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  • 20.02.2019
  • Die Schwester Der Pfleger

Pflegenotstand

Wenn Pflegende fehlen

Die Schwester Der Pfleger

Ausgabe 12/2018

Seite 29

Der Pflegefachkräftemangel ist längst zum Normalzustand in Kliniken geworden. Welche konkreten Auswirkungen hat das auf Patienten und die tägliche Arbeit der verbliebenen Pflegenden? Mitarbeiter der Kinderintensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover haben uns Einblicke gewährt.

Die kleine Anni mit ihrem angeborenen Herzfehler oder der achtjährige Tom, der eine neue Lunge braucht? Wer soll – oder besser: Wer kann von diesen beiden auf der Kinderintensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) behandelt werden? Platz wäre auf der „Station 67“ für beide, was aber fehlt sind Pflegende, die die Kinder intensivmedizinisch versorgen und sie und ihre Familien auf dem Weg der Genesung begleiten. Das Personal reicht nur, um einen der beiden aufzunehmen.

Entscheidungen dieser Art müssen die Mitarbeiter der Station fast täglich treffen. Für das Team der Kinderintensivstation bedeutet das jedes Mal einen „erheblichen ethischen Konflikt“, wie es Dr. Michael Sasse ausdrückt. Er leitet die Station und weiß nur zu gut, in welchem Dilemma er und sein Team stecken, wenn sie entscheiden müssen, welcher kleine Patient in einer anderen Klinik behandelt werden muss, obwohl auch er in der Kinderintensivstation der MHH am besten aufgehoben wäre. Die Folge dieses Notstands: „Es sterben möglicherweise Kinder“, betont Sasse.

In diesem Jahr haben den Arzt über 1 500 Anfragen für Intensivpatienten erreicht, nur 1 100 dieser Fälle konnte er auch tatsächlich an der MHH behandeln.

Sonderrolle an der MHH: die Kinderintensivstation

Die Station 67 ist eine der größten und modernsten Kinder-intensivstationen in Deutschland und versorgt Kinder von der Geburt an bis zum 18. Lebensjahr. Kleinkinder-Lungentransplantationen können deutschlandweit nur hier an der MHH vorgenommen werden. Außerdem ist die Kinderintensivstation eine von nur wenigen Kinderkliniken, die eine ECMO-Therapie anbieten können, also den zeitweiligen maschinellen Ersatz von Herz und Lunge.

Kinder mit Herzfehlern, schweren Infektionen, Krebs, Organversagen oder nach Transplantationen werden derzeit von 54 Vollzeitkräften in der Pflege versorgt und verbringen durchschnittlich 4,5 Tage auf der Station 67.

2017 wurden 1.060 Kinder behandelt, 2018 voraussichtlich 1.100 (Stand: Oktober 2018).

Zwar bemüht er sich, Patienten, die er nicht übernehmen kann, in anderen Kliniken unterzubringen. Doch auch dort ist die personelle Situation nicht besser. „Die regionalen Kliniken haben selbst ein riesiges Problem in der Pflege. Hinzu kommen Anfragen aus ganz Deutschland und teilweise sogar aus dem europäischen Ausland“, so der Stationsleiter. Allein in diesem Jahr musste er 300 schwer kranke Kinder wegen Personalmangels abweisen. Mehr als 100 davon seien lebensbedrohlich erkrankt gewesen.

Auch das von ihm 2003 gegründete pädiatrische Intensivnetzwerk – ein Zusammenschluss aus rund 50 Kinderkliniken in Niedersachsen und den angrenzenden Bundesländern – kommt mittlerweile an seine Grenzen: In den vergangenen Jahren hat sich Sasse über dieses Netzwerk in rund 250 Fällen jährlich darum gekümmert, dass die jungen Patienten in Kliniken verlegt wurden, die noch Kapazitäten frei hatten. Transport und fachliche Betreuung wurden von der MHH aus organisiert. Seit gut zwei Jahren müssen allerdings jährlich etwa 400 Patienten über das Netzwerk vermittelt werden.

