Zeitdruck, Personalknappheit, gesperrte Betten – all das ist heute auf Intensivstationen fast schon die Regel. Wie konnte es zu dieser prekären Situation kommen und wie können Lösungsansätze aussehen ? Ein Gespräch mit Pflegewissenschaftler Peter Nydahl.
Herr Nydahl, Sie haben 2016 eine Online-Umfrage durchgeführt, um herauszufinden, wie häufig, unter welchen Bedingungen und mit welchen Konsequenzen Bettensperrungen im Intensivbereich vorgenommen werden. Rund 70 % gaben damals an, dass Bettensperrungen im zurückliegenden Jahr vorgekommen waren. Die Befragung liegt nun knapp 3 Jahre zurück. Wie ist Ihre Einschätzung: Hat sich das Problem seitdem weiter verschärft?
Ja, das Problem hat sich verschärft, es werden zunehmend Betten gesperrt. Das zeigt die Datenlage ja eindeutig. Zum Vergleich: Bei der Umfrage, die ich zusammen mit meinen geschätzten Kollegen Rolf Dubb und Arnold Kaltwasser von der Akademie der Kreiskliniken Reutlingen durchgeführt habe, konnten die Antworten von 358 Teilnehmern ausgewertet werden: Wie Sie richtig zitierten, berichteten damals 70 % der Befragten von Bettensperrungen auf Intensivstationen. Im vergangenen Jahr, also 2 Jahre nach unserer Studie, haben der Kölner Intensivmediziner Christian Karagiannidis und Kollegen in den Ärztekammern aller Bundesländer eine ähnliche Umfrage vorgenommen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass auf 76 % aller Intensivstationen Betten gesperrt werden. Im März wurde nun eine erneute Umfrage von Christian Karagiannidis und Kollegen publiziert – diesmal wurden Intensivpflegende zu ihrer Arbeitszufriedenheit befragt. Treffenderweise lautete der Titel dieses Artikels „Versorgung der Bevölkerung in Gefahr“. Die Befragung ergab, dass die subjektiv wahrgenommene Arbeitsbelastung unter Intensivpflegenden in den vergangenen Jahren zugenommen hat und dass bessere Personalbesetzungen bei einem Personalschlüssel von 1:2 die gewünschte Lösung darstellt.
Die Sache ist also eindeutig ...
Jein. Bei all diesen Studien muss angefügt werden, dass sie zwar relativ große Teilnehmerzahlen haben, aber dennoch nicht repräsentativ sind. Ehrlicherweise muss man sagen, dass bei diesen Studien ein sogenannter „Rekrutierungsbias“ vorliegt: Es haben vor allem diejenigen Kollegen teilgenommen, die sich vom Thema angesprochen fühlten. Festzuhalten ist: Es gibt in Deutschland kein zentrales Register, das besagt, wie viele Betten täglich gesperrt werden. Man weiß es also nicht so genau. Dennoch gibt es die begründete Vermutung, dass Bettensperrungen zunehmen.
Bettensperrungen sind vermutlich eine Ultima- Ratio-Handlung, denn den Kliniken geht Geld verloren und schränkt die Patientenversorgung ein. Warum kommen sie dennoch verhältnismäßig häufig vor?
Es gibt viele Gründe für Bettensperrungen. Dies können ganz praktisch ein Wasserrohrbruch in einem Zimmer sein, ausgefallene Geräte oder defekte Stromleitungen. Wir alle kennen Bettensperrungen aufgrund von hygienischen Isolationen, sehr aufwendigen Patienten, aber auch bei „V.I.P.-Patienten“, bei denen das Nebenbett im 2-Bett-Zimmer nicht belegt werden darf. Der häufigste Grund für Bettensperrungen ist aber Personalmangel – meist weil Pflegende fehlen, es kann aber auch vorkommen, dass ein Ärztemangel vorliegt. Bettensperrungen sind also meist auf allgemeine Personalknappheit zurückzuführen.
Offensichtlich ist das Problem des Personalmangels mittlerweise so massiv, dass Kompensationsmaßnahmen bei Personalausfall Bettensperrungen oftmals nicht verhindern können.
