Neben Einzelversorgungen gibt es immer öfter Wohngemeinschaften für Menschen, die dauerhaft intensivpflichtig versorgt werden müssen. Wie sieht dort der Alltag aus? Ist eine individuelle Versorgung möglich? Zu Besuch in einer Wohngemeinschaft in Augsburg.
Hans Huber* sitzt vor der großen Fensterfront mit Blick auf die Terrasse. Selbstgemalte Bilder von Enkeln schmücken das Glas. Die verdunkelte Brille auf seiner Nase schützt die Augen vor den Sonnenstrahlen, die den ganzen Raum durchleuchten. Aus dem Radio tönt bayerische Volksmusik. Ein ganz normaler Vormittag. Fast. Denn Herr Huber sitzt im Rollstuhl, eine Trachealkanüle ragt aus seinem Hals. Herr Huber liegt im Wachkoma.
Fünf Stunden früher in einem großen Aufenthaltsraum mit vielen hellen Möbeln: eine Sitzecke mit zwei beigen Ledersofas, ein weiß glänzendes Longboard und ein großer Holzesstisch, darüber ein Bild mit blühenden rosafarbenen Tulpen. Ein heimeliges Gefühl stellt sich im Kreise der sechs Pflegenden ein, die sich rund um den Tisch versammelt haben. Während die einen an der Kaffeetasse nippen und Informationen mitschreiben, haben die Erzählenden eher kleine Augen und gähnen ab und zu – die Übergabe in der Augsburger Wohngemeinschaft für beatmete Menschen ist in vollem Gange:
Herr X sieht total gebeutelt aus. Der hat eine leichte Erkältung und Übelkeit. Die Ataxie ist deutlich schlimmer geworden.
Die Kanüle von Frau Y ist deutlich zu lang, die kürzere ist aber schon da.
Herr Z hat einen Abszess an der Schulter. Den versorgt aber seine Frau.
Die Logo kommt um zehn Uhr, die Ergo ist im Urlaub.
„Wir brauchen die Eins-zu-zwei-Versorgung“
Die Krankheitsbilder der Bewohner sind ganz unterschiedlich; allen gemein ist die Intensivpflichtigkeit: Alle sind tracheotomiert, viele beatmet. Tagsüber kümmern sich drei Pflegende um die sechs Bewohner, gearbeitet wird im Zwei-Schicht-System. „Viele Pflegende sind ernüchtert, wenn sie von ihrer Ausbildung in der späteren Berufspraxis nur noch wenig umsetzen können“, sagt Manuela Seitz, die pflegerische Leitung der WG. Das sei in der außerklinischen Intensivpflege anders. „Ganzheitliche Pflege ist hier noch leistbar“, meint Seitz. Ob es in der Praxis aber tatsächlich gelingt, hänge vom Versorgungsschlüssel ab. „Wir brauchen die Eins-zu-zwei-Versorgung, um gute Pflege leisten zu können.“ Klar gebe es auch mal Tage, an denen dieser Schlüssel nicht klappt, zum Beispiel, wenn wegen der Grippewelle die Hälfte der Mitarbeiter krank ist. Aber die Regel dürfe das nicht sein.