Hinzu kommt, dass von den 18 Intensivbetten auf der Station 67 mittlerweile regelmäßig nur zwölf bis 15 Betten belegt werden können, sonst müssten die anderen pflegebedürftigen Kinder darunter leiden. „Das ist eine Katastrophe, und das System ist kurz davor, uns um die Ohren zu fliegen“, befürchtet der Stationsleiter. Und er rechnet vor: Schon ein leeres Bett führe jährlich zu einem Erlösverlust von einer Million Euro.

Sasse spricht die unliebsame Wahrheit aus, was notwendig und unumgänglich ist: „Wenn wir zu wenige Pflegende haben, müssen wir entweder diese begrenzte Ressource erhöhen oder aber klar definieren, was wir noch leisten und was wir nicht mehr leisten können.“ Er bedauert: „Es gibt keinen gesellschaftlichen Konsens, wer behandelt wird und wer nicht. Das bemängele ich sehr.“ Diese Bürde müssen er und sein Team an der MHH allein tragen. Das sei aufreibend und extrem belastend.

 "Im schlimmsten Fall gibt es mehr Tote"

Orientierung – zumindest in Sachen Personaleinsatz – gibt ihnen die Empfehlung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensivmedizin. Sie besagt, dass sich eine Pflegefachperson höchstens um zwei Patienten gleichzeitig kümmern sollte. „Daran gibt es für uns nichts zu rütteln. Im Fall einer ECMO-Therapie haben wir sogar einen Betreuungsschlüssel von eins zu eins. Das Management der MHH sieht das zum Glück genauso“, weiß Sasse und verdeutlicht: „Bei uns liegen die kränksten Kinder Deutschlands. Wir können es uns nicht leisten, einen anderen Personalschlüssel als diesen einzusetzen.“ Doch das führt eben auch dazu, dass bis zu 30 Prozent der Stationsbetten nicht belegt werden können.

Die Konsequenzen des von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Oktober vorgegebenen Personalschlüssels in der Intensivpflege von einer Pflegefachkraft zu 2,5 Patienten am Tag und 3,5 Patienten in der Nacht sieht der leitende Oberarzt mehr als kritisch: „Im schlimmsten Fall gibt es mehr Tote.“

Einen der Hauptgründe für den Personalmangel sieht der 58-Jährige in der zu geringen Bezahlung von Pflegenden. Eine alleinstehende Pflegefachperson mit fünf Jahren Berufserfahrung bringt beispielsweise rund 2 000 Euro netto nach Hause. Für die Arbeit auf der Kinderintensivstation ist eine zweijährige Weiterbildung nötig – mehr Lohn gibt es dafür aber kaum: 50 Euro bleiben netto mehr übrig. „Sehr wenig für diese anspruchsvolle, psychisch und körperlich anstrengende Arbeit“, meint Sasse.

Die MHH ist im Tarifvertrag der Länder eingebunden und kann damit nicht eigenmächtig Lohnerhöhungen beschließen. Doch die Ministerien – Finanzministerium und MHH-Aufsichtsministerium, also das Ministerium für Wissenschaft und Kultur – haben Ende Oktober dieses Jahres grünes Licht gegeben: Rückwirkend zum 1. Oktober erhalten voraussichtlich alle Pflegefachpersonen aus der Kinderintensivpflege und -Anästhesie, Intensivpflege und Anästhesie sowie im Operationsdienst mit abgeschlossener Fachweiterbildung eine Zulage von bis zu 250 Euro pro Monat. Diese Regelung gilt bis Ende Februar 2019, der regulären Laufzeit des Tarifvertrags. Ab dann hofft die MHH, dass die Regelungen in den Tarifvertrag der Länder übernommen werden.

Doch Sasse sagt deutlich: „Die 250 Euro sind eine symbolische Geste, mehr nicht. Aber sie war wichtig.“

"Wir brauchen Aktionen statt Reaktionen – überlegt und sofort und nicht erst 2020!"

