• 12.07.2019
  • PflegenIntensiv
Pilotprogramm "progress! Sicherheit bei Blasenkathetern"

Blasenkatheter nur einsetzen, wenn sie indiziert sind

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2019

Seite 34

Etwa jeder vierte katheterisierte Patient entwickelt eine behandlungsbedürftige Harnwegsinfektion, die zu einer Sepsis führen kann. Blasenkatheter sind daher nur einzusetzen, wenn sie wirklich erforderlich sind. Dies ist auch das Ziel eines Pilotprogramms der Stiftung Patientensicherheit Schweiz.

Bis zu einem Viertel aller Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten) erhalten im Verlauf ihres Krankenhausaufenthalts einen transurethralen Dauerkatheter [1, 2]. Diese über die Harnröhre eingebrachten Schläuche zur Harnableitung sind alles andere als harmlos: Schon bei der Einlage kann es zu mechanischen Traumata kommen – wahrnehmbar als Schmerzen, Blutungen aus der Harnröhre oder Makrohämaturie [3]. Ein liegender Katheter begünstigt die Entstehung einer Bakteriurie – bedingt durch Mikroorganismen, die bei der Einlage oder der Manipulation des ableitenden Systems von der endogenen Flora des Patienten oder den Händen des Personals übertragen werden. Eine Übertragung lässt sich kaum vermeiden, und nach 30 Kathetertagen weisen praktisch alle Patienten trotz ordnungsgemäßer Pflege eine Bakteriurie auf [4]. Bei etwa jeder vierten Person entwickelt sich daraus eine behandlungsbedürftige symptomatische Harnwegsinfektion, die zu einer Sepsis führen kann. Eine weitere Folge der Katheterisierung ist die eingeschränkte Mobilität, die einen Sturz oder Dekubitus begünstigen kann [5]. Bei geriatrischen und intensivmedizinisch behandelten Patienten steigt zudem das Delirrisiko.

 

 

Auf Kathetereinlage möglichst verzichten

Angesichts der mit einem Blasenkatheter assoziierten Risiken ist es erforderlich, Katheter nur einzusetzen, wenn sie auch wirklich indiziert sind. Gemäß Studien ist dies allerdings nur bei etwa 50 % aller Katheterisierungen der Fall [6–8]. Katheterassoziierte Komplikationen lassen sich vermeiden, indem man auf die Kathetereinlage verzichtet oder – wenn dies nicht möglich ist – die Liegedauer des Katheters auf das nötige Minimum reduziert. Genau dies war auch der Ansatz des Pilotprogramms „progress! Sicherheit bei Blasenkathetern“ aus der Schweiz. Es handelte sich um ein gemeinsames Projekt der Stiftung Patientensicherheit Schweiz und des Vereins Swissnoso. Ziel war es, den Einsatz von Blasenkathetern zu reduzieren und damit die Häufigkeit von nosokomialen Infektionen sowie katheterassoziierten, nichtinfektiösen Komplikationen zu senken. Dazu wurde ein Interventionsbündel definiert, das aus drei evidenzbasierten Maßnahmen besteht:
  • Anwendung einer Indikationsliste (Tab. 1)
  • tägliche Überprüfung der Notwendigkeit des Katheters (Reevaluation)
  • Schulung des Personals zum sicheren Umgang mit Blasenkathetern

Interventionsbündel ist wirksam

Sieben Kliniken haben das Interventionsbündel im Rahmen des Pilotprogramms eingeführt und umgesetzt. Um die Wirksamkeit des Interventionsbündels zu belegen, führten die Pilotkliniken vor und nach Einführung des Interventionsbündels während je drei Monaten eine Surveillance durch: Sie erhoben Daten zur Katheternutzung, zu der Indikationsstellung und den Reevaluationen und sie erfassten die in diesem Zeitraum auftretenden katheterassoziierten Harnwegsinfektionen (Catheter Associated Urinary Tract Infections, CAUTI) und nichtinfektiösen Komplikationen wie Harnverhalt, Notwendigkeit einer Reinsertion oder Makrohämaturie. Mit einer Befragung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurde zudem untersucht, ob sich das Wissen und die Einstellungen des Personals im Umgang mit Blasenkathetern im Verlauf des Programms verändert haben. Die Auswertung der Surveillance-Daten zeigte, dass nach Einführung des Interventionsbündels deutlich weniger Patienten katheterisiert wurden. Gleichzeitig stieg die Anzahl indizierter Katheter und durchgeführter Reevaluationen signifikant an. CAUTI traten in beiden Erhebungszeiträumen nur selten auf. Durch die Befragung ließen sich bei der Ärzteschaft und dem Pflegepersonal Veränderungen im Wissen und in ihrer Wahrnehmung im Umgang mit Blasenkathetern ausmachen. So konnten die Befragten nach Implementierung des Interventionsbündels mehr Wissensfragen korrekt beantworten. Sie schätzten auch den Umgang mit Blasenkathetern in ihrem Betrieb als restriktiver und sicherer ein. Mit Blick auf die Daten ist festzustellen: Das Interventionsbündel hat sich bewährt, die Ziele des Pilotprogramms wurden erreicht. Bedingt durch die Anlage des Programms ist allerdings nicht auszuschließen, dass die in den Pilotkliniken erzielten Verbesserungen auch in anderen Krankenhäusern in der Schweiz auftraten und somit Teil einer nationalen Tendenz sind. Damit Qualitätsverbesserungsprogramme erfolgreich sind und zu den gewünschten Veränderungen führen, müssen immer verschiedene Faktoren beachtet werden [9]. Wichtig ist, die Ausgangslage zu kennen, die Intervention dem Kontext anzupassen und die Umsetzung mit Unterstützung der Führungskräfte und Champions anzugehen.

 

[1] Magill SS, Edwards JR, Bamberg W et al. Multistate point-prevalence survey of health care-associated infections. N Engl J Med 2014; 370 (13): 1198–1208

[2] Zarb P, Coignard B, Griskeviciene J et al. The European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) pilot point prevalence survey of healthcare-associated infections and antimicrobial use. Euro Surveill Bull 2012; 17 (46)

[3] Hollingsworth JM, Rogers MA, Krein SL et al. Determining the noninfectious complications of indwelling urethral catheters: a systematic review and meta-analysis. Ann Intern Med 2013; 159 (6): 401–410

[4] Saint S. Clinical and economic consequences of nosocomial catheter-related bacteriuria. Am J Infect Control 2000; 28 (1): 68–75

[5] Saint S, Lipsky BA, Goold SD. Indwelling urinary catheters: a one point restraint? Vol. 137, Annals of internal medicine. United States 2002: 125–127

[6] Munasinghe RL, Yazdani H, Siddique M et al. Appropriateness of use of indwelling urinary catheters in patients admitted to the medical service. Infect Control Hosp Epidemiol 2001; 22 (10): 647–649

[7] Jain P, Parada JP, David A et al. Overuse of the indwelling urinary tract catheter in hospitalized medical patients. Arch Intern Med 1995; 155 (13): 1425–1429

[8] Schuur JD, Chambers JG, Hou PC. Urinary catheter use and appropriateness in U.S. emergency departments, 1995–2010. Acad Emerg Med 2014; 21 (3): 292–300

[9] Damschroder LJ, Aron DC, Keith RE et al. Fostering implementation of health services research findings into practice: a consolidated framework for advancing implementation science. Implement Sci 2009; 4: 50

 

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