• 01.02.2016
  • Bildung
Erste Fachweiterbildung Notfallpflege

„Ein neuer Zweig“

PflegenIntensiv

Ausgabe 1/2016

Seite 44

Am Klinikum Links der Weser in Bremen startet Mitte April ein deutschlandweit bislang einzigartiges Bildungsangebot: die erste staatlich anerkannte Fachweiterbildung für Notfallpflege. Über die Hintergründe sprachen wir mit den Verantwortlichen der Bildungseinrichtung.

Frau Garbade, Herr Sick, über die Notwendigkeit einer eigenen Fachweiterbildung für Notfallpflege wurde lange diskutiert. Nun sind Sie die ersten, die mit einem entsprechenden staatlich anerkannten Bildungsangebot starten. Wie stolz macht Sie das?

Karsten Sick: Stolz ist für mich in diesem Zusammenhang ein Begriff, der nicht passend ist. Es ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit, Bildungsangebote im Fachweiterbildungsbereich weiterzuentwickeln. Aber es freut uns natürlich, dass die viele Arbeit tatsächlich in eine staatliche Anerkennung für die Notfallpflege mündete.

Wie ist es dazu gekommen?

Sigrid Garbade: Die Idee zum Weiterbildungsangebot entstand aufgrund einer Abschlussarbeit eines Teilnehmers der Fachweiterbildung für Intensivpflege und Anästhesie. Dieser arbeitet auf unserer Notfallaufnahmestation, und wir waren immer in der Diskussion, inwieweit die Fachweiterbildung Intensivpflege und Anästhesie seinem Bildungsbedarf gerecht wird. Daraus hat sich dann das Thema für seine Abschlussarbeit entwickelt.

Karsten Sick: Er hat darin bestehende Bildungsan- gebote analysiert, sie mit dem modularen Bildungssystem des Bremischen Weiterbildungsgesetzes abgeglichen und beschrieben, wie eine Fachweiterbildung Notfallpflege aussehen könnte. Das war im Mai 2013. Wir haben diese Idee weiterverfolgt, sie der Pflegereferentin beim Senator für Gesundheit vorgetragen, Entwürfe geschrieben und diese in einer Fachgruppe bei der Pflegereferentin diskutiert. Die Entwürfe wurden natürlich mehrfach verändert. Im April 2015 wurde die Bremische Weiterbildungs- und Prüfungsordnung verändert und die Fachweiter- bildung speziell für die Notfallpflege als neuer Zweig einer staatlich anerkannten Fachweiterbildung mit aufgenommen. Bremen ist das erste Bundesland, das diesen Abschluss als staatlich anerkannt ermöglicht.

Ist die staatliche Anerkennung der einzige Unterschied, der Ihre Fachweiterbildung von anderen unterscheidet?

Karsten Sick: Der Unterschied ist im Wesentlichen in der äußeren Struktur erkennbar. Die Inhalte sind in der Tat recht ähnlich. Es gibt bereits Anbieter einer Fachweiterbildung für Notfallpflege – zum Beispiel in Köln und Halle. Diese orientieren sich am Curriculum der Deutschen Gesellschaft Interdisziplinäre Notfallmedizin.

Sigrid Garbade: Der Unterschied zu Bremen besteht darin, dass wir durch das Bremische Weiterbildungsgesetz einen klaren Rahmen haben, wie Fachweiterbildungen aufzubauen sind. Damit verbunden können wir einen staatlichen Abschluss anbieten, der zur Führung der erweiterten Berufsbezeichnung „Fachkrankenpfleger/in für Notfallpflege“ berechtigt.

Wie viele Teilnehmer werden den ersten Kurs durchlaufen?

Karsten Sick: Zur Zeit haben wir zehn Anmeldungen. Bis zum Start am 18. April rechnen wir aber mit rund zwölf Teilnehmern.

Welche Zulassungsvoraussetzungen bestehen?

Karsten Sick: Zur Fachweiterbildung zugelassen werden Gesundheits- und Krankenpflegepersonen mit mindestens einjähriger Berufserfahrung.

Wie lange dauert die Qualifizierung?

Sigrid Garbade: Die Fachweiterbildung dauert zwei Jahre – genau wie die anderen Fachweiterbildungen auch. Nach dem Bremischen Weiterbildungsgesetz kann sich ein Teilnehmer zur Abschlussprüfung anmelden, wenn er alle dazugehörigen Module erfolgreich absolviert hat. Dafür hat der Gesetzgeber einen Zeitraum von zwei bis vier Jahren gesetzt. Das bedeutet, dass ein Teilnehmer die Module auch so buchen kann, dass erst nach drei oder vier Jahren eine Anmeldung zur Abschlussprüfung erfolgt.

Wie ist das Curriculum aufgebaut?

Karsten Sick: Die Fachweiterbildung startet mit dem Fachmodul „Grundlagenkompetenzen in der Notfallpflege“. Darauf folgt das Grundmodul 1, das vor allem pflegewissenschaftliche, rechtliche und betriebswirtschaftliche Kenntnisse vermittelt. Das Besondere an der Bremischen Weiterbildung ist, dass jeder Fachweiterbildungsteilnehmer in Bremen die Praxisanleiter-Qualifikation erwirbt. Die ist im Grundmodul 2 mit 200 Stunden abgebildet und findet ebenfalls im ersten Jahr statt.

Sigrid Garbade: Im zweiten Jahr geht es weiter mit den Grundlagen der Versorgung und Überwachung kritisch kranker Menschen und der Beherrschung komplexer Situationen in der Notfallpflege. Der theoretische Unterricht umfasst rund 800 Stunden. Ziel ist es, Pflegende in Notaufnahmen umfassend für ihre verantwortungsvolle Rolle zu qualifizieren.

Rechnen Sie damit, dass andere Kliniken in Kürze ähnliche Fachweiterbildungsangebote mit staatlicher Anerkennung anbieten werden?

Karsten Sick: Das ist schwierig vorherzusagen. Fachweiterbildungen können nur in größeren Verbünden wirtschaftlich durchgeführt werden. Aus diesem Grund wird die Zahl der Anbieter sicher nicht so groß wie beispielsweise in der Fachweiterbildung für Intensivpflege und Anästhesie. Die Anzahl der Mitarbeiter, die als potenzielle Teilnehmer infrage kommen, ist bei der Notfallpflege deutlich geringer als im Intensiv- und Anästhesiebereich. Der wirtschaftliche Vorteil des Bremer Modells ist, dass die Grundmodule und das Fachmodul 2 interdisziplinär durchgeführt werden können und man so leichter auf wirtschaft-liche Lerngruppengrößen kommt. Um aber eine staatliche Anerkennung zu erhalten, müssen in den jeweiligen Bundesländern Gesetze und Prüfungsordnungen verändert werden. Das braucht erfahrungs-gemäß eine gewisse Zeit.

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