• 24.07.2018
  • PflegenIntensiv
Lärmvermeidung auf der Intensivstation

"Es geht auch deutlich leiser"

Andreas Schneider, 35, ist Fachpfleger für Anästhesie und Intensivpflege auf einer interdisziplinären Intensivstation des Klinikums Links der Weser in Bremen. Mail: andreas.schneider@ klinikum-bremen-ldw.de

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2018

Seite 56

Die ständige Geräuschkulisse von Intensivstationen ist belastend für die Patienten. Fachkrankenpfleger Andreas Schneider vom Bremer  Klinikum Links der Weser hat untersucht, wie groß die Lärmbelastung tatsächlich ist – und mit einer „einfachen Idee“ die Situation der Patienten deutlich verbessert.

Herr Schneider, Sie haben sich in Ihrer Abschlussarbeit im Rahmen der Fachweiterbildung mit der Lärmbelastung auf Intensivstationen befasst. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Für Facharbeiten werden häufig Themen gewählt, die sich mit dem Personal und dessen Belastung befassen. Ich wollte ein Thema bearbeiten, das die Seite der Patienten beleuchtet. Ich kam dann schnell auf das Thema Lärmbelastung, denn jeder Intensivpflegende weiß, dass dies für Intensivpatienten ein Problem darstellt. Bei meiner Recherche stellte ich fest, dass es zu diesem Thema bisher kaum gesicherte Erkenntnisse gibt, zumindest nicht aus Sicht der Patienten.

Ihr Projekt startete mit Befragungen der Patienten auf der Intensivstation. Was war das Ergebnis?

Das interessante Ergebnis war, dass weniger die Geräusche der Apparate als störend empfunden werden. 18 von 30 befragten Patienten äußerten vielmehr, dass sie sich vor allem durch Gespräche und Telefonate des Personals – sowohl im Patientenzimmer als auch auf dem Flur – gestört fühlen. Dies ist besonders im Frühdienst störend für Patienten.

Welche weiteren Arten von Lärm wurden genannt?

Das Quietschen von Schuhen, Hubschraubergeräusche, das Werfen von Glasflaschen in den Abwurf, Baulärm, morgendliche Raumpflege und so weiter.

Sie setzten sich auch selbst in die Krankenzimmer, um den Geräuschpegel mit einem Dezibelmessgerät zu protokollieren – zehnmal für eine halbe Stunde, zu den geräuschintensivsten Zeiten morgens und mittags. Was kam dabei heraus?

Die Geräuschmessungen, die sich weitgehend mit den Aussagen der Patienten deckten, machten das Ausmaß erst wirklich deutlich. So habe ich beispielsweise zur Mittagszeit, als es lauteres Gerede und Gelächter auf dem Flur gab, bis zu 65 Dezibel gemessen. Das Auseinaderreißen der Absaug- katheter kann bis zu 80 Dezibel verursachen. Das ist ungefähr so, als würde ein LKW durchs Zimmer fahren. Bei Gesprächen von Mitarbeitern im Patientenzimmer habe ich 40 bis 50 Dezibel gemessen. Auch das fällt ins Gewicht, vor allem, wenn der Lärm über einen längeren Zeitraum anhält.

Sie haben die Messungen, wie gesagt, zu den lärmintensivsten Zeiten durchgeführt. Wie ist die Geräuschkulisse im Tagesverlauf zu bewerten?

Dies kann ich empirisch nicht belegen, aber meiner Erfahrung nach sind die Patienten kontinuierlich, vor allem tagsüber, einem ständigen Geräuschpegel ausgesetzt – definitiv. Es ist auf einer Intensivstation ja immer Betrieb, und ständig finden Handlungen statt, die Lärm produzieren.

Welche Konsequenzen haben Sie aus Ihrer Arbeit gezogen?

Nachdem ich die Facharbeit abgeschlossen hatte, kam ein Oberarzt auf mich zu und zeigte Interesse an dem Thema. So entstand eine Arbeitsgruppe, an der sich noch ein weiterer pflegerischer Kollege beteiligte. Wir haben uns mehrmals getroffen und überlegt, was wir tun können, um die Situation der Patienten zu verbessern. Es entstand die Idee, Noise-Cancelling-Kopfhörer einzusetzen. Diese sogenannten „Micky-Maus-Kopfhörer“ sind vor allem geeignet, um kontinuierlichen monotonen Lärm zu reduzieren. Wir haben mittlerweile sechs davon, und sie sind auf der Station nicht mehr wegzudenken. Zudem wurden Geräuschpegelampeln angeschafft, die ab einer gewissen Dezibelzahl auf Rot schalten. Darüber hinaus führe ich Mitarbeiterschulungen durch, um zu informieren und sensibilisieren. Darüber lässt sich schon viel erreichen, denn vielen ist ja gar nicht bewusst, dass es ohne großen Aufwand auch deutlich leiser geht.

Die Effektivität der Kopfhörer haben Sie Ende vergangenen Jahres in einer erneuten Befragung evaluiert. Was kam dabei heraus?

Die Befragung hat die Effektivität der Kopfhörer bestätigt. Meine Zukunftsvision ist daher, die Kopfhörer in etwa drei bis vier Jahren an allen Bettplätzen fest zu installieren – damit jeder Patient die Möglichkeit hat, sie zu nutzen. Zudem setze ich weiter darauf, die Kollegen zu schulen – Sensibilisierung ist im Grunde das Wichtigste, um Lärm auf der Inensivstation zu reduzieren.

Herr Schneider, vielen Dank für das Gespräch.

Mail: andreas.schneider@ klinikum-bremen-ldw.de

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