„Frau Y hat gestern eine ganze Packung Kinderriegel gegessen. Und sehr viele Brote“, sagt eine Nachtdienst-Pflegerin. Das „e“ im sehr zieht sie dabei lang wie Kinder ihre Kaugummis. Verschiedene Lebensweisen zu akzeptieren, gehört zur außerklinischen Intensivpflege dazu und ist gerade für Neulinge nicht immer einfach, beschreibt Manuela Seitz. „In der Klinik ist der Patient der Geduldete. Bei uns ist es andersrum. Wir sind hier Dienstleister.“ Dieser Rollenwechsel ist manchmal nicht leicht. „Wenn zum Beispiel ein Klient nur einmal im Monat duschen möchte, dann muss man das wohl oder übel so hinnehmen“, verdeutlicht die pflegerische Leitung. „Dieses Gefühl, ich würde gerne, darf aber nicht, kann frustrierend sein.“ Andererseits hat der Arbeitsplatz auch viele schöne Seiten: Man hat Zeit, Gespräche zu führen, geht zusammen einkaufen oder unternimmt etwas. „Im Sommer sitzen wir bei gutem Wetter immer zusammen auf der Terrasse, ab und zu wird auch gemeinsam gegrillt.“
Qualifikationsmix bringt besondere Expertise
Ein gutes Miteinander wird in der WG besonders gepflegt. Ziel ist, dass sich alle wohlfühlen. Auf der Mitarbeitertoilette hängt eine Einladung zum Bowling: „Wir schieben keine ruhige Kugel“, so das Motto. Pflegerin Traudl stellt ihren Arbeitsplatz als zweite Heimat vor. „Ich bin hier angekommen“, sagt sie. Wertschätzung empfindet sie als das A und O. Da passt der frisch gebackene Kuchen einer Kollegin in der Küche gut dazu. Auch eine „gute Seele“ gibt es: die Hauswirtschafterin. Sie erstellt zusammen mit einem WG-Bewohner einen Ernährungsplan, kauft ein, kocht. Mitarbeiter und Angehörige dürfen mitessen.
Pflegerin Traudl schätzt in der WG besonders, dass die Pflegenden verschiedene Qualifikationen mitbringen. Die Kollegen aus der Altenpflege hätten eine hohe pflegerische Kompetenz, Dual-Studierende brächten immer wieder neue Impulse. „Eine hat ihre Facharbeit über die nonverbale Kommunikation geschrieben“, erzählt sie begeistert. „Die Ergebnisse kommen dann direkt uns und unseren Bewohnern zugute. Hier lernt jeder von jedem.“ Ob Aromatherapie, Fußreflexzonenmassage, basale Stimulation oder Schüßlersalze – alle profitierten vom Fachwissen der anderen, alles werde ausprobiert, wenn Angehörige und Bewohner solch alternative Behandlungsmethoden wünschen.
Herr Huber wird derweil sanft geweckt. Pflegerin Traudl spricht ihn mit Vornamen an und legt ihre Hand auf seine linke Schulter. „Einen schönen guten Morgen, Hans“, sagt sie. „Ich habe dir frischen Kaffee mit Zucker mitgebracht.“ Wenig später riecht es im Zimmer nach Eukalyptus und Calendula. Von draußen ist ein Piepsen zu hören. Traudl ruft aus dem Zimmer: „Alles gut bei dir?“ Die bejahende Antwort kommt prompt.
Die Tagesstruktur gibt der Bewohner vor. Wenn es ihm schlecht geht, wird er vielleicht erst am Nachmittag gewaschen, ein anderer geht unter der Woche arbeiten und schläft am Wochenende aus. „Wir versuchen, für unsere Klienten alles möglich zu machen“, verdeutlicht Manuela Seitz. Eine Gondelfahrt zum Geburtstag, Theaterbesuche, Grillen im Sommer – die Palette an Freizeitaktivitäten ist lang. Im Grunde bestimmen aber alles Angehörige und Bewohner. Regelmäßig trifft sich ein Angehörigengremium. Hier müssen auch Kompromisse geschlossen werden. Das reicht von der Wandfarbe bis zur Entscheidung, ob ein Haustier in die WG ziehen darf. „Gerade zu Beginn einer solchen Versorgung ist das nicht einfach“, weiß die WG-Leitung. Die meisten kennen nur das Pflegeheim, in dem alles, was ansteht, übernommen wird. Es sei nicht leicht, zu realisieren, dass der pflegebedürftige Angehörige zwar nicht mehr zu Hause wohnt und von einem Pflegedienst versorgt wird, organisatorische Aufgaben aber nicht vollständig übernommen werden.
Der Markt an Intensivpflegediensten ist derweil unüberschaubar geworden. Zwischen den Unternehmen gebe es riesige Unterschiede, sagt Manuela Seitz. Darunter auch schwarze Schafe. Skandale über falsche Abrechnungen oder schlechte Versorgung häufen sich in den Medien. Woran erkennen Pflegende einen guten Pflegedienst? Pflegerin Traudl findet, dass bereits das Einstellungsgespräch viel aussagt. In ihrem Unternehmen werde man auf Herz und Nieren überprüft – im positiven Sinne. „Wenn jemand genau wissen will, was in der bisherigen Arbeit gut und schlecht lief, dann hat er auch ein echtes Interesse an einer guten Versorgung“, meint die Pflegerin.
