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  • 25.09.2017
  • Story

Primary Nursing

"Spitzenbetreuung mit Sternchen"

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 5/2016

Das Evangelische Waldkrankenhaus Spandau hat 2015 damit begonnen, auf ausgewählten Stationen die sogenannte Bezugspflege umzusetzen. Das Konzept kommt nicht nur Patienten zugute, sondern steigert auch die Zufriedenheit der Mitarbeiter, weil sie ihre Arbeit eingenverantwortlicher ausführen können.

 

"Ich bin Swetlana Wedel, ihre persönliche Pflegekraft", stellte sich die gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin bei der 71-jährigen Karola Lotozki vor. Von den ersten Minuten ihres Klinikaufenthalts an hat sie Swetlana Wedel als feste Ansprechpartnerin zur Seite gestellt bekommen. Mittlerweile liegt die Rentnerin seit knapp einer Woche auf der Station 11 des Gefäßzentrums im Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau. Sie hat einen Bypass bekommen, allerdings hat sich nach zwei Tagen eine Schwellung entwickelt, sodass sie länger als geplant hier stationiert ist. Pflegerin Wedel ist während des gesamten Krankenhausaufenthalts der Rentnerin für alle pflegerischen und organisatorischen Belange verantwortlich und ihre primäre Kontaktperson bei Fragen oder Sorgen. Für Angehörige oder alle anderen an Pflege und Behandlung von Frau Lotozki beteiligten Kollegen ist sie ebenfalls die erste Anlaufstelle. Sie koordiniert als sogenannte Primary Nurse die notwendigen diagnostischen, pflegerischen und therapeutischen Maßnahmen bis hin zur Entlassung. Auch für die Zeit danach kümmert sie sich bereits im Vorfeld um den gegebenenfalls nötigen Transport nach Hause, erkundigt sich, ob häusliche Pflege nötig ist, und organisiert diese im Bedarfsfall ebenso wie fehlende Hilfsmittel.

„Dat kenne ick durchaus anders", weiß die gebürtige Berlinerin Lotozki zu berichten. Noch bei ihrem letzten Klinikaufenthalt habe sie sich ziemlich alleine gelassen gefühlt. Ständig wechselnde Ansprechpartner und unterschiedliche Informationen hatten sie damals mehr verunsichert als ihr ein Gefühl gegeben, gut aufgehoben zu sein, erinnert sie sich.

Primary Nursing

Als Pionierin des Primary Nursing gilt Marie Manthey. Gemeinsam mit anderen Pflegenden hat sie Ende der 1960er-Jahre an einer Universitätsklinik in Minneapolis, USA, das Konzept entwickelt und eingeführt. Erst Mitte der 1990er-Jahre ist die sogenannte Bezugspflege auch nach Deutschland gekommen. Doch nur sehr langsam und zögerlich verbreitet sich der Ansatz hierzulande. Erst seit wenigen Jahren stößt er auf größeres Interesse. 


Vertrauen aufbauen, Ängste nehmen

Diesmal ist es zum Glück anders. „Wir wenden uns jedem einzelnen Patienten individuell zu und nehmen uns Zeit für ihn. Denn wir wollen seinen stationären Aufenthalt so angenehm wie möglich gestalten", verdeutlicht Stationsleiterin Magdalena Martens das Primary-Nursing-Konzept. Erst die feste Bezugsperson ermögliche, eine kontinuierliche und vertrauensvolle Beziehung zum Patienten aufzubauen. „Was für uns Routine ist, ist für die Patienten oft eine Ausnahmesituation, die sie verängstigt", verdeutlicht Magdalena Martens. Um ihnen trotzdem ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln, seien persönliche Zuwendung und Vertrauen sehr wichtig. „Wenn jeden Tag eine neue Pflegekraft am Bett steht, ist das nicht möglich."

Direkt nach der Aufnahme der 71-Jährigen hat Swetlana Wedel sie in ihr Zimmer begleitet, ihr die Räumlichkeiten auf der Station gezeigt und ein ausführliches Anamnesegespräch geführt. Anhand dieses Gesprächs hat Primary Nurse Wedel den Pflegeplan erstellt, für dessen Einhaltung und Umsetzung sie selbst verantwortlich ist. Im Grunde ist sie rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche für „ihre" Patientin zuständig. Auch während ihrer Abwesenheit muss sie dafür sorgen, dass der von ihr erstellte Pflegeplan eingehalten wird.

