• 18.04.2016
  • Praxis
Familienzentrierte Pflege

„Ein weiter Weg“

PflegenIntensiv

Ausgabe 2/2016

Seite 54

In der Intensivpflege spielt die Integration von Angehörigen eine zentrale Rolle. Dies ist besonders in der pädiatrischen Versorgung der Fall. Der niederländische Pflegewissenschaftler Jos M. Latour forscht zu diesem Thema seit vielen Jahren. Im Interview gibt er Auskunft, wo die familienzentrierte Pflege international aktuell steht.

Herr Professor Latour, Deutschland hing anderen Ländern Westeuropas viele Jahre in Sachen Angehörigenintegration deutlich hinterher. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch viel getan – das Thema Angehörigenintegration ist in der deutschen Intensivpflege in aller Munde. Stehen wir mit Ländern wie den Niederlanden und Dänemark mittlerweile gleichauf?

Aufgeholt haben deutsche Intensivstationen sicher, doch gleichauf mit denen meines Heimatlandes oder Skandinaviens stehen sie meines Erachtens noch nicht.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Der wesentliche Unterschied sind Restriktionen bei den Besuchszeiten. In den Niederlanden sind Angehörige meist rund um die Uhr auf Intensivstationen willkommen. Dies hat die Arbeit von Spreen und Schuurmans – „Visiting policies in the adult intensive care units: a complete survey of Dutch ICUs“ –, veröffentlicht 2011 im Journal „Intensive Critical Care Nursing“, eindeutig gezeigt. Damit möchte ich die Verdienste der deutschen Intensivpflegenden jedoch nicht schmälern. Ich weiß, dass die deutschen Kollegen bei wirklich knappen Zeit- und Personalbudgets außerordentlich viel leisten.

Sie sind seit knapp zwei Jahren in Großbritannien tätig. Wo stehen britische Intensivstationen beim Thema Familienzentrierte Pflege?

Vor wenigen Tagen habe ich eine große Intensivstation in England besucht und musste dort deutliche Restriktionen bei den Besuchszeiten feststellen. Nichtsdestotrotz ist die Situation der britischen Intensivstationen mit der in den Niederlanden grundsätzlich vergleichbar. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das britische Gesundheitssystem sehr stark auf die ambulante Versorgung ausgerichtet ist – und hier sind Familien die zentrale Ressource.

Dennoch scheint Angehörigenintegration auf britischen Intensivstationen sehr unterschiedlich geregelt zu sein – ähnlich wie dies in Deutschland der Fall ist …

Richtig, jede Intensivstation geht ihre eigenen Wege – das ist auch in Ländern wie den Niederlanden und Großbritannien der Fall, die grundsätzlich bei diesem Thema fortschrittlich sind. Ich würde mir wünschen, dass die Intensivstationen aller Länder Westeuropas einheitliche Standards bei der familienzentrierten Pflege umsetzen würden. Dies zu erreichen, ist aber noch ein weiter Weg.

Was muss getan werden?

Was wir brauchen, sind nationale Leitlinien zum Thema Angehörigenintegration in der Intensivpflege. Aber selbst das ist womöglich nicht genug. Wahrscheinlich brauchen wir Gesetze, die eindeutige Standards festlegen. In Dänemark gibt es meines Wissens nach ein solches Gesetz.

Zum Thema Angehörigenintegration wird international derzeit viel geforscht. Gibt es Studienergebnisse, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Eine schwierige Frage, denn momentan gibt es tatsächlich sehr viele Studien, die sich um die Integration von Angehörigen in der Intensivpflege drehen. Die meisten dieser Untersuchungen kommen aus den USA und befassen sich mit familienzentrierter Pflege auf pädiatrischen und neonatalogischen Intensivstationen. Als innovativ betrachte ich beispielsweise ärztlich-pflegerische Übergaben am Patientenbett, bei denen Angehörige anwesend sind. In Dänemark gab es kürzlich ein Projekt namens „Guided Family Centered Care“, das ich sehr interessant fand. Hier ging es um die Erarbeitung eines Gesprächs­leitfadens, um die Kommunikation zwischen Pflegenden und Angehörigen auf neonatalogischen Intensivstationen zu verbessern. In einem weiteren Projekt aus Kanada übernahmen Eltern fast vollständig die Grundpflege ihres Kindes und wurden dabei von den Pflegenden angeleitet.

Sie haben kürzlich ein Intensivpflege-Projekt in China durchgeführt. Inwieweit werden dort Ange­hörige in die Intensivpflege einbe­zogen?

Chinesische Intensivstationen sind in Sachen Angehörigenintegration weit von dem entfernt, was wünschenswert wäre. Ich arbeite bereits seit gut fünf Jahren mit zwei chinesischen Kinderkrankenhäusern zusammen – eins davon befindet sich in Changsha und das andere in Shanghai. Die Intensivstationen beider Kliniken beginnen langsam damit, ihre Türen für Angehörige zu öffnen. Auf den peripheren Stationen sind die Eltern der Kinder aber 24 Stunden am Tag willkommen. Selbst in China. Ich betrachte dies als ultimatives Ziel familienzentrierter Pflege – egal ob es sich um periphere Bereiche handelt oder Intensivstationen. Es wird oft vergessen, dass Angehörige bei guter Integration eine enorme Unterstützung für die Pflegenden sind – und kein lästiger Störfaktor.

Herr Professor Latour, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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