Die medizinische Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichte im Januar eine Studie mit den bislang umfassendsten Daten zur Häufigkeit von Sepsis und damit assoziierten Todesfällen. Die neue Untersuchung zeigt, dass die Zahl der Todesfälle und die Häufigkeit von Sepsis doppelt so hoch ist wie bisher angenommen. 20 Prozent aller Todesfälle weltweit seien auf dieses Krankheitssyndrom zurückzuführen.
Die Sepsis ist definiert als ein lebensbedrohliches Organversagen, hervorgerufen durch eine unkontrollierte Reaktion des Immunsystems auf eine Infektion. Das neue Bild der Sepsis beschreibt die Sepsis als immunologische Erkrankung, mit fehlgeleiteter und außer Kontrolle geratener Immunantwort des Patienten.
Die Sepsis verläuft in verschiedenen Phasen. Nach der ersten Phase (wenige Stunden) einer überschießenden Inflammation folgt oft eine „immunologische“ Erschöpfung (Tage, Wochen) mit einer Sepsis- bedingten Immunsuppression, nicht selten begleitet von einer Virusreaktivierung.
Die frühere Definition als „Blutvergiftung“ ist damit als überholt anzusehen, und die positive Blutkultur hat als Kriterium für die Diagnose einer Sepsis an Bedeutung verloren. Vielmehr muss jede Kombination von klinischen Infektionszeichen wie Fieber oder Schüttelfrost mit Hinweisen für eine Organdysfunktion zur Verdachtsdiagnose einer Sepsis führen.
Zeichen für ein sich anbahnendes Organversagen sind beispielsweise ansteigende Nierenfunktionswerte, ein verschlechterter Gasaustausch (als Zeichen des beginnenden Lungenversagens) oder Hautblutungen als Zeichen einer Gerinnungsstörung. Häufig sind es aber auch neue Verwirrtheitszustände oder Bewusstseinsstörungen, die im Zusammenhang mit einer Infektion auf eine Sepsis hinweisen. Gerade bei hochbetagten Patienten fehlt häufig das typische Fieber, während eine unerklärte Somnolenz oder Desorientiertheit auf eine Sepsis hindeuten kann.
Mehr als doppelt so hohe Sepsisinzidenz als bisher angenommen
Weltweit ermittelte Zahlen zur Häufigkeit der Sepsis wurden zuletzt im Jahr 2017 veröffentlicht. Damals stammten die Daten aus sieben hoch industrialisierten Ländern. Die Studie ergab eine Zahl von 19,4 Millionen Sepsisfällen pro Jahr mit 5,3 Millionen Todesfällen [1].
Ein Kritikpunkt an dieser Erhebung war, dass die Zahlen keine Rückschlüsse darauf erlauben, wie häufig eine Sepsis in Entwicklungs- und Schwellenländern auftritt. Eine internationale Arbeitsgruppe wählte daher jetzt einen anderen Ansatz. Sie zog die Todesursachenstatistik aus 195 über den ganzen Globus verteilten Ländern als Basis ihrer Berechnungen heran. Im Ergebnis zeigte sich eine um den Faktor 2,5 höhere weltweite Sepsisinzidenz als bisher angenommen [2].
Die Autoren der Arbeit waren Experten für die Erkrankung der Sepsis, Epidemiologen und Statistiker aus den USA, Kanada, Australien, Deutschland, England und Brasilien. Sie werteten für den Zeitraum von 1990 bis 2017 die Todesursachenstatistik der von ihnen ausgewählten Teilnehmerländer aus. Außer Industrieländern wurden auch Entwicklungs- und Schwellenländer einbezogen wie z. B. afrikanische Staaten sowie Karibik- und Pazifikstaaten. Die Länder mussten jedoch so weit entwickelt sein, dass die Dokumentation von Todesursachen den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entsprach. Im Todesursachenformular der WHO wird unterschieden zwischen unmittelbar zum Tod führenden Erkrankungen, mittelbar dazu beitragenden Erkrankungen sowie parallel bestehenden Grundkrankheiten. Wenn als unmittelbare oder mittelbare Todesursache eine Sepsis angegeben wurde, wurden diese Fälle als Sepsis-assoziierte Todesfälle gezählt.