Für Stationsleiterin Magdalena Martens bedeutete das Konzept der Bezugspflege einige Veränderungen: „Ich musste lernen, mich selbst zu bremsen", beschreibt die Stationsleiterin. Sie ist nun einerseits nicht mehr primärer Ansprechpartner für alle anfallenden Fragen, sondern kann Verantwortung abgeben. Etwa wenn es um die Frage geht, welches Verbandmaterial bei Karola Lotozki eingesetzt werden soll. Andererseits sei die Dienstplaneinteilung anspruchsvoller geworden. „Ich teile den Pflegenden Patienten zu, nicht wie früher einen bestimmten Bereich." Die Zahl an Patienten für eine Primary Nurse stimme sie dabei anhand des pflegerischen Aufwands ab. Nicht jeder Mitarbeiter betreue deshalb gleich viele Patienten. Durchschnittlich kämen auf eine Primary Nurse vier Patienten. Insgesamt 15 Pflegende arbeiten auf der Station von Martens und kümmern sich um rund 30 Patienten.

Ohne Motivation und Engagement geht es nicht

Grundvoraussetzung für ein gutes Primary Nursing seien Motivation und Engagement, betont Magdalena Martens. „Denn die Primary Nurses müssen mehr Verantwortung schultern, gleichzeitig verfügen sie aber auch über ein hohes Maß an organisatorischer Autonomie", sagt sie.

Die meisten Pflegenden bewerteten das sehr positiv. „Sie können stärker eigenverantwortlich arbeiten. Das ist ein klarer Wettbewerbsvorteil", ist Pflegedirektorin Andrea Lemke überzeugt. Die Mitarbeiter seien motivierter und könnten so auch besser an die Einrichtung gebunden werden, als wenn ihre Arbeit zu stark vorgegeben werde. Doch sie weiß auch, dass es anfangs Bedenken unter den Mitarbeitern gab, den Ansprüchen und der höheren Verantwortung, die das Konzept mit sich bringt, gerecht werden zu können.

Um die Mitarbeiter mit Primary Nursing vertraut zu machen, berief die Pflegedirektorin deshalb Anfang 2015 eine Planungs- und Lenkungsgruppe ein. Diese kümmerte sich um die Umsetzung und informierte in einer Kick-off-Veranstaltung die Mitarbeiter aller Berufsgruppen. Stationsintern erfolgten Mitarbeitergespräche. In zusätzlichen individuellen Gesprächen konnte anfängliche Skepsis schnell abgebaut werden. Bevor das Konzept auf den Stationen schließlich umgesetzt wurde, hospitierten die Pflegenden in anderen Einrichtungen, um sich das genaue Prozedere im Alltag anzuschauen.

Die Beweggründe, warum das Konzept vergangenes Jahr im Waldkrankenhaus eingeführt wurde, beschreibt Andrea Lemke so: „Ziel ist es, dass alle am Behandlungsprozess beteiligten Berufsgruppen über den gleichen Informationsstand verfügen." Das funktioniere am besten, wenn alle Informationen rund um den Patienten in einer Person gebündelt würden. Ihrer Ansicht nach gibt es keine bessere Möglichkeit für eine zielgerichtete Kommunikation. Als sie 2013 als Pflegedirektorin an das Waldkrankenhaus wechselte, war für sie deshalb klar, dass es dieses Konzept braucht. Als Teil der Unternehmensstrategie wird es nun schrittweise in ausgewählten Stationen umgesetzt. Gestartet wurde mit dem Konzept im Gefäßzentrum, geriatrische und orthopädische Abteilungen zogen kurze Zeit später nach. Mittlerweile ist sogar geplant, das Konzept unter Ärzten zu erproben.

Nur im Team erfolgreich

„Das Konzept ist dort sinnvoll, wo die Patienten einen besonderen Bedarf haben", betont die Pflegedirektorin. Nicht auf jeder Station sei es ratsam. Im gynäkologischen Zentrum etwa sei es weniger angebracht, da die Verweildauer durchschnittlich nur rund 36 Stunden betrage. In der Kinderklinik hingegen sei es ein gängiges Konzept. Hier im Gefäßzentrum sei es aufgrund der meist chronisch erkrankten Patienten angebracht. Die meisten von ihnen seien älter als 60 Jahre, litten an Durchblutungsstörungen, chronischen Wunden oder Diabetes. Das Primary-Nursing-Konzept sorge für Kontinuität in ihrer pflegerischen Betreuung. „Das nimmt den Patienten ihre Unsicherheit und gestaltet gleichzeitig den gesamten Behandlungsablauf effektiver", sagt Andrea Lemke. Voraussetzung für die Umsetzung des Konzepts sei allerdings ein gut funktionierendes Team. Könne dieses nicht miteinander harmonieren oder herrschten autoritäre Strukturen vor, sei die Bezugspflege nicht erfolgreich. Ein weiterer wichtiger Punkt sei die innere Haltung zum eigenen Job. „Die Primary Nurses tragen nicht nur eine höhere Verantwortung, sondern sie haben auch eine Rechenschaftspflicht", betont Andrea Lemke. Wenn ihnen die Tragweite ihres Handelns wirklich bewusst sei, entwickele sich daraus eine Verbindlichkeit in ihrem Tun, die das Selbstbewusstsein der Pflegenden stärke und sie letztlich auch zufriedener mit ihrem Job werden lasse.

