Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland ist seit der Reform 2017 deutlich stärker gestiegen als prognostiziert. Zwischen 2017 und 2024 erhöhte sich ihr Anteil von 4,6 auf 7,6 Prozent. Das zeigt eine Studie des IGES-Instituts im Auftrag des GKV-Spitzenverbands.
Ausschlaggebend sei vor allem die Entwicklung bei den Anträgen: Seit Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs ist die Zahl der Erstanträge demnach um 25,9 Prozent gewachsen. Gleichzeitig habe sich die Zusammensetzung der Antragstellenden verändert – mehr jüngere und weniger stark beeinträchtigte Menschen beantragten Leistungen.
Mehr Nachfrage statt mehr Pflegebedarf
Nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren lässt sich der Anstieg nicht durch eine schlechtere Gesundheit der Bevölkerung erklären. Vielmehr habe sich das Antragsverhalten verändert: Pflegeleistungen würden früher und häufiger in Anspruch genommen.
Dazu trügen mehrere Faktoren bei. Die Informationslage zur Pflegeversicherung habe sich verbessert, Beratungsangebote seien ausgebaut und Hinweise auf mögliche Leistungsansprüche häufiger über Akteure im Gesundheitssystem erfolgt. Gleichzeitig sinke die Hemmschwelle: Pflegebedürftigkeit werde zunehmend weniger stigmatisiert und häufiger als normaler Teil des Lebensverlaufs wahrgenommen.
Hinzukomme die niedrige Zugangsschwelle zum System. Anträge könnten ohne Begründung gestellt werden, was den Einstieg erleichtere – aber auch dazu führe, dass zunehmend Menschen Leistungen beantragen, bei denen keine oder nur geringe Einschränkungen vorliegen.
Verschiebung hin zu niedrigen Pflegegraden
Die wachsende Zahl von Leistungsbeziehenden entfalle überwiegend auf niedrige Pflegegrade. Mehr als drei Viertel der erwachsenen Antragsteller erhielten im ambulanten Bereich einen Pflegegrad 1 oder 2.
Diese Entwicklung habe direkte Folgen für die Versorgung: Menschen träten früher in das System ein und verblieben aufgrund geringerer Beeinträchtigungen länger. Dadurch steige die Gesamtzahl der Leistungsbeziehenden auch ohne zusätzliche demografische Effekte.
Parallel zeigen sich Unterschiede nach Altersgruppen. Während die Zahl der Pflegebedürftigen insgesamt steige, verlagere sich der Zuwachs stärker in jüngere Kohorten. Bei Kindern und Jugendlichen falle der Anstieg besonders deutlich aus, vor allem im Zusammenhang mit psychischen und Verhaltensstörungen.
Reformfolgen und Handlungsbedarf
Der GKV-Spitzenverband sieht die Entwicklung auch als Folge politischer Entscheidungen bei der Reform 2017. "Der starke Anstieg der Leistungsbeziehenden insgesamt (…) stellt die Pflegeversicherung heute (...) vor große Herausforderungen", sagte Vorstandschef Oliver Blatt am Dienstag.
Die Studie empfiehlt, die Zugangskriterien erneut zu prüfen. Insbesondere die Schwellenwerte des Begutachtungsinstruments könnten angepasst werden, um den Zugang stärker auf Personen mit höherem Unterstützungsbedarf zu konzentrieren.