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  • 29.07.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Notfallpflege

Qualifizierte Allrounder gefragt

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 6/2019

Seite 70

Christian Pianka vom Rotes Kreuz Krankenhaus Bremen gehört zu den bundesweit ersten Absolventen der neuen Fachweiterbildung Notfallpflege. Ab 2020 ist diese in deutschen Notaufnahmen verbindlich. Warum das nötig ist und was seinen Job auszeichnet, hat uns der 38-Jährige in Bremen gezeigt. 

Oft zählt jede Sekunde, schnell müssen Entscheidungen getroffen und weitere Behandlungsschritte eingeleitet werden. So wie an diesem Morgen. Der Rettungsdienst bringt einen stark alkoholisierten 22-Jährigen in die Notaufnahme des Rotes Kreuz Krankenhauses im Zentrum von Bremen. Der Rettungsdienst übergibt den Patienten an Notfallpfleger Christian Pianka mit den Worten: „Nichts Besonderes, einfach nur zu viel Alkohol getrunken.“ Obwohl sich schon der nächste Rettungswagen mit einem schwer verletzten Patienten angekündigt hat, bleibt Pianka ruhig und nimmt sich Zeit für den jungen Mann, der vor ihm auf der Trage liegt. Gewissenhaft erfasst er seine Vitalparameter, berührt ihn und versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Doch der Patient reagiert nicht. Dann überprüft Pianka ihn auf äußere Verletzungen und stellt fest, dass er am Hinterkopf eine kleine Platzwunde hat. Plötzlich wird die Atmung des jungen Mannes immer unregelmäßiger, sein Blutdruck sackt ab. Pianka zögert nicht und ruft das Schockraum-Team zusammen. Im weiteren Verlauf wird der Patient in Narkose versetzt. Das CT zeigt eine Fraktur mit Einblutungen in das Gehirn. Sobald der Patient stabilisiert ist, wird er in das neurologische Klinikum der Stadt verlegt.

„Auch wenn der Rettungsdienst sagt, ein Patient habe keine schlimmeren Verletzungen, darf man sich darauf nicht verlassen“, verdeutlicht Pianka. Gerade alkoholisierte Patientinnen und Patienten seien besonders tückisch, da sie sich oftmals nicht mehr mitteilen könnten. Jede eingelieferte Person werde deshalb grundsätzlich nach einem genau definierten Schema bewertet, um auszuloten, wie dringend sie zu behandeln ist. Eine solche Triagierung erfolgt anhand der Risikofaktoren Lebensgefahr, Schmerzen, Blutverlust, Bewusstsein, Körpertemperatur und Krankheitsdauer. Abhängig von der Einstufung wird er entweder sofort weiterbehandelt oder muss ggf. eine gewisse Wartezeit in Kauf nehmen.

„Die Arbeit in der Notaufnahme hat ihren eigenen Anspruch“

„Von unseren Entscheidungen hängt sehr viel ab“, sagt Notfallpfleger Pianka. „Schätzen wir den Behandlungsbedarf falsch ein, kann das mitunter Menschenleben kosten.“ Deshalb sei es so wichtig, eine fundierte Ausbildung als Notfallpfleger zu absolvieren. „Wir sind täglich mit allen möglichen Erkrankungen und Verletzungen konfrontiert. Wir müssen Allrounder sein, die in stressigen Situationen eine klaren Kopf bewahren und den weiteren Krankheitsverlauf einer Patientin oder eines Patienten quasi vorhersehen – soweit dies eben möglich ist – um die richtigen Behandlungsschritte in die Wege leiten zu können.“

Pianka arbeitet bereits seit 2002 im Rotes Kreuz Krankenhaus in Bremen, 2012 wechselte er von der Intensivstation in die Zentrale Notaufnahme (ZNA). Sein Wissen aus der Intensivpflege kam ihm dort zugute, aber er merkte auch: „Die Arbeit in der Notaufnahme hat ihren eigenen, ganz besonderen Anspruch. In der ZNA kommen meist in kurzer Zeit schnell variierende Situationen auf uns zu, ein nicht planbares Patientenaufkommen sowie immer mehr Medizintechnik und Apparatemedizin. Da müssen alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon fachlich richtig fit sein.“