Gute Pflege braucht Zeit
Herr Huber ist nachts beatmet, tagsüber atmet er selbstständig. Traudl erklärt ihm, dass sie nun die Beatmungsmaschine abstellt und er dann selbst atmen kann. Der Bewohner bekommt eine feuchte Nase mit Sauerstoff auf das Tracheostoma gesetzt, die Beatmungsmaschine läuft in der Zwischenzeit an der „falschen Lunge“ weiter. Pflegerin Traudl massiert den Brustkorb, stimuliert die Atemmuskulatur. „Einatmen, ausatmen, Hans“, motiviert sie ihn. Der Blick geht immer wieder zum Pulsoxymeter: 90, 85, 80. Sie bricht ab. Ein paar Minuten später versucht sie es erneut. Nun klappt es. Herr Huber atmet ruhig, die Sättigung ist stabil. Mittlerweile ist die Logopädin eingetroffen. Jetzt träufelt sie mit ihrem Finger ein paar Tropfen Kaffee in den Mund. Nach einiger Zeit schluckt er. „Sehr gut, Hans“, lobt sie und klopft ihm auf die Schulter.
An der Versorgung der Bewohner sind viele Berufsgruppen beteiligt: Logopäden, Ergotherapeuten, Wundspezialisten. Es sei nicht einfach, gute Ärzte und Therapeuten zu finden, die auf diesem Gebiet geschult sind und den Weg hierher finden, so die Erfahrungen der Augsburger WG-Leitung. „Viele Praxen haben keinen Aufzug oder scheuen sich, wenn es heißt, der Patient kommt im Liegen und hat ein Tracheostoma.“
Unterstützer und Allrounder
In vielen Dingen sei die außerklinische Intensivpflege anspruchsvoller als die Intensivstation, meint Seitz, die selbst jahrelang auf einer Intensivstation gearbeitet hat. „Wir haben keinen Monitor, keine Zugänge und keine Blutgase, die Auskunft über den Zustand eines Bewohners geben.“ Verbal äußern können sich viele nicht. „Bei uns sind viel Empathie und Beobachtung gefragt“, sagt die Intensivpflegerin. Pflegende mit einem hohen Fachwissen hätten das berühmte „Bauchgefühl“. Sie erkennen, wenn es einem Bewohner schlecht geht – ohne konkrete Werte.
Rund um die Uhr werden die Bewohner von Pflegenden unterstützt und begleitet. Das Verhältnis ist deswegen ein besonderes. Die Herausforderung sei, Grenzen zu ziehen und sich selbst zurückzunehmen, sagt Manuela Seitz. Manche Bewohner müssten erst lernen, wieder selbst zu entscheiden. Wer lange Krankenhaus- oder Rehaaufenthalte hinter sich hat, sei es nicht mehr gewohnt, alltägliche Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel, was er zum Frühstück essen möchte oder wie er sein Zimmer gestalten will. Die Pflegenden sind hier Unterstützer und Allrounder. Sie helfen, kreative Lösungen zu finden und werden mitunter auch handwerklich tätig. So entsteht dann zum Beispiel ein übergroßes Logo des Lieblingsfußballvereins an der Wand.
Mittlerweile ist es Mittag, Herr Huber wird gerade durchbewegt. Aufgrund der Spastiken kein leichtes Unterfangen. Die Muskulatur spannt sich immer wieder deutlich an, der Kopf wird rot und der ganze Körper versteift sich. Pflegerin Traudl spricht beruhigend, bewegt langsam und Stück für Stück große und kleine Gelenke. Bis die Beine in eine abgewinkelte Position gelangen, vergehen viele Minuten. Zu zweit wird Herr Huber dann mit dem Lifter vom Bett in den Rollstuhl manövriert. „Hans, jetzt geht’s in die Sonne“, sagt Traudl und schiebt den Rollstuhl vor das Fenster.
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