• 15.09.2017
  • Bildung
Kommentar

Bildungspolitische Sackgasse

PflegenIntensiv

Ausgabe 3/2017

Seite 29

Am Klinikum Saarbrücken startet am 1. August eine neue Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege, die den Abschluss in der Anästhesie- und Intensivpflege einschließt. Ziel ist es, „effektiv und schnell“ an ausgebildetes Fachpersonal zu kommen. Ein kritischer Kommentar.

Die Lage auf Intensivstationen und im OP ist angespannt. Händeringend suchen Krankenhäuser in Deutschland qualifizierte Fachpflegende. Hinzu kommt, dass der Entwurf des Bundesgesundheitsministeriums zur Forderung nach Personaluntergrenzen in sogenannten pflegesensitiven Bereichen wie Intensivstationen den Druck auf die Kliniken erhöhen wird.

Sich in dieser Situation wieder alter Rezepte zu bedienen, die auf eine Beschleunigung der Ausbildung bis zur Fachpflegekraft abzielen, bringt mehr Probleme mit sich, als dass es sie löst. Missglückte Experimente aus der Vergangenheit belegen, dass verkürzte Ausbildungswege im Intensivbereich nicht tragfähig sind: So ist der Klinikverbund Südwest aus Baden-Württemberg mit seinem Versuch, eine grundständige Ausbildung zur Intensivpflegekraft ohne Anerkennung irgendeiner beruflichen Qualifikation zu etablieren, ebenso gescheitert wie eine Klinik in Frankfurt am Main, die Frischexaminierte einjährig zu Pflegeexperten für die Intensivstation weiter ausbilden wollte.

Nun bietet das Klinikum Saarbrücken eine staatlich anerkannte vierjährige Krankenpflegeausbildung in Kombination mit der Fachweiterbildung an. Solche Auswüchse stellen überstürzte Reparaturmaßnahmen dar und sind symptomatisch für eine verfehlte Bildungspolitik im Bereich der Pflege. Die Saarbrücker Ausbildung erfüllt zwar die formalen Voraussetzungen der Krankenpflegeausbildung und der landesrechtlichen Weiterbildungsverordnung des Saarlandes, aber bei weitem nicht die anderer Landesverordnungen und der Empfehlung der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Insofern ist auch zu erwarten, dass der Ausbildungsabschluss in vielen Bundesländern nicht anerkannt wird. Selbst wenn es gelingt, in den vier Jahren durch geschickte curriculare Umsetzung die gleichen theoretischen Grundlagen zu vermitteln, kann die Umsetzung der praktischen Anleitung nie an das heranreichen, was in drei Jahren Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung und zwei Jahren Fachweiterbildung inklusive rotierender Einsätze möglich ist. Es ist zu befürchten, dass dadurch nicht wie gewünscht zusätzliches Pflegepersonal für die Intensivstationen akquiriert werden kann, sondern aufgrund von Überforderung und falschem Ehrgeiz die Absolventen dem Berufsfeld mittelfristig verloren gehen.

Aus meiner Sicht wollen und müssen wir auch im Sinne der Patientensicherheit und zum Schutz junger Pflegender an der zweijährigen Fachweiterbildung, die sich einer grundständigen Ausbildung anschließt, festhalten. Meines Erachtens handelt es sich bei der neuen Ausbildung des Klinikums Saarbrücken um einen Schnellschuss, der in die Sackgasse führt. Es ist zielführender, Pflegenden schon in der Ausbildung die Möglichkeit zu bieten, Einsätze auf den Intensivstationen zu absolvieren. Nur so kann die Attraktivität der Intensivpflege erlebt werden.

Und: Es besteht Konsens darüber, dass Bildung europaweit vereinheitlicht werden soll, um Absolventen breite Karriereoptionen zu bieten. Vor diesem Hintergrund ist es bedenklich, dass Kliniken regionale Angebote entwickeln, um ihre Personalprobleme zu lösen.

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