50 Prozent aller Menschen sterben im Krankenhaus, viele davon auf einer Intensivstation. Um Sterbenden und Angehörigen einen würdevollen Rahmen zum Trauern und Abschiednehmen zu ermöglichen, haben die Pflegenden der interdisziplinären Intensivstation 23 des HELIOS Klinikums Siegburg einen Raum mit einem besonderen Ambiente eingerichtet.
Den Tod verbinden Menschen nicht zwangsläufig mit positiven Gefühlen. Aus Angst, Furcht und manchmal auch Scham möchten sich viele nicht aktiv mit dem Tod auseinandersetzen oder über ihn sprechen. Denn egal an was Menschen glauben oder welche Überzeugung sie haben, der Tod ist endgültig und keiner weiß genau, was beim Sterben exakt passiert und wie es sich anfühlt.
50 Prozent sterben im Krankenhaus
Die meisten Menschen haben eine genaue Vorstellung darüber, wo sie Sterben möchten: zuhause. Wie früher. Noch vor nicht einmal 100 Jahren war es ganz selbstverständlich, dass Menschen daheim in der Mitte der Familie starben.
Der Tod hat sich mittlerweile ins Krankenhaus verlagert. 50 Prozent der 850 000 Menschen, die jährlich in Deutschland sterben, tun dies im Krankenhaus.
Für viele Menschen ist es eine unerträgliche Vorstellung, im Krankenhaus zu sterben. Die fremde Umgebung, der Klinikalltag, die Atmosphäre und die fehlende Privatsphäre machen den Gedanken nicht leichter. Tod in der Klinik ist assoziiert mit Anonymität, Routine und Kälte.
In vielen Kliniken werden die Verstorbenen im Krankenbett belassen oder in einen anderen Raum des Krankenhauses verlegt. Diese Zimmer sind meistens funktional eingerichtet. In der Routine funktionieren diese Räume. Sie sind aber auch kalt und anonym. Im schlimmsten Fall befindet sich ein solcher Raum im Keller. Natürlich unterliegen Kliniken einem starken ökonomischen Druck; da werden nicht die schönsten Räume für das traurigste Ereignis bereitgestellt.
Pflegende versuchen jedoch immer, das Beste aus diesen Situationen zu machen. Sie wollen den letzten Weg des Patienten so würdevoll und angenehm wie möglich gestalten. Sie betrachten den Patienten, die Angehörigen und den Prozess ganzheitlich.
Doch Pflegende befinden sich oft auch in einem Dilemma und müssen zwischen Leben und Tod entscheiden. „Kümmere ich mich jetzt in Ruhe um den Verstorbenen und die Angehörigen oder um die neue Aufnahme und die weiteren Patienten?“ – Fragen wie diese treten im Alltag einer Intensivstation häufig auf. Selbst wenn diese Frage kollegial geklärt wird, bleibt doch irgendwie immer der Druck, dass der Bettenplatz wieder benötigt wird.
Ein besonderer Raum
Würdevoll auf der Intensivstation zu sterben und in Ruhe Abschied zu nehmen, kann aber auch anders gestaltet werden – etwa indem Zeit und Raum gegeben werden zum Wahrnehmen, Realisieren und Trauern. Intensivpflegenden kommt hierbei eine zentrale Rolle zu, denn sie sind nah dran am Sterbeprozess eines Patienten. Sie sind es, die am Lebensende eines Betroffenen eine würdevolle, respektvolle und individuelle Betreuung gewährleisten.
Im HELIOS Klinikum Siegburg steht hierfür ein besonderer Raum zur Verfügung: der sogenannte Verabschiedungsraum. Er ist in die interdisziplinäre Intensivstation 23 integriert und spiegelt mit seiner Gestaltung und Dekorierung die innere Haltung und den hohen Respekt der Mitarbeiter gegenüber sterbenden Patienten und deren Angehörigen wieder.
Engagierte Pflegende hatten die Idee, diesen Verabschiedungsraum zu realisieren. Anfangs dominierten schwarze Wände und eine dunkle Atmosphäre den Raum. Mit viel Geduld und Liebe zum Detail wurde der Raum in den vergangenen Jahren grundlegend umdekoriert. Das Ziel: Es sollte ein würdevoller Raum geschaffen werden, in dem man sich durchaus wohlfühlen kann. Ein klassischer Sterberaum sollte vermieden werden.
