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  • 29.05.2017

Armut unter Pflegenden

Examiniert, und trotzdem arm?

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 6/2017

Seite 26

Der Anteil der armen Menschen steigt in Deutschland. Doch sind davon auch beruflich Pflegende betroffen? Das kann tatsächlich der Fall sein – speziell wenn die Berufsangehörigen alleinerziehend sind und in der Altenpflege arbeiten.

Johanna Stockinger* hat vier Kinder, von denen zwei bereits erwachsen und ausgezogen sind. Die 46-jährige Gesundheits- und Krankenpflegerin arbeitet in Vollzeit bei einem ambulanten Pflegedienst und geht zusätzlich noch einmal pro Woche putzen, um ihr Gehalt aufzubessern. Trotzdem reicht es finanziell bei ihr nur für das Nötigste. Mit Steuerklasse 1 kommt sie insgesamt gerade auf 1.750 Euro netto.

Auch Maria Wenninger* arbeitet zusätzlich zu ihrer 75-Prozent-Stelle als Altenpflegerin noch bei einem ambulanten Pflegedienst. Die 57-Jährige muss zwar keine Kinder mehr unterstützen, aber sie ist seit fünf Jahren geschieden. Als arm würde sie sich nicht bezeichnen: „Ich komme im Moment schon um die Runden“, sagt die zweifache Mutter, „aber ich mache mir echte Sorgen um meine Rente. Schließlich habe ich, als meine Kinder klein waren, viele Jahre überhaupt nicht gearbeitet.“

Wo fängt Armut an?

Arm ist einer Definition der Weltbank zufolge, wer täglich weniger als 1,9 Dollar US-amerikanische Kaufkraft zur Verfügung hat. Neben dieser extremen oder auch „absoluten“ Armut kursiert in den Wohlstandsgesellschaften aber auch immer öfter der Begriff der „relativen“ Armut. Denn auch, wer nicht Hunger leiden oder frieren muss, kann unter Entbehrungen leiden. So hat der Mensch nicht nur lebensnotwendige Grundbedürfnisse, wie die nach Nahrung und Luft zum Atmen, sondern auch solche nach Sicherheit, sozialen Kontakten, Wertschätzung und kreative Selbstverwirklichung. Und diese zu befriedigen, kostet Geld. Lange nicht jeder kann sich das leisten.

Diese relative Armut nimmt in Deutschland gefühlt seit Jahren zu. Das sagt zumindest eine Studie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) aus dem Jahr 2015, basierend auf einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung. Demnach sagen 44 Prozent der Befragten, der Anteil armer Menschen sei in den letzten fünf Jahren stark gestiegen. „31 Prozent sagen dies auch für den Anteil reicher Menschen in Deutschland. Aus Sicht der Bevölkerung geht die Schere also immer weiter auseinander“, heißt es darin.

Ob das auch tatsächlich zutrifft, ist zunehmend ein Thema für Politik und Medien. In regelmäßigen Abständen gibt das BMAS einen Armuts- und Reichtumsbericht heraus. Derzeit ist das Bundeskabinett gerade kurz davor, den fünften zu beschließen. Auf ihrer Internetseite schreibt das Ministerium über den neuen Bericht: „Von 1995 bis 2015 ist die Schere bei den Löhnen auseinandergegangen – die obersten 60 Prozent der Beschäftigen haben mehr Lohn, die unteren 40 Prozent weniger Lohn.“ Sie bezieht sich dabei auf die Verteilung des Bruttostundenlohns von abhängig Beschäftigten.

Armut auf dem Höchststand

Der Paritätische Gesamtverband gibt in Zusammenarbeit mit weiteren Non-Profit-Organisationen ebenfalls regelmäßig einen Armutsbericht heraus. „Die Armut in Deutschland ist auf einen neuen Höchststand von 15,7 Prozent angestiegen“, so der Verband zu dem aktuell erschienenen. Als arm gelten darin alle Personen, die in einem Haushalt mit einem Einkommen von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte leben. Diese Definition gilt in Europa üblicherweise für die relative Armut.

Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt auf ihrer Internetseite dafür konkrete Zahlen: „Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bzw. Ergebnissen der Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC) lag (…) der Schwellenwert für Armutsgefährdung in Deutschland für Alleinlebende bei 12.401 Euro pro Jahr. Zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren waren armutsgefährdet, wenn sie zusammen ein Einkommen von weniger als 26.041 Euro pro Jahr zur Verfügung hatten. Dazu zählten alle Einkünfte aus der Erwerbstätigkeit, aus Vermögen, Renten und Pensionen sowie Arbeitslosengeld, Sozialhilfe und Kindergeld. Direkte Steuern und Sozialbeiträge wurden abgezogen.“

Bei manchen Pflegefachkräften liegt das Einkommen zumindest nicht deutlich über diesen Schwellenwerten. Die 27-jährige examinierte Altenpflegerin Sybille Becker* arbeitet 35 Stunden pro Woche in einem Altenheim in Dresden und bekommt dafür mit allen Zuschlägen monatlich netto zwischen 1.300 und 1.400 Euro heraus. „Ich habe Probleme, damit um die Runden zu kommen, es reicht nicht, um etwas beiseitelegen zu können“, sagt sie. Becker, die neben ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin auch noch eine zur Krankenpflegerin absolviert hat – allerdings ohne Abschluss – würde gerne mehr als 35 Stunden arbeiten, aber das ermöglicht das Heim als Arbeitgeber ihr nicht.

Altenpflege steht besonders schlecht da

Mit diesem Problem ist sie nicht alleine. „Insbesondere in der Altenpflege ist der Anteil an Teilzeitverträgen besonders hoch, und das oft nicht freiwillig“, sagt die Pressesprecherin vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK), Johanna Knüppel. Seit Jahren ordne die Bundesagentur für Arbeit Altenpflege als eine Engpass-Branche ein. Dennoch gebe es hier viele Pflegekräfte, die nur eine Teilzeitstelle bekämen, obwohl sie mehr arbeiten wollten. Zudem sei das Gehaltsgefälle zwischen Kranken- und Altenpflege enorm. „Da wird dann auch die Altersversorgung ein riesiges Problem“, sagt Knüppel. Die Pflegenden bräuchten hier ein besseres Selbstbewusstsein und sollten sich ihres Marktwerts bewusst werden.

Für alleinerziehende Mütter oder Väter kann die Situation besonders problematisch sein. Generell zählen bestimmte Bevölkerungsgruppen als besonders armutsgefährdet. So liegt das Risiko für Alleinerziehende laut dem Paritätischen Gesamtverband aktuell bei immerhin 44 Prozent.

Wie hoch das Armutsrisiko ist, hängt außerdem vom Wohnort ab. Das liegt zum einen an unterschiedlichen Einkommen und zum anderen an erheblichen regionalen Preisdifferenzen. Das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln hat 2015 dazu ein Statement herausgegeben. Darin heißt es: „Somit ist ein Single in München, der teuersten Region in Deutschland, noch bis zu einem Einkommen von 1.128 Euro gerade noch kaufkraftarm, während ein Alleinstehender im preisgünstigen Tirschenreuth bereits bei einem Monatseinkommen von 823 Euro nicht mehr zu den (relativ betrachtet) Kaufkraftarmen zählt. Bundesweit beträgt der Schwellenwert für relative Einkommensarmut mit den hier verwendeten Daten des Mikrozensus 917 Euro.“

In der Pflege spielt vor allem das Ost-/West-Gefälle eine erhebliche Rolle. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat untersucht, was Pflegekräfte in Deutschland verdienen und 2015 eine Arbeit dazu herausgegeben. Demnach lag das Medianentgelt von vollzeitbeschäftigten examinierten Krankenpflegekräften im Jahr 2013 in Westdeutschland bei 3.139 Euro in Ostdeutschland hingegen nur bei 2.738 Euro brutto. Für Fachkräfte in der Altenpflege klafft die Schere laut der Arbeit des IABs mit 2.568 Euro im Westen und 1.945 Euro im Osten noch weiter auseinander.

Einen wesentlichen Faktor lassen diese Beträge allerdings unberücksichtigt: Die Bruttoentgeltdaten beinhalten sämtliche Einnahmen der betrachteten Beschäftigten – einschließlich Sonderzahlungen, Schichtzuschlägen und sonstigen Zulagen. Das bedeutet, wer zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen keinen Schichtdienst mehr leisten kann, liegt mit seinem Gehalt deutlich unter diesen Werten.

