Außerklinische Intensivpflegedienste sprießen aus dem Boden wie Pilze, Skandale über Abrechnungsbetrüge oder schlechte Versorgung häufen sich. Wohin steuert dieses System? Das fragten wir den Geschäftsführer des Heimbeatmungsservice Brambring Jaschke, Christoph Jaschke.
Herr Jaschke, wie ist es um die außerklinische Intensivpflege in Deutschland bestellt?
Hier kann es nur eine Antwort geben: Wir haben auf ganzer Linie versagt. Eines der reichsten Länder der Welt schafft es nicht, die Pflege der eigenen Bevölkerung hochzuhalten. Seit 15 Jahren ist klar, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern, getan wird trotzdem nichts. Im Gegenteil, bestimmte Themen werden systematisch ausgeklammert. Die ambulante Intensivpflege ist so eines. Wir sprechen hier von circa 16 000 bis 30 000 Betroffenen und einer hohen Mortalitätsrate – wegen der schlechten Versorgung.
Gibt es so viele schwarze Schafe?
Der Markt an außerklinischen Intensivpflegediensten hat sich innerhalb von vier Jahren verdoppelt. Gleichzeitig gibt es kein Fachpersonal. Unser Pflegedienst muss jedes Jahr mehrere hundert Patienten ablehnen, weil es zu wenige Fachkräfte gibt. Kein Personal, aber 20 Prozent Marktwachstum. Wie geht das? Da kann man sich ausrechnen, wie viel schwarze Schafe es geben muss.
Gibt es keine einheitlichen Regelungen für die Pflegedienste?
Nein. Der Gesetzgeber hat in den letzten 20 Jahren auf Bundesebene geschlafen. Jedes Bundesland regelt sich, jede Krankenkasse regelt sich, die Pflegedienste machen, was sie wollen. Und weil es keine konkreten Regelungen gibt, heißt das: Der Markt regelt sich selbst. Das macht er, indem mit allen Mitteln versucht wird, wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Der Wettbewerb besteht heute darin, wie geschickt und intelligent Stundensätze mit den Krankenkassen verhandelt werden und wie erfolgreich man Personal akquiriert. Die Monetik ist das Treibende, nicht die Qualität. Dieses System hat dazu geführt, dass wir in der außerklinischen Intensivpflege, bezogen auf die Anzahl der Klienten, die höchste Anzahl an Betrugsfällen haben. Und es wird betrügerischen Unternehmen auch besonders leicht gemacht.
Wie zum Beispiel?
Wenn zum Beispiel ein Pflegedienst mit den Angehörigen bespricht, dass diese die Nachtdienste selbst übernehmen und ihnen der Dienst dafür 2 000 Euro pro Monat bezahlt. Schwarz. Gleichzeitig rechnet er selbst 24 Stunden ab. Hier liegt der Betrug bei einer Eins-zu-eins-Versorgung bei circa 15 000 Euro im Monat für einen Klienten. Das sind 180 000 Euro im Jahr. Besonders schlimm ist, dass dieses Verfahren jedem bekannt ist. Es wird ganz offen betrogen, und keiner tut etwas.
Woran machen Sie fest, dass es jeder weiß?
Die Kassen kommen zu uns und sagen, dass es in anderen Pflegediensten möglich sei, einen Patienten für unter 30 Euro die Stunde zu versorgen. Diese Dienste bekommen viele Patienten, weil die Kassen weniger bezahlen müssen. Das Problem dabei: Wenn man es durchrechnet, merkt man schnell, dass gute Pflege mit diesen Preisen nicht funktionieren kann.
Warum werden diese Dienste dann nicht geschlossen?
Die Krankenkassen haben einen Sicherstellungsauftrag, das heißt, sie müssen die Versorgung des Patienten gewährleisten. Wenn der Medizinische Dienst der Krankenversicherung auf einen Pflegedienst hinweist, der so gravierende Mängel aufweist, dass man ihn sofort schließen müsste, säßen 50 Patienten auf der Straße. Da hätte die Kasse ein großes Problem, denn es gibt keine Pflegedienste, die ausreichend Personal haben, um diese Patienten versorgen zu können.
Wenn kein Personal da ist, gehört dann die Einzelversorgung bald der Vergangenheit an?
In der Einzelversorgung braucht man pro Monat fünfeinhalb Vollzeitkräfte pro Klient. Das ist ein enormer personeller Aufwand. Deswegen wurden Wohngemeinschaften schnell attraktive Alternativen, weil man dort Personal sparen kann. Heute ist eine Eins-zu-eins-Versorgung der absolute Glücksfall. Eine Zukunft hat sie nicht. Ich denke, dass sich die Wohngemeinschaften noch eine Weile halten werden und es irgendwann nur noch große, stationäre Versorgungsformen geben wird.
Das würde bedeuten, dass beatmete Menschen vielleicht nichts mehr unternehmen könnten.
