• 17.10.2016
  • Management
Patientensicherheit

"Nichts wird dem Zufall überlassen"

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2016

Seite 66

Die Verwechslung von Patient und operativem Eingriff kann für Betroffene schwerwiegende Folgen haben. Um diese Gefahr zu minimieren, hat die Universitätsmedizin Mainz die Aktion „Sichere Chirurgie“ ins Leben gerufen. Der Leiter des OP-Managements, Ralf Weckenbrock, verrät im Interview, was es damit auf sich hat.

Herr Weckenbrock, was war der Anlass für die Aktion „Sichere Chirurgie“?

Die Sicherheit des Patienten nimmt an der Universitätsmedizin Mainz einen besonders hohen Stellenwert ein. Das OP-Management ist hier nicht nur für die effiziente Bewirtschaftung der OP-Säle zuständig, sondern muss vor allem einen sicheren Behandlungsprozess für den Patienten sicherstellen. Insofern ist es nur folgerichtig, die Aktion „Sichere Chirurgie“ ins Leben zu rufen.

Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Wir möchten unerwünschte Ereignisse im OP auf ein Minimum reduzieren. Dabei ist wichtig zu wissen, dass das Aufgabengebiet des OP-Managements nicht erst bei Übernahme des Patienten in den OP beginnt und mit Verlegung aus dem Aufwachraum endet. Alle vor- und nachgelagerten Prozesse spielen eine wichtige Rolle und sind für einen erfolgreichen Operationsverlauf wesentlich.

Können Sie das bitte näher erläutern?

Gerade die Chirurgie ist ein ausgesprochen vielschichtiges Handlungsfeld mit vielen arbeitsteiligen Prozessschritten von der Patientenaufnahme bis hin zur Verlegung aus dem Aufwachraum auf die Pflegestation. Alle Beteiligten – Ärzte verschiedenster medizinischer Disziplinen und Pflegende – müssen im Team perfekt miteinander interagieren, damit der Ablauf ohne Hemmnisse gelingt. Grundsätzlich gilt: Je geringer die Störungen der betrieblichen Unterstützungsprozesse sind und je höher das Qualitätsniveau, desto weniger Irritationen entstehen im OP-Betrieb. Ein reibungsloser Ablauf wiederum ist die Basis für die Sicherheit unserer Patienten, weil Fehlern vorgebeugt wird.

Und das erreicht man durch Checklisten, die im Zentrum Ihrer Aktion stehen?

Checklisten haben sich bei uns in vielen Bereichen bewährt. Sie fördern die Kommunikation der Mitarbeitenden untereinander und garantieren die Einhaltung definierter Qualitätsstandards. So wird nichts dem Zufall überlassen, und genau darum geht es uns: Wir wollen in unseren Operationssälen nichts dem Zufall überlassen. Wir wollen Risiken beherrschen! Es geht uns darum, eine gelebte Sicherheitskultur bei unseren ärztlichen und pflegerischen Mitarbeitern zu verinnerlichen.

Was ist das Besondere an der neuen Checkliste, und inwiefern hebt sie sich von anderen ab?

Sie startet mit dem Eintritt des Patienten in die Universitätsmedizin und begleitet ihn entlang der perioperativen Behandlungskette. Interventionen, die die Sicherheit des Patienten erhöhen, sind genau definiert.

Welche zum Beispiel?

Die präoperativen Bereiche mit Aufnahme und Anlage des Patientenidentifikationsbandes sind ebenso abgebildet wie die postoperative Phase mit Verordnungen des ärztlichen Dienstes und die Maßnahmen des Pflegedienstes auf der Station. Auch intraoperative Schritte sind erfasst. Die ehemals individuellen, präoperativen Checklisten wurden vereinheitlicht und bilden jetzt den gesamten Verlauf von der Aufnahme des Patienten bis zur Postoperationsphase ab.

Welchen Vorteil hat diese Vereinheitlichung?

Ein standardisiertes, abgestimmtes Vorgehen innerhalb der gesamten Universitätsmedizin. Somit wird die Einhaltung der Qualitätsstandards garantiert. Darüber hinaus reduziert die Patienten-Sicherheits-Checkliste das Papier- und Formularaufkommen erheblich. Sie erlaubt es, alle relevanten Informationen über den Patienten und das geplante Verfahren auf einer DIN-A4-Seite zu bündeln. Zugleich gibt sie jederzeit Auskunft über die Handlungen und Maßnahmen, die in vorgelagerten Prozessschritten der Behandlungskette durchgeführt worden sind. Die schnelle und standardisierte Übersichtsmöglichkeit vermittelt den Pflegenden und Ärzten hohe Handlungssicherheit.

Wo befindet sich die Checkliste?

Die Verortung ist in der Patientenakte an erster Stelle. An diesem festen Platz trägt jeder am Patienten Handelnde die durchgeführten Maßnahmen ein und setzt das Häkchen im entsprechenden Feld. Die Patienten-Sicherheits-Checkliste ist somit ständiger Begleiter des Patienten, solange er in der Universitätsmedizin Mainz ist.

Wer war an der Überarbeitung beteiligt?

Initiiert und geleitet wurde die Kampagne vom zentralen OP-Management. Die Universitätsmedizin Mainz sieht die Patientensicherheit nicht isoliert als Auftrag einer Abteilung oder Organisationseinheit an. Vielmehr handelt es sich bei der Aktion „Sichere Chirurgie“ um eine Gemeinschaftsaufgabe. Aus diesem Grund war sowohl der Vorstand der Universitätsmedizin Mainz eingebunden, die Pflegedienstleitungen der Kliniken, die Klinik für Anästhesiologie, die Chirurgenvereinigung und das OP-Management. Letzteres hat die einzelnen Arbeitsgruppen gelenkt und die Ergebnisse zusammengeführt. Schon in der Entwicklung der Checkliste war ein hoher Grad an Kommunikation unter den jeweiligen Professionen gegeben.