Tatsache ist, dass die Zahl der in der ZNA behandelten Personen jährlich zunimmt. Viele Patienten suchten bei Krankheit sofort die Notfallambulanz auf, weil sie keinen Hausarzt haben oder es Monate dauert, bis sie bei Fachärzten vorgelassen würden, berichtet Pianka. „Die ZNA ist abends und am Wochenende geöffnet, wenn Hausärzte längst geschlossen haben. Sie ist Anlaufstelle für alle möglichen Beschwerden – vom Herzinfarkt über einen gebrochenen Arm bis hin zum Zeckenstich.“ Für Pianka hat das hohe Patientenaufkommen Konsequenzen: „Wir können diese Menschen nicht einfach wegschicken“, sagt er. Er habe eine Verantwortung, und nicht jeder, der gesund aussehe, sei es auch. „Patientinnen oder Patienten verstehen oft nicht, warum gerade sie länger warten müssen als andere. Viele werden ungeduldig, verlieren die Nerven“, berichtet Pianka. Er selbst erlitt leichte Verletzungen, weil ein randalierender alkoholisierter Mann nicht einsehen wollte, warten zu müssen. Erst die herbeigerufene Polizei konnte den Mann in seine Schranken weisen.

WARUM DIE FACHWEITERBILDUNG NOTFALLPFLEGE AB 2020 VERBINDLICH WIRD

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat 2018 in seinem Beschluss zur Neustrukturierung der Notfall- versorgung für die Kliniken festgeschrieben, dass verantwortliches Pflegepersonal in den Notaufnahmen über die Weiterbildung „Notfallpflege“ verfügen muss.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat mit ihrem Konzept dafür eine noch bis Ende 2019 wirksame Übergangsregelung festgelegt: Gesundheits- und Kranken- sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpflegende, die bereits seit 7 Jahren in der Notaufnahme tätig sind, können eine Anerkennungsprüfung ablegen, bei 5-jähriger Tätigkeit ist ein 170-Stunden-Kurs vorgesehen. Für alle anderen und nach Ablauf der Übergangsfrist am 31. Dezember 2019 ist eine 2-jährige Fachweiterbildung erforderlich.

Weitere Informationen: www.dkgev.de/themen/personal-weiterbildung/aus-und-weiterbildung- von-pflegeberufen/notfallpflege/

ZNA gleicht einem überwachten Sicherheitsbereich

Situationen wie diese sind dafür verantwortlich, weshalb die ZNA mittlerweile beinahe einem überwachten Sicherheitsbereich gleicht. Noch vor wenigen Jahren war der Anmeldebereich frei zugänglich. Heute sorgen nicht nur eine Glasscheibe und Kameras für Sicherheit: Der Zutritt in die mit 6 Behandlungsräumen und einem extra Patienten-Überwachungsbereich ausgestattete ZNA ist nur noch mit Chipkarte möglich.

In Hochzeiten sind alle Räume belegt, im Bedarfsfall muss Pianka dann tricksen, wenn sich ein weiterer Rettungswagen ankündigt. Organisationsgeschick, Flexibilität, Geduld und vor allem Spaß an der Arbeit – das sind laut Pianka wesentliche Eigenschaften, die für eine Arbeit in der Notfallpflege essenziell sind.

Hinzu kommt das fachliche Know-how: Pflegende müssen Enormes leisten, um den vielfältigen Anforderungen und Tätigkeiten in einer Notaufnahme gerecht werden zu können. Diese Komplexität ist für Pianka das Spannende an dem Beruf. Gleichzeit aber bedeutet diese für ihn, sein Handeln stets zu reflektieren und zu hinterfragen. Habe ich heute alles richtig gemacht? Was hätte besser laufen müssen? Denn Pianka weiß: Greifen die Abläufe im ZNA-Team initial gut ineinander, dann hat auch die Patientin oder der Patient bessere Chancen, schnell wieder zu genesen.

