Eine Befragung der Gewerkschaft Verdi zeigt nach deren Angaben erhebliche Hitzebelastungen in deutschen Pflegeeinrichtungen. Das habe eine Befragung unter 321 Beschäftigten der Altenpflege ergeben, teilte die Gewerkschaft am Wochenende mit. Demnach wurden in einzelnen Einrichtungen Raumtemperaturen von bis zu 45 Grad Celsius gemessen. Beschäftigte berichten zudem von Kreislaufproblemen, Krankenhauseinweisungen von Bewohnern und mutmaßlich hitzebedingten Todesfällen.
An der Befragung nahmen Beschäftigte aus Einrichtungen unterschiedlicher Trägerschaft teil. Laut Verdi wurden zwischen Ende Juli und Anfang August 801 Temperaturmessungen ausgewertet. Der Mittelwert lag bei 28 Grad. Rund 67 Prozent aller Messungen überschritten 26 Grad, knapp 22 Prozent lagen über 30 Grad und fast sechs Prozent über 35 Grad.
"Temperaturen von bis zu 45 Grad in einigen Pflegeheimen sind für Beschäftigte unerträglich und können für Bewohnerinnen und Bewohner lebensgefährlich sein", sagte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler.
Beschäftigte berichten von Notfällen und Ausfällen
Nach Angaben von Verdi schilderten 177 Befragte konkrete hitzebedingte Zwischenfälle. Genannt wurden Kreislaufzusammenbrüche, Dehydrierungen, Krankenhauseinweisungen und gesundheitliche Ausfälle von Beschäftigten. Die Gewerkschaft weist selbst darauf hin, dass es sich um Selbstauskünfte handelt und ein ursächlicher Zusammenhang etwa bei Todesfällen medizinisch nicht belegt ist.
In den Freitextantworten berichten Beschäftigte unter anderem von kollabierten Bewohnern und Mitarbeitenden sowie von erhöhter Sterblichkeit während Hitzeperioden. Besonders häufig genannt wurden zugleich Personalmangel und Alleinarbeit. So hätten Pflegekräfte teils nachts allein die Verantwortung für mehr als 100 Bewohner getragen.
"Die schon im Alltag viel zu knappe Personalausstattung kollabiert in Hitzephasen vollständig", so Bühler. Einerseits komme es vermehrt zu Krankheitsausfällen, andererseits müssten zusätzliche Schutzmaßnahmen für Bewohner umgesetzt werden.
Das Thema Hitzeschutz in der Pflege
Die aktuelle Verdi-Befragung reiht sich in eine wachsende Debatte über die Folgen von Hitzewellen für pflegebedürftige Menschen und Beschäftigte ein. BibliomedPflege hat zuletzt mehrfach über den Handlungsbedarf berichtet:
Politische Forderungen
- Hitzetote 2026: Deutscher Pflegerat fordert Pflege in KrisenstäbenDer Deutsche Pflegerat verlangt, die professionell Pflegenden bei Hitzewarnungen und Krisenmaßnahmen systematisch einzubeziehen.
- Bündnis fordert Hitzeschutzplan für Pflege
Mehrere Organisationen fordern verbindliche Standards und eine bessere Finanzierung von Schutzmaßnahmen in Pflegeeinrichtungen.
Weiterführende Fachinformationen
- Hitzeschutz in der Pflege: Pflegefachmann Kevin Galuszka erläutert Risiken für Pflegebedürftige und Beschäftigte sowie praktische Schutzmaßnahmen für Einrichtungen.
- Zwischen globaler Krise und praktischer Verantwortung: Analyse zur Rolle von Pflegefachpersonen bei Klimaanpassung, Prävention und Gesundheitsschutz.
Forderung nach Investitionen in Gebäude
Verdi fordert vor diesem Hintergrund ein Sofortprogramm von Bund und Ländern für Hitzeschutz und energetische Sanierungen in Pflegeeinrichtungen. Nach Einschätzung der Gewerkschaft verschärfen fehlende bauliche Schutzmaßnahmen und ein Investitionsstau die Folgen extremer Temperaturen.
Viele Befragte beschrieben überhitzte Wohnbereiche, fehlende Kühlmöglichkeiten und hohe Temperaturen auch in Nachtstunden. Zugleich zeigen einzelne Rückmeldungen laut Auswertung, dass klimatisierte oder neu errichtete Gebäude deutlich geringere Probleme aufweisen.
"Bund und Länder müssen dringend ein Sofortprogramm für Hitzeschutz und energetische Sanierung von Pflegeeinrichtungen auflegen", forderte Bühler.
Experten sehen Handlungsbedarf auch in Kliniken
Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) warnen auch Fachleute und Einrichtungen vor den Folgen zunehmender Hitzewellen. Der medizinische Geschäftsführer der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, hält die Schätzung des Robert Koch-Instituts von rund 12.500 hitzebedingten Todesfällen zwischen Anfang April und Anfang August für zu niedrig. Viele Fälle würden nicht als hitzebedingt erfasst, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.
Ebenfalls nach dpa-Angaben berichten Kliniken und Pflegeeinrichtungen insbesondere von Problemen in nicht klimatisierten Gebäudebereichen. Die Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein fordert stärkere Investitionen in baulichen Hitzeschutz. Das Deutsche Rote Kreuz und Pflegeheimbetreiber verweisen auf Hitzeschutzkonzepte mit Trinkrunden, verstärkter Beobachtung gefährdeter Bewohner sowie den Einsatz mobiler Kühltechnik. Gleichzeitig wird auf einen hohen zusätzlichen Investitionsbedarf für klimatische Anpassungen hingewiesen.
Nach Angaben der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein beziffert ein Gutachten den bundesweiten Finanzbedarf für Klimaschutzmaßnahmen und Gebäudekühlung im Gesundheitssystem auf mehr als 30 Milliarden Euro.