Auf den meisten Stationen wird ein Dienstplan mit einer Sollbesetzung Monate im Voraus geplant. Wenn dann eine oder 2 Personen ausfallen, kann dies noch kompensiert werden, wenn aber darüber hinaus Kollegen ausfallen, werden Betten gesperrt. Anders ausgedrückt: Bei einer Normalbesetzung im Intensivbereich versorgt eine Pflegekraft durchschnittlich 2,5 Patienten, ab 4 Patienten treten meist Bettensperrungen in Kraft. Problematisch dabei ist: Bei unserer Umfrage wurde deutlich, dass es nur auf jeder fünften Intensivstation schriftliche Verfahrensanordnungen zur Bettensperrung gibt, d. h. dass es auf den meisten Intensivstationen eine willkürliche Entscheidung ist. Eine Planungssicherheit ist damit nicht gegeben.
Welche kompensierenden Maßnahmen zur Vermeidung von Bettensperrungen sind am häufigsten?
Meistens werden bei Personalmangel Kollegen aus dem Frei angesprochen, ob sie einspringen können. Wir alle wissen, wohin das führt, aber es gibt halt nur begrenzte Möglichkeiten. Personal aus einem Springerpool, von anderen Stationen oder von Fremdfirmen einzusetzen, ist auch eine häufige Methode. Damit sinkt aber die Versorgungsqualität, weil die Kollegen sich in den Räumlichkeiten und mit den Krankheitsbildern nicht so gut auskennen wie die Stammmitarbeiter. Doppelschichten oder 12-Stunden-Schichten werden ebenfalls oft, nämlich in 25 % der Fälle, eingesetzt, um Personalmangel zu kompensieren. Solche Strategien mögen für einen begrenzten Zeitraum, wie eine Grippewelle, funktionieren. Wenn sie aber andauern und es für die Kollegen keine Planungssicherheit mehr gibt, sie also nicht wissen, ob sie um 15 Uhr ihre Kinder vom Kindergarten abholen können, dann ist die logische Konsequenz, dass die Kollegen abwandern.
Wer entscheidet in der Regel, dass Betten gesperrt werden?
Wenn es keine schriftliche Verfahrensanordnung gibt, sind es meist Oberarzt und Teamleitungen, die eine Bettensperrung entscheiden. Assistenzärzte trauen sich häufig nicht. In der Regel muss ein Personalmangel über 2 Schichten innerhalb von 24 Stunden vorliegen, damit Betten gesperrt werden. Sobald wieder genug Personal da ist, werden die Betten geöffnet. Wichtig ist mir, bei diesem Thema keine Nabelschau zu betreiben und die Situation nur aus der Sicht von uns Intensivpflegenden zu betrachten. Bettensperrungen können dazu führen, dass Untersuchungen oder Operationen von Patienten auf allgemeinen Stationen verschoben werden müssen oder Patienten in Notaufnahmen länger auf ein Intensivbett warten müssen. Wir wissen, dass bei Patienten mit Sepsis oder Pneumonie in der Notaufnahme mit jeder Stunde Wartezeit das Mortalitätsrisiko steigt. Gleichzeitig wissen wir aber nicht, wie viele Patienten aufgrund eines schlechten Personalschlüssels versterben. Bettensperrungen im Intensivbereich erhöhen die pflegerische und ärztliche Versorgungsqualität; sie führen dann aber auch zu Qualitätseinbußen bei den anderen Bereichen. Es ist also ein zweischneidiges Schwert.
Sie sagen, dass es in den meisten Kliniken an klaren Vorgehensweisen zur Sperrung von Betten fehlt. Warum ist das so und wie wird es in Ihrer Klinik gehandhabt?
Aus der Umfrage aus dem Jahr 2016 wissen wir, dass es in jeder fünften Intensivstationen festgelegte Vorgehensweisen gibt. Die Gründe sind sicher vielfältig und nicht zu verallgemeinern. Bei uns am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein gibt es eine SOP, die auch für allgemeine und IMC-Stationen gilt, aber noch nicht in allen Kliniken implementiert wurde. Diese SOP kann von Ärzten, aber auch von Pflegenden initiiert werden, und ist damit außerordentlich wichtig. Sie definiert klare Bedingungen und Regeln – damit müssen nicht mehr der Oberarzt oder die Teamleitung gefragt werden, die Kollegen können sie im Nachtdienst oder am Wochenende selbst anwenden. Ich hoffe sehr, dass es mittlerweile mehr Kliniken gibt, die eine solche Vorgehensweise festgelegt haben.