Ohne Schichtdienst wird es knapp

Dieses Problem hat unter anderen Sonja Schuster*. Die Krankenpflegerin hatte vor etwa vier Jahren einen Patienten aus dem Bett mobilisiert und sich dabei eine schwere Schulterverletzung zugezogen. Trotz zweier Operationen kann die 48-Jährige bis heute ihren Arm kaum und nur unter Schmerzen nach oben heben. So ist sie nicht mehr in der Lage im normalen Pflegeschichtbetrieb mitzuarbeiten. Heute macht sie eine Weiterbildung zur Kodierfachkraft, um Krankenhäuser bei der Abrechnung zu unterstützen. Unterm Strich wird sie künftig mit weniger Geld auskommen müssen.

Karin Weber* hat sich bewusst gegen einen Schichtdienst entschieden. Nach zehn Jahren in einer Notaufnahme mit zusätzlichem 450- Euro-Job in einem Altenpflegeheim absolviert die alleinerziehende Mutter einer siebenjährigen Tochter heute eine Ausbildung als Kauffrau für Büromanagement. „Die Entscheidung habe ich vor allem wegen der Arbeitszeiten getroffen. Durch die Schichtarbeit in der Pflege geht viel Lebensqualität drauf. Ich meine damit vor allem die Zeit für die Familie und Freunde“, sagt Weber. Für sie bedeutet Armut in der Pflege an erster Stelle „das fehlende Sozialleben, die ständige körperliche Müdigkeit von den wechselnden Diensten, die physisch und psychisch anstrengende Arbeit und für die Kinder der fehlende Alltag als Sicherheit für eine geborgene Kindheit.“

Ohne Zulagen rücken Pflegeberufe finanziell tatsächlich oft nah an die Armutsgrenze. Hinzu kommt, dass der Mindestlohn für Pflege auch für nicht ausgebildete Kräfte noch über dem Niveau des allgemeinen Mindestlohns und damit sehr nah an dem von ausgebildeten Kräften liegt. Das demotiviert zusätzlich.

Weil Pflege es wert ist

In der Pflege arbeiten unzählige Spitzenkräfte. Doch noch zahlt sich zusätzliches Engagement hier kaum aus. Ein Kommentar.

Wer einen Pflegeberuf ergreift, der denkt in der Regel nicht vorrangig an Geld und Karriere. Anderen Menschen zu helfen, schenkt insbesondere jungen Menschen einen Sinn in ihrem Leben, erfüllt und bereichert. Doch diese Bereicherung bezieht sich vorwiegend auf ideelle Werte. Was die Bezahlung betrifft, sind hier schnell Grenzen erreicht.

Viele Pflegekräfte füllen ihren Beruf hochmotiviert aus, absolvieren zahlreiche Fort- und Weiterbildungen und übernehmen schon in jungen Jahren eine hohe Verantwortung sowohl für die Gesundheit ihrer Patienten als auch für ihnen unterstelltes Personal. Wer zum Beispiel nach einer Krankenpflegeausbildung eine Weiterbildung zur Fachkraft in der Anästhesie und Intensivpflege absolviert, dann einen Stationsleitungskurs oben drauf setzt, hat insgesamt eine ähnlich lange Ausbildungszeit wie ein Akademiker. Immer mehr Pflegekräfte schließen außerdem zusätzlich noch einen Pflegestudiengang ab. Hinzu kommt ihre langjährige praktische Erfahrung. In der Pflege arbeiten unzählige Spitzenkräfte. Jeder Patient, der einmal auf eine hochqualifizierte Pflege angewiesen war, weiß, was diese Experten Wert sind. Jeder gute Chefarzt oder Klinikleiter sollte das auch.

Doch all dieses zusätzliche Engagement zahlt sich in der Regel kaum aus. Das Gehalt eines studierten und weitergebildeten Stationsleiters einer Intensivstation mit einer Personalverantwortung über 20 Mitarbeiter oder mehr reicht nicht auch nur annähernd an das eines Abteilungsleiters in der freien Wirtschaft heran. Würde sich das ändern, wenn der Stationspfleger sich künftig „Intensive Care-Nursing-Senior-Manager“ nennen würde? Wohl kaum.

Ähnlich verhält sich das mit Schicht-, Wochenend- und Feiertagsdiensten. Ständig wechselnde Arbeitszeiten, schlaflose Nächte, jedes zweite Wochenende und alljährlich Weihnachten oder Silvester und zusätzliche Feiertage Dienst. Das kennt jede Pflegekraft. Insbesondere Ältere leiden zunehmend unter dem anstrengenden Schichtdienst. Doch nur durch die entsprechenden Zulagen erreicht das Gehalt einer Pflegekraft überhaupt erst das Niveau eines anspruchsvollen Ausbildungsberufes. Warum nicht ohne? Ein ordentliches Gehalt mit geregelten Arbeitszeiten, ab und zu ein Feiertagsdienst, der sich richtig für das Portemonnaie lohnt, davon können Pflegekräfte nur träumen.

