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  • 28.03.2018
  • Forschung

Projekt "Pflege 4.0"

Pflege in Zeiten der Digitalisierung

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 4/2018

Im Sprint der digitalen Revolution sind Technologien aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken: Mit unseren Freunden chatten wir per WhatsApp, auf Reisen finden wir den Weg mit Google Maps, und Gesundheits-Apps sind beliebt wie nie. Doch wie sieht es im beruflichen Alltag in der Pflege aus – einer Branche, die gemeinhin als wenig technikaffin gilt?

Bislang wissen wir relativ wenig darüber, wie moderne Technologien von Pflegenden im Arbeitsalltag genutzt werden und welche Potenziale oder Risiken damit verbunden sind. Auch zu den Einstellungen von Pflegenden gegenüber der fortschreitenden Digitalisierung gibt es mehr Fragen als Antworten. Wie beurteilen sie den Einsatz von Technologien im Arbeitsalltag? Erwarten sie, dass die Technik zukünftig die pflegerische Arbeit unterstützt und damit erleichtert?

Diesen Aspekten widmete sich das 2017 durchgeführte Gemeinschaftsvorhaben „Pflege 4.0“ der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW), des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) und der Offensive Gesund Pflegen (OGP). Im Rahmen des Projektes führte die BGW eine Literaturrecherche, zwei Experten-Workshops und eine schriftliche Befragung unter 576 Vertreterinnen und Vertretern der Pflegebranche durch, deren Resultate kürzlich in einem BGW-Forschungsbericht veröffentlicht wurden. Die Ergebnisse wurden, soweit möglich und sinnvoll, differenziert betrachtet nach Arbeitsbereichen – Krankenhäuser, stationäre Altenpflege, ambulante Dienste – sowie nach vier „Fokustechnologien“:

  • Elektronische Dokumentation – oder das schriftliche Festhalten der Pflegeplanung und pflegerischer Maßnahmen mit geeigneter Software,
  • Telecare – das Erbringen von Pflegeleistungen, Diagnostik und Behandlung durch Informations- und Kommunikationstechnologien unter Überbrückung von Distanz,
  • Technische Assistenz – als digitale Unterstützung in der häuslichen und pflegerischen Umgebung,
  • Robotik – welche für den Menschen autonom Aufgaben übernimmt, bei Routinetätigkeiten unterstützt oder zu sozialer Interaktion anregen soll.

Digitalisierung in der Pflege nicht angekommen? Doch!

Die Pflege hat oft den Ruf einer „Nachzüglerin“ bei der fortschreitenden Digitalisierung. Im gesamten Gesundheitswesen sollen demnach moderne Technologien bislang relativ wenig verbreitet sein und in der Pflege noch weniger als in der Medizin. So war bei der deutschlandweiten Befragung durch TNS Infratest (2016) nur das „sonstige verarbeitende Gewerbe“ weniger als das „Gesundheitswesen“ digitalisiert und laut Prognos AG (2015) lediglich die „Fischerei und Aquakultur“.

Vor diesem Hintergrund überrascht ein Befragungsergebnis des Deutschen Gewerkschaftsbundes: Laut seiner Befragung von fast 10 000 Beschäftigten fühlten sich im Gesundheitswesen mit 88 Prozent mehr Beschäftigte von der Digitalisierung betroffen als im Durchschnitt aller Branchen (83 Prozent) (Institut DGB-Index Gute Arbeit 2016).

Die im Frühjahr 2017 durchgeführte Befragung der BGW stützt die Ergebnisse des Deutschen Gewerkschaftsbundes tendenziell: PCs und das Internet wurden im pflegerischen Berufsalltag bereits fast ausnahmslos genutzt. Ein Smartphone als digitales Endgerät setzten immerhin drei Viertel der Befragten ein – und ein Tablet 60 Prozent.

Und wie sieht die Nutzung der eingangs genannten Fokustechnologien aus? In der Literatur liegen nur Daten für die elektronische Dokumentation vor. Hier wird oft auf eine Studie der Hochschule Osnabrück verwiesen. Laut dieser hatte im Jahr 2014 knapp ein Drittel der befragten Krankenhäuser die elektronische Dokumentation mindestens in einer Organisationseinheit umgesetzt und ein weiteres Drittel mit ihrer Umsetzung begonnen (Hübner et al. 2015).

