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  • 01.03.2016
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Best-Practice-Beispiele zur Mobilitätsförderung

Körperlich und geistig fit bleiben

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 3/2016

Einige Einrichtungen unterstützen nicht nur die Mobilität ihrer Patienten, sondern setzen bewusst auf kreative Konzepte, um ihre Agilität zu fördern. Wir stellen drei gelungene Projekte vor.

Tiere als Mobilitätsanreiz

Ein Miauen hier, ein Quaken dort – Katzen, Enten, Hunde, Schafe, Hühner, Vögel, Hasen und viele weitere Kleintiere gehören zum Alltag im Seniorenstift Kronthal und sind fester Bestandteil des Projekts „Kronthaler-Bewegungs-Memory". An insgesamt 34 Orten im Innen- und Außenbereich der Einrichtung werden die Bewohner zu verschiedenen Bewegungsübungen angehalten – sei es im Kräutergarten, im Tante-Emma-Laden, im Näh- und Hobbyraum oder im Tiergatter. Ein Handlauf etwa, der um das Gatter in Höhe der meist im Rollstuhl sitzenden Bewohner angebracht ist, soll die Senioren anregen, sich aufzurichten und die Tiere zu streicheln oder zu füttern.

„Wir haben uns bewusst angeschaut, welche Orte reizvoll für die Bewohner sind und wie wir ihr Interesse daran betonen können", so Sabine Hindrichs, Projektbegleiterin für das Seniorenstift Kronthal. Denn demenzielle Erkrankungen führten oft zu Unrecht zu einer zunehmenden Immobilität. Deshalb startete sie 2014 das Mobilitätsprojekt. Dabei ging es dem Seniorenstift nicht um ein „Sonderprogramm" Mobilität, sondern vielmehr sollten alltägliche Abläufe hin zu mehr Mobilität verändert und innerhalb dieser Abläufe Mobilitätsanreize geschaffen werden.

Mit einem begleitenden Fotoband unterstützt das Seniorenstift bewusst Angehörige, Besucher und Bewohner, um sie zu motivieren, gemeinsam die unterschiedlichen Stationen aufzusuchen und auszuprobieren. „Es war ein langer und mitunter nicht immer einfacher Prozess, alle Beteiligten von dem Mobilitätskonzept zu überzeugen, und bedurfte einer kontinuierlichen Prozessbegleitung in Form von Fortbildungen und Workshops", verrät Hindrichs.

Mittlerweile aber stünden alle hinter dem Projekt. „Auch wenn es regnet, gehen wir jetzt raus." Wichtig sei, die Bewohner neugierig zu machen, ihnen aber gleichzeitig einen geregelten Tagesablauf zu bieten.

Mit dem Kronthaler-Bewegungs-Memory scheint dies gelungen zu sein. Denn mittlerweile haben sogar andere Einrichtung Interesse an dem Projekt bekundet und wollen es adaptieren, verrät Hindrichs.

Pflegeschüler einbinden

Seit Mitte 2015 forciert Martin Motzkus eine Mobilitätsoffensive am Evangelischen Krankenhaus Mülheim an der Ruhr. „Viele Patienten bekommen pauschal mehr Bewegung verordnet. In den meisten Fällen wissen sie aber gar nicht genau, wie sie das konkret umsetzen sollen", weiß der Leiter für das Wundmanagement. Deshalb hat er gemeinsam mit Kollegen aus der Pflege, Ärzteschaft, Physiotherapie und anderen Bereichen verschiedene Ideen entwickelt, wie Patienten zu mehr Bewegung animiert werden können. „Wir wollen Motive schaffen, um die Patienten aus ihren Zimmern und vom Fernseher weg zu locken", sagt Motzkus.

Kurz vor dem Start steht aktuell einer von drei Pfaden, der auf den Ansatz der Klinikspaziergänge von Prof. Dr. Angelika Zegelin zurückgeht. In Kooperation mit dem Mülheimer Sportbund soll im Frühjahr „Sport im Park" stattfinden. Die Aktion knüpft an das bereits seit längerem in Mülheim an der Ruhr bestehende Projekt „Bewegt älter werden" an und erweitert es um kostenfreie, niedrigschwellige Bewegungsangebote im Außengelände der Klinik. Darüber hinaus sind ein spiritueller und fachlicher Pfad geplant. Auf letzterem können sich die Patienten über verschiedene Berufsbilder im Krankenhaus informieren und mehr über die einzelnen Tätigkeitsfelder erfahren. Der spirituelle Pfad soll helfen, Mobilität von verschiedenen Perspektiven aus wahrzunehmen: „Körperliche Immobilität kann sich durchaus auch negativ auf die geistige Fitness auswirken. Beidem wollen wir gezielt mit unseren Pfaden entgegenwirken", so Motzkus.

