede Pflegefachperson schon einmal erlebt, die auf einer Intensivstation arbeitet – sie ist typisch für Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten), die vom Beatmungsgerät entwöhnt werden – sich im Weaningprozess befinden. Die Umstellung von einem kontrollierten in einen augmentierten Beatmungsmodus stellt im Weaningprozess stets eine Herausforderung dar, für die ein gewisses Maß an Geduld erforderlich ist. Oftmals zeigen Patienten in dieser Zeit eine Kommando- atmung und lassen sich nur durch Aufforderung der betreuenden Pflegefachperson zum selbstständigen Atmen anweisen. Problematisch dabei: Sobald keine verbale Stimulation mehr erfolgt, fallen die Patienten zurück in den kontrollierten Beatmungsmodus – im skizzierten Patientenfall in die Apnoeventilation.
Aufgrund der personellen und organisatorischen Strukturen auf einer Intensivstation lässt es sich nicht immer gewährleisten, dass eine Pflegefachperson kontinuierlich bei einem Patienten bleiben und ihn zum Atmen auffordern kann. Dem Autorenteam – Intensivpflegende der Neurointensivstation am Universitätsklinikum Erlangen – kam daher die Idee für das Projekt „Voice Weaning“: Sie zeichneten Stimmen der nächsten Angehörigen auf und spielten diese den Patienten im Weaningprozess über MP3-Player und Kopfhörer vor.
Der Atemantrieb sollte durch das kontinuierliche Auffordern zum selbstständigen Atmen erhöht und auf diese Weise die Beatmungszeit durch eine schnellere Extubation verkürzt werden. Ziel des Projekts war, herauszufinden, ob auditive Stimuli – in diesem Fall die Stimmen von Angehörigen – Einfluss auf den Weaningprozess haben.
Den Angehörigen wurde ein vorgegebener Text vorgelegt, den sie in ein Diktiergerät sprechen sollten.
Dieser lautete: „Hallo Vorname, ich bin es, Vorname. Atme ruhig weiter. Du bist auf der Intensivstation. Atme ruhig weiter. Mach dir keine Sorgen. Atme ruhig weiter. Es wird auf dich aufgepasst. Atme ruhig weiter.“
Die Aufzeichnungen wurden auf einen MP3-Player übertragen, der am Patientenbett belassen wurde und immer dann zum Einsatz kam, bevor der Patient vom druckkontrollierten in den augmentierten Beatmungsmodus umgestellt wurde. Der Vorgang erfolgte dreimal täglich.
Über die möglichen Risiken wurden die Angehörigen aufgeklärt, z. B. die Dekubitusgefahr aufgrund der aufgesetzten Kopfhörer. Um das Risiko zu reduzieren, wurden die Kopfhörer beidseits mit weichem Schaumstoff gepolstert. Zudem führte die zuständige Pflegefachperson regelmäßige Positionswechsel der Kopfhörer durch.
Die Angehörigen wurden auch über das Risiko aufgeklärt, dass die Patienten aufgrund der akustischen Stimulationen Halluzinationen erleiden könnten. Es wurde daher im Rahmen des Projekts festgelegt, dass eine Pflegefachperson beim Abspielen der Audiodatei anwesend sein sollte. Sie beobachtete die Reaktionen des zu stimulierenden Patienten und konnte so bei Bedarf jederzeit eingreifen bzw. den Vorgang der Stimulation abbrechen.
16 Intensivpatienten wurden in Untersuchung eingeschlossen
Die Aufnahme wiederholte sich, bis zehn Minuten erreicht waren. Wenn sich der Patient durch den auditiven Reiz nicht stimulieren ließ, stellte die zuständige Pflegefachperson den Patienten zurück in den kontrollierten Beatmungsmodus. Ließ sich der Patient stimulieren, verblieb die Beatmung im CPAP-Modus und der Patient wurde nach dem standardisierten Weaningkonzept der neurologischen Intensivstation weiter vom Beatmungsgerät entwöhnt.