Auch in der BGW-Stichprobe unter Pflegekräften ließ sich der Trend hin zur vermehrten Nutzung EDV-gestützter Dokumentationssysteme beobachten: Fast 70 Prozent der Befragten aus Krankenhäusern nutzten diese. In der stationären Altenpflege waren es mit 80 Prozent noch mehr (Abb. 1).

Andere, „neuere“ Lösungen kamen laut der Befragten deutlich weniger zum Einsatz, gleichwohl sind die Zahlen nennenswert: Etwa ein Drittel der Befragten in der gesamten Stichprobe nutzten Technische Assistenz im Berufsalltag, ein Viertel Telecare/-medizin und ein Fünftel Robotik.

Einschränkend ist zu erwähnen, dass die BGW-Branchenbefragung trotz ihrer relativ großen Stichprobe nicht repräsentativ ist, ebenso wie alle weiteren bislang zu dem Thema veröffentlichten Erhebungen. Dennoch deuten die Daten darauf hin, dass moderne Technologien in der Pflege offensichtlich bereits stärker verbreitet sind als gemeinhin angenommen. Die Digitalisierung macht auch vor diesem Tätigkeitsfeld keinen Halt.

Digitalisierung – Potenziale und Risiken

Höchste Zeit also für die Pflege, sich mit den Chancen und Risiken der Digitalisierung auseinanderzusetzen. Technik kann Pflegende in ihrem Arbeitsalltag unter bestimmten Umständen merklich unterstützen. Die Digitalisierung kann helfen, den Informationsfluss in Einrichtungen des Gesundheitswesens zu verbessern und die interdisziplinäre Vernetzung zu stärken. Darüber hinaus werden mit dem Einsatz moderner Technologien mehr Informationen gewonnen, neuerdings auch unter dem Stichwort „Big Data“ bekannt, um so die Versorgung von Patienten und Pflegebedürftigen besser zu steuern.

Kritiker halten dem entgegen, die Pflege und moderne Technologien würden nicht zueinander passen. Das berufliche Selbstverständnis der Pflege, geprägt durch Fürsorge und menschliche Zuwendung, stehe moderner Technik als Ausdruck einer kühlen Rationalität gegenüber. Es wird befürchtet, dass in der Pflege die Arbeit am und mit dem Menschen durch die fortschreitende Digitalisierung abnimmt. Darüber hinaus sind Fragen des Datenschutzes teilweise noch nicht zufriedenstellend gelöst: Wie wird gewährleistet, dass die neu gewonnenen Informationen sicher sind und auch in Zukunft sicher bleiben?

Diese recht allgemeinen Einschätzungen lassen sich für die vier Fokustechnologien konkretisieren. 

Elektronische Dokumentation: Früher gingen bei der Pflegedokumentation mit Papier und Stift gegebenenfalls Informationen verloren, beispielsweise weil Handschriften unleserlich waren. Bei einer EDV-gestützten Dokumentation ist die Transparenz oft größer, da sich die Zettelwirtschaft verringert und einheitliche Begriffe und Formulierungen verwendet werden. Zudem lassen sich durch Informations- und Kommunikationstechnologien pflegerelevante Informationen leichter im Team austauschen: Man kann gleichzeitig und jederzeit auf die Daten der betreuten Menschen zugreifen. Übergabebücher, Dienstplanaushänge und Tourentafeln in der ambulanten Pflege können entfallen, die Personaleinsatzplanung und die betriebswirtschaftliche Steuerung werden durch „gute“ Systeme vereinfacht.

Allerdings bindet die Umstellung auf EDV Ressourcen. Sie kostet Geld und vor allem Zeit. Die Auswahl und Implementierung einer Software ist in vielen Einrichtungen aufwändig und langwierig. Alle, die damit arbeiten, sind mit dem neuen System vertraut zu machen. Auch Wartung und Pflege sind zu berücksichtigen. Darüber hinaus können im Alltag Informationen verloren gehen, wenn der persönliche Austausch unter der elektronischen Dokumentation leidet oder die Dokumentation nicht sofort beim Patienten oder Pflegebedürftigen erfolgt, weil technische Endgeräte fehlen.

