Mehrere internationale Studien belegen, dass die Pflegepersonalbesetzung auf neonatologischen Intensivstationen einen wichtigen Einfluss auf die Behandlungsergebnisse von Früh- und Neugeborenen hat. Ein vom Verband der Pflegedirektorinnen und Pflegedirektoren der Universitätskliniken Deutschlands (VPU) vorgelegter Evidenzcheck kommt jedoch zu dem Schluss, dass sich daraus kein wissenschaftlicher Nachweis für die Überlegenheit einer starren administrativen Schichterfüllungsquote von 100 Prozent ableiten lässt.
Evidenz lässt keine optimale Personalbemessungsmethode erkennen
Demnach zeigen verschiedene Beobachtungsstudien übereinstimmend, dass Unterbesetzung beziehungsweise eine nicht bedarfsgerechte Pflegekapazität mit ungünstigeren Outcomes wie erhöhter Mortalität oder mehr nosokomialen Infektionen assoziiert ist. Neben der reinen Zahl der Pflegekräfte spielen dabei Faktoren wie Qualifikation, Stationsauslastung, Pflegeintensität und tatsächliche Arbeitsbelastung eine wichtige Rolle.
Der VPU verweist zugleich darauf, dass die wissenschaftliche Evidenz keine allgemein gültige optimale Personalbemessungsmethode erkennen lasse. Auch die in der neonatologischen Versorgung etablierten Personalschlüssel von 1:1 oder 1:2 seien zwar professionelle Standards, ihre konkrete Ausgestaltung beruhe jedoch teilweise auf fachlichem Konsens und nicht ausschließlich auf direkter Outcome-Forschung.
Hohe Bedeutung spezialisierter neonatologischer Kompetenzen
Besondere Aufmerksamkeit widmet das Fact Sheet einer deutschen Analyse von 163 Perinatalzentren. Diese fand keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der veröffentlichten Schichterfüllungsquote und den Kennzahlen "Überleben" beziehungsweise "Überleben ohne schwere Erkrankung" bei sehr kleinen Frühgeborenen. Die Autorinnen und Autoren betonen jedoch, dass daraus weder die Unbedenklichkeit unterbesetzter Schichten noch eine Gleichwertigkeit unterschiedlicher Erfüllungsquoten abgeleitet werden könne.
Als weiteren zentralen Aspekt hebt der Bericht die Bedeutung spezialisierter neonatologischer Kompetenzen hervor. Studien deuten darauf hin, dass die Verfügbarkeit speziell qualifizierter Pflegefachpersonen mit einer geringeren Mortalität verbunden sein kann. Personalvorgaben sollten daher nicht allein die Anzahl der Pflegekräfte, sondern auch deren Qualifikation, Erfahrung und nachgewiesene Kompetenzen berücksichtigen.
Kritisch bewertet der VPU zudem die aktuelle Anrechnungslogik der Qualitätssicherungs-Richtlinie Früh- und Reifgeborene (QFR-RL). Zwar seien generalistisch ausgebildete Pflegefachpersonen berufsrechtlich grundsätzlich für die Versorgung von Kindern befähigt. Die Anrechenbarkeit in der Richtlinie sei jedoch enger gefasst. Der Verband plädiert deshalb für nachvollziehbare Wege der Nachqualifikation und Anerkennung neonatologischer Kompetenzen.
Personalsteuerung "mehrdimensional" ausrichten
Schließlich verweist das Fact Sheet auf mögliche Folgen des Fachkräftemangels für die Versorgungskapazitäten. Strenge Personalanforderungen könnten zwar die Versorgung bereits aufgenommener Patientinnen und Patienten absichern, zugleich aber zu Bettensperrungen, Verlegungen und einer eingeschränkten Aufnahmefähigkeit von Zentren führen.
In seiner Gesamtbewertung spricht sich der VPU für eine mehrdimensionale Personalsteuerung aus. Berücksichtigt werden sollten demnach individueller Pflegebedarf, Versorgungsintensität, Arbeitsbelastung, Qualifikation des Personals sowie Auswirkungen auf regionale Versorgungskapazitäten. Die konkrete Ausgestaltung von Schichterfüllungs- und Sanktionsregelungen sei letztlich eine gesundheitspolitische Entscheidung und lasse sich nicht allein aus der pflegewissenschaftlichen Evidenz ableiten.