• 17.10.2016
  • Management
Charité-Tarifvertrag

„Es läuft bislang sehr gut“

Judith Heepe, kommissarische Pflegedienstleitung Charité

PflegenIntensiv

Ausgabe 4/2016

Seite 36

Seit Juni ist der Tarifvertrag zwischen der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Gewerkschaft Verdi wirksam. Mit der Charité-Pflegedirektorin Judith Heepe sprachen wir darüber, was sich damit für die Pflegenden der Intensivstationen geändert hat.

Frau Heepe, der Tarifvertrag „Gesundheitsschutz und Demografie“, dem die Charité und der Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi zugestimmt haben, sieht auf den Intensivstationen eine durchschnittliche Mindestausstattung von einer Pflegefachperson für zwei Patienten vor. Der genaue Personalschlüssel ergibt sich aus einer hausinternen Qualitätsrichtlinie. Was hat es damit auf sich?

Bei dieser Qualitätsrichtlinie haben wir uns an dem System Inpuls® des Universitätsklinikums Heidelberg orientiert. Dieses schafft die Grundlage für eine systematische, standardisierte und insbesondere handhabbare Bestimmung der Pflegeaufwände auf einer Intensivstation. Einfach ausgedrückt schaut man – ähnlich wie bei den Normalstationen – auf die pflegerelevanten Aspekte und ermittelt die Pflegeminuten. Aus der Anzahl der Pflegeminuten plus einer Pauschale für Administration und Hilfstätigkeiten ergibt sich dann jene Minutenanzahl, die für die pflegerische Betreuung notwendig ist. Daraus wiederum lässt sich errechnen, wie viele Pflegende vonnöten sind, um die Versorgung der Patienten sicherzustellen. Inpuls® kann aber nur dann zur Anwendung kommen, wenn man identische Pflegerichtlinien in den einzelnen Intensivbereichen hat. Um eine entsprechende Vergleichbarkeit sicherzustellen, haben wir deshalb die Implementierung von Inpuls® zum Anlass genommen, unsere Qualitätsrichtlinien in der Intensivpflege anzupassen.

Ist die Mindestausstattung bereits auf allen Intensivstationen der Charité umgesetzt?

Derzeit testen wir das Inpuls®-System auf drei Pilotstationen: in einem konservativen, einem chirurgischen und in einem Kinderintensivbereich. Dort eruieren wir derzeit, wo gegebenenfalls noch Modifizierungsbedarf besteht. Das läuft bislang schon sehr gut. Deshalb gehen wir davon aus, dass wir bis Ende dieses Jahres in allen Intensivbereichen der Charité das System implementiert haben werden. Dennoch gibt es nach wie vor Bereiche, für die wir noch Bemessungskriterien finden müssen.

Welche Bereiche sind das?

Dazu zählen die Rettungsstelle, die Dialyse und die Radiologie. Hier gibt es leider auf dem gesamten Markt noch kein geeignetes Bemessungstool. Wir brauchen aber auch hier aussagekräftige Daten, um den Bedarf an Pflegenden verlässlich bestimmen zu können. Deshalb werden wir in diesen Bereichen mit Unterstützung eines externen Anbieters arbeiten.

Der Charité-Tarifvertrag, bei dem bundesweit zum ersten Mal Arbeitsbedingungen im Fokus standen, ist Anfang Juni in Kraft getreten. Was sind Sie an der Charité diesbezüglich seit der Einigung mit Verdi angegangen?

Schon während der Verhandlungen war klar, dass es zu einer Erhöhung der Pflegestellen kommen wird. Laut Vertrag müssen wir nun bis zum 1. Oktober fünf Prozent mehr Stellen in der stationären Pflege aufweisen, das entspricht rund 200 zusätzlichen Pflegestellen im Normal- und Intensivbereich. Aktuell haben wir fast 160 von diesen Stellen schon besetzen können. Es wird zwar knapp, aber ich bin zuversichtlich, dass wir bis zur Deadline auch noch für die übrigen Stellen geeignete Bewerber akquirieren können.