Nichtsdestotrotz ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich eine digitale Dokumentation flächendeckend in Krankenhäusern, Pflegeheimen und ambulanten Diensten durchsetzt. Immer größer werdende Datenmengen und die auf der Hand liegenden Effizienzvorteile lassen kaum einen anderen Schluss zu.

Telecare: Weniger eindeutig sind die Perspektiven für Telecare und Telemedizin in Deutschland. Durch Tele-care könnte die Pflege als Beratungsleistung zukünftig in Teilen ortsunabhängig erfolgen. Sie bietet deshalb insbesondere in dünn besiedelten Gebieten Potenziale, falls die medizinisch-pflegerische Versorgung wohnortnah nicht mehr gewährleistet ist. Lange Anfahrtswege, insbesondere in der ambulanten Versorgung, würden dann entfallen, was gegebenenfalls Zeitersparnisse zur Folge hätte. Allerdings würde der persönliche Kontakt zu den Patienten und Pflegebedürftigen eingeschränkt und damit könnten wichtige Informationen, etwa aus nonverbaler Kommunikation, verloren gehen.

Technische Assistenz: Diese kann dazu beitragen, die pflegerische Arbeit effizienter zu steuern, weil „im Hintergrund“ Daten generiert werden und weniger Kontroll- und Routinetätigkeiten durchzuführen sind. Beispiele zur Entlastung können Sensormatten mit Alarmfunktion sein, sobald sturzgefährdete Personen das Bett verlassen, Systeme, die automatisch an die Medikamenteneinnahme und Flüssigkeitsaufnahme erinnern, Freisprecheinrichtungen im Bewohnerzimmer oder eine automatische Nachtlichtsteuerung. Allerdings mangelt es für viele Systeme noch an handfesten Nutzenbewertungen und der bedarfsorientierten Ausrichtung. 

Robotik: Noch weniger marktreif sind viele robotische Systeme für die Pflege. Erfahrungen aus Modellprojekten machen dennoch auf Potenziale aufmerksam. Diese betreffen vornehmlich die physische Entlastung. Autonom agierende Hebehilfen und Exoskelette könnten zukünftig das Portfolio an herkömmlichen Hilfsmitteln zur Verringerung von Belastungen des Muskel-Skelett-Apparates in ausgewählten Arbeitssituationen sinnvoll ergänzen.

Zudem setzen erste Kliniken auf fahrerlose Transportsysteme zum automatisierten Transport von Essen, Wäsche, Sterilgütern oder Medikamenten, womit auch andere Berufsgruppen entlastet werden können. Kritisch werden tendenziell humanoide Roboter gesehen, weil der praktische Mehrwert für den pflegerischen Alltag (noch) begrenzt ist und ein Ersatz menschlicher Arbeit befürchtet wird.

Was denken Pflegende?

In Deutschland stehen Erkenntnisse zu den Einstellungen von Pflegenden gegenüber modernen Technologien erst ganz am Anfang. Bei der BGW-Branchenbefragung zeigten sich die Teilnehmer teilweise an Technologien interessiert und zugleich kaum ängstlich ihnen gegenüber. Unter den männlichen Befragten war das Technologieinteresse etwas ausgeprägter als unter den weiblichen. Sowohl für das Alter als auch für das Arbeitssetting sind keine statistisch signifikanten Unterschiede ermittelt worden. 

Am positivsten unter den Fokustechnologien wurde die elektronische Dokumentation als bekannteste der vier Technologien beurteilt. Aber auch gegenüber den anderen Technologien waren die Einstellungen mehr positiv als negativ. Tendenziell zeigte sich: Bekanntheit und Nutzung im Arbeitsalltag bedingten das Sicherheitsempfinden und die Bewertung der Nützlichkeit sowie positive wie negative Einstellungen. Gute eigene Erfahrungen der Pflegenden im Umgang mit Technologien tragen also dazu bei, dass die fortschreitende Digitalisierung Akzeptanz findet. Deshalb äußerten sich die Befragten vermutlich auch gegenüber Robotik, bis dato am seltensten im Alltag verbreitet, am wenigsten positiv. Telecare und Technische Assistenz reihten sich hinsichtlich der positiven wie negativen Einstellungen zwischen der elektronischen Dokumentation und Robotik ein.