Das kann Ulrike Knote nur bestätigen. „Man entwickelt ein besseres Gefühl für die Patienten, ist sozusagen blickiger geworden und bekommt viel besser mit, wenn sich der Zustand des Patienten ändert", beschreibt es die Primary Nurse. Früher habe sie nicht immer gewusst, wann der Patient entlassen wurde oder ob Komplikationen aufgetreten seien, sagt sie. Manchmal habe sie die Wunde eines Patienten nicht einmal gesehen. Mit der Bezugspflege habe sich das geändert. „Jetzt haben auch wir als Pflegenden eine gewisse Kontinuität im Tagesablauf und ich habe eine feste Patientengruppe, um die ich mich kümmere. Das gefällt mir sehr." Ihre täglich anfallenden Tätigkeiten könne sie nun angepasst an die jeweilige Verweildauer der Patienten selbst planen und ihre Arbeit einteilen, wie es ihr am sinnvollsten erscheine. „Ich habe eine klare Verantwortung für die mir zugewiesenen Patienten. So arbeiten zu können ist ein schönes Gefühl." Die meisten Fragen ergäben sich zwar während ihres Frühdienstes. „Aber die Kollegen aus der Spätschicht sind ja nicht entmündigt. Wenn ich nicht da bin, stehen sie natürlich für Fragen zur Verfügung."

 Evangelisches Waldkrankenhaus Spandau

Das Evangelische Waldkrankenhaus Spandau ist ein Unternehmen der Paul Gerhardt Diakonie und ist mit 460 Betten eines der größten freigemeinnützigen Krankenhäuser Berlins sowie akademisches Lehrkrankenhaus der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Pflege ist jetzt besser organisiert

Die persönliche Betreuung über eine feste Bezugsperson schätzen die Patienten. So auch Martin Heise. Der 44-Jährige leidet an einer Durch-blutungsstörung in den Füßen. Von Zeit zu Zeit benötigt er deshalb eine Infusionstherapie. „Mit Ulrike Knote an meiner Seite fühle ich mich nicht so verloren", bringt es Martin Heise auf den Punkt. Wenn seine Primary Nurse frei hat oder in Urlaub geht, kündigt sie das vorher bei ihm an und teilt auch mit, wer sie vertreten wird. Das sorge für ein sicheres Gefühl bei den Patienten, weiß Knote. „Letztlich hat sich an der Pflege an sich mit dem neuen Konzept nichts geändert, wohl aber an der Organisation", beschreibt Ulrike Knote.

Nach mittlerweile neun Tagen auf der Station kann Karola Lotozki heute das Krankenhaus wieder verlassen. Ihre Primary Nurse bespricht die letzten Details mit ihr: Der Nachsorgetermin beim Hausarzt steht, wichtige Telefonnummern bekommt sie zusätzlich an die Hand, falls wider Erwarten Probleme auftreten sollten. Dann verabschieden sich beide voneinander. „Ick wünsch Ihnen allet Jute. Hab mich sehr wohl jefühlt bei Ihnen. Spitzenbetreuung mit Sternchen", sagt die rüstige Rentnerin und sieht sichtlich zufrieden aus. Auch Swetlana Wedel zieht ein positives Fazit. Alles konnte so umgesetzt werden, wie sie es am Ankunftstag ihrer Patientin für sie geplant hatte. Sie übergibt ihre Patientin in die vertrauensvollen Hände ihres Ehemannes, der im Patientenseparee schon auf sie wartet.



Hinweis:
Im Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) gibt es seit 2007 das „Deutsche Netzwerk Primary Nursing". Das Netzwerk arbeitet als Expertengruppe unter dem Dach des Verbands und dient dem Erfahrungsaustausch, der Förderung und Forschung rund um Primary Nursing.

 

 

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