Die Sicherheits-Checkliste verlangt, 62 Häkchen zu setzen. Das klingt nach einer Menge Bürokratie und Zeit. Ist es in Zeiten von Personalmangel und intensivem Zeitdruck gerade im OP-Bereich nicht wahrscheinlich, dass am Ende nur blind Haken gesetzt werden und die eigentlichen Tätigkeiten untergehen?

Die Patienten-Sicherheits-Checkliste ist aufgrund ihrer Breite so angelegt, dass jeder Versorgungsfortschritt mittels eines eigenen Teils der Checkliste abgedeckt wird. Das macht den Anteil der zu setzenden Häkchen für jeden Einzelbereich überschaubar. Auch wenn in der Einführungsphase etwas mehr Zeit nötig ist, so ist es ein deutliches Plus an Sicherheit für den Patienten und für die Pflegenden und Ärzte. Gerade im Hinblick auf kürzere Verweildauern im Krankenhaus, eine dadurch steigende Arbeitsdichte und eine hohe Arbeitsteilung im Versorgungsprozess ist es notwendig, sich das Thema Patientensicherheit bewusst zu machen und zu sensibilisieren.

Wie wurde den Mitarbeitenden die Handhabung erklärt?

Vor der Auftaktveranstaltung zur Einführung der Patienten-Sicherheits-Checkliste hat es zahlreiche Schulungstermine gegeben, die von allen Berufsgruppen sehr gut angenommen wurden. Die Resonanz zeigt uns, dass wir den Nerv der Mitarbeitenden getroffen haben, die sich mit dem Thema Patientensicherheit befassen wollen. Neben den Schulungsterminen gibt es eine qualitätssichernde Verfahrensanweisung, die den Umgang mit der Patienten-Sicherheits-Checkliste erörtert. Fragestellungen zu möglichen Stolpersteinen werden dort erläutert, wie zum Beispiel: Wie ist vorzugehen, falls doch mal ein Teil nicht ausgefüllt ist?

Welche Rolle spielen die Pflegenden bei der Kampagne „Sichere Chirurgie“?

Die Patienten-Sicherheits-Checkliste ist eine gemeinsame qualitätssichernde Maßnahme aller am Versorgungsprozess beteiligten Berufsgruppen. Bei zentralen Fragen der Patientensicherheit ist jede Berufsgruppe gleichbedeutend wichtig und auch aufgefordert, seine Stimme bei Unklarheiten deutlich hören zu lassen. In Fragen der Patientensicherheit gibt es nur ein gleichberechtigtes Nebeneinander. Das Instrument der Checkliste übt eine Sicherheitskultur ein, die ein verantwortungsbewusstes Miteinander fördert.

Sie haben neben der Sicherheits-Checkliste auch einen Algorithmus für den OP erstellt. Welchen Vorteil hat dieser?

Der Algorithmus „Prävention von Eingriffsverwechslungen“ ist ein weiteres Instrument, um den Operationsbetrieb sicherer zu machen. Er wurde zeitgleich mit der Sicherheits-Checkliste in Form eines Kitteltaschenflyers herausgegeben. Zusammen bilden sie ein qualitätssicherndes Konzept zur Patientensicherheit, was sowohl den Patienten als auch den Pflegenden und Ärzten zuträglich ist.

Können Sie den Algorithmus näher beschreiben?

Auf dem Flyer wird das Vorgehen definiert, um Patienten sicher zu identifizieren.

Das da wäre?

Es werden vier Zeitpunkte zur sicheren Identifikation des Patienten, des Eingriffsortes und der Eingriffsart genannt. Von zentraler Bedeutung ist die aktive Einbindung des Patienten in den Behandlungsprozess. Der Patient selbst nennt beispielsweise seinen vollständigen Namen und den Grund seines Krankenhausaufenthaltes. Vor Markierung des Eingriffsorts bei paarigen Organen wie zum Beispiel der Niere zeigt der Patient die zu operierende Seite mittels Handzeichen an. Bei der Übernahme in den OP-Leistungsbereich werden wiederholt Name, Eingriff und Eingriffsort aktiv erfragt. Die letzte Identifikation erfolgt im OP-Saal im Team-Time-Out.

Bindet der Kitteltaschenflyer sowohl Pflegende als auch Ärzte mit ein?

Ja, der Flyer richtet sich sowohl an Pflegende als auch an Ärzte. Bei der Übernahme des Patienten in den OP-Leistungsbereich überprüfen sowohl der Funktionsdienst Anästhesiepflege als auch der Funktionsdienst OP-Pflege die Identität des Patienten und weitere sicherheitsrelevante Merkmale wie Eingriffsart, Eingriffsort oder die Seitenmarkierung. Während des Team-Time-Out im OP-Saal ist das gesamte OP-Team an der Umsetzung des Algorithmus beteiligt.

Was möchten Sie mit der Ausgabe des Flyers erreichen?

Zum einen ist der Flyer als Handlungsempfehlung zur sicheren und zweifelsfreien Identifikation des Patienten zu verstehen. Zum anderen bedeutet er eine Investition in unseren Nachwuchs. Wir als Universitätsmedizin sind uns unserer Aufgabe von Lehre und Ausbildung bewusst und wollen gerade bei unseren Nachwuchskräften das Thema Patientensicherheit noch weiter in den Fokus rücken. Denn: Trotz der steigenden Anforderungen im Berufsalltag gilt es, Patientensicherheit und Handlungssicherheit zu fördern und zu verinnerlichen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Weckenbrock.

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