Um hieraus auf die Gesamtzahl aller Sepsisfälle hochrechnen zu können, wählten die Autoren einen indirekten Rechenweg. Sie zogen dokumentierte Behandlungsfälle aus internationalen Krankenhäusern heran, die ihre Falldokumentation mit dem System der ICD-Schlüssel (International Code of Diagnosis) vornahmen. Es handelte sich um Krankenhäuser in Österreich, Brasilien, Kanada, Chile, Georgien, Italien, Mexiko, Neuseeland und den USA. Die Fälle mit ICD-Codes für Sepsis oder für Infektionen plus Organversagen wurden addiert und für jeden Fall auch der spätere Verlauf (tödlich oder nicht tödlich) aus der Patientenakte entnommen. Daraus konnte die Sepsis-assoziierte Letalität berechnet werden. Mit dem ermittelten Faktor wurden die Todesfälle aus der Gesamtstatistik aller eingeschlossenen 195 Länder multipliziert. Hieraus errechneten sich schließlich alle internationalen Sepsisfälle.
Sepsis nach wie vor eine der größten Bedrohungen weltweit
Für das Jahr 1990 errechneten die Autoren 60,2 Millionen Sepsisfälle, für das Jahr 2017 48,9 Millionen. Dies entspricht einer Abnahme um 18,8 Prozent. Im Jahr 2017 ereigneten sich 33,1 Millionen Fälle im Gefolge einer vorbestehenden Infektion, während 15,8 Millionen Fälle im Zusammenhang mit einer Verletzung oder nichtübertragbaren Erkrankung auftraten.
Über den gesamten Zeitraum betrachtet war die häufigste Ursache einer Sepsis eine infektiöse Diarrhö. Im Jahr 1990 traten insgesamt 15,0 Millionen Sepsisfälle im Zusammenhang mit einer Diarrhö auf, im Jahr 2017 immer noch 9,21 Millionen. Im Jahr 2017 waren die häufigsten Ursachen Schwangerschafts- bzw. Entbindungs-assoziierte Erkrankungen sowie Verkehrsunfälle. Diese Ursachen machten 5,7 Millionen bzw. 0,457 Millionen Sepsisfälle aus. Bei Kindern unter fünf Jahren waren die häufigsten Sepsisursachen ebenfalls Diarrhöen (27,9 % aller kindlichen Sepsisfälle), gefolgt von Erkrankungen in der Neugeborenenperiode (25,7 %) und unteren Atemwegsinfektionen (16,5 %).
Die Sepsishäufigkeit war bei Frauen mit 716,5 Fällen pro 100.000 Einwohner deutlich höher als bei Männern mit 642,8 Fällen pro 100.000 Einwohner. Die Altersverteilung zeigte einen zweigipfligen Verlauf: Die höchsten Zahlen fanden sich in der frühen und späten Neugeborenenperiode, die niedrigsten bei Personen im Alter zwischen 35 und 45 Jahren, danach stieg die Sepsisinzidenz wieder an und erreichte einen zweiten Altersgipfel bei 75 bis 85 Jahren.
Die Mortalität der Sepsis bezogen auf die Bevölkerungszahl war am höchsten in Regionen mit niedrigem Sozialstandard. So traten beispielsweise in den Ländern Afrikas und Lateinamerikas mehr als 10.000 Sepsis-assoziierte Todesfälle pro 100.000 Einwohner auf, im Gegensatz zu nur ca. 10 pro 100.000 in einkommensstarken Ländern. Die Sepsismortalität infolge von Unfällen ging in diesen Ländern sogar gegen null, während sie in den Ländern mit niedrigem Sozialstandard am höchsten war. Insgesamt verstarben im Jahr 2017 11,02 Millionen Menschen weltweit an einer Sepsis. Die Alters-adjustierte Mortalität der Sepsis lag im Jahr 2017 bei 148,1 Todesfällen pro 100.000 Einwohner. Die Letalität, also der Anteil aller Sepsispatienten, die an dieser Erkrankung unmittelbar oder mittelbar verstarben, betrug 22,5 Prozent.
Trotz eines deutlichen Rückgangs in den letzten 27 Jahren ist die Sepsis nach wie vor eine der größten Bedrohungen weltweit. In Ländern mit niedrigem Sozialstandard verursacht sie auch die höchste Zahl von Todesfällen. Internationale Anstrengungen zur frühzeitigen Erkennung und zum verbesserten medizinischen Management der Sepsis sollten sich somit besonders auf diese Länder fokussieren. Verglichen mit der früheren Studie aus dem Jahr 2017, die lediglich hoch industrialisierte Länder betrachtete [1], ergab sich bei der weltweiten Betrachtung eine um den Faktor 2,5 höhere Sepsisinzidenz.
[1] Fleischmann C et al. Assessment of global incidence and mortality of hospital-treated sepsis: current estimates and limitations. Am J Resp Crit Care Med 2016; 193: 253–272
[2] Rudd KE et al. Global, regional, and national sepsis incidence and mortality, 1990–2017: analysis for the global burden of disease study. Lancet 395; 18. Januar 2020 (online open access)