Das Intensivtagebuch in der Praxis Ein Intensivtagebuch ist im Grunde schnell gemacht. Ein Schnellhefter mit ein paar leeren Seiten und einem Foto auf der Umschlagseite reicht schon aus. Nach ein paar gezielten Informationen an die Angehörigen füllt es sich wie von selbst. Das Intensivtagebuch ist somit ein simples Hilfsmittel, von dem alle Beteiligten gleichermaßen profitieren.
Beim Intensivtagebuch geht es um ein menschliches Urgefühl – um Angst. Es gehört zur Natur des Menschen, Angst zu haben und einer Bedrohung aus dem Weg zu gehen, um die körperliche Unversehrtheit zu sichern. Kommt es zu einem traumatischen Erlebnis – etwa zu einem Verkehrsunfall oder Wohnungseinbruch –, leiden die Betroffenen häufig noch nach einem Jahr unter Ängsten, Schlafstörungen und Stress. Sie sind nicht mehr dieselben wie vor dem unerwünschten Ereignis.
Ähnlich verhält es sich bei Patienten auf Intensivstationen. Sie durchleben vielfältige körperliche Bedrohungen – durch die Erkrankung selbst und auch durch die medizinischen, pflegerischen und therapeutischen Maßnahmen, die an ihnen durchgeführt werden. Vieles nehmen die Betroffenen nur unterbewusst wahr, und doch empfinden sie eine nicht enden wollende Palette an Bedrohungen.
Den Klinikaufenthalt rekonstruieren
Intensivpflegende geben ihr Bestes, um Patienten gut zu versorgen. Viele verlassen die Klinik in einem – aus Sicht der Pflegenden – guten Zustand. Dabei wird meist außer Acht gelassen, dass jemand nach einer 14-tägigen Beatmung seine ursprüngliche Leistungsfähigkeit selbst nach einem Jahr noch nicht vollständig wiedererlangt hat. Hinzu kommt, dass die Betroffenen innerhalb ihrer Familie oft ihre über Jahrzehnte gewohnte Rolle verloren haben. Aus dem Familienoberhaupt, das alles gemanagt hat, wird plötzlich jemand, der Unterstützung benötigt und beispielsweise von seinen Kindern zur Reha gefahren wird. Selbstständigkeit ist verloren gegangen.
Die verständliche Frage der Betroffenen nach dem Warum verschwindet in einem Nebel aus verworrenen Erinnerungen. Wieso war ich krank? Was wurde mit mir gemacht? Wie habe ich den Weg zurück ins Leben gefunden? Warum bin ich nicht der, der ich vorher war?
Ein Intensivtagebuch hilft, die Zeit des Klinikaufenthalts zu rekonstruieren. Untersuchungen zeigen, dass Intensivtagebücher von den Betroffenen in der Phase der Aufarbeitung immer wieder gelesen werden. Dies geschieht fast immer im Familienkreis. Gemeinsam wird das Erlebte erklärend und erzählend wiederentdeckt. Den Aufenthalt auf der Intensivstation mit allem, was damit zusammenhängt, Revue passieren zu lassen, kann für die Familienmitglieder und den Betroffenen selbst sehr heilsam sein.
Gerade bei Beatmungspatienten ist Kommunikation nur eingeschränkt möglich. So wird das Intensivtagebuch während des Klinikaufenthalts zum wichtigsten Medium, um Sorgen, Ängste und Alltagsgedanken aufzuschreiben.
Die Eintragungen machen Angehörige und Pflegende. Das Tagebuch ist ein unendlich wichtiges Instrument, denn es hilft gleich drei Parteien: dem Patienten, den Angehörigen und den Pflegenden. Alles, was aufs Papier kommt, entlastet die Seele. Das ist für Angehörige ungemein hilfreich. Mit den Eintragungen der Pflegenden wird dem Patienten die Möglichkeit gegeben, sich sachlich mit seinem Aufenthalt auf der Intensivstation auseinanderzusetzen. Ein Intensivtagebuch spendet Trost und ist eine wichtige Stütze – für den Betroffenen und seine Familienangehörigen.
Tagebuch steigert Vertrauen
Intensivstationen sind für Patienten und Angehörige nicht die reale Welt. Ihre Welt ist draußen, außerhalb des Krankenhauses, und die Menschen, die auf der Intensivstation arbeiten, sind die „Eindringlinge“. Pflegende werden aus unterschiedlichsten Gründen von Patienten und Angehörigen als Bedrohung empfunden.