Dass es überhaupt noch so viele gibt, die sich das freiwillig aufbürden, liegt vielleicht dennoch gerade an den Schichtdiensten. Denn Pflege ist noch immer vorwiegend weiblich. Und Mütter kleiner Kinder können so ohne großen Betreuungsaufwand früh wieder arbeiten gehen. Das gilt freilich nur, solange ein Lebenspartner mit geregelter Arbeitszeit vorhanden ist. Dass den Eltern kaum gemeinsame Zeit bleibt, wenn der eine werktags und der andere in Teilzeit oder aushilfsweise an Wochenenden arbeitet, ist eine andere Sache. Spätestens wenn eine Trennung ansteht, wird der Schichtdienst dann zu einem Problem für die Kinderbetreuung. Vorausgesetzt die Alleinerziehende findet für ihre Frühdienste einen Hort, der seine Türen bereits vor sechs Uhr öffnet, bleibt immer noch die Frage nach den Wochenenden.

Eine Trennung stellt oft auch einen finanziellen Wendepunkt für junge Mütter dar. Wo der Teilzeitjob vorher noch eine gute Möglichkeit für einen zusätzlichen Verdienst war, reicht er Alleinerziehenden in den seltensten Fällen. Ein zusätzlicher 450-Euro-Job zum Beispiel in der ambulanten Pflege könnte ein guter Weg sein, ein bisschen aufzustocken. Eine Fachpflegekraft bekommt da aber oft kaum mehr als den Mindeststundenlohn geboten. Das ist selbst in der ambulanten Intensivpflege der Fall. Warum für 12 Euro die Stunde nachts völlig auf sich allein gestellt einen beatmeten Patienten betreuen, wenn eine Putzstelle fast ohne Verantwortung tagsüber annähernd das gleiche bringt? Jeder Handwerker würde über ein solches Angebot bestenfalls lächeln.

Wie gesagt, die Bezahlung spielt für Pflegekräfte bei der Berufswahl wohl eine untergeordnete Rolle. Im Laufe ihres weiteren Berufslebens sicherlich nicht. Es gibt zahlreiche Fachkräfte, denen es vorne und hinten nicht reicht. Qualifizierte Pflege sollte leistungsgerecht entlohnt sein. Das ist sie derzeit bei Weitem nicht.

Dorothee Schulte

 

"Frauenberuf mit Abwertung aus Tradition"

Die Gesundheits- und Krankenpflege ist trotz der hohen Verantwortung in Deutschland ein relativ schlecht bezahlter Beruf. Das hat mehrere Gründe. Der Gesundheits- und Pflegemarkt ist extrem von staatlichen Regulierungen geprägt – sowohl bei den Leistungen als auch bei den Preisen. Eigentlich ist es überhaupt kein Markt, sondern ein staatliches System mit privaten Anbietern. Der Staat achtet sehr darauf, dass die Kosten kaum steigen, weil dann unter anderem die Versicherungsprämien erhöht werden müssen. Dadurch entsteht ein Druck auf die Preise. Dieser Druck wird dann von den privaten Anbietern an ihre Beschäftigten weitergegeben. Und er trifft weniger die stärkeren Glieder wie Geschäftsführungen, sondern vielmehr die schwächeren, sprich die Pflegekräfte. Da macht sich dann auch bemerkbar, dass ein großer Teil nicht gewerkschaftlich organisiert ist.

Hinzu kommt ein zweiter Faktor: Es handelt sich zumeist um Frauenberufe. Hier zeigt sich dann eine gewisse Abwertung aus langer Tradition: Frauenberufe müssen in der immer noch grassierenden allgemeinen Vorstellung nicht so gut bezahlt werden. Verknüpft ist damit in Gesundheit und Pflege die Vorstellung, dass das Helfen-Können irgendwie auch selbst schon ein Stück Entlohnung ist. Bei alldem werden geringe Löhne gezahlt – auch für Fachkräfte. Das schädigt das Berufsbild, sodass sich zu wenige junge Leute für die Pflege interessieren und es einen Mangel an qualifizierten Kräften gibt.

Karl Brenke