Weil die bisher angebotenen Fort- und Weiterbildungsangebote für Pflegende nicht mehr ausreichten, hat Bremen als erstes Bundesland 2016 die hoch qualifizierte, staatlich sowie von beteiligten Fachgruppen und Verbänden anerkannte „Fachweiterbildung Notfallpflege“ konzipiert.

„Das bedeutete für mich, mich trotz Intensiv-Fachweiterbildung wieder durch Ordner zu arbeiten. Das war nicht immer leicht neben dem regulären Job“, erinnert sich Pianka. Neben Fachwissen nach den neuesten Standards in Sachen Traumatologie, Erstversorgung von Kleinkindern und dementen Personen gehörten zu seiner Qualifikation zum Notfallpfleger etwa Deeskalations- sowie Selbstschutztrainings und wie potenzielle Beweise für die Polizei richtig zu sichern sind, beispielsweise im Fall von häuslicher Gewalt.

Praxisanleiter-Qualifikation inklusive

Absolviert hat der Intensivpfleger seine Fachweiterbildung am Klinikum Links der Weser in Bremen. Diese Fachweiterbildung erfolgt nach dem bremischen Weiterbildungsgesetz in modularer Form und gliedert sich in insgesamt 2 Grundmodule und 3 spezifische Fachmodule. Zu dem theoretischen Unterricht mit einem Umfang von 824 Stunden absolvieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch Einsätze im Rettungsdienst, auf der Intensivstation, ggf. in der Anästhesie und in einem externen Notfallzentrum. Analog anderer, bereits langjährig etablierter Weiterbildungen wie in der Intensivpflege und Anästhesie kann diese Weiterbildung in einen Zeitraum von 2 bis 4 Jahren absolviert werden, beschreibt der Leiter der Fachweiterbildung, Michael Kegel.

„Das Besondere an der Weiterbildung in Bremen ist, dass jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer die Praxisanleiter-Qualifikation erwirbt“, so Kegel. Mit dem erworbenen hohen bereichsübergreifenden Fachwissen und der erlernten pädagogischen Expertise könnten Absolventinnen und Absolventen damit adäquate Anleitungsprozesse sowohl für Aus- und Weiterzubildende planen und ausführen als auch für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie für andere Berufsgruppen wie Notfallsanitäter oder Anästhesie- und Operationstechnische Assistentinnen und Assistenten.

Pianka gehört nun seit Ende 2018 zu den bundesweit ersten Absolventen der neuen Fachweiterbildung Notfallpflege, die ab 2020 in deutschen Notaufnahmen verbindlich wird. Dank seiner bereits absolvierten Fachweiterbildung Anästhesie- und Intensivpflege konnte er die Qualifizierung zum Notfallpfleger auf 12 Monate verkürzen.

„Notfallpflege wurde bislang immer etwas stiefmütterlich behandelt. Die Professionalisierung der Pflege in einem so wichtigen Bereich bringt uns einen großen Schritt weiter“, ist der 38-jährige Pianka überzeugt.

Die Zusatzqualifikation bringt auch tarifliche Vorteile für ihn: Pianka ist eine Gehaltsstufe nach oben gerutscht.

Mittlerweile haben neben Pianka noch 2 weitere Pflegende die Fachweiterbildung abgeschlossen, 2 Kollegen absolvieren sie gerade, sodass bis Ende dieses Jahres die Hälfte des pflegerischen Teams in der ZNA die Qualifizierung in der Notfallpflege vorweisen kann.

Die vom Rotes Kreuz Krankenhaus übernommenen, nicht unerheblichen Ausbildungskosten in Höhe von mehreren Tausend Euro für die Fachweiterbildung Notfallpflege seien gut investiertes Geld, so Pianka: „Sekundenschnell müssen im größten Stress richtige Entscheidungen getroffen werden. Das erfordert nicht nur ein enormes Wissen, sondern man muss auch lernen, dieses Wissen im entscheidenden Moment abrufen und auf die jeweilige Situation übertragen zu können. Eines ist sicher: Langweilig wird es mir als Notfallpfleger bestimmt nie.“