Insofern hilft es ungemein, handschriftliche Notizen der Pflegenden zu lesen, wie: „Lieber Herr Müller, heute war auf unserer sonst häufig unruhigen Station ein wenig mehr Ruhe. So habe ich die Zeit gefunden, Sie zu rasieren. Ihre Frau hat Ihr Rasierwasser mitgebracht, damit Sie, obwohl Sie im Augenblick tief und fest schlafen, zumindest den Geruch von zu Hause riechen. Ich glaube fest, dass es Ihnen bald besser gehen wird. Wir und Ihre Familie passen gut auf Sie auf.“
Ebenso können Pflegende Kurzmitteilungen an die Angehörigen hinterlassen. Auch das wird von allen Seiten als unterstützend empfunden. Ein Beispiel für eine solche Notiz könnte lauten: „Hallo Frau Müller, dies ist das Tagebuch Ihres Mannes, aber ich möchte Ihnen sagen, dass ich Ihre Kraft bewundere. Es ist insbesondere für Sie eine sehr schwere Zeit. Doch Sie wissen, dass wir gut auf Ihren Mann aufpassen und dafür sorgen, dass er keine Schmerzen oder sonstigen Beschwerden hat. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihren Mut behalten und die Zeit finden, zur Ruhe zu kommen und Ihre Gedanken zu sortieren. Dann wird es Ihnen gelingen, auch wieder die schönen Seiten des Lebens zu entdecken.“
Eine Pflegeperson, die diese Zeilen schreibt, wird innerhalb kürzester Zeit zu einer Vertrauensperson für die Familie. Sie wird nicht mehr als fremdartiges, technisch überlagertes Wesen in einer bedrohlichen, lauten Umgebung wahrgenommen, sondern als Mensch mit Herz. Eintragungen von Pflegenden in ein Intensivtagebuch führen zu einem erheblichen Anstieg an Vertrauen. Der Umgang und die Kommunikation zwischen Pflegenden und Angehörigen wird maximal erleichtert. Bei den Angehörigen entsteht ebenso eine Bereitschaft, an der Therapie mitzuwirken und sich in das „Team“ einzubringen.
Geringer Aufwand, großer Nutzen
All diese Effekte lassen sich zügig und einfach erreichen, denn ein Intensivtagebuch ist im Grunde schnell gemacht. Ein Schnellhefter, vorne drauf ein Bild der Station oder des Krankenhauses, eine kurze Erläuterung, vielleicht ein paar Bilder und einige leere Seiten – das genügt schon, der Rest ist ein Selbstläufer.
Hilfreich ist, den Angehörigen ein paar gezielte Informationen zum Intensivtagebuch an die Hand zu geben und selbst eine kurze Eintragung zu machen, wie: „Hallo Herr Müller, ich bin Pfleger Michael und versorge Sie heute Nachmittag. Sie sind gestern zu uns gekommen, weil sie plötzlich schlecht Luft bekamen. Nun helfen wir Ihnen mit einem Beatmungsgerät und überbrücken die Zeit, bis es Ihnen wieder besser geht. Damit Sie die Beatmung besser tolerieren, geben wir Ihnen unter anderem Medikamente gegen Schmerzen und zum Schlafen. Ihre Familie ist da und macht sich viele Sorgen um Sie. Wir werden uns in dieser schwierigen Zeit gemeinsam um Sie kümmern und darauf achten, dass es Ihnen an nichts fehlt.“
Sobald dann ein Angehöriger einen Eintrag gemacht hat, wird sich das Tagebuch wie von selbst füllen. Die langweilige, untätige Wartezeit am Bett mit dem beständigen hilflosen Blick auf den Monitor wird auf diese Weise mit sinnvollen Eintragungen, Zeichnungen und Ähnlichem gefüllt. Ein Intensivtagebuch ist somit ein hilfreiches Instrument zum Nutzen aller Beteiligten.
Schreiben des Tagebuchs ist freiwillig
Auf der Intensivstation des St. Josef Hospitals Troisdorf gibt es die Intensivtagebücher seit vier Jahren. Der Auslöser war ein Zufallstreffer im Internet. Die Idee war so faszinierend, dass im Kollegium darüber gesprochen wurde. Bei der nächsten Gelegenheit wurde das Intensivtagebuch getestet – ein Kollege bot diese Möglichkeit einer verzweifelten Angehörigen an. Diese brachte mit einer kaum zu beschreibenden Herzlichkeit ihre Sorgen, Nöte und Hoffnungen zu Papier.
Natürlich wird nicht für jeden Patienten ein Intensivtagebuch vorbereitet. Sobald jedoch deutlich wird, dass die Beatmung länger als drei bis vier Tage dauern wird, informieren wir die Familie über die Möglichkeit – immer mit dem Hinweis, dass das Tagebuch Eigentum des Patienten ist, dass es nicht in die Patientenakte gehört und dass das Führen des Tagebuchs in erster Linie Aufgabe der Familie ist.
So finden sich in den Büchern häufig familieninterne Notizen, wie: „Ich bügle heute die Wäsche und bin mit den Gedanken bei dir“, „Helga brachte uns ein Suppenhuhn, und ich habe es für dich eingefroren“ oder „Lena war heute wieder zum Reiten, ich soll Dir unbedingt sagen, dass ihr Pferd Susi heißt und ganz lieb ist. Sie vermisst Dich sehr. Ich gebe Dir ein Küsschen per Finger, wegen dem blöden Tubus im Mund.“
Eintragungen wie diese sollten von Pflegenden nicht unterschätzt werden. Für die Patienten ist das Tagebuch während ihres Aufenthalts auf der Intensivstation eine direkte Verbindung zu ihrem wahren Leben. Über die Notizen erfährt der Patient, dass er gebraucht und geliebt wird. Dass man sich um ihn gesorgt hat.
Intensivtagebuch steigert Zufriedenheit
Viele Pflegende gehen nach einem Arbeitstag mit dem Gefühl nach Hause, nichts geschafft zu haben. Häufig fand man noch nicht einmal Zeit für eine richtige Pause. Doch wenn man sich die zwei oder drei Minuten Zeit für eine Eintragung im Tagebuch genommen hat, erkennt man, dass man sehr viel geleistet hat. Es steigert in jedem Fall die eigene Zufriedenheit. Es ist einen Versuch wert.