Hannah Tönsfeuerborn geht noch einen Schritt weiter und beschreibt diese Geste als Verzweiflungstat. „Wir brauchen für alle Pflegenden mehr Lohn, nicht nur für Fachweitergebildete“, fordert die Fachkinderkrankenschwester für Intensivpflege und Anästhesie. Zudem bezweifelt sie, dass ein wirkliches Mehr an Lohn im neuen Tarifvertrag zu finden sein wird.

Nach den Landtagswahlen in Bayern und Hessen sei vor allem Gesundheitsminister Spahn jetzt mehr mit seiner eigenen parteipolitischen Karriere beschäftigt, als dass er sich für Pflegende einsetzen werde. „Ich fürchte, so sehr sich die Medien aktuell noch für uns und unsere Situation interessieren, so schnell werden wir spätestens im neuen Jahr wieder vergessen sein“, sagt die 52-Jährige.

Sie arbeitet bereits seit 21 Jahren in der Kinderintensivpflege und weiß: Die Probleme sind nicht neu. Was sie allerdings wütend macht, sei, dass viele Verantwortliche in Kliniken den Pflegenotstand leugnen. Aus wirtschaftlichen Interessen werde auf dem Rücken von Pflegenden und Patienten der „Schwarze Peter“ zwischen Krankenhausmanagern, Krankenkassenvertretern und Politikern hin- und hergeschoben. „Das ist nicht nur ein Verhalten wie im Kindergarten, sondern darum geht es in der jetzigen Situation überhaupt nicht mehr. Schlimmer als jetzt darf die Lage nicht werden. Deshalb brauchen wir Aktionen statt Reaktionen – überlegt und sofort und nicht erst 2020!“

Auch ihr Chef warnt: „Der Pflegenotstand sollte nicht parteipolitisch ausgeschlachtet werden. Es handelt sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem. Kliniken, Fachgesellschaften und Tarifpartner müssen gemeinsam an Lösungen arbeiten.“

Dazu zählten etwa auch, Pflegeforschung und Akademisierung in der Pflege voranzubringen. Da sind sich Tönsfeuerborn und Sasse einig. In beiden Bereichen stecke Deutschland – verglichen mit vielen europäischen Nachbarländern – noch in den Kinderschuhen. Akademisierte Pflegende arbeiteten hierzulande noch zu oft in der Lehre oder im Management, aber nicht mehr beim Patienten am Bett. Gingen sie tatsächlich zurück auf Station, seien sie oft frustriert, weil sie nun zwar mehr wüssten, aber nicht mehr leisten dürften, geschweige denn merklich besser bezahlt würden.

Mit einen Grund, warum Pflegepersonal auf der Kinderintensivstation fehlt, sieht Sasse in den 2017 vom Gemeinsamen Bundesausschuss vorgegebenen Besetzungszahlen für Neonatologie. Sie sorgten für eine personelle Ausdünnung auf den pädiatrischen Intensivstationen.

Dabei hat die MHH im vergangenen Jahr die Zahl der Vollkräfte in der Kinderintensivpflege sogar von 51,9 auf 54,6 erhöht. „Laut Plan müssten für eine optimale Versorgung von 18 Betten aber 62,0 Vollkräfte auf der Station arbeiten“, sagt die Geschäftsführerin Pflege an der MHH, Iris Meyenburg-Altwarg. Mit gezielter Werbung versucht sie, die Situation zu verbessern und Intensivpflegende schnellstmöglich zu finden. Doch: „Wir könnten auf der Station 67 sofort mehr als sieben Intensivpflegekräfte in Vollzeit einstellen, der Arbeitsmarkt ist aber vollständig leergefegt.“

Auf der Station sind bereits seit Längerem zwei Vollzeitkräfte krankgeschrieben, drei Pflegende in Mutterschutz und drei Stellen sowieso unbesetzt. Das verbliebene Personal muss die fehlenden Ressourcen irgendwie auffangen. Das zehrt an den eigenen Kräften.

Seit 2013 gibt es deshalb auf der Station 67 ein bundesweit einmaliges und bereits mehrfach ausgezeichnetes Anti-Burn-out-Programm für Pflegende der Kinderintensivstation. „Schon damals war klar, welches Problem auf uns zurollt“, begründet Sasse den Vorstoß.