Die zusätzlichen Pflegestellen entsprechen aber keiner festen Personalquote.

Richtig, das war uns auch besonders wichtig, denn eine feste Pauschale entspräche nicht dem Arbeitsalltag. Einige Einheiten im Bereich der Normalpflege hätten zwar davon profitiert, andere wiederum nicht. So ist der pflegerische Aufwand auf einer onkologischen Station natürlich höher als etwa auf einer Augenstation. Wir haben uns bewusst für ein System eingesetzt, das sozusagen atmet. Das eigentliche Novum des Tarifvertrags besteht darin, dass sich die Zahl der neuen Pflegestellen an der tatsächlich erbrachten Leistung orientiert. Je mehr gearbeitet wird, desto mehr Personal muss eingestellt werden. Umgekehrt heißt das aber auch, dass Stellen reduziert werden, wenn es weniger pflegeaufwendige Patienten auf einer Station gibt.

Eine Mehrzahl der vereinbarten zusätzlichen Pflegestellen haben Sie schon besetzen können. Wie ist Ihnen das in so kurzer Zeit gelungen?

Wir haben sehr an unserem Bewerbermanagement gefeilt, es zentralisiert und die Vorgänge verschlankt. Das war nötig, um überhaupt Mitarbeiter gewinnen zu können. Mittlerweile gelingt es uns, innerhalb von 24 Stunden auf Bewerbungen zu antworten, zuvor dauerte das bis zu zwei Wochen. Das war sicherlich mit ein Grund, warum einige Bewerber zur Konkurrenz gegangen sind. Insgesamt hat sich nun auch die Bewerberzahl dank der Prozessanpassungen deutlich erhöht.

Wie bewerten Sie insgesamt den Tarifvertrag?

Das Verständnis für mehr Pflegestellen war seitens der Charité-Leitung bei den aktuellen Tarifverhandlungen von Anfang an da. Dennoch wäre es nach wie vor wünschenswert, wenn bestimmte Mindestwerte bundeseinheitlich geregelt würden. Das nicht zuletzt deshalb, um etwaige Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden, wenn jetzt nur ein Haus diese höhere Personalbesetzung ermöglicht – denn die ausreichende Finanzierung der zusätzlichen Zahl an Pflegenden obliegt der Charité. Weder die Gesundheitspolitiker auf Bundes- und Landesebene noch die Krankenkassen sehen sich hier in der Pflicht. Deshalb war es durchaus eine kluge Strategie, an dem größten Universitätsklinikum in Deutschland das Thema Arbeitsbedingungen für einen Tarifvertrag aufzugreifen. Die Aufmerksamkeit war bundesweit entsprechend groß. Gleichzeitig hat Verdi damit unter den Beschäftigten für eine recht hohe Erwartungshaltung gesorgt.

Inwiefern?

Fast jeder Pflegende ist davon ausgegangen, jede Einheit würde vier bis fünf Stellen mehr bekommen. Die Charité hat etwa 180 Einheiten, fast 200 Stellen gibt es zusätzlich. Das ist zwar eine große Entlastung, aber es bedeutet nicht, dass jeder Bereich auch zusätzlich mehr Personal bekommt. Eine etwaige Enttäuschung in den einzelnen Teams galt es deshalb frühzeitig mit entsprechenden Informationen abzufangen.

Die Umsetzung der Vereinbarungen stößt deutschlandweit auf großes Interesse. Welche Resonanz erhalten Sie von anderen Häusern?

Uns liegen Anfragen aus beinahe allen Häusern vor. Vor allem Arbeitgebervertreter wollen wissen, wie wir den Vertrag konkret umsetzen. Das ganze Konstrukt des Vertrags ist in erster Linie abhängig von einer beständigen Kommunikation zwischen beiden Seiten. Dass es auch mal schwierigere Phasen gibt, gehört zum Geschäft, von der Sache her begegnen sich aber alle Gesprächspartner mit Respekt. Dennoch ist die Umsetzung natürlich auch ein lernender und sich noch weiterentwickelnder Prozess, besonders da wir als Erste an den Start gegangen sind mit einem solchen Vertrag.

Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Heepe.

System Inpuls®: Zeigen, was Intensivpflege leistet

Der Personalschlüssel auf den Intensiv- stationen der Charité ergibt sich aus einer hausinternen Qualitätsrichtlinie, die auf das System Inpuls® des Universitätsklinikums Heidelberg zurückgeht. Dort ist das Instrument bereits seit 15 Jahren erfolgreich im Einsatz.

Die Ende 1997 fertiggestellten Pflegekategorien stellten die Grundlage für eine systematische Vorgehensweise in der Beurteilung der Patienten und Bestimmung der zu erwartenden Pflegeaufwände dar. Seit Januar 1998 wurden anhand eigens entwickelter Erfassungsbögen die Pflegeaufwände gemäß den Pflegekategorien ermittelt, um einen Soll-Ist-Vergleich mit den tatsächlich erbrachten Aufwänden durchführen zu können.

Die Umsetzung der Methodik zur Erfassung von stations- und patientenspezifischen Daten war durch die Bereitstellung der einheitlichen Erfassungsbögen mit nur geringem Aufwand möglich. Die auf Basis dieser Daten systematisch ermittelten Kennzahlen ermöglichten einen umfassenden Überblick der auf der Intensivstation durchgeführten Pflegeaktivitäten. Dieses Verfahren der Leistungserfassung hat sich auf der Neurochirurgischen Intensivstation bewährt. 

Kategorien entwickelt

Aufgrund der gesammelten Erfahrungen in der Neurochirurgischen Klinik wurde 1999 eine fachübergreifende Arbeitsgruppe gegründet. Mitarbeiter, Mentoren und Leitungen aller Wach- und Intensivstationen des Universitätsklinikums Heidelberg hatten zunächst die Aufgabe, die Pflegekategorien mit den Fachbereichen abzustimmen und zu vereinheitlichen.

Im Rahmen von Pilotprojekten zeigte sich 2001, dass mit diesen Kategorien die Pflegetätigkeiten am Patienten hinreichend genau beschrieben werden konnten und das Verfahren zur Datenerhebung einfach, verständlich und gut handhabbar ist.

Parallel hierzu wurde eine EDV-Lösung zur Unterstützung des Verfahrens Inpuls® erarbeitet. Die anwenderorienterte Programmierung stellt die einfache Handhabung mit diesem System sicher und garantiert eine geeignete Aufbereitung der Ergebnisse für die Station, das Pflegemanagement und das Controlling.

Auf der Grundlage der positiven Erfahrungen konnte das Leistungserfassungssystem Inpuls® im Jahr 2001 auf allen 15 Wach- und Intensivstationen erfolgreich eingeführt werden.

2002 folgten externe Kliniken

 Schnell wurde klar, dass der Bedarf eines solchen Systems nicht nur in Heidelberg besteht, sondern auch in anderen Kliniken. So wurde das Verfahren 2002 am Universitätsklinikum Freiburg pilotiert.

Es bestätigte sich, dass die Pflegekategorien auch in anderen Häusern einsetzbar sind. Es folgten weitere Einführungen des Leistungserfassungssystems in anderen Krankenhäusern und Kliniken.

Im Mai 2004 wurde die erste Anwenderkonferenz Inpuls® durchgeführt. Ziel der Tagung war unter anderem, Ideen zu sammeln, wie das System im Arbeitsalltag zu verbessern ist. In Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Inpuls® am Universitätsklinikum Heidelberg wurden die Tagungsergebnisse ausgearbeitet und in die Pflegekategorien eingebunden.

Aktuell arbeiten rund 2 500 Pflegende mit dem System. Es unterliegt einem kontinuierlichen Evaluierungs- und Verbesserungsprozess.

Seit Jahren fest etabliert

Inpuls®-Projektleiter Ingo Eck schult eine Mitarbeiterin in der Funktionsweise des Leistungsbemessungsinstruments

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