Bei allen Patienten, die am Projekt teilnahmen, wurde am Bettplatz ein Dokumentationsbogen angebracht. Dieser wurde im Anschluss der vollzogenen Stimulation von der ausführenden Pflegefachperson ausgefüllt. Besonders die genaue Dokumentation der Stimulationsdauer war wichtig für die Auswertung der Beatmungsdauer.
Alle Patienten der neurologischen Intensivstation, die als Diagnose eine primäre intrazerebrale Blutung aufwiesen, waren potenzielle Studienteilnehmer. Das Autorenteam entschied sich bewusst für diese Patientenklientel, da diese erfahrungsgemäß häufig zerebrale Atemantriebsstörungen aufweisen.
Um am Projekt teilnehmen zu können, mussten die Patienten volljährig und psychisch stabil sein. Eine freiwillige Einverständniserklärung der Angehörigen oder des gesetzlichen Vertreters musste zudem vorliegen. Ausgeschlossen wurden Patienten mit Psychosen, Schizophrenie, Halluzinationen und anderen psychischen Erkrankungen. Denn Halluzinationen, Wahnvorstellungen und ähnliche Symptome sollten keinesfalls durch die auditive Stimulation ausgelöst werden.
Insgesamt wurden 16 Patienten mit primärer intrazerebraler Blutung als Experimentalgruppe auditiv mit Angehörigenstimmen stimuliert. Retrospektiv wurden die ermittelten Beatmungszeiten mit einer Kontrollgruppe verglichen, die keine auditive Stimulation erhalten hatten. Die beiden Patientengruppen waren in ihren Basischarakteristika homogen. Ziel der Untersuchung war, die kontrollierte Beatmungszeit zu verkürzen.
Die Auswertung der Untersuchung zeigte, dass die Experimentalgruppe durchschnittlich 42,5 Stunden benötigte, um erstmals ununterbrochen 24 Stunden augmentiert beatmet zu werden. Die Kontrollgruppe benötigte dafür 70,3 Stunden. Patienten dieser Gruppe waren bis zu 40 Prozent schneller durchgängig im augmentierten Beatmungsmodus.
Die Experimentalgruppe wies mit 343,60 Stunden eine verkürzte Beatmungsdauer auf, rund 20 Stunden weniger als die Kontrollgruppe.
Die Gesamtdauer der kontrollierten Beatmung konnte bei der Experimentalgruppe um fast 30 Prozent verkürzt werden.
Preisgekröntes Projekt wird in Folgestudie weiter untersucht
Mit dem Praxisprojekt „Voice Weaning“ ist es gelungen, eine auditive Stimulation erfolgreich in den Weaningprozess zu implementieren.
Das Autorenteam freut sich zudem über das durchweg positive Feedback der teilnehmenden Angehörigen. Es hat sich gezeigt, dass ihnen in einem Zustand völliger Hilflosigkeit, Sorge und Ohnmacht mit dem „Voice Weaning“ ein Instrument an die Hand gegeben wird, um sich aktiv in die Therapie ihres Familienmitglieds einzubringen und einen wichtigen Beitrag für die Genesung zu leisten.
Das Autorenteam freut es, dass das Projekt „Voice Weaning“ in der Fachwelt für viel Aufsehen gesorgt hat und mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde, etwa mit dem Pflegeförderpreis 2017 der Deutschen Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI), dem Intensivpflegepreis 2018 der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), dem Erlanger Medizinpreis 2018 des Vereins Gesundheit und Medizin in Erlangen und dem Bayrischen Gesundheits- und Pflegepreis 2019.
Um die in der Pilotstudie gewonnenen positiven Erfahrungen weiter zu untersuchen, läuft auf der neurologischen Intensivstation seit Februar 2019 eine interdisziplinäre Folgestudie.
Im Rahmen der randomisierten Doppelblindstudie, die auch höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht wird, erhofft sich das Autorenteam eine Bestätigung der positiven Erfahrungen. Ziel ist es, „Voice Weaning“ als Standardverfahren im Weaningprozess zu etablieren.