Regelmäßig erfolgen Supervisionen im Rahmen des Programms. Die Mitarbeiter haben zudem jederzeit die Möglichkeit, psychologische Betreuung in Anspruch zu nehmen und können Kurse belegen, die ihnen helfen, mit Krisen sowie der eigenen psychischen Belastung besser umzugehen.

Möglich ist das allerdings nur, weil der Verein „Kleine Herzen Hannover“ das Programm jährlich mit bis zu 100 000 Euro finanziert. Gemeinsame Sportprogramme und Weiterbildungen stärken zudem die Teambildung und fördern die positive Stimmung auf der Station.

Und das ist zu spüren: Trotz Unterbesetzung und Stress herrscht eine positive, freundschaftlich-familiäre Atmosphäre unter den Mitarbeitern. Sie arbeiten gern hier, und wenn sie die Station verlassen, dann nicht aufgrund der Arbeitsbelastung, sondern wegen Schwangerschaft oder Umzug. Immerhin 90 Prozent der Pflegekräfte sind weiblich. „Von 54 Vollzeitangestellten sind drei eigentlich immer in Mutterschaftsurlaub“, so der Stationsleiter. Schichtdienste, Arbeit an jedem zweiten Wochenende und das auch noch zu schlechten Konditionen seien unter diesen Umständen weder attraktiv noch zeitgemäß.

Neben einer sozialeren Arbeitsorganisation müssen das Lohnniveau insgesamt in der Pflege spürbar um rund 30 Prozent sowie Wochenend- und Nachtdienstzuschläge deutlich angehoben werden, fordert Sasse. „Dann gewinnen wir vielleicht auch wieder neue Mitarbeiter.“

Was seiner Meinung nach aber genauso dringend gebraucht wird: eine Arbeitsplatzbeschreibung, was Pflegende eigentlich leisten. Mit der neu gegründeten Pflegekammer in Niedersachsen hofft er, dass das bald kommt – genauso wie mehr Selbstbewusstsein der Profession. Das Bildungsniveau von Pflegenden sei sehr hoch, beispiellos sei jedoch der gleichzeitige Bedeutungsverlust, der sich über die Jahre entwickelt habe.

„Früher waren die Arbeitsstrukturen andere“, erinnert sich Sasse. „Man konnte sich auf die Pflege der Patienten konzentrieren. Mittlerweile sind Pflegende allerdings bis zu 40 Prozent mit Dokumentationsaufgaben beschäftigt.“

Damit Pflegende wieder mehr Zeit für ihre primären Aufgaben haben, sind in den vergangenen drei Jahren auf der Station 67 zusätzlich Pflegeassistenten und eine pharmazeutisch-technische Assistentin eingestellt worden. Die Anstellung eines Rettungssanitäters ist in Planung.

Doch reicht das? Wie wird es jetzt weitergehen auf der Station 67 und mit der Pflege in Deutschland? Wenn Tönsfeuerborn und ihr Chef an die Zukunft denken, werden beide nachdenklich.

Für Tönsfeuerborn ist klar: „Ich liebe meinen Beruf und würde ihn jederzeit wieder ergreifen.“ Vor allem die kleinen Fortschritte der jungen Patienten erfüllten sie. Ob sie ihren Job allerdings noch bis zur Rente praktizieren könne, wisse sie nicht. „Dafür muss sich die Situation auf jeden Fall spürbar ändern.“

Auch Sasse zeigt sich zwiegespalten: Wenn es gut laufe, habe er noch sieben Jahre bis zur Rente. Immerhin 98 Prozent der hier behandelten Kinder verlassen seine Station wieder vollkommen gesund. Doch in jüngster Zeit ertappt er sich immer öfter dabei, wie er anfängt, seine Arbeit zu hinterfragen. „Die Arbeit ist bereichernd, macht Spaß, aber das ‚Beiwerk‘ vermiest den eigentlich so erfüllenden und segensreichen Job derzeit ganz schön.“