Damit das Projekt langfristig Erfolg hat, soll es noch in diesem Jahr im Curriculum der hauseigenen Pflegeschule integriert werden. „Die Schüler sollen das Projekt weiterentwickeln, hin zu einem bewegten Krankenhaus", so die Vision von Motzkus. Denn oft würden Projekte wieder einschlafen, wenn das Personal wechsele. Dem will er von Anfang an entgegenwirken. „Neben der medizinischen Leistung der Ärzte ist die pflegerische Kompetenz ein maßgeblicher Faktor im Heilungsprozess. Die Krankenhausleitung sieht die motivierende Leistung der Pflege als so wichtig an, dass es nicht mehr um die Frage geht, ob bewegungsfördernde Konzepte umgesetzt werden, sondern wie es getan wird", verdeutlicht der Projektleiter.

Das sei aber ein zeitintensiver Prozess und dürfe nicht unterschätzt werden. Außerdem appelliert der Wundmanager an das Eigenengagement von Patienten und ihren Angehörigen. „Wir setzen Anreize, damit sie auch selbst aktiv werden können." Künftig solle auch jeder Arzt, der einem Patienten mehr Bewegung verordne, auf die neuen Angebote aufmerksam machen. Dazu werden zusammen mit der Unternehmenskommunikation Flyer, Wegweiser und weitere Kommunikationsmaßnahmen umgesetzt.

Schnell wieder fit dank Trimm-dich-Pfad

Bewusster pflegen, Patienten einbinden – nach diesem Credo handelt das Pflegeteam um Gabriele Königer im Herz-Gefäß-Zentrum des Klinikums Nürnberg, wenn es darum geht, Patienten nach einer OP schnell wieder fit zu bekommen. „Und das erfordert nicht einmal mehr Ressourcen", sagt die pflegewissenschaftliche Mitarbeiterin. Denn: Patienten beispielsweise am Waschbecken und nicht am Bett zu waschen, dauere gegebenenfalls einige Minuten länger, dafür aber würden sie schneller agiler, seien weniger deliranfällig und könnten das Krankenhaus eher wieder verlassen. Schon fünf Minuten Bewegung bewirkten wahre Wunder. „Entscheidend dabei ist, einzelne Bewegungsübungen bedarfsgerecht mit dem Patienten abzustimmen und ihm genau zu erklären, warum er was wie machen sollte", so Königer.

Damit Patienten besser nachvollziehen können, warum Bewegung für ihre Wundheilung und Genesung so wichtig ist, wird seit Mitte 2015 in der Klinik für Herzchirurgie an verschiedenen Konzepten gearbeitet. „Mobilität haben wir natürlich immer schon gefördert. Jetzt machen wir das einfach noch bewusster", sagt Königer.

Anstoß dazu gab der aktuell in Überarbeitung befindliche Expertenstandard „Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege". Neben einer Fotostrecke „Wie bewege ich mich richtig in der Herzchirurgie" wird aktuell gemeinsam mit Physiotherapeuten des Klinikums ein Trimm-dich-Pfad für Patienten entwickelt. Anhand anschaulicher Poster neben den einzelnen Übungsstationen können verschiedene Atem- und Bewegungsübungen entlang des Pfads absolviert werden.

Verantwortlich für die konkrete Umsetzung auf der Station ist die fachverantwortliche Pflegeperson Andrea Ulscht. Das Ziel: Patienten zu mehr eigenständiger Bewegung zu aktivieren, sie zu informieren, was sie für ihre Mobilitätsförderung tun können, und ihnen aufzuzeigen, welche Folgen Immobilität hat, die bis zur Bettlägerigkeit führen kann.

Es soll aber nicht nur die körperliche Mobilität gefördert werden, sondern auch die geistige. Daher gibt es ebenso Übungen zum Denken wie die „Blumenwiese". Bei dieser Übung ist der Patient aufgefordert, Pusteblumen zu suchen, zu zählen und sich an einem entfernten Platz die Lösung abzuholen. „Die Patienten werden angeregt, sich zu mobilisieren, sich geistig zu bewegen und sich nicht aus Langeweile ins Bett zu legen", verdeutlicht Königer. Der Trimm-dich-Pfad solle dabei Patienten und Angehörige gleichermaßen motivieren und die Notwendigkeit von Mobilitätsförderung aufzeigen. „Wir appellieren an die Eigenverantwortung eines jeden, denn ohne die Einsicht des Patienten, lässt sich wenig bewegen, fördern oder erhalten", so ihre Erfahrungen.

Weil die Konzepte zudem von den Mitarbeitern erarbeitet und nicht von „oben" vorgegeben würden, sei das Projekt langfristig erfolgreich, ist sich Königer sicher.