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Meinungsbeitrag zum Pflege-Bonus

Hermes: "Virtuelle Ohrfeige statt reale Anerkennung"

Carsten Hermes äußert sein Unverständnis über den Corona-Bonus. Mit klaren Worten und einem dringenden Appell wendet er sich auch an die Pflegenden.  
Carsten Hermes äußert sein Unverständnis über den Corona-Bonus. Mit klaren Worten und einem dringenden Appell wendet er sich auch an die Pflegenden. (Foto: Symbolbild)

Der Bundesrat hat im Mai ein Gesetz beschlossen, das u. a. einen Corona-Bonus für Beschäftige in der Altenpflege vorsieht – nicht jedoch für alle Pflegenden. Carsten Hermes, Intensivpfleger, Praxisanleiter und Dozent, äußert gegenüber BibliomedPflege sein Unverständnis und findet klare Worte, was sich endlich in der Pflege ändern muss. Mit einem dringenden Appell wendet er sich auch an die Pflegenden selbst.  

 

Pflege-Bonus oder Corona-Prämie – die Bezeichnung ist egal, die thematischen Inhalte und die hitzigen Diskussionen dazu sind es keineswegs. Den Kolleginnen und Kollegen in der Pflege ist es nicht zu vermitteln, dass zwischen einzelnen Disziplinen innerhalb der Berufsgruppe Pflege unterschieden wird, wenn es um die Zuteilung des Bonus geht.

Dieser Bonus sollte eine zusätzliche Wertschätzung sein und wurde als solche auch angekündigt. Er ist keine Entgeltleistung im eigentlichen Sinne. Das stark selektiert wird, wer diesen Bonus erhält und wer nicht, fühlt sich für viele wie ein "Vergessen worden sein" an, ist Ausdruck der Geringschätzung und wie eine große Ohrfeige zu werten.

Dabei ist klar: Kein Bonus ist geeignet, Arbeitsbedingungen und Unterbezahlung in der Pflege aufzuwiegen. Zudem haben sich in der Corona-Krise neben Pflegenden Angehörige sehr vieler unterschiedlicher Berufsgruppen gegenseitig unterstützt und dafür gesorgt, dass das Virus dieses Land bislang nicht so schlimm erwischt hat wie andere Länder.

Der Pflege-Bonus berücksichtigt nicht "wer hat mehr oder weniger geleistet", er ist ebenfalls kein Almosen – denn so etwas brauchen wir in der Pflege sicher nicht!

Die Belastungen aufgrund der Pandemie haben einzelne Bereiche in der Pflege härter getroffen als andere. Über finanzielle Entschädigungen nach dem Gießkannenprinzip kann man deshalb sicherlich diskutieren. Darum geht es aber nicht.

Vielmehr ist es wichtig, Politik, Krankenkassen, Arbeitnehmervertretungen und anderen Interessensvertretungen zu verstehen zu geben, dass besonders am Anfang der Pandemie unter den Mitarbeitenden im Sozial- und Gesundheitssystem eine große Verunsicherung und Angst herrschte. Letztlich sind diese Kolleginnen und Kollegen 'normale' Bürgerinnen und Bürger, die zusätzlich zur Pandemiebekämpfung die Herausforderungen des Alltags zu Hause meistern mussten. Die größte Sorge für die meisten Pflegenden war, andere zu infizieren, nicht sich selbst. Und das ist so typisch für unsere Berufsgruppe: Wir denken zuerst an andere, bevor wir an uns selbst denken.

Und das ist so typisch für unsere Berufsgruppe: Wir denken zuerst an andere, bevor wir an uns selbst denken.

Keiner der Beschäftigten hat den Kopf in den Sand gesteckt, niemand hat sich bewusst dieser schwierigen Situation entzogen, obgleich völlig unklar war und auch noch ist, wie sehr das Virus unser aller Leben verändert. Das verdient Anerkennung und Würdigung – und zwar über einen abendlichen Applaus vom Balkon hinaus.

Bislang ist es in den Kliniken nicht zu einer flächendeckenden Eskalation gekommen, niemand ist auf die Barrikaden gegangen, weil Pflegende auf Intensivstationen oder Notaufnahmen diesen Bonus nicht erhalten sollen. Diese Zurückhaltung seitens der Pflegenden sollte eher fröhlich stimmen und der Politik nicht als Begründung dienen, diesen Kolleginnen und Kollegen den Bonus zu enthalten. 

Wenngleich hierzulande vielerorts das zunächst befürchtete Chaos ausgeblieben ist und aufgrund des aufgestockten Personalschlüssels etwa in der Intensivpflege auf einmal sogar jene persönliche, zugewandte Pflege möglich war, wie Pflegende sie einst gelernt haben, darf das jetzt nicht gegen uns verwendet werden. Auch dies ist deutlicher Ausdruck der miesen Arbeitsbedingungen, die vorher herrschten.

Die Belastungen aufgrund der zusätzlichen Hygienemaßnahmen und das Arbeiten in Schutzausrüstung sind zu würdigen.

Die Belastungen aufgrund der zusätzlichen Hygienemaßnahmen und das Arbeiten in Schutzausrüstung sind zu würdigen.

Stattdessen gibt es für die Kolleginnen und Kollegen aus der Pflege nach allen Entbehrungen und Unannehmlichkeiten zum Dank verschobenen Urlaub oder gleich gänzlich ausgesetzte freie Zeit und völlig unklare Schichtabfolgen.