Zu allen Fokustechnologien waren die Befragten im Schnitt der Meinung, dass eine Anwendung besser vorbereitet werden müsste als es derzeit geschieht. Der Aus-, Fort- und Weiterbildungsbedarf wurde durchweg als sehr hoch beurteilt. Im Verhältnis zu den bereits bestehenden Qualifizierungsangeboten fiel dieser am höchsten für den Bereich Robotik aus.

Noch viel Handlungsbedarf

Zur Digitalisierung in der Pflege ist schon einiges passiert, aber es gibt noch reichlich Handlungsbedarf. Erste Forschungsvorhaben wie das Gemeinschaftsprojekt „Pflege 4.0“ zeigen, wie groß die Chancen des Technikeinsatzes zur Unterstützung – nicht zum Ersatz (!) – von Pflegenden und zur Bewältigung demografischer Herausforderungen sein können. Die Pflegenden reagieren durchaus aufgeschlossen auf die fortschreitende Digitalisierung. Allerdings müssen sie in die Entwicklung und Etablierung moderner Technologien zur Unterstützung ihrer Tätigkeit einbezogen werden und selbst erleben, dass diese die Arbeit sinnvoll unterstützen, ohne dabei die zwischenmenschliche Fürsorge zu beeinträchtigen.

TIPP

Der BGW-Forschungsbericht „Pflege 4.0 – Einsatz moderner Technologien aus der Sicht professionell Pflegender“ ist im Internet erhältlich: Er kann unter www.bgw-online.de/pflege-4-0 wahlweise als PDF heruntergeladen oder als gedrucktes Heft bestellt werden. Besucherinnen und Besucher des Deutschen Pflegetags vom 15. bis 17. März 2018 in Berlin erhalten ihn dort auch in Halle 7 am Stand E02 der BGW.

Hübner, Ursula; Liebe, Jan-David; Hüsers, Jens; Thye, Johannes; Egbert, Nicole; Hackl, Werner; Ammenwerth, Elske (2015): IT-Report Gesundheitswesen. Schwerpunkt Pflege im Informationszeitalter. Schriftenreihe der Hochschule Osnabrück. www.hs-osnabrueck.de/fileadmin/HSOS/Homepages/Forschungsgruppe_Informatik_im_Gesundheitswesen/Pflege_im_Informationszeitalter_2015.pdf, Abruf: 15.01.2018

Institut DGB-Index Gute Arbeit (2016): Wie die Beschäftigten die Arbeitsbedingungen in Deutschland beurteilen. Mit dem Themenschwerpunkt: Die Digitalisierung der Arbeitswelt – Eine Zwischenbilanz aus der Sicht der Beschäftigten. www.dgb.de/themen/++co++68afe972-a4f4–11e6–8bb9–525400e5a74a, Abruf: 15.01.2018

Prognos AG (2015): Digitalisierung als Rahmenbedingung für Wachstum – Update. Studie. Hg. v. vbw Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. München. www.vbw-bayern.de/Redaktion/Frei-zugaengliche-Medien/Abteilungen-GS/Volkswirtschaft/2015/Downloads/Studie-Digitalisierung-als-Rahmenbedingung-f%C3%BCr-Wachstum-Update_2015.pdf, Abruf: 15.01.2018

Merda, Meiko; Schmidt, Kristina; Kähler, Bjørn (2017): Pflege 4.0 – Einsatz moderner Technologien aus der Sicht professionell Pflegender. Forschungsbericht der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). Berlin, Hamburg

TNS Infratest Business Intelligence (2016): Monitoring-Report. Wirtschaft DIGITAL 2016. Hg. v. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). www.bmwi.de/Redaktion/DE/Publikationen/Digitale-Welt/monitoring-report-wirtschaft-digital-2016.pdf, Abruf: 15.01.2018