Delirien treten in deutschen Pflegeheimen deutlich häufiger auf als bislang durch nationale Daten belegt. Darauf weist eine Untersuchung des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und mehrerer Universitäten hin. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal BMC Geriatrics veröffentlicht.
Für die Studie analysierten die Forschenden Daten von 415 Bewohnerinnen und Bewohnern aus 33 Pflegeheimen in Nordrhein-Westfalen. Die Erhebung fand im April 2024 statt. Laut Autorenteam handelt es sich um die erste größere Primärdatenerhebung zur Häufigkeit von Delirien in deutschen Pflegeeinrichtungen.
Bei 17,6 Prozent der Teilnehmenden wurde ein wahrscheinliches Delir festgestellt. Damit zeigte nahezu jeder sechste Bewohner entsprechende Symptome. Das Durchschnittsalter der untersuchten Personen lag bei 86 Jahren.
Nichtmotorische Formen dominieren
Ein Delir ist ein akut auftretender Zustand mit Störungen von Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Denken. Es gilt als medizinischer Notfall und ist mit einem erhöhten Risiko für kognitiven Abbau, Krankenhausaufenthalte und Sterblichkeit verbunden.
Auffällig ist nach Angaben der Forschenden die Verteilung der Delirformen. Die meisten Fälle entfielen auf nichtmotorische und hypoaktive Verläufe. Zusammen machten sie rund zwei Drittel aller Delirien aus. Während hyperaktive Formen häufig mit Unruhe oder aggressivem Verhalten einhergehen, äußern sich nichtmotorische und hypoaktive Delirien eher durch Rückzug, Teilnahmslosigkeit oder subtile Verhaltensänderungen.
43,1 Prozent der Betroffenen wiesen ein nichtmotorisches Delir auf, weitere 25 Prozent ein hypoaktives Delir. Das Autorenteam weist darauf hin, dass diese Verlaufsformen im Pflegealltag leicht übersehen werden können.
Demenz und Schmerzen erhöhen das Risiko
Die statistische Auswertung zeigte mehrere Faktoren, die mit einem erhöhten Delirrisiko verbunden sind. Bewohnerinnen und Bewohner mit einer dokumentierten Demenzdiagnose hatten demnach ein etwa doppelt so hohes Risiko für ein Delir wie Personen ohne Demenz.
Noch stärker fiel der Zusammenhang bei beobachtetem Schmerzverhalten aus. Hier war das Risiko mehr als dreimal so hoch. Auch ausgeprägte neuropsychiatrische Symptome sowie eine Wohndauer von mehr als zwei Jahren im Pflegeheim standen mit einer erhöhten Delirhäufigkeit in Verbindung.
Forschende sehen Handlungsbedarf
Nach Einschätzung des Autorenteams kommt Pflegefachpersonen eine Schlüsselrolle bei der Früherkennung zu, da sie den engsten Kontakt zu den Bewohnerinnen und Bewohnern haben. Gleichzeitig sei die Diagnostik anspruchsvoll, insbesondere bei Menschen mit Demenz oder wenig ausgeprägten Symptomen.
Die Forschenden empfehlen deshalb eine stärkere Schulung von Pflegepersonal sowie den routinemäßigen Einsatz einfach anwendbarer Screening-Instrumente zur Delirerkennung. Zudem sollten künftige Studien die bislang wenig untersuchten nichtmotorischen Delirformen genauer erforschen.