Frische Farben verleihen dem Raum ein Gefühl von Ruhe und Frieden. Dekorationen werden der Jahreszeit angepasst. Gemütliche Sitzgelegenheiten sowie heiße und kalte Getränke stehen den Angehörigen jederzeit zur Verfügung. Elektrische Kerzen verströmen ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit.
Auf einem großen Bild ist zu sehen, wie Sonnenstrahlen durch eine große Baumkrone fallen. Das Bild wurde bewusst ausgesucht. Denn der Baum symbolisiert das Leben: heranwachsen, blühen, altern und letztendlich welken und sterben. Im Gegensatz zu uns Menschen stirbt der Baum immer genau dort, wo er gewachsen ist.
Angehörige schätzen es sehr, dass sie den Raum vorab besichtigen und gemeinsam mit den Stationsmitarbeitern herrichten dürfen. Alle Beteiligten werden einfühlsam darauf vorbereitet, den letzten Weg mit ihrem sterbenden Familienmitglied zu gehen. Das Pflegepersonal der Intensivstation unterstützt sie dabei, so gut es geht.
Der Mensch im Mittelpunkt
Der Tod ist ein intimes Thema für jeden Einzelnen. Er bringt Trauer, Furcht und manchmal auch Wut mit sich. Der Patient im Sterbeprozess benötigt die volle Aufmerksamkeit der Mitarbeiter. Diese müssen über ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen verfügen, um die Betroffenen individuell begleiten zu können.
Die Angehörigen erleben einen Teil dieses Prozesses mit. Oft sind sie hilflos und verfallen in eine tiefe Trauer. Dann benötigen sie Hilfe und Zuspruch des Pflegepersonals. Wenn dies nicht ausreicht, besteht im HELIOS Klinikum Siegburg die Möglichkeit, einen Seelsorger oder andere professionelle Betreuer hinzuzuziehen.
Für die Trauernden hat der Verabschiedungsraum eine besondere Bedeutung. Die schöne Atmosphäre des Raums reduziert klinische und medizinische Aspekte. Die Krankheit nimmt nicht mehr so viel Raum ein, der Mensch selbst steht im Mittelpunkt. Die Krankheit tritt in den Hintergrund und lässt die Gedanken in die Vergangenheit schweifen. Er bietet Patienten und Angehörigen die Privatsphäre, die sie in dieser Zeit brauchen. Hektik und Stress werden vermieden.
Die Neutralität, die der Verabschiedungsraum bietet, gibt nicht vor, wie Menschen mit ihrer Trauer umgehen sollen. Jeder kann sie individuell gestalten – alleine oder zusammen innehalten und trauern, lachen oder weinen, singen, tanzen oder beten. Es ist jedem selbst überlassen, wie er trauert – es gibt keine Richtlinie, die der Raum vorgibt. Die trauernden Personen sind zu nichts gezwungen.
Regelmäßig wird der Verabschiedungsraum von anderen Abteilungen angefragt. Er wird auch für verstorbene Patienten der Normalstation, aus der Notaufnahme oder dem Operationssaal genutzt.
Für das Pflegepersonal ist es wichtig, dass die Angehörigen in der Phase des Abschieds eine ganzheitliche Betreuung erhalten. Durch den in die Intensivstation integrierten Verabschiedungsraum gelingt es, dies mit den Routineabläufen zu kombinieren. Die Pflegenden sind für die anderen Patienten da, können aber sofort reagieren, wenn es gegenüber den Angehörigen des Verstorbenen notwendig wird.
So erhalten die Angehörigen die Möglichkeit, einen geliebten Menschen in würdevoller Atmosphäre respektvoll und gebührend zu verabschieden – egal wie viel Zeit sie in diesem Moment benötigen. Sie können die Situation bewusst und familiär erleben – frei von institutionellen Vorgaben und Abläufen. Sie können so etwas Wichtiges machen: sich dem Leben zuwenden.