Die Teilhabe am Leben hängt unmittelbar vom Versorgungsschlüssel ab. Bei einer Eins-zu-drei-Versorgung ist es nicht mehr möglich, dass eine Pflegekraft mit einem Klienten etwas unternimmt. Das wäre dann wie in einem Pflegeheim. Dann müssten das die Angehörigen übernehmen.
Haben Sie Hoffnung, dass sich das System irgendwann ändert?
Ja, sonst würde ich einen anderen Beruf ergreifen. Ich glaube aber, dass sich dafür die Pflege grundsätzlich ändern muss. Sie muss rebellieren und für eine Veränderung kämpfen. Pflegende müssen Krach machen, lästig werden. Sie müssen richtig nerven. Wenn sie das nicht machen, wird sich auch nichts ändern. Aus meiner Sicht müsste man einen völlig neuen Weg schaffen.
Heißt dieser Weg, Personal aus dem Ausland zu gewinnen?
Nein. Vor etwa sieben Jahren fing es an: Da stürzten sich Pflegedienste auf Pflegende aus Griechenland, Spanien oder Kroatien. Trotzdem haben wir jetzt massive Personalmängel. Aktuell probiert man es mit Asiaten. Das kann nicht die Lösung sein. Ein Land muss aus sich selbst heraus in der Lage sein, für seine Alten und Kranken zu sorgen.
Wie kann man das Problem dann lösen?
Es müssten sich große Expertengremien bilden, die gemeinsam das System zusammen völlig neu überdenken. Derzeit ist das nicht der Fall. Wir leben in einer Wegguckgesellschaft, die darüber diskutiert, welche Krümmung eine Gurke haben darf. Dass bei uns jährlich tausende Menschen an nosokomialen Infektionen oder beatmet zu Hause sterben, weil sie von einer Haushaltshilfe versorgt werden, geht völlig unter. Wer interessiert sich noch für diese Verstorbenen? Kaum einer. Und deshalb gibt es auch keine Gremien, die eine bundesweite Strategie zur Vermeidung dieser Todesursachen entwickeln.
Was müssten diese Gremien zuerst anpacken?
Sie müssten klare Zulassungsbestimmungen definieren. Darin muss genau stehen, was ein Pflegedienst für die Zulassung braucht – und vor allem, was ein Pflegedienst darüber hinaus vorweisen muss, wenn er beatmete Menschen versorgen möchte. Im Rahmen von unangekündigten Qualitätskontrollen sollte dann immer wieder geprüft werden, ob der Pflegedienst die Kriterien erfüllt.
Gibt es diese Kontrollen nicht schon jetzt?
Derzeit wird konsequent weggesehen; bei den MDK-Prüfungen wird nicht mal unter die Decke geschaut. Außerdem sind die Prüfungen angekündigt. Da ändert sich natürlich nichts. Würde es konkrete Standards geben und ein Pflegedienst erfüllt diese nicht, müsste der Dienst schließen. Pflegedienste, die schon am Markt sind, sollten zwei Jahre Zeit bekommen, alles in Ordnung zu bringen. Danach wäre der Markt aufgeräumt. Allein die Androhung einer unangekündigten Prüfung würde schon enorm aufrütteln. Allerdings: Nur darauf zu hoffen, dass sich das System von alleine ändert, bringt nichts.
Ist vielleicht fehlendes Geld das Problem?
Ich bekomme ständig zu hören, dass kein Geld da sei. Von den 300 Milliarden, die in der Gesundheitswirtschaft hin- und hergeschoben werden – behaupte ich –, sind bestimmt fünf bis zehn Prozent Betrug. Wahrscheinlich ist es deutlich mehr. Es stimmt also nicht, dass wir kein Geld im System haben. Wir bezahlen einfach lieber für Dinge, die nie stattgefunden haben.
Warum ist das so?
Man müsste sonst erkennen, dass an zentraler Stelle einiges schiefgelaufen ist. Deshalb wird lieber akzeptiert, dass Ballungsräume, zum Beispiel München, an den Rand ihrer Versorgungskapazitäten kommen. Die Pflege wird hier einfach so schlecht bezahlt, dass sich Pflegende keine Wohnung leisten können und abwandern.
Wer trägt aus Ihrer Sicht die Schuld für diese Schieflage?
Eine Sache ist klar: Jeder muss sich an die eigene Nase packen. An dem Problem, das jetzt existiert, ist jeder mit schuld: derjenige, der betrogen hat, der, der zugesehen und nichts gesagt hat, die Politik, die nicht reagiert hat. In einer solchen Situation hilft es nur, den Reset-Knopf zu drücken, alles noch einmal anzusehen und durchzugehen, mit Experten zu besprechen und das Ergebnis in Bundesgesetze zu gießen. Ich bin überzeugt, man kann das schaffen.
Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Jaschke.