Die Umsetzung des Expertenstandards „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ ist im Krankenhaus mit besonderen Herausforderungen verbunden. Um diese zu bewältigen, setzt das Klinikum Westmünsterland einen praxisnahen Ansatz um und nutzt die eigentlich für Pflegeeinrichtungen gedachte Strukturierte Informationssammlung (SIS).
Menschen mit Demenz erleben den Aufenthalt im Krankenhaus häufig als belastend. Ungewohnte Umgebung, Zeitdruck und fehlende Orientierung können Angst, Unruhe und Rückzug auslösen. Der Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ fordert eine konsequent personzentrierte Pflege. Dieser befindet sich derzeit in Überarbeitung, verbunden mit der Erwartung, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse sowie praxisnahe Umsetzungsmöglichkeiten – insbesondere für komplexe Versorgungssettings wie den Akutbereich – stärker zu berücksichtigen und konkrete, umsetzbare Handlungsempfehlungen für die Pflegepraxis abzuleiten. Vor diesem Hintergrund lautet die zentrale Frage: Wie kann Beziehungsgestaltung unter den Bedingungen des Akutkrankenhauses gelingen?
Demenz im Krankenhaus: besondere Herausforderungen
Menschen mit Demenz haben ein erhöhtes Risiko für Komplikationen – insbesondere für die Entwicklung eines Delirs. Ursachen sind neben der akuten Erkrankung auch Reizüberflutung, fehlende Orientierung, ungewohnte Abläufe und Umgebung und mangelnde soziale Einbindung. Eine stabile, vertrauensvolle Beziehung kann hier präventiv wirken und den Genesungsverlauf positiv beeinflussen.
Personzentrierung als Grundlage
Der personzentrierte Ansatz nach dem britischen Psychologen Tom Kitwood stellt die Person – nicht die Erkrankung – in den Mittelpunkt. Menschen mit Demenz haben grundlegende psychosoziale Bedürfnisse wie Bindung, Trost, Identität und Beschäftigung. Werden diese nicht erfüllt, steigt die Wahrscheinlichkeit für herausforderndes Verhalten. Eine personzentrierte Pflege wirkt sich direkt auf den klinischen Verlauf aus: Stress und Angst werden reduziert, die Kooperation wird verbessert und das Delirrisiko gesenkt. Beziehung wird damit zu einem wesentlichen Faktor medizinischer und pflegerischer Qualität.
Die SIS als Türöffner zur Person
Die Strukturierte Informationssammlung (SIS) ist ein Instrument zur strukturierten Erfassung pflegerelevanter Informationen im Rahmen des Strukturmodells der Pflegedokumentation. Sie wurde vor rund 15 Jahren im Rahmen des bundesweiten Projekts zur Entbürokratisierung in der Pflege entwickelt und ist Bestandteil des verschlankten Dokumentationssystems, das heute in rund 80 Prozent aller stationären Pflegeeinrichtungen Anwendung findet. Die SIS dient dazu, individuelle Bedürfnisse, Gewohnheiten, Ressourcen und Risiken einer pflegebedürftigen Person übersichtlich darzustellen und bildet die Grundlage für eine personzentrierte Pflegeplanung. Die SIS wird vor allem in der stationären und ambulanten Langzeitpflege eingesetzt, kann jedoch auch im Rahmen sektorenübergreifender Versorgungsprozesse eine wichtige – wenn nicht sogar – eine zentrale Rolle spielen.
Wesentliche Themenfelder sind:
• Kognitive und kommunikative Fähigkeiten
• Mobilität und Beweglichkeit
• Krankheitsbezogene Anforderungen und Belastungen
• Selbstversorgung
• Leben in sozialen Beziehungen
• Wohnen/ Häuslichkeit
Aufgrund dieser strukturierten Darstellung entsteht ein ganzheitliches Bild der Person, das über rein medizinische Informationen hinausgeht. Am Klinikum Westmünsterland am Standort Ahaus wird bei der Aufnahme gezielt die Strukturierte Informationssammlung aus der vorversorgenden Einrichtung angefordert. Die Informationen liegen bereits vor und müssen nicht neu erhoben werden. Pflegefachpersonen im Krankenhaus erhalten so unmittelbar Zugang zu biografischen Hintergründen, Gewohnheiten und Vorlieben.
E-Learning Expertenstandard "Beziehungsgestaltung Menschen mit Demenz"
In unserem Online-Training erfahren Sie, wie Sie unter Berücksichtigung des Expertenstandards die Bedürfnisse einer eines Menschen mit Demenz erfassen und eine Beziehung aufbauen können, auch wenn ein individueller Zugang kaum noch möglich scheint. Mit dem Zertifikat, das Sie nach erfolgreichem Abschluss dieses E-Learnings erhalten, können Sie bei der Registrierungsstelle beruflich Pflegender (RbP) einen Punkt einreichen.
Umsetzung im Krankenhaus und intersektorale Bedeutung
Schon kleine Informationen können große Wirkung entfalten, zum Beispiel Hinweise in der SIS auf Bewegungsfreude der Patientin oder des Patienten, Lesegewohnheiten, die Bedeutung der Familie oder (ehemalige) berufliche Tätigkeiten. Zeigt ein Patient möglicherweise Unruhe und versucht wiederholt aufzustehen, kann die SIS darauf aufmerksam machen, dass Bewegung ein zentraler Bestandteil seines Alltags war. Durch ein gezieltes Mobilisationsangebot kann die Unruhe dann reduziert werden. Gespräche über frühere Aktivitäten fördern zusätzlich das Vertrauen.
Auch das pflegerische Team profitiert: mehr Sicherheit im Umgang mit herausforderndem Verhalten, gezieltere Interventionen und strukturierte Fallbesprechungen sind auf dieser Basis möglich. Biografische Informationen ermöglichen es, Verhalten besser zu verstehen und angemessen zu reagieren. Die Nutzung der SIS verbessert darüber hinaus die Kommunikation zwischen Pflegeeinrichtung und Krankenhaus. Vorhandenes Wissen wird genutzt, Informationsverluste werden reduziert und die Versorgung wird kontinuierlicher.
Impulse für die Praxis
- SIS aktiv bei der Aufnahme anfordern.
- Biografische Schlüsselinformationen gezielt nutzen.
- Den Patienten als „Person“ in der Übergabe vorstellen.
- Ein individuelles Beschäftigungsangebot ableiten.
- Angehörige einbeziehen.
- Fallbesprechungen biografieorientiert durchführen.
Beziehungsgestaltung auch im Krankenhaus möglich
Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz ist auch im Krankenhaus möglich – wenn die richtigen Informationen zur richtigen Zeit vorliegen. Die Nutzung der Strukturierten Informationssammlung schafft einen schnellen Zugang zur Person und unterstützt die Umsetzung des Expertenstandards unter realen Bedingungen. Beziehung braucht nicht zwingend mehr Zeit – sondern mehr Wissen.