Eine aktuelle Studie der Bundesregierung zeigt: Viele Jugendliche könnten sich zwar vorstellen, in der Pflege zu arbeiten, dafür müssten aber sowohl die Arbeitsbedingungen als auch die Bezahlung insgesamt besser werden. Die derzeitigen Bedingungen in der Pflege schrecken die jungen Menschen ab. Gleichzeitig lernen sie aus den aktuellen Entwicklungen: Für die Pflege wird schöner geredet als gehandelt. Sie lernen auch, dass die Lobby, die Pflege hat, weniger handlungsfähig ist als in anderen Branchen.

Es ist Kolleginnen und Kollegen in der Pflege nicht zu vermitteln, dass Unternehmen teilweise mit Hilfspaketen in Höhe von mehreren Mio. oder gar Mrd. Euro gerettet werden, dass Vorstandsgehälter in Höhe von 100.000 Euro, in manchen Fällen sogar über 300.000 Euro gezahlt werden – und an der Pflege wie immer gespart wird.

An der Basis wird wie immer gespart.

Dabei geht es in den Diskussionen um die Corona-Bonuszahlungen weniger um die Summe, sondern vielmehr darum, dass in der breiten Öffentlichkeit etwas angekündigt wurde, auf das wir uns in allen Bereichen der Pflege verlassen haben.

Wir Pflegende wollten nach Ausbruch des Corona-Virus zeigen, was wir draufhaben. Wir haben nicht gesagt, was nicht geht, sondern in die Hände gespuckt und angepackt.

Und zugegeben: Toll ist das Gefühl der medialen Aufmerksamkeit, schön ist der Applaus, beeindruckend die Ankündigung, "dass nun Vieles geändert werden muss". Viele Kolleginnen und Kollegen haben an den Bonus geglaubt – der übrigens umgerechnet auf den Stundenlohn lächerlich gering ist.

Viele werden gerade jetzt auch gedacht haben: "Mal sehen, wer Wort hält." Und davon werden sie ihr weiteres Engagement abhängig machen.

Niemand darf sich täuschen lassen: Wir als Berufsgruppe Pflege haben mal wieder eine Mohrrübe als Köder vor die Nase gehalten bekommen. Wir wurden und werden hingehalten mit Sätzen, die uns Besserungen vorgaukeln. Das alles, um eine akute Situation zu lösen, die ohne uns nicht zu bewältigen wäre.

Wir wurden und werden hingehalten mit Sätzen, die uns Besserungen vorgaukeln. Das alles, um eine akute Situation zu lösen, die ohne uns nicht zu bewältigen wäre.

Pflegende haben in allen Bereichen und weit über die Patientenbetreuung hinaus ihr Bestes gegeben. Nun sind sie in ein tiefes Loch der Desillusionierung gefallen.

Besonders unverschämt ist, dass viele Einrichtungen derzeit ihre Mitarbeitenden anschreiben, um ihnen für ihre Arbeit zu danken, und ein drittklassiges Werbegeschenk beilegen. Briefe, auch von Vertretern der Pflege, versehen mit Stoffmasken, Obst und, ja, manchmal sogar extra Rollen Klopapier. Wenn jetzt die Wertschätzung in der Pflege so aussieht, darf sich keiner über die Konsequenzen wundern!

Deshalb darf sich auch niemand wundern, wenn die Bereitschaft, sich künftig im Fall einer ähnlichen Situation zu engagieren, extrem gering ausfallen wird. Selbst wenn uns keine zweite Corona-Welle überrollt, wird es irgendwann wieder eine Situation geben, in der auf die größte Berufsgruppe in unserem Land zurückgegriffen werden muss. Dann wird es auf unsere Professionalität, aber insbesondere auch unsere Flexibilität und Freiwilligkeit ankommen.

An der aktuellen Situation zeigt sich einmal mehr, dass Arbeitnehmervertretungen, Berufsverbände und Gewerkschaften vergessen haben, was an der Basis los ist. Viele der dort tägigen Kolleginnen und Kollegen sind leider mehr der Managementebene zugetan als den Pflegenden auf Station.

Wir Pflegenden müssen uns mehr und vor allem geschlossen organisieren. Wir müssen mit einer gemeinsamen starken Stimme auftreten. Dies ist unheimlich wichtig vor dem Hintergrund des sog. Pflegegipfels, der von der Bundesregierung ausgerufen wurde. Hier sollte es weniger um die Profilierung einzelner Vereine und Verbände gehen, sondern vielmehr darum, gemeinsam etwas für die Berufsgruppe der Pflegenden in Deutschland zu erreichen.

Gleichzeitig müssen die Personen, die sich hier engagieren, stärker unterstützt werden, damit sie dies unabhängig von ihrem Arbeitsverhältnis bewerkstelligen können. Wir brauchen unabhängige Vertreterinnen und Vertreter in der Pflege und keinen verlängerten Managementarm!

Wir Pflegende müssen uns mehr und vor allem geschlossen organisieren. Wir müssen mit einer gemeinsamen starken Stimme auftreten. Dies ist unheimlich wichtig.

Diese gemeinsame Stimme wird es nur geben, wenn sich die Profession Pflege endlich entschließt, sich geschlossen in Berufsverbänden und v. a. Pflegekammern zu engagieren.

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