Sie sprachen gerade bereits die kürzlich publizierte Studie zur Arbeitszufriedenheit von Intensivpflegenden an. In dieser gaben fast alle Befragten an, dass sich die Arbeitsbedingungen verschlechtert habe; viele planen, den Beruf zu verlassen. Herr Nydahl, Sie sind seit fast 30 Jahren in der Intensivpflege tätig und kennen dieses Setting wie kaum ein zweiter: Wie hat sich die Intensivpflege in Deutschland in den vergangenen 3 Jahrzehnten verändert und wie konnte es Ihrer Ansicht nach dazu kommen, dass wir es heute mit einer derart großen Arbeitsunzufriedenheit zu tun haben?
Ehrlicherweise muss ich sagen, dass wir Pflegenden schon Ende der 1980er-Jahre gegen Personalnot demonstriert haben. Allerdings war die Arbeit damals anders strukturiert und der Aufgabenbereich der Intensivpflege hat sich seitdem deutlich erweitert: Unsere Arbeit ist heute viel aufwendiger und komplexer. Wir tragen zudem deutlich mehr Verantwortung – und das bei weniger Personal. Viele Pflegende gaben in der Studie von Christian Karagiannidis an, dass Kostengründe viele therapeutischen Entscheidungen beeinflussen und dass sie sich nicht mehr gewertschätzt fühlen. Ähnliche Studien von Professor Michael Isfort vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung belegen dies ebenfalls. An dieser Stelle muss ich aber auch sagen: Wir Pflegenden sind teilweise selbst schuld. Wir haben es in 100 Jahren nicht geschafft, uns zu organisieren und für bessere Bedingungen einzutreten. All diese Splitterorganisationen in der Pflege haben keinen politischen Einfluss. Eine Kammer ist für uns die große Chance, unsere eigenen Bedingungen zu schaffen und sie verbindlich an die Landesregierungen zu kommunizieren. Das ist mir einen Mitgliedsbeitrag definitiv wert.
Sie sind als Pflegeforscher am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel tätig, arbeiten aber weiterhin auch in der Praxis. Wie nehmen Sie selbst den Alltag auf der Intensivstation wahr?
Ich habe das Glück, in einem wunderbaren Team von Pflegenden, Ärzten und Therapeuten zu arbeiten – nebenbei bemerkt: Wir haben noch Stellen frei (lacht). Unser Chef sperrt bei Pflegepersonalmangel Betten – mit dem Ergebnis, dass ich zu 80–90 % meiner Arbeitszeit auf der Intensivstation 2 Patienten betreue, in allen Schichten wohlgemerkt. Das ist eine sehr komfortable Situation und erhöht die Arbeitszufriedenheit. Ich weiß aber auch, dass es auf anderen Intensivstationen nicht so gut aussieht und dass es woanders „normal“ ist, 4 und mehr Patienten zu betreuen, Doppelschichten zu leisten oder den Urlaub nicht nehmen zu können.
Was sind notwendige Schritte, um die Arbeitszufriedenheit von Intensivpflegenden zu steigern?
Ich habe vor Kurzem einen Kommentar zu diesem Thema gelesen, der mir sehr gut gefallen hat. Leider weiß ich nicht mehr, wer ihn geschrieben hat. Sinngemäß und etwas erweitert ging er so: Ich wünsche mir als Pflegekraft eine Personalbesetzung über der gesetzlichen Mindestanforderung, einen Poolmitarbeiter bei Personalausfall, eine Bezahlung etwas über Tarif, einen Wunschdienstplan, einen Dienstplan, wie er ursprünglich geplant wurde, Urlaub, wie er geplant wurde, sowie eine vergünstigte, unkomplizierte, möglicherweise anonymisierte Gesundheitsvorsorge und -behandlung durch die Fachärzte und Therapeuten des Krankenhauses, in dem ich arbeite. Das ist doch eigentlich ganz leicht, oder?
Herr Nydahl, vielen Dank für dieses Gespräch.
Peter Nydahl, 55, arbeitet als Pflegeforscher in der Pflegedirektion sowie als Krankenpfleger auf einer Intensivstation des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Kiel. Derzeit promoviert er an der Universität zu Lübeck zum Thema „Frühmobilisierung auf der Intensivstation“. Mail